Zwei erwachsene Personen und zwei Kinder posieren in Skitourenausrüstung für ein Gruppenfoto
Kurze, einfache Touren, eine sichere Fahrtechnik und Freude an der gemeinsamen Unternehmung sind wichtige Voraussetzungen auf Skitour mit Kindern. Foto: Markus Stadler
Mit Kindern auf Skitour: Infos und Tipps

Warum ist der Schnee auf der Piste so laut?

Unser Autor Claus Lochbihler ist seit einigen Wintern mit seinen Kindern (11, 17, 19) auf Skitour unterwegs. Gemeinsam mit seinem Tourenpartner Markus Stadler – Vater von zwei Töchtern (12, 15) und Autor zahlreicher Bergführer – sowie mit Bernhard Ziegler von tourentipp.de, der 2013 den ersten Führer zum Thema „Skitouren mit Kindern“ veröffentlicht hat, ist er zentralen Fragen nachgegangen: Was motiviert Kinder, auf Skitour zu gehen? Welche Ausrüstung hat sich bewährt? Und wie lässt sich das Risiko realistisch einschätzen und reduzieren?

Alter und Voraussetzungen

In der Regel sind Skitouren für Kinder ab ab acht oder neun Jahren möglich. Wichtigste Voraussetzung: Das Kind muss so gut und sicher Ski fahren, dass es damit auch im unpräparierten bzw. offenen Gelände ohne Überforderung und Angst sicher abfahren kann. Wenn jeder Schwung oder jede Kurve im Sturz endet, macht es keinen Sinn. 

Das A und O auf Skitour mit Kindern: Der Nachwuchs muss sicher auf den Brettln stehen und im freien Gelände gut zurechtkommen. Foto: Claus Lochbihler

Man kann das Abfahren unter skitourenähnlichen Bedingungen auch vorher üben: durch kleine Abstecher in den Pulver oder Firn am Pistenrand, durch das Abfahren im Lockerschnee am Pistenrand, auf leichteren Skirouten oder auf Pistentouren. Wobei viele Kinder – so jedenfalls unsere Erfahrung – keine große Lust auf Pistentouren haben – warum soll man da aufsteigen, wo doch der Lift fährt? Außerdem kann das Begehen von Pisten – sofern es erlaubt ist – für Kinder schwieriger und stressiger sein als eine Skitour oder Skiwanderung im leichten Gelände: bei Pistentouren heißt es ständig aufzupassen auf die abfahrenden Skifahrer*innen. Oft ist der Platz für die Aufstiegsspur sehr knapp, notwendige Pistenquerungen sind stressig und riskant, der (Kunst-) Schnee oft hart und eisig.

„Zu spät anfangen gibt es also nicht bei Kindern, wohl aber zu früh“
- Bernhard Ziegler

Zweite Voraussetzung neben der Skitechnik: Eigenmotivation. Wenn das Kind nicht von selbst aus Lust und Interesse hat, eine Skitour zu unternehmen – also mit Ski nicht nur abzufahren, sondern auch aufzusteigen – sollte man abwarten bis sich diese Motivation einstellt – oder auch eben nicht. Niemand muss Skitouren gehen. Erst recht kein Kind, das (noch) keine Lust dazu hat. Geschwister können da auch sehr verschieden sein: Wenn das ältere Kind gerne auf Skitour geht, heißt das noch lange nicht, dass das auch bei der jüngeren Schwester der Fall ist. Kinder sind verschieden und individuell. Auch am Berg.

Interesse an einer Skitour kann sich ganz unterschiedlich äußern: Meine älteste Tochter kommentierte ihren ersten Mini-Abstecher in den Pulver am Pistenrand im Alter von fünf Jahren mit den Worten: „Warum ist der Schnee auf der Piste immer so laut?“ Seitdem mag sie Pulver, weil er so schön leise ist. Ob das Interesse des Kindes auch anhält und beim ersten Anstieg nicht gleich wegschmilzt, weiß man nur, wenn man es ausprobiert hat. Dafür eignen sich kurze Skitouren und Skiwanderungen im sanften Gelände, zum Beispiel über Almwiesen. 200 bis 400 Höhenmeter Aufstieg sind – je nach Lust, Alter und Fitness – für eine erste Tour absolut ausreichend.  Für allererste Geh- und Abfahrtsversuche und um das Material auszuprobieren, reicht auch ein größerer Schlittenhügel. Oder man unternimmt eine Kombi aus Liftfahrt und kleiner Skitour und macht vom Skigebiet einen Ausflug ins Gelände. Auch aufgelassene oder noch nicht geöffnete Skipisten – sofern erlaubt – eignen sich gut für Skitouren mit Kindern. Besonders, wenn die Schneekanonen gerade nicht laufen oder sich weiträumig umgehen lassen.

Die Familien Lochbihler & Stadler pausieren am Sonnberg/ Ross- und Buchstein-Reibn. Foto: Markus Stadler

Auch schöne Ziele – eine Hütte oder ein Berggasthof zum Einkehren und Aufwärmen – können Kinder motivieren, besonders bei schlechterem Wetter. Wenig motivierend ist für die meisten Kinder frühes Aufstehen. Frühjahrsskitouren kommen deswegen zum Beispiel für Markus Stadlers Töchter bislang nicht in Frage: „Am Wochenende wie zu Schulzeiten oder noch früher aufzustehen, machen sie nicht mit.“

Umgekehrt gilt: Bei zu viel elterlichem Ehrgeiz, zu wenig Rücksichtnahme auf das Kind, bei schlechten Erfahrungen bei widrigen Tourenbedingungen, bei Überforderung schmilzt die Motivation so schnell wie die Schneedecke bei Regen. Eltern sollten ihre eigene Motivation ehrlich überprüfen: Unternehme und plane ich die Skitour mit meinem Kind wirklich für das Kind? Oder nicht eher für mich?

„Machen Sie sich bewusst, welche Motive Sie selbst verfolgen, wenn Sie mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn eine Skitour machen möchten. Welche Wunschvorstellung haben Sie dabei und wie lässt sich diese in Einklang mit der Ihres Kindes bringen? Sind Sie wirklich bereit, eine Skitour kindgerecht durchzuführen? Das heißt, auf Tempo und Rhythmus des Kindes einzugehen, ohne dabei die Nerven zu verlieren, weil man das geplante Tagesziel, die Hütte oder den Gipfel nicht erreicht?“
- Bernhard Ziegler, aus seinem Buch "Skitouren mit Kindern: Tipps, Trick und Routenvorschläge für Familienskitouren" tourentipp Verlag 2013

Ausrüstung

Einige Skitourenmarken bieten mittlerweile Ski, Bindung und Felle für Kinder als Set an (im Handel ab ca. 350 Euro), andere Hersteller haben Touren- oder Freerideski für Kinder und Jugendliche, dazu gibt es passend zugeschnittene Felle verschiedener Anbieter. Längenempfehlung: 10 bis 15 cm unter Körperlänge bzw. bis zur Nase. Ältere Kinder oder Jugendliche mit Skitourenerfahrung und guter Ski- und Aufstiegstechnik (Spitzkehren!) eventuell auch länger. Auch Skitourenstiefel gibt es speziell für Kinder (200-350 Euro).

Mittlerweile gibt es Pin-Bindungen mit so niedrigen Z-Werten, dass sie sich für Kinder und Jugendliche eignen. Die Kinder kommen sehr rasch gut mit einer Pin-Bindung klar – so unsere Erfahrung. Die Leichtigkeit der Bindung wiegt eventuelle Vorteile einer Rahmenbindung – die es ohnehin kaum noch auf dem Markt gibt – auf.

Skitourenausrüstung gibt es mittlerweile auch für Kinder. Den Umgang mit der Ausrüstung, wie das das An- und Abfellen sollte man vorher mit den Kindern üben. Foto: Markus Stadler

Qualitativ und funktional gibt es mittlerweile keinen Unterschied mehr zur Ausrüstung für Erwachsene. Der schwere Bindungsadapter als Einsatz in der Alpinbindung hat damit eigentlich ausgedient. Für größere Kinder, kleinere Jugendliche oder Kinder mit großen Füßen kommen auch Skitourenschuhe in kleinen Damengrößen in Frage. Das Gleiche gilt für Ski.

Mit der Ausrüstung üben: Das An- und Abfellen, das Einsteigen in die Bindung, auch das Umstellen der Bindung und der Skitourenstiefel vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus sollte man vorher  mit den Kindern üben! Zuhause in der Wohnung, aber auch am Ausgangspunkt der Skitour. Kinder macht das meistens auch Spaß, sie haben Freude, wenn sie die eigene Ausrüstung möglichst bald selbst beherrschen und (fast) ohne Hilfe der Eltern auskommen. Gleiches gilt für das LVS-Gerät!

Kleidung

Man kann die normale Ski- oder Bergwanderkleidung nutzen. Normale Skialpin-Kleidung ist oft allerdings zu warm für Skitouren. Es ist sinnvoll, in leichte Aufstiegshandschuhe zu investieren. Ein zweites oder – besonders bei Schneefall – sogar drittes Paar Ersatzhandschuhe nicht vergessen! Damit Ersatzhandschuhe bei kaltem und feuchtem Wetter auch warm sind oder wieder warm werden, sollten die Erwachsenen sie am Körper tragen und für die Kinder vorwärmen. Der normale Kinderskihelm reicht locker aus. Erwachsene sollten mit gutem Beispiel vorangehen und selbst auch einen Helm auf Skitour tragen.
Sinnvoll ist in jedem Fall, das Kind mit einer Wärme- oder Isolationsjacke auszustatten. Manche Kinder brauchen – vor allem bei den ersten Touren – Hinweise der Eltern, wann sie Kleidung ab- oder anlegen sollten.

Jedes Kind auf Skitour braucht zwingend ein LVS-Gerät am Körper. Schaufel und Sonde kommen in den Kinderrucksack, wenn Rucksackgröße und Kraft ausreichen. Foto: DAV/Marco Kost

Notfallausrüstung und Tourenplanung

Sobald man Pisten verlässt, braucht jedes Kind ein LVS-Gerät. Schaufel und Sonde meist erst ab etwa 12 Jahren, wenn Rucksackgröße und Kraft ausreichen. Touren müssen dann so gewählt sein, dass Kinder niemanden ausgraben müssen – Erwachsene sind verantwortlich. Spielerische LVS-Übungen fördern Kompetenz und zeigen deutlich, warum das Gerät nötig ist. Touren mit geringem Basisrisiko lassen sich mithilfe der DAVSnowCard oder skitourenguru.ch auswählen und planen

„Wir waren letztes Jahr auf einer sektionseigenen Selbstversorgerhütte und haben von unserer Alpenvereinssektion aus eine LVS-Übung gemacht. Dort waren die Kinder mit dabei und haben auch mit dem LVS gesucht und ein bisschen sondiert und geschaufelt. Es hatte allerdings nur 40 cm Schnee. Es ist nicht realistisch, dass die Kinder mit ihrem aktuellen Können eine Chance hätten, jemanden schnell aus 1,5 Meter Tiefe auszugraben. Aber zumindest wissen sie schon mal, wie die Suche mit dem LVS funktioniert. Bei der nächsten Übung werden wir uns dann weiter an den Ernstfall herantasten – inklusive Sondieren und Ausgraben unter Zeitdruck bei hoffentlich mehr Schnee.“
- Markus Stadler

Um das Risiko so weit wie möglich zu minimieren, sollte man sich an folgenden Regeln orientieren – und als verantwortlicher Erwachsener auch in der Lage sein, diese in der Planung wie im Gelände umzusetzen:

  • Skitouren mit Kindern nur bei niedriger Lawinengefahrenstufe bzw. generell nur bis 30° Hangneigung unternehmen, um potenzielles Lawinengelände von vornherein auszuschließen.

  • Aufgelassene oder noch nicht geöffnete Skipisten nutzen – aber nur wenn das erlaubt ist.

  • Touren, die den Eltern bereits vertraut sind, bieten sich besonders an.

  • Auf Tour flexibel und umkehrbereit bleiben, gegebenenfalls auf Gipfel und steilere Abschnitte verzichten; Entlastungsabstände im Aufstieg sind keine Option für Touren mit Kindern!

  • Touren wählen, auf denen man jederzeit abbrechen und umkehren kann.

  • Schwierigkeit der Tour dem Können des Kindes und den Schnee- und Wetterverhältnissen anpassen: Vermeiden von Bruchharsch, schwerem, eingenässten Pulver, vereisten Hängen und widrigen Wetterbedingungen wie starkem Wind und großer Kälte.

  • Geländehindernisse (z. B. schwierige Bachquerungen, Gräben) und exponiertes Absturzgelände meiden und keine steilen, engen, dicht bewachsenen Waldschneisen abfahren.

  • Touren mit langen Talhatschern und Gegenanstiegen in der Abfahrt meiden.

Abfahrt

Ideal ist es bei der Abfahrt, wenn eine erwachsene Person dem Kind voraus- und eine hinterherfährt. Der vorausfahrende Erwachsene gibt dem Kind Orientierung und weist auf Hindernisse hin. Wer allein mit dem Kind unterwegs ist, fährt in der Regel vor – aber nur so weit, dass es möglich ist, auch ohne Felle jederzeit und schnell zum Kind aufzusteigen, um ihm im Sturzfall zu helfen. Die Spur des Erwachsenen gibt die Richtung der Abfahrt vor. Fortgeschrittene Kinder kann man bei guten Bedingungen und in einfacherem Gelände auch vorfahren lassen – aber nur, nachdem vorab besprochen ist, wie weit und bis zu welchem Haltepunkt.

Bei schwierigen Schneebedingungen oder hohem Pulver und wenig Hangneigung fährt das Kind in der Abfahrtsspur des Erwachsenen nach („in der Spur fahren“).

Proviant & Pausen

Kinder brauchen auf Skitour sehr viel mehr Essen als Erwachsene. Oft stellt die Brotzeit das Highlight der Tour dar. Süßigkeiten nicht vergessen: Gummibärchen, am besten gut erreichbar in einer Jackentasche oder im Hüftgurt vom Rucksack. Auf Skitour schmeckt übrigens Kindern, die sonst nie Tee trinken, plötzlich auch Tee. Und der Proviant der befreundeten Familie ist oft interessanter als der eigene.

„Ich hab brutal viel Brotzeit dabei, wenn die Kinder mit auf Tour gehen. Bei den ersten Touren mit den Kindern hab‘ ich noch gedacht, dass ein Brot pro Kind schon reichen wird. Das war aber dann bei der ersten Pause schon zu wenig. Am Anfang haben wir ein paar Touren sogar abbrechen müssen, weil wir nicht genug zum Essen dabei hatten“.
- Markus Stadler

Größere Pausen sollten mit den Kindern geplant, abgesprochen, angekündigt und eingehalten werden. Dazwischen kann man kleinere Trinkpausen einlegen. Kinder brauchen mehr Essens- und Trinkpausen als Erwachsene – vor allem bei den ersten Touren. Trinkflaschen sollten gut erreichbar sein – besonders an wärmeren und sonnigen Tagen.