Die Absätze, mit denen die Schriftstellerin bis hierher, auf eine Anhöhe am Mer de glace-Gletscher samt atemberaubendem Blick zum Montblanc gestöckelt ist, scheinen ihr endgültig unpassend für das unwegsame Gelände. Zu groß die Gefahr, im Abstieg zu stürzen. Sie bricht die Schuhabsätze kurzerhand ab, nagelt sie demonstrativ an die Wand eines Unterstands und geht weiter. Nun Schritt für Schritt so leicht und sicher wie ihre Begleiter. Und in der Lage, ihren Blick neben dem Weg einmal mehr der weiten Landschaft zuzuwenden, für die sie sich so begeistert.
Der Landschaft zugewandt und gerne zu Fuß unterwegs war auch Annette von Droste-Hülshoff. Sie kennt man aus dem Deutschunterricht – als Dichterin. Vielleicht auch noch vom letzten 20-D-Mark-Schein. Dass sie bergaffin war, würden wohl die wenigsten vermuten. Aber in ihrem rebellischen, bis heute unveröffentlichten Frühwerk „Bertha oder die Alpen" – das Stück ist in der Schweiz angesiedelt – sehnt sich die Protagonistin nach Bildung, nach geistiger Freiheit … und nach den Bergen. Als Droste-Hülshoff 1835 selbst das erste Mal gen Alpen aufbricht – sie besuchte ihre Schwester und deren Mann im Thurgau, bemerkt sie, dass dort alle, die etwas auf sich halten, es tunlichst vermieden, zu Fuß zu gehen, weil das als Zeichen von Armut galt. Sie aber entschied sie sich ganz bewusst für das Gehen. Und genoss es. Oft zog es sie dabei in den nahen Wald. Von seinem höchsten Punkt, an dem ein Pavillon stand und der ihr Lieblingsplatz geworden war, konnte sie mit dem Blick die umgebende Berglandschaft mit Bodensee und Alpenpanorama erkunden.
Dann wäre da noch Simone de Beauvoir. Wer sich die Denkerin nur in den Cafés von Saint-Germain-des-Prés vorstellt, hat einen nicht ganz unwesentlichen Teil ihres Lebens übersehen. Denn auch sie wanderte gerne, seit eine Kollegin sie einmal zu einem Ausflug mitgenommen hatte. Immer und immer wieder zog sie seither los – und zwar, wie ihr Lebenspartner Jean-Paul Sartre es einmal leicht fassungslos festhielt, mit einer „Besessenheit“, gar „Manie“, Kilometer zu fressen. Zehnstündige Kraftmärsche waren bei ihr regelmäßig an der Tagesordnung, scheinbar kompromisslos. Die Berge im Hinterland von Marseille erkundete sie auf diese Weise, vornehmlich allein.
Diese Frauen sind nur drei von elf, denen Anneke Lubkowitz in ihrem Buch „Rebellinnen zu Fuß" gefolgt ist. Die Autorin hat sich auf die Spuren literarischer Wanderinnen begeben – von Sophie von La Roche im 18. Jahrhundert, die als erste finanziell unabhängige Berufsschriftstellerin in Deutschland gilt, bis hin zur amerikanische Science-Fiction-Autorin Octavia Butler im 21. Jahrhundert. Der Bogen ist weit und die Autorin hält ihn mit einer Mischung aus kulturhistorischer Neugier und tiefer Begeisterung die vielfältigen Perspektiven zusammen.
Anneke Lubkowitz verbindet literarische Analyse mit persönlicher Wandererfahrung. Ihr Blick ist so geschult wie humorvoll. Die Porträts sind detailliert und dabei anschaulich: Man taucht ein in die Lebensgeschichten der Frauen, in ihre Naturbegeisterung, ihre Obsessionen, ihre Selbstinszenierungen: Da ist Mary Shelley, die Autorin von Frankenstein, für die die Alpen Inspirations- und Denkraum waren. Annemarie Schwarzenbach, die durch den Hindukusch reiste und im Engadin ihren Rückzugsort fand. Emmy Hennings und Else Lasker-Schüler oder Mathilde Franziska Anneke – Wanderinnen, Literatinnen. Menschen, die eindrücklich über das Gehen schrieben. Die die Natur mit anderen Augen sahen als seinerzeit gewöhnlich. Frauen, die sich in ihrem Tun regelmäßig über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzten.
Am Ende des Buches wartet die Autorin mit acht Anleitungen für Abenteuer im Alltag auf: sie lädt ein, den Frauen im Buch buchstäblich zu folgen und die uns umgebende Natur mit allen Sinnen zu erleben. Und spätestens jetzt möchte man – ganz altmodisch – einen Atlas aufschlagen und all die im Buch beschriebenen Wege nachzeichnen. Von den Alpen bis nach Afghanistan.
Persönlich war Anneke Lubkowitz nach eigenen Worten lange eine Stubenhockerin. Doch als sie in Edinburgh zum Thema Nature Writing promovierte und dabei viel über kurze und lange Wanderungen las, wurde der Wunsch nach eigenen Ausflügen, eigenen Wanderungen immer lauter. Ihre erste Mehrtageswanderung führte sie alsbald auf den 170 Kilometer langen West Highland Way.
Praktische Erfahrung und theoretisches Studium griffen von nun an ineinander. Im Laufe ihrer Recherchen wurde ihr vor allem eines klar: dass sie selbst mit einem durch und durch männlichen Blick auf das Wandern aufgewachsen war. „Rebellinnen zu Fuß" ist die Antwort auf diese Welt der Männer. Eine charmante, unterhaltsame und gleichzeitig äußerst kraftvolle.
„Wenn man über das Wandern schreibt, träumt man davon, auch mal im Alpinen Museum zu lesen“, sagt Anneke Lubkowitz ein Jahr nach Erscheinen ihres Buches. An einem Frühsommer-Samstag wurde dieser Traum Realität und man konnte sie zu einer Lesewanderung in München treffen; etwa zwanzig Rebellinnen und zwei Rebellen folgten der Einladung.
Treffpunkt: der neu gestaltete Garten des Alpinen Museums. Ein sonniger Nachmittag. Wenige Meter weitere rauscht die Isar vorbei aus den Bergen durch die Stadt. Auf einer Mauer, im Halbschatten der großen Bäume, sitzt „Der Bergsteiger“. Anneke Lubkowitz deutet auf die markante Aluminiumguss-Figur und auf das Museum dahinter und ist gleich mitten drin in ihren Ausführungen. In den nächsten Stunden wird sie über wandernde Frauen sprechen, deren größtes Hindernis bzw. größte Herausforderung nicht der Berg an sich war, sondern die gesellschaftlichen Grenzen.
Das Alpine Museum – gleichzeitig die weltweit umfangreichste Spezialbibliothek für alpine Literatur – ist dabei kein zufälliger Ausgangspunkt. Das Gebäude, einst als Café Isarlust bekannt, war auch ein Treffpunkt für Literatinnen. Anita Augspurg etwa, begeisterte Wanderin und eine der frühen Kämpferinnen für Frauenrechte, trat hier auf. München, umreißt die Autorin, nahm eine Vorreiterrolle ein, wenn es darum ging, wie sich der Einsatz für Frauenrechte im öffentlichen Raum Deutschlands manifestierte.
Die Lesewanderung folgt ein Stück der Isar flussabwärts, dann durch den Englischen Garten und zurück zum Museum. An fünf Stationen spannt die Autorin den Bogen vom Buch konkret auf die Stadt und Frauen, die hier lebten und wirkten. An der Monacensia beispielsweise, dem Literaturarchiv der Stadt, spricht Anneke Lubkowitz über die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach, die, ganz in der Nähe, regelmäßig bei Erika und Klaus Mann und deren Eltern einkehrte.
Zu sprechen kommt sie auch auf Liesl Karlstadt. Gemeinsam mit Karl Valentin bildete sie eines der namhaftesten Komikerduos des 20. Jahrhunderts; auch sie hat sehr persönliche Bezüge zu den Bergen. Beim Thema „wandern“ darf auch Emmy Hennings nicht fehlen, die zunächst mit einem Wandertheater durch Schlesien tingelte – unstet, vagabundierend, sich-nicht-festlegend, so die zeitgenössische Wahrnehmung oft – und die später in der Bohèmekneipe „Simplicissimus“ der Gastronomin Kathi Kobus auftrat.
Später, im Englischen Garten, lädt die Autorin ein, die Schuhe auszuziehen. An diesem herrlich warmen Nachmittag ist es für mehrere Teilnehmende ein Leichtes, die Idee in die Tat umzusetzen. Einige steigen gar in den seichten Bach. Selbst zuschauend weiß man genau einzuschätzen, wie wunderbar kühl das Wasser gerade die vom Gehen müden Beine umspült. Das klare Wasser, die etwas glitschigen Steine unter der Fußsohle. Und man weiß auch, wie sich das darauffolgende Barfußlaufen anfühlt, bei dem jeder Schritt, erst auf dem Rasen, dann auf dem groben Schotter, ganz bewusst und vorsichtig gesetzt ist.
Zurück im Museum, bei der Lesung: Anneke Lubkowitz hat fünf Textfragmente aus dem Buch ausgewählt. Die Texte sind so anekdotisch wie mitreißend, der Blick der Autorin feinsinnig und so begeistert wie begeisternd: Am liebsten möchte man sofort aufbrechen — in die Berge, ans Meer, irgendwohin, wo die Füße das Sagen haben. Mit leichtem Gepäck, in dem aber die „Rebellinnen“ nicht fehlen dürfen.
"Rebellinnen zu Fuß" von Anneke Lubkowitz ist 2025 im Verlag Kein & Aber erschienen (ISBN 978-3036950600, 26 Euro)