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Eine doppelte Alpenüberquerung

Bike & Hike aus Thüringen

Zu einer gleich doppelten Alpenüberquerung setzte der Arnstädter Florian Ernst im Sommer 2021 an. Doch um überhaupt zum Startpunkt im Allgäu zu kommen, trat er zunächst mehr als 400 Kilometer in die Radpedale: 

 

Ausgangspunkt

Raus aus Job und Alltag, rein in die Natur – und das wochenlang? Einfach gesagt. Aber auch einfach getan? Ja, erstaunlicherweise. Es war gar nicht so schwer. Man benötigt einen Impuls, ein klares Ziel, einen klaren Plan und einen starken Willen.

 

Jetzt ist es bereits vier Monate her, seitdem ich wieder zu Hause angekommen bin. Sechs Wochen war ich in den Alpen unterwegs, habe sie dabei unter anderem zwei Mal zu Fuß überquert. Wie aber kam es dazu?

 

Ich spürte den Drang nach einer Entschleunigung und auch nach einer gewissen emotionalen und vor allem digitalen „Entgiftung“. Und recht schnell war mir ebenso klar: Ich muss dies natürlich mit Sinn, mit Inhalt füllen. Als naturverbundener Bergwanderer und leidenschaftlicher Alpenurlauber reifte in mir rasch die Idee, dass für die Gestaltung meiner „Auszeit“ den Bergen die entscheidende Rolle zukommen sollte. Nicht das in den Abgrund führende und immer unüberschaubarer werdende, mich zunehmend vereinnahmende „Digital“, sondern Lechtal, Inntal, Pitztal, Ötztal und weitere Alpentäler wurden nun von mir dazu auserkoren, diesen Sinn zu stiften.

 

Planung und Vorbereitung

Nach einiger Überlegung und Recherche reifte der Plan dann zu einer „doppelten Alpenüberquerung“ heran: das heißt, über zwei verschiedene Routen (man kann aus einem knappen Dutzend unterschiedlicher und „wanderbarer“ Möglichkeiten auswählen), zunächst von Nord nach Süd und anschließend von Süd nach Nord zurück. Und da ich mich gern aus eigener Körperkraft fortbewege und seit vielen Jahren meine Wanderurlaube in den Alpen stets in Verbindung mit einer Fahrradanreise unternommen hatte, sollte es auch in diesem Fall zunächst eine solche Anfahrt ins Bergland geben. Konkret stellte ich mir das so vor: in vier Etappen mit dem Fahrrad von Würzburg (Franken) nach Oberstdorf ins Allgäu, von dort zu Fuß bis Bozen in Südtirol und sozusagen rückwärtig von Lienz in Osttirol nach Berchtesgaden.

 

Bei der gesamten Etappenplanung legte ich Wert darauf, zwischendurch immer wieder „Puffertage“ einzubauen, um zeitlich flexibel sein zu können – sei es, weil es gefährliche Wetterbedingungen, körperliche Erschöpfung oder auch mein geschädigtes rechtes Knie (2018 dritter Kreuzbandriss, der aufgrund des fortgeschrittenen Knorpelschadens gänzlich unbehandelt geblieben war) erfordern sollten – aber auch, auf motorisierte Hilfe größtenteils zu verzichten. Doch erschien mir dies immer noch nicht ausreichend genug. Es sollten zusätzlich eine Reihe weiterer, in der Vergangenheit versäumte oder lang ersehnte Gipfel und Bergketten miteinbezogen werden. Jetzt ist die Zeit dafür und nur jetzt die Gelegenheit dazu! In dieser Fülle und Konzentration werde ich mir wohl nie wieder – auch im Hinblick auf meine körperliche Verfassung – einen derartigen „Zeitvertreib“ ermöglichen können! Diese Tatsache verdeutlichte ich mir immer wieder.

 

So legte ich für mich fest, noch das Watzmann-Hocheck zu besteigen, aber auch weitere Touren in den herrlichen Berchtesgadener Alpen, die ich zuvor bereits mehrere Male besucht hatte, zu unternehmen. Der Watzmann – seit Jahren mein „Lieblingsberg“ – sollte aber noch nicht der Schlusspunkt sein. Für den weiteren Verlauf plante ich die Überschreitung des Untersbergs bis nach Salzburg ein, um von dort mit dem Zug nach Gmunden am Traunsee zu gelangen. Hier sollte als „i-Tüpfelchen“ der „Wächter des Salzkammerguts“ – der Traunstein – das wirklich letzte Gipfelziel sein, nachdem mich dieser Berg bereits 2013 in seinen Bann gezogen hatte, als ich ihn bei einer langen Radtour aus der Gegend um Linz nach Salzburg schon von Weitem sah und somit viele Stunden wie einen riesigen Monolith vor Augen hatte.

 

Erst jetzt erschien mir die Sache „rund“ und ich war mit der Tourenplanung vollauf zufrieden. Insgesamt konnte ich außerdem die notwendigen 30 Unterkünfte (einschließlich die auf der Radtour) verbindlich reservieren, wobei sich die Anzahl der Berg-, Alm- und Alpenvereinshütten mit jener der Pensionen bzw. Hotels in den Tälern die Waage hielt.

 

Nach dem Abschied von Kollegen und Familie, doppelt geimpft sowie dankbar, dass der Aufbruch trotz der Coronapandemie überhaupt möglich wurde, ging es am 29. Juli 2021 endlich los. Aufgrund der lückenlos und sinnvoll durchgeplanten kommenden sechseinhalb Wochen und des Trainings in meiner Heimat – dem Thüringer Wald – hatte ich am Erfolg der Unternehmung tatsächlich recht wenige Zweifel, obwohl ich durchgängig allein unterwegs sein würde.

 

Dass ich bis dahin trotz meiner bereits zahlreichen aktiven Alpenaufenthalte, von Ausnahmen abgesehen, noch nicht der allerfleißigste „Hüttenübernachter“ gewesen bin, war eine Tatsache, die mich noch ein wenig beschäftigte. Doch sei schon jetzt gesagt, dass ich mich sehr schnell an die teils ja auch zu erwartenden speziellen Umstände – wie eiskalte oder gar nicht vorhandene Duschen, dafür immer schön vorgewärmte Klobrillen auf den wenigen Toiletten sowie diverse Gerüche und nächtliche Geräusche (gedämpft durch unbedingt mitzuführende Ohrenstöpsel) – gewöhnt habe, wobei die Aufenthalte zu Tal in guten Pensionen und Hotels immer wieder einen angenehmen Kontrast dazu bildeten. Der Wäscheservice einiger dieser Unterkünfte ist auf solch einer Reise zudem ein wahrer Luxus!

 

Logistische Aufgaben nach der Radtour

Die gestrampelten 420 Kilometer vorwiegend durch Mittelfranken und Schwaben (mit den Zwischenstationen Dinkelsbühl, Ulm und Kempten) waren wie erhofft ein weiteres gutes Training für die kommenden Herausforderungen. Während meines Aufenthalts in Oberstdorf, der u. a. auch zur Eingewöhnung ins alpine Gelände vorgesehen war, konnte ich alle weiteren organisatorischen Dinge erledigen. Schließlich sollte das Fahrrad zurück nach Hause gelangen, was nicht ganz so einfach war. Beim dritten Fahrradhändler vor Ort konnte ich einen entsprechend großen Karton auftreiben.

 

Das Rad musste aber noch ein wenig „gestutzt“ werden, damit es überhaupt in diesen hineinpasste. Die Deutsche Post stellt selbst natürlich keine Verpackungen in der erforderlichen Größe zur Verfügung, zu einem einigermaßen moderaten Preis kann man ein Fahrrad, dann als „Sperrgut“ deklariert, aber verschicken. Dass der jetzt sehr unhandliche Karton noch zu Fuß zur reichlich entfernten Postfiliale transportiert werden musste, war der erste richtige Härtetest für meine Muskelkraft und Ausdauer.

 

Überquerung #1

Nach der Besteigung des Nebelhorns als letzte Trainingseinheit fiel der Startschuss für meine erste Überquerung am 4. August. Ab sofort war den Wegweisern des Europäischen Fernwanderweges 5 („E 5“) zu folgen. Entsprechend ausgerüstet und mit dem etwa 18 Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken, der mir das Leben vor allem zu Beginn noch ein wenig schwer machen sollte, führten mich die ersten beiden Etappen auf die Kemptner Hütte (1846 mNN) und hinab ins Lechtal nach Holzgau. Es regnete ununterbrochen. Der Sommer war in diesem Jahr ohnehin noch gar nicht richtig angelaufen. Ein wenig sorgenvoll blickte ich diesbezüglich aber schon in die unmittelbare Zukunft. Wann sehe ich etwas von der herrlichen Bergkulisse rundherum? Zuversicht spendete mir jedoch immer wieder der Gedanke, dass in dem festgelegten Zeitraum von fast sechs Wochen die Sonne garantiert irgendwann einmal scheinen werde. Wichtig erschien mir vor allem, dass gerade an den noch vor mir liegenden besonders steilen und vermeintlich gefährlichen Stellen das Wetter einigermaßen mitspielen würde.

 

Bei der dritten Tour auf die Memminger Hütte (2242 mNN) war das Wetter dann tatsächlich seit Tagen endlich wieder schön. Als sich am Abend im unmittelbaren Umkreis der Hütte plötzlich einige Steinböcke über die herrlich blühenden Alpenblumen hermachten und sich dabei kaum stören ließen, war die erste Attraktion perfekt. So etwas hatte ich noch nicht erlebt! Alle Hoffnungen, einmal Steinböcke aus nächster Nähe und in freier Wildbahn zu beobachten, hatten sich seit 2012, als ich mein erstes und bis dahin letztes Exemplar unweit des Schlosses Neuschwanstein sah, nie mehr erfüllt. Jetzt war es ein halbes Dutzend und zum großen Teil mit beeindruckendem Gehörn. Was für eine Erhabenheit!

 

Mit einem schier endlosen Abstieg nach Zams ins Inntal setzte ich meine Reise fort und über die Zwischenstation Larcher Alm ging es weiter ins Pitztal. Hier beanspruchte ich ausnahmsweise einen Bus, der mich nach Mittelberg in den Talschluss beförderte, den Ausgangspunkt für den kurzen, aber umso steileren Aufstieg entlang eines gewaltigen Wasserfalls hinauf zur Braunschweiger Hütte. Diese ist umgeben von Gletschern und zu Füßen der Wildspitze (3768 mNN) auf fast 2800 Meter Seehöhe einmalig in die Ötztaler Alpen eingebettet. Anschließend ging es über das Pitztaler Jöchl (3000 mNN – grandiose Aussicht!) und erneut vorbei an zahlreichen Steinböcken in Richtung Sölden weiter.

 

Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Zwieselstein nahm ich die „Königsetappe“ des E 5 über das Timmelsjoch nach Südtirol in Angriff. (Tagesziel: Moos in Passeier). Passend zu Italien wurde es jetzt erstmals richtig heiß. Die Pfandler Alm erreichte ich deswegen reichlich entkräftet und entmineralisiert – keine guten Vorzeichen für die nächste Tour auf die Meraner Hütte, die mich nicht nur vom körperlichen Anspruch her, sondern auch in mentaler Hinsicht auf die Probe stellen sollte:

 

Nachdem ich den langen Aufstieg bis zur Oberen Scharte auf knapp 2700 Höhenmetern, knapp unterhalb des Hirzer (höchster Gipfel der Sarntaler Alpen), meisterte, ereignete sich ein schwerer und rund 30 Meter tiefer Sturz in meiner unmittelbaren Nähe. Blutüberströmt und mit zerrissenen Kleidern blieb ein Wanderer etwa zehn Meter seitlich über mir liegen, nachdem er beim Abstieg vom Hirzer das Gleichgewicht verloren hatte. Vor Schreck blieb ich wie gelähmt stehen und es schnürte mir beinahe den Hals zu. Ganz schnelle, leicht bepackte, aber dafür umso besser ausgestattete und besonnene junge Bergsteiger, darunter wenig später auch der inzwischen von weiter oben herbeigeeilte Sohn, leisteten auf vorbildliche Art und Weise Erste Hilfe und damit wohl einen wichtigen Beitrag für das Überleben des Wanderers. Was der Rettungshubschrauber später zusätzlich an Gesteinsmaterial loslöste und zu Tal beförderte, brachte weitere Gefahr für alle Beteiligten.

 

Für eine kurze Zeit stellte ich unter diesen Eindrücken meine gesamte weitere Planung in Frage und spielte sogar mit dem Gedanken, von Bozen aus, das fast erreicht war, abzureisen. Doch unerwartet schnell konzentrierte ich mich wieder hauptsächlich auf das Laufen, wobei mich fast schon ein schlechtes Gewissen überkam. Denn erstaunlicherweise verfolgten mich die Bilder des Unglücks auch in den folgenden Tagen kaum. Hatte ich durch das lange Laufen und die fortwährend grandiose Naturkulisse inzwischen schon zu einer grundsätzlichen Entspanntheit und Gelassenheit gefunden? Zumindest war mein Fokus wieder klar ausgerichtet. Nach einem Ruhetag auf der Meraner Hütte – ausgerechnet umtost von stundenlangen Gewittern und einem Hagelsturm – konnte ich meine Tour wie geplant und jetzt wieder unter fantastischen Bedingungen fortsetzen.

 

Nun prägten die Dolomiten die Szenerie und auch von meiner später erreichten Unterkunft in Jenesien (oberhalb von Bozen) richtete sich der Blick in Richtung Schlern, Rosengarten und Latemar, welche darüber hinaus am Abend damit begannen, in den herrlichsten Rottönen zu „glühen“. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort – einen Tag zuvor wäre dieser Anblick undenkbar gewesen. In diesem Bewusstsein sowie voller Demut und Dankbarkeit wurde mir jetzt klar, dass die erste Alpenüberquerung somit bereits so gut wie geschafft war. Am Folgetag standen nur noch der „Spaziergang“ hinab nach Bozen sowie die Zugfahrt von dort ins ebenso mediterran anmutende und überraschend belebte Städtchen Lienz auf der Tagesordnung.

 

Überquerung #2

Voller Vorfreude brach ich dort am 19. August zu meiner zweiten Überquerung auf. Ich wusste, dass bei entsprechendem Wetter und der hoffentlich anhaltenden guten körperlichen Verfassung weitere unfassbar schöne Gebirgslandschaften auf mich warteten. Von der Tube Voltaren fehlte kaum etwas, das Knie und alle anderen Gelenke hatten wirklich sehr gut durchgehalten. In der Zwischenzeit war tatsächlich der erhoffte Effekt einer inneren Ruhe, einer tiefen Zufriedenheit eingetreten. Denn selbst die dauerhaften Blasen oder einige taub gewordene Zehen konnten mich in keiner Weise vom Wandern abhalten. Das wochenlange Laufen hatte mich immer und immer wieder in jene mental so erholsame und fast schon meditative Phase hineinbefördert, in der man über kaum etwas bewusst mehr nachzudenken scheint als über den nächsten Schritt. Dies pustet den Kopf frei – gleichmäßiges Laufen als Therapie für Sinne und Seele. So hatte ich es mir vorgestellt.

 

Über die Zwischenstationen Winklerner Hütte, Wangenitzsee- und Elberfelder Hütte durchwanderte ich nun die Schobergruppe im Nationalpark Hohe Tauern und gelangte so an die Großglockner-Hochalpenstraße, wo ich im Karl-Volkert-Haus eine weitere Bleibe fand. Immerhin kurzzeitig kam ich dort immer wieder in den Genuss des Anblicks des höchsten Berges Österreichs, den prachtvollen Namensgeber der berühmten Straße. Von dort aus ging es mit einer Übernachtung auf der Trauneralm zunächst für einige Tage hinunter ins Tal nach Bruck bei Zell am See. Inzwischen hatte jedoch eine langanhaltende Schlechtwetterperiode eingesetzt. Ungetrübten Sonnenschein und sommerliche Wärme konnte ich glücklicherweise – vorerst aber zum letzten Mal – einige Tage zuvor rund um die Wangenitzseehütte erleben. Diese malte ich mir von Anfang an als eines der absoluten Highlights der Reise aus. Auf über 2500 mNN offenbarte sich die Einzigartigkeit ihrer Lage in diesem hochalpinen und von blankem Fels eingerahmten Gelände. Die Hütte war zudem der Ausgangspunkt für die Besteigung des Petzeck, dem mit 3283 mNN höchsten Berg in der Schobergruppe. Ich hatte ihn in der Hoffnung auf gute Bedingungen fest eingeplant und erreichte auf seinem Gipfel auch den höchsten Punkt meiner gesamten Tour. Der Ausblick von dort oben auf den Großglockner und die vielen gletscherbedeckten Gipfel, aber auch der Tiefblick hinunter auf den Wangenitzsee überwältigte mich.

 

Die schon benannte Trauneralm (1522 mNN) erreichte ich dagegen völlig durchnässt, aber trotz des dichten Nebels – einhergehend mit kurzzeitigen Orientierungsproblemen, zum Glück wohlbehalten. Auf der Suche nach dem wichtigen hochalpinen Übergang auf meiner Route („Untere Pfandlscharte“; knapp 2700 mNN) war mir in den unübersichtlichen Altschneefeldern, bei eisigem Wind und Sprühregen, zwischenzeitlich sogar ein wenig bange geworden. Einen Tag später lag hier eine erhebliche Menge an Neuschnee und machte diese Passage zumindest für Wandergruppen wohl einige Tage unüberwindbar. Aber auch ich sollte noch unmittelbar von der weißen Pracht überrascht werden!

 

Nachdem ich drei Tage später von Bruck aus zum Statzerhaus auf dem Großen Hundstein (2117 mNN) weiterwanderte, schneite es über Nacht eine zehn Zentimeter dicke Schicht hinab und die Flocken tanzten im heftigen Wind. Spätestens jetzt machte es sich bezahlt, dass ich beim Packen des Rucksacks alle Eventualitäten berücksichtigt hatte. Plötzlich war er ganz leicht, weil ich fast alles anhatte, was er hergab! Das Gelände war diesbezüglich jedoch nicht problematisch und ich konnte die kurze Etappe hinab nach Maria Alm mühelos bewältigen. Ich kannte die Gegend bereits und wusste auch, wie herrlich der Rundumblick bei schönem Wetter gewesen wäre. Und dennoch war mir der Schnee sogar lieber als jener Regen, in den sich die Flocken unterhalb von 1500 Metern wieder zu verwandeln begannen und der dann drei weitere Tage fast ununterbrochen anhielt.

 

Etwas verunsichert blickte ich jetzt schon in Richtung Steinernes Meer. Ich musste für den Tag meines vorgesehenen Weitermarschs mit einer nicht unbeträchtlichen Schneemenge dort oben rechnen und dies schien mir – in Verbindung mit den zu erwartenden schlechten Sichtverhältnissen – als zu gefährlich. Zumal ich mich auf den speziellen landschaftlichen Reiz dieses Grenzgebirges zwischen Österreich und Deutschland ganz besonders freute. Immerhin konnte ich den Aufenthalt in meiner Pension problemlos um einen Tag verlängern und auch die geplante Übernachtung auf dem Kärlinger Haus am Funtensee um einen Tag verschieben.

 

Das Ausharren in Maria Alm war die richtige Entscheidung. Endlich und pünktlich zum meteorologischen Herbstanfang begann sich ein von nun an sage und schreibe zehn Tage lang anhaltendes Hoch durchzusetzen und das Timing hatte sich erneut bezahlt gemacht. Die letzten dicken Wolken verschwanden, als ich den steilen, 1500 Höhenmeter langen Anstieg auf das Hochplateau bewältigt hatte. Nach einer kurzen Pause auf dem Riemannhaus ging es jetzt bei allerbesten Bedingungen zum Tagesziel. Über unverhofft wieder schneefreie Pfade, umgeben von Fels, so weit das Auge reichte, begleitet von wärmenden Sonnenstrahlen und zu Füßen der dominanten wie eindrucksvollen Schönfeldspitze – unter diesen Vorzeichen erreichte ich den tiefen Kessel des Funtensees mit dem Kärlinger Haus (1638 mNN). Nach dem Abstecher auf den Viehkogel (sozusagen der Hausberg der Hütte) am nächsten Morgen, auf dem ich das perfekte Gipfelglück erlebte und besonders den Anblick des mächtigen Watzmanns genoss, erfolgte der Abstieg nach St. Bartholomä am Königssee und damit die offiziell letzte Etappe auf dieser, meiner zweiten Alpenüberquerung.

 

Zugabe

Das nun herrliche Spätsommerwetter beflügelte mich ungemein und meinen mehrtägigen Aufenthalt in Schönau nutzte ich für weitere traumhafte Touren. So bietet beispielsweise der Blick aus dem Röthsteig einen einzigartigen Blick auf Obersee – der allein schon ein märchenhafter Ort ist –, auf Königssee und Watzmann-Ostwand. Höhepunkt und lang herbeigesehnt war für mich jedoch der Aufstieg auf das Watzmann-Hocheck (2659 mNN; Zwischenübernachtung auf dem Watzmannhaus). Die Eindrücke auf dem Weg, die Weitsicht über die Berchtesgadener Alpen hinweg bis hin zu den Hohen Tauern, die ich noch vor einigen Tagen durchwandert hatte sowie der schwindelerregende Blick auf den fast 2000 Meter tiefer liegenden Königssee waren unbeschreiblich.

 

Kurz darauf durfte ich meine Fitness noch einmal richtig unter Beweis stellen. An den beiden Folgetagen hatte ich weitere 42 Kilometer zurückzulegen sowie knapp 4000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zu überwinden. Nach weiteren unvergesslichen Eindrücken auf dem sagenumwobenen Untersberg (Übernachtung auf dem Stöhrhaus), den ich komplett überschritt, gelangte ich wenig später rund um Salzburg erstmals seit Wochen wieder in etwas flacheres Gelände. Nun war ich also wieder in Österreich angekommen und wollte hier den Schlussstrich unter meine lange Reise ziehen. Mit dem Zug ging es nun ins wunderschöne Salzkammergut nach Gmunden. Eine nicht zu unterschätzende Tour auf den – trotz seiner relativ geringen Höhe ebenso wie der Watzmann „schicksalsträchtigen“ – Traunstein (1691 mNN) verbunden mit der letzten Hüttenübernachtung (Gmundner Hütte) dort, bildete den krönenden Abschluss, obwohl sich das Wetter zwischenzeitlich wieder etwas unbeständiger zeigte und nicht nur die Aussicht auf den Traunsee etwas trübte.

 

Fazit

Nach sechseinhalb Wochen, die ich von zu Hause fort war, fuhr ich am 13. September, überwältigt von den Gesamteindrücken und mit etwas Wehmut mit dem Zug in meine Heimat zurück. Dies alles zu verarbeiten, einzuordnen und auf verschiedene Weise festzuhalten, bestimmte meinen Alltag für längere Zeit maßgeblich und steht auch weiterhin auf meiner Tagesordnung.

 

Am Ende möchte ich vor allem der Vielzahl an fleißigen, freundlichen und herzlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen auf allen Hütten und Almen meine große Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, weil sie einen großen Beitrag für den Erfolg und für mein Wohlbefinden auf dieser Reise geleistet haben. Gerade im Hinblick auf die Pandemie war es auch für die Hüttenwirte und -wirtinnen sicherlich nicht immer einfach. Davon haben sie sich die meiste Zeit nichts anmerken lassen. Aufgrund des besonders persönlichen Umgangs mit den Gästen seien hier vor allem die Wangenitzseehütte in der Schobergruppe (ÖAV) sowie die Meraner Hütte in den Sarntaler Alpen (AVS) erwähnt, wobei die Meraner Hütte zusätzlich im Hinblick auf die Verköstigung und weitere Versorgung des Wanderers (u. a. hochwertige Halbpension, Bereitstellung eines großen Handtuchs, kostenlose Dusche) hervorsticht.

 

Insgesamt bin ich zudem fast 520 Kilometer zu Fuß in drei Ländern in den Alpen unterwegs gewesen und habe dabei ca. 58.000 Höhenmeter überwunden. Dies entspricht – natürlich nur rein statistisch betrachtet – der sechseinhalbfachen Höhe des Mount Everests. Doch neben diesen „nackten“ Zahlen, die mich auch ein wenig stolz machen, bin ich voller Demut, dass meine Planung so gut aufgegangen ist, dass ich während der gesamten Zeit gesund geblieben und um viele wertvolle Erfahrungen reicher geworden bin. Wie schnell es vorbei sein kann, das habe ich aus nächster Nähe miterlebt. Auch wenn das Wetter lange Zeit nicht optimal war, bin ich doch sehr froh darüber, nie in schwere Gewitter hineingeraten zu sein und als der Schnee kam, hatte ich die brenzligsten Stellen bereits überwunden.

 

Die Liebe zu den Bergen hat sich tief in mir verfestigt. Die Ästhetik der sich immer wieder verändernden alpinen Landschaften als solche, besonders aber die Aus-, Weit- und Tiefblicke von ihren Höhen, Scharten und Gipfeln, all das über so einen langen Zeitraum hinweg in mich aufgesaugt zu haben, dies ist mein persönlich wahr gewordener „Alp“traum.

 

Kurz gesagt: Es hat sich sehr gelohnt, und ja, es hat für mich sprichwörtlich „Sinn gemacht“.

 

Über den Autor

Florian Ernst (geb. 1985) lebt im thüringischen Arnstadt. Auf einer 6-wöchigen Alpentour tauschte er im Sommer 2021 sein tägliches "Digital" gegen Lechtal, Pitztal und ander Alpenregionen ein, ließ sich unterwegs von Steinböcken und Dreitausendern beeindrucken und erlebte eine außergewöhnliche Reise, die "Sinn machte" für ihn.