Am 8. März 1929 war es endlich so weit: Nach mehr als 30 Jahren des Ringens durften Frauen erstmals als vollwertige Mitglieder in die Sektion Berlin des Alpenvereins eintreten. Ein Meilenstein, der heute an die zähe Geschichte der Gleichberechtigung im Bergsport erinnert: Die Mitgliedschaft von Frauen war im Deutschen und Oesterreichischen Alpenverein (DuOEAV) zwar von Beginn an möglich, doch insbesondere einige norddeutsche Sektionen lehnten die Aufnahme von Frauen ab. Der Weg in der Berliner Sektion war besonders steinig. Frauen wurden dort jahrzehntelang weitestgehend ausgeschlossen, ihre Leistungen ignoriert und ihre Teilhabe (als Ehefrauen männlicher Mitglieder) nur dann geduldet, wenn sie „nützlich“ waren – etwa als dekoratives Element bei Alpenbällen oder als engagierte Spenderinnen für Hüttenbauten.
„Man(n) wünscht nur wirkliche Alpinisten als Mitglieder“ – und fürchtet den Verlust der Männerdomäne
Drangen Frauen auf eigenständige Mitgliedschaft, klangen die Argumente der Gegner oft absurd: Frauen könnten „nicht einmal den Berliner Kreuzberg besteigen“, ihre Anwesenheit würde „Zwietracht sähen“ oder die Hütten überfüllen. Die Berliner Bergsteigerinnen wehrten sich – sie gründeten eine inoffizielle Ortsgruppe und organisierten sich in der Sektion Zillertal; auch forderten sie immer wieder die Gründung einer eigenen Frauensektion. Doch dies lehnte der Hauptausschuss des DÖAV ab. Immerhin gab es 1914 Überlegungen in der Berliner Sektion, dass Frauen Mitglied werden könnten, allerdings nur, wenn sie „bergsteigerisch tätig“ seien – ein Leistungskriterium, das bei Männern nie gefordert wurde.
Spuren dieses Kampfes in der Sektion trägt bis heute die Berliner Hütte, von Beginn an eine der prächtigsten Alpenvereinshütten und inzwischen denkmalgeschützt als die „Grand Dame“ unter ihnen: Im Damensalon, einem der zwei repräsentativen Speisesäle der Hütte, für dessen Bau die Frauen große Beträge gespendet hatten, installierten sie selbstbewusst den provokanten Gruß „Grüß Gott – die Damen der Section Zillerthal“ – ein stummer Zeuge des Protests.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als Frauen in Deutschland das allgemeine Wahlrecht erhielten, gewann auch die Berliner Debatte neuen Schwung. Doch selbst 1919 scheiterte die Aufnahme von Frauen in die Sektion Berlin knapp, weil die notwendige Zweidrittelmehrheit für die Satzungsänderung um wenige Stimmen verfehlt wurde. Es dauerte weitere zehn Jahre, bis der Widerstand gebrochen wurde – und selbst dann nur mit einer Quote: Die Zahl der weiblichen Mitglieder durfte ein Viertel der männlichen nicht übersteigen.
Warum der 8. März auch 2026 wichtig ist
Heute, fast 100 Jahre später, sind Frauen im DAV selbstverständlich vertreten – doch der Kampf um Gleichberechtigung ist längst nicht vorbei: Heute sind es nicht zuletzt strukturelle Hürden, vor denen Frauen tagtäglich stehen. So sind Frauen in Führungspositionen des Vereins nach wie vor unterrepräsentiert – beispielsweise sind derzeit erst 12,4 Prozent der Sektionsvorsitze weiblich besetzt. Wohl nicht zuletzt, weil es für Frauen noch immer zahlreiche unsichtbare Barrieren gibt, von fehlenden Vorbildern bis hin zu Belastungen durch Care-Arbeit.
Ein Aufruf an alle: Zuhören, Hinschauen, Mitgestalten
Der Internationale Frauentag ist daher weniger ein Tag für Frauen, sondern mehr ein Tag für uns alle. Denn echte Gleichberechtigung entsteht nicht von allein – sie braucht Aufmerksamkeit, Reflexion und aktives Handeln. Im (Berg- und Vereins-)Alltag ist der erste Schritt, bewusst hinzuschauen: Wie wird Interaktion in den Sektionen wahrgenommen? Wer kommt zu Wort, wer wird überhört? Wer traut sich, Verantwortung zu übernehmen – und wer wird dabei unterstützt?
Klar ist: Gleichberechtigung beginnt im Kleinen, ob am Berg oder bei der Veranstaltung in der Sektion. – Im Umgangston, in der Meetingkultur, in der Art, wie wir Leistungen würdigen. Der DAV hat in den letzten Jahren viel erreicht – von der Verankerung von Präventionsarbeit bis zur Förderung von Frauen im Leistungssport.
Doch auch jedes einzelne Mitglied kann sich ohne großes Zutun engagieren und immer wieder hinterfragen: Wo können wir Barrieren abbauen? Wie können wir dazu beitragen, dass sich alle – unabhängig vom Geschlecht – im Verein wohlfühlen und gehört werden? Und vor allem: Wie gestalten wir den DAV so, dass Gleichberechtigung kein Thema für einen einzigen Tag im Jahr ist, sondern gelebte Realität?
Denn am Ende geht es darum, dass die Berge und der Verein für alle da sind – mit denselben Chancen, derselben Wertschätzung und derselben Freude am gemeinsamen Weg.
Spurensuche im Archiv – Artikel: Die Angst der Sektion Berlin vor den Frauen
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| 30 Jahre weiblicher Kampf in Berlin | 137.20 KB |