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„Und ich bin mittendrin“

September 2021. Bepackt mit meinem geliebten Backpack starte ich meine diesjährige Hüttentour von Birgsau nach Spielmannsau. Ziel der ersten Etappe: die Rappenseehütte (2091m). Von dort aus startet das eigentliche Highlight der dreitägigen Tour: Der Heilbronner Weg – ein hochalpiner Höhenweg, der mich herausfordert und mich der Natur näher bringt.

Von: Lea Spinner

 

Aufbruch an der Rappenseehütte

Es ist 8 Uhr morgens. Die Kälte der Nacht umhüllt die Rappenseehütte und streift meine Wangen, als ich ins Freie trete. Fröstelnd ziehe ich mir meine Handschuhe über, schultere den schweren Rucksack und stelle die Wanderstöcke für den Aufstieg noch ein Stückchen kürzer. Ich atme tief ein und lasse den Blick durch die langsam heller werdende Landschaft streifen. Die Beine sind noch müde vom gestrigen Tag, aber meine Vorfreude ist riesig. Und so trete ich mit einem Lächeln auf den Lippen den Weg der nächsten Etappe meiner Wanderung an. Weit und breit erfasst mein Blick jetzt nur noch den grauen, massiven Berg und eine eher spärliche Vegetation. Und mittendrin ein paar Wandernde, die wie ich gerade erst von der Hütte gestartet sind. Wir tauschen einen kurzen Blick, ein freundliches Lächeln aus, man grüßt und versteht sich. So gehe ich steten Schrittes weiter, konzentriere mich auf meine Atmung und den Weg vor mir, der auch ein paar kleinere Kletterabschnitte beinhaltet. Ab und zu blicke ich zurück und sehe wie die Hütte immer kleiner und kleiner wird und schließlich ganz hinter dem Berg verschwindet.

 

Zum Hohen Licht

Die Aussicht ist schon jetzt atemberaubend, sodass ich immer wieder stehen bleibe, um die Schönheit der Natur zu bewundern. Ich schaue hoch und schirme meine Augen gegen das grelle Licht der Sonne ab. Weit oben ragt das Gipfelkreuz des Hohen Lichts majestätisch in den strahlend blauen Himmel. Mein erstes Ziel habe ich jetzt schon klar vor Augen. Im Vergleich zu gestern hat sich der Weg schon merklich verändert und fordert mehr Konzentration von mir. Schritt für Schritt kämpfe ich mich durch das lose Geröll und muss immer wieder innehalten, um die verblassten Markierungen im Meer der grauen Steine zu entdecken. Ein Schritt nach dem anderen, langsam und stetig, Stück für Stück. So steige ich immer weiter auf, lasse den Boden hinter mir zurück und komme dem Himmel ein kleines Stückchen näher. Je höher ich steige, desto anspruchsvoller wird der Weg. Vorsichtig taste ich mich voran, suche nach festem Halt unter meinen Füßen, bedacht darauf, keine größeren Gerölllawinen auszulösen. Noch ein, zwei Schritte mehr, dann bin ich angekommen. Schwer atmend stelle ich meinen Rucksack ab und trete an den Rand des Gipfels. Der anstrengende Aufstieg hat mich ins Schwitzen gebracht. Von der Kälte, die heute Nacht noch über den Bergen lag, ist nichts mehr zu spüren. Dafür hat die Sonne ihren Platz vollkommen für sich eingenommen. Der Anblick der endlos weiten Bergwelt, die sich in allen Blau- und Grautönen vor mir erstreckt, erfüllt mich plötzlich mit einer unendlichen Ruhe. Ich lasse den Blick schweifen und sehe endlose, vollkommene Schönheit, an der ich mich einfach nicht sattsehen kann. Wohin ich auch blicke, alles ist wunderschön.

 

Die Schätze der Natur

Eine kleine Träne der Rührung stiehlt sich in meine Augen, begleitet von einem Lächeln. Mich ergreift plötzlich ein Gefühl von immenser Dankbarkeit. Dankbarkeit für das, was die Natur uns Tag für Tag schenkt und vor allem eine Dankbarkeit für den Moment, den ich in vollen Zügen genießen kann. Hier, auf dem Gipfel des Hohen Lichts, bin ich eins mit der Bergwelt, als würde ich dazugehören, als wäre ich ein Teil dessen und nicht eine staunende Beobachterin. Mir wird zum wiederholten Male bewusst, welchen unglaublichen Schatz mir die Natur schenkt. Sie lässt mich teilhaben an den vielen großen und kleinen Wundern, die sich tagtäglich dort ereignen. Tiere, Pflanzen, Organismen… Das schreiende Murmeltier vor seiner Höhle, der Steinbock im Geröll, die bunten Alpenblumen auf der Wiese – alles zeigt sich mir ganz unverfälscht und nah. Ich bin mittendrin in einer Welt, die so fern ist von dem, was ich tagtäglich in meiner Heimatstadt erlebe.
 

 

Weg in eine andere Welt

Vielleicht ist es auch genau das, was mich daran so fasziniert. Die Natur lädt uns alle ein, sie besser kennenzulernen und hautnah zu erleben. Sie bietet unvergessliche Erfahrungen und ihre Schönheit raubt mir persönlich immer wieder den Atem. Sie fordert mich stets heraus, prüft meine Ausdauer, meinen Mut und meinen Ehrgeiz, denn der Weg in diese andere Welt ist oftmals kein leichter. Doch wenn ich dann angekommen bin, nach all den Anstrengungen und Hindernissen, dann ist schnell klar, dass sich jeder beschwerliche Weg gelohnt hat.
In den Bergen fühle ich mich geborgen und wohl. Hier oben steht die Zeit still. Es gibt keinen Neid, keinen Hass, keinen Krieg – es gibt nur die Natur, die gegen sich selbst kämpft und sich gleichzeitig selbst erhält. Ein harmonischer Kreislauf von Leben und Tod. Von Geben und Nehmen. Von Leben und Leben lassen. Und mittendrin bin ich. Und so bleibe ich stehen, schaue und staune, während mich ein intensives Glücksgefühl durchströmt. So komplett habe ich mich lange nicht mehr gefühlt.

 

Über die Autorin

Lea, 28, hat das Wandern erst vor einigen Jahren für sich entdeckt: "Da ich in der Großstadt wohne, ist es oft gar nicht so einfach "mal kurz" ein paar schöne Strecken zu wandern und deswegen für mich umso schöner, wenn ich einfach mal raus komme. Zur Tour im Text habe ich einen ganz besonderen Bezug, weil es meine erste hochalpine Wandererfahrung gemeinsam mit meinem Freund war, die sich sehr bei mir eingeprägt hat."

 

Info Heilbronner Höhenweg

Der Heilbronner Weg in den Allgäuer Hochalpen ist ein langer, viel begangener Grat-Klassiker mit teils ausgesetzten Passagen und vereinzelten Drahtseilsicherungen (T3, Klettersteig A) in Höhen bis knapp 2600 Meter. Eine detaillierte Beschreibung der anspruchsvollen Dreitagestour gibt es auf alpenvereinaktiv.

Die Begehung des beliebten und oft überlaufenen Höhenwegs erfordert alpine Erfahrung, gute Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Der DAV rät im hochalpinen Gelände grundsätzlich dazu, zu Zweit oder in einer Kleingruppe unterwegs zu sein. Alleingänge setzen viel Erfahrung, Eigenverantwortung und ein entsprechendes Risikomanagement voraus.

Erste Tourenerfahrungen kann man zum Beispiel bei geführten Sektionstouren sammeln. Hier geht's zur Sektionensuche.