Vom Sommer in den Winter, das geht in der Steiermark ganz schnell. Zumindest, wenn man in Ramsau am Dachstein in die gelbe Panoramagondel der Gletscherbahn steigt, die einen in wenigen Minuten auf knapp 2700 Meter Höhe bringt. Der Dachstein zählt längst zu den beliebtesten Ausflugszielen der Steiermark. Doch das zweitgrößte Bundesland Österreichs, das vom knapp dreitausend Meter hohen Dachstein mit seinen Gletschern bis zu den sanften Weinbergen unweit der Grenze zu Slowenien reicht, bietet viel mehr und ist im Grunde landschaftlich und kulturell eine riesige Wundertüte.
Quasi komplett durchqueren lässt sich die Steiermark auf zwei Weitwanderwegen unter dem Motto "Vom Gletscher zum Wein". Dass jemand alle Etappen auf einmal geht, wird eher die Ausnahme sein und ist so auch gar nicht geplant. "Die Intention war, dass man die Tour anhand unterschiedlicher Landschaften und Abschnitte gut gliedern kann", erklärt Günther Steininger von Steiermark Tourismus. "Wenn du eher alpin interessiert bist, dann wirst du im Norden zwischen Dachstein, Ausseerland und Gesäuse oder in den Schladminger Tauern fündig." Dort oder auch im Bereich Hochschwab und Rax herrschen zwischen Juni und September die perfekten Bedingungen, während weiter im Süden Touren schon im Frühjahr oder noch im Herbst möglich sind, wenn in den hohen Bergen noch oder schon wieder Schnee liegt.
Nach dem Dachstein führt die Nordroute durch den im Jahr 2002 gegründeten, mittlerweile 120 Quadratkilometer großen Nationalpark Gesäuse, vorbei am Stift Admont mit der weltweit größten Klosterbibliothek. Das optische Aushängeschild des Gesäuses sind die himmelhohen Felswände, zwischen denen die munter plätschernde Enns einen tiefen Canyon eingeschnitten hat. Zu Fuß umrundet man das Gebirge auf der sanfteren, doch nicht minder spektakulären Südseite und erreicht auf der zehnten Etappe mit Johnsbach ein verstecktes Bergsteigerdorf. Ein kleiner Ort mit rund 150 Einwohner*innen – aber genug Mitgliedern für eine eigene Musikkapelle. Eine Sackgasse inmitten der Berge – und der dunkelste Ort Österreichs. Hier lassen sich noch problemlos die Milchstraße und zigtausend Sterne am Nachthimmel bewundern.
Gämsenreichstes Gebirge Europas
Vom Gesäuse geht es vorbei an der historischenn Bergbaustadt Eisenerz (Etappen 12 und 13) mit dem imposanten Erzberg Richtung Hochschwab (Etappen 14 und 15), dem gämsenreichsten Gebirge Europas. Obwohl es sich beim Hochschwab um eines der bekanntesten Bergmassive in Ostösterreich handelt und es auch Hütten gibt, ist man hier oft über Stunden komplett allein unterwegs.
Einsamkeit lässt sich auch auf der Südroute erleben, wo man vom Dachstein in die Niederen Tauern wechselt und dort mit dem seenreichen Klafferkessel ein echtes Naturjuwel durchwandert. Und schließlich auf der achten Etappe auf die Südseite des Alpenhauptkammes wechselt und mit der Steirischen Krakau einen weißen Flecken auf der Tourismuskarte entdeckt. In dem Hochtal gibt es weder große Skigebiete noch Bergbahnen, dafür mit Krakaudorf, Krakauschatten und Krakauhintermühlen drei kleine Orte umgeben von Weilern, weiten Wiesen und sanften Hügeln. Eine stille Oase, in der Brauchtum und Tradition gelebt werden. Wer etwa zufällig bei Joseph Schnedlitz im Schallerwirt übernachtet, kann schon mal abends noch schnell das Jodeln lernen.
Während die Südachse des Weitwanderwegs vom Gletscher zum Wein über die grünen Berge von Murau, Murtal und der Koralpe weiter zur Südsteirischen Weinstraße zieht und damit die hohen Gipfel schnell hinter sich lässt, bleibt die Nordroute noch länger in den Alpen. Neben der Landschaft begeistern auf der Tour immer wieder kulturelle Sehenswürdigkeiten. So wie in Neuberg an der Mürz. Eine kleine Gemeinde mit einem auffallend großen Stift. Die hochgotische Hallenkirche beeindruckt mit einem gewaltigen Dachstuhl aus mehr als 1100 Kubikmetern Lärchenholz – der größte und bedeutendste erhaltene Holzdachstuhl im deutschen Sprachraum. Einen Besuch wert ist auch die Schauglashütte Kaiserhof, die in den Räumen des Stiftes untergebracht ist. Hier formt Andreas Hafner am Glasschmelzofen wahre Kunstwerke. Ein energieintensives Handwerk, bei dem sich das historische Gewölbe gefühlt in eine Sauna verwandelt.
Größtes zusammenhängendes Almengebiet der nördlichen Kalkalpen
Warm wird einem auch beim anstrengenden Anstieg zur Schneealpe im Naturpark Mürzer Oberland (Etappe 18). Die Belohnung: eine traumhafte Wanderung über das größte zusammenhängende Almgebiet der nördlichen Kalkalpen. Eine faszinierende Hochfläche mit Almen und Pferden, die frei über die Wiesen galoppieren, sowie dem Schneealpenhaus als Etappenziel. Zusammen mit dem benachbarten Schneeberg und der Rax gehört die Schneealpe zum Einzugsgebiet der ersten Wiener Hochquellenwasserleitung. Durch die 95 Kilometer lange, 1873 eröffnete Leitung kommt noch heute etwa die Hälfte des Wiener Trinkwassers. Trotz der Nähe zu Wien ist der Naturpark Mürzer Oberland in der Region Hochsteiermark auch heute noch ein stilles Bergrevier, in dem man bewusst auf nachhaltigen Tourismus setzt.
Nach der Rax enden mit dem Stuhleck (Etappe 21), der im Jahr 1892 als erster Gipfel Österreichs mit Ski bestiegen wurde, die richtigen Bergetappen. Gefühlt rollen die Alpen in der Oststeiermark langsam aus und verwandeln sich im Naturpark Pöllauer Tal in eine schön kupierte Mittelgebirgslandschaft mit Wiesen, Wäldern und Streuobstwiesen, auf denen die Pöllauer Hirschbirne wächst. Neben der alten Birnensorte stößt man hier auch auf den oststeirischen Apfel, das steirische Kürbiskernöl und die Käferbohne – die große Bohne wird für den Käferbohnensalat verwendet, der mit Kernöl, Zwiebeln und Essig angemacht wird.
Steierischer Petersdom
Das kulturelle Aushängeschild der Marktgemeinde Pöllau (Etappe 26) ist der steirische Petersdom. Der erinnert mit seinem Kleeblattgrundriss an das große Vorbild in Rom. Eine Etage höher und einen Anstieg später erreicht man in Pöllauberg eine Pfarr- und Wallfahrtskirche, die aussichtsreich auf einem Hügel thront. Ein beliebtes Ausflugsziel mit Einkehrmöglichkeit, ehe es im Auf und Ab weiter geht nach Hartberg und damit zu den Buschenschänken, Weinbergen und Obstgärten.
Das Finale der Nordroute führt durch das Thermen- und Vulkanland. Ursprünglich wurde hier in den 1970er Jahren nach Erdöl gebohrt. Gefunden hat man jedoch bis zu 110 Grad heißes Thermalwasser. Seitdem locken zwischen Bad Waltersdorf (Etappe 28) und Bad Radkersburg, dem Endpunkt der Wanderung, mittlerweile sechs Thermen mit Entspannung. Zu den Höhepunkten der Region, die auch Mitglied bei der Vereinigung der Wanderdörfer ist, zählen neben der imposanten Burg Riegersburg auf einem rund hundert Meter hohen Basaltkegel (Etappe 31) mehrere Genussmanufakturen wie jene von Alois Gölles. Früher ein reiner Obstbaubetrieb, destillierte Gölles 1979 Edelbrände und hat sich seit 1984 auf Essig spezialisiert.
Ob in den Bergen, im grünen Mittelgebirge oder im steirischen Weinland, jeder Tag ist auf den beiden Strecken vom ewigen Eis ins Weinland überaus abwechslungsreich. "Wir gehen immer so sechs bis acht Etappen am Stück", erzählen etwa Silvia und Karl Bergmann. Die beiden kommen aus Murau, einer Stadt an der Südroute, und haben sich bewusst für die nördliche Variante entschieden. "Die Berge bei uns kennen wir bereits, daher sind wir jetzt zum dritten Mal auf der Nordroute unterwegs." Die beiden genießen jeden Tag und freuen sich, die Steiermark und damit ihre Heimat näher kennenzulernen. "Beim Wandern kannst du einfach abschalten und die Natur genießen – und wenn du dann auf einer Hütte oder einem Quartier im Tal ankommst, dann bist du zufrieden und freust dich einfach nur auf ein kühles Getränk." Bis zur ersehnten Ankunft in der steirischen Thermen und Vulkanregion müssen sie allerdings noch öfter Urlaub nehmen. Denn der Weg vom Gletscher zum Wein ist ein langes Abenteuer, das mit Sicherheit im Gedächtnis bleibt.