Heute, am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, erinnern wir an die Millionen Menschen, die durch den Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Dieses Gedenken schließt auch die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein – denn der Deutsche Alpenverein, seine Hütten und Wege sind Teil historischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Realitäten.
Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Jamtalhütte und ihre Umgebung. Die auf 2.164 m gelegene Hütte, südlich von Galtür, gehört der Sektion Schwaben. Seit mehr als 100 Jahren ist das Gebiet ein beliebtes Tourenziel.
Recherchen auf Basis von mündlichen Überlieferungen, Archivakten und Hüttenbüchern zeigen jedoch, dass dieser Ort auch eine lange verdrängte Geschichte trägt: Während der Zeit des Nationalsozialismus nutzten Verfolgte die Nähe zur Schweizer Grenze zur Flucht. Unterstützt wurden sie dabei von lokalen Bergführern und Hüttenpächtern – ein lebensgefährliches Unterfangen unter den Augen des NS-Regimes.
Zentral für die Aufarbeitung dieser Ereignisse sind die Erinnerungen des Zeitzeugen Franz Lorenz, Sohn des damaligen Hüttenwirts der Jamtalhütte Albert Lorenz. Er berichtete, wie es gelang, jüdischen Verfolgten den Weg in die Freiheit zu eröffnen - trotz Zöllnern und Grenzwächtern auf und neben der Hütte. Nachts klopften Menschen an die Tür der Familie Lorenz mit der Bitte: „Ich muss hinüber.“
Franz Lorenz schildert, wie neben seiner Familie viele Bergführer trotz enormer Risiken Menschen über das Joch ins Engadin begleiteten – teils getarnt als alltägliche Viehtriebe. Das Risiko dieser Fluchten ließen sich die Galtürer Bergführer mit rund 1.000 Reichsmark abgelten – eine Summe, die dem Wert von etwa drei Kühen entsprach. Auch Franz war Fluchthelfer, wenn sein Vater einmal keine Zeit hatte. Die Dorfgemeinschaft in Galtür hielt fest zusammen, Fluchten flogen nach seiner Erinnerung nicht auf.
Diese Berichte stehen jedoch in einem deutlichen Spannungsverhältnis zur Haltung des Alpenvereins in jener Zeit. Der Verein war bereits früh antisemitisch geprägt. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert kam es zu ersten Ausgrenzungen, die sich insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg massiv verschärften. Zahlreiche Sektionen schlossen Jüdinnen und Juden aus oder nahmen sie nicht mehr als Mitglieder auf. 1924 beschloss der Verband schließlich den Ausschluss der jüdisch gelesenen Sektion Donauland – ein zentraler Schritt auf dem Weg zur institutionellen Verankerung des Antisemitismus im Alpenverein.
Dem Österreichischer Alpenverein, dem Deutscher Alpenverein und dem Jüdischen Museum Hohenems ist es gemeinsam gelungen, mündlich überlieferte Fluchtgeschichten über die Jamtalhütte sowie weitere Schicksale durch Akten und Hüttenbücher zu belegen. Zugleich machen diese Quellen deutlich, wie tief Antisemitismus im Alpenverein und in der Gesellschaft verankert war. Beides zusammen zeigt die Ambivalenz dieser Geschichte – Menschlichkeit und Mut auf der einen, Ausgrenzung und institutionelle Schuld auf der anderen Seite.
Es hat lange gedauert, bis sich der Alpenverein dieser Verantwortung gestellt hat. Die kritische Aufarbeitung ist ein fortlaufender Prozess – und Voraussetzung dafür, aus der Vergangenheit zu lernen. Gerade deshalb positioniert sich der Alpenverein heute klar und unmissverständlich: für Akzeptanz, Offenheit und Vielfalt – und gegen Intoleranz, Hass, Antisemitismus und Rassismus. Erinnerung bedeutet Verantwortung. Sie verpflichtet uns, Haltung zu zeigen und für eine demokratische, menschenwürdige Gesellschaft einzustehen – im Alpenraum und darüber hinaus.
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