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Drei Seen auf vier Pfoten

Eine Hundewanderung in drei Akten

Katrin Langenwalter führt durch die spektakuläre Landschaft des Chiemgaus, vermittelt als studierte Geografin ihr Wissen über die Entstehung der Alpen und stärkt mit Spaß und Spiel die Bindung zwischen Mensch und Hund. Und erfüllt sich ganz nebenbei noch einen Traum.

Von: Katrin Langenwalter

 

"Meine Hunde gehen nicht auf diese Isomatten, die sind zu gut erzogen! Die denken, das sind Handtücher", ruft Manja, eine der Teilnehmerinnen der Wanderung halb erbost, halb amüsiert. Ihre beiden Pinschermischlinge weigern sich einfach, sich neben sie auf ein Stück Isomatte zu setzen. So geht aber das Spiel nicht weiter und Team Orange ist unter Zeitdruck. Ich lasse in dem Fall Gnade vor Recht ergehen und die Hunde dürfen neben dem Spielfeld sitzen. Alles läuft wieder: Manja, die Lachtränen und auch die Zeit.

 

Prolog: Vom Geografie-Studium zur Hundewanderung

Eigentlich bin ich Geografin, meine Leidenschaft für Berge und Natur entstand aber bereits früher, in den Chiemgauer Alpen in Oberbayern, wo ich aufgewachsen und mittlerweile auch wieder zuhause bin. Immer mit dabei meine Vier-Pfoten-Begleitung: im Van, im Zelt, in der Uni, in der Gondel, auf dem Gipfel, an der Kletterwand, im Schlafsack und sogar auf den Dächern Berlins. Ihr Name war Lilith, sie war die beste Hündin der Welt, jetzt ist sie Legende. So kam ich zu meiner zweiten großen Leidenschaft: Hunden.

 

In den letzten Jahren habe ich mir aus beiden Leidenschaften, also Berg und Hund, einen beruflichen Traum zusammengestrickt: Geführte Touren im Chiemgau mit Hund. Greif- und erlebbares Wissen zur Entstehung der einmaligen Alpenlandschaft trifft auf Hunde-Einmaleins am Berg. Glücklicher Hund, glücklicher Mensch.

Und schnell bekommt der Traum auch einen Namen: Wanderdog. Und eine Chefin: Umay aka Frau Mayer, Mischlingshündin aus Italien, 2 Jahre alt, charakterstark und trotzdem teamfähig. Sie unterstützt mich bei meinen Wanderungen vor allem dabei, wichtige Aspekte zum Thema Hund am Berg zu vermitteln. Mit unseren Tipps soll der Berg-Trip zukünftig für alle zum positiven Erlebnis werden – egal, ob auf vier oder zwei Beinen.

 

Nach dem Träumen kommt das Erwachen: Buchführungskurs, Ausbildung zur Wanderführerin, Erste Hilfe am Hund, Webseite, Umzug in den Chiemgau, Ausbildung zur Hundetrainerin, Konzeption der Wanderungen, Erlebnispädagogik, Coaching Selbstständigkeit und Mut zur Lücke. Vor allem Letzteres, da es als unvernünftig gilt, sich in Zeiten von Corona mit verrückten Dingen wie Hundewanderungen selbstständig zu machen. Dennoch erfahre ich auch Unterstützung und Zuspruch.

 

Erster Akt: Die VIDs (very important dogs)

Sonntag, 29. August, 9.00 Uhr, Parkplatz Lödensee

Und dann ist es endlich so weit: die Generalprobe zu einer meiner Wanderungen findet tatsächlich statt. Drei Seen auf vier Pfoten im traumhaft gelegenen Naturschutzgebiet zwischen Reit im Winkel und Ruhpolding in südlichen Chiemgau. Ich bin ja gut aufgestellt was die Entstehung von Landschaft und Klimatologie angeht, auch mit Hunden und Menschen habe ich Erfahrung. Ich habe im Teambuilding-Bereich gearbeitet, Exkursionen geleitet, Lehre an der Uni gehalten und die ein oder andere Extremsituation in meinem Leben gemeistert. Aber bei der Generalprobe sind nicht irgendwelche Leute und Hunde dabei, sondern meine Familie und Freunde. Spannend, aber seht selbst.

 

Für die Generalprobe will ich, dass möglichst viele Hunde dabei sind, um das Hundewanderfeeling entstehen zu lassen. Daher sage ich im Vorfeld allen, die ich kenne, bitte bring deine Hunde mit und auch noch mehr Hunde und Leute, die Hunde haben, oder andere Leute mit Hunden kennen und Hunde, Hunde, Hunde, Hunde...

 

Irgendwie läuft das schleppend. Aber am Ende kann sich unsere Gruppe sehen lassen: Manja und die eingangs erwähnten Strandpinscher. Markus und Petzi mit der relativ charakterstarken Huskyhündin Laika, Moritz und Zala mit dem Mischling Ginger und Sveni mit Lupi, dem besten Freund meiner Hündin, die zusammen irgendwie nur Blödsinn im Kopf haben. Nach einigen kurzfristigen Absagen bleiben vier Hunde – ein bisschen wenig für eine Hundewanderung aber machbar. Weniger Trubel und vielleicht als Übung ganz gut, denke ich noch, als ich relativ spät in den Schlaf sinke.

 

Zweiter Akt: Überraschung am Parkplatz

Zwischen dem Dürrnbachhorn und der Hörndlwand, zwei markanten Berggipfeln, liegen malerisch die drei Seen, die unserer Wanderung den Namen geben. Es ist ein wunderschönes Wandergebiet. Trotzdem sind wir an diesem Morgen am Parkplatz Lödensee noch relativ unbeobachtet, als ich aussteige und beginne, mein Equipment für die Wanderung auszuladen. Ich gehe nochmal alles durch. Und dann wird es Zeit für meine Probegäste. Da ich mit meinem Vater und seiner Frau angereist bin, stehen wir da also nun zu dritt, pardon, zu viert, meine Chefin, Frau Mayer ist natürlich auch dabei, und warten. Da kommen sie endlich. Aber nein, das ist ja nicht möglich, die hatten doch abgesagt. Doch da steigt tatsächlich Laika mit ihren sehr glücklichen Menschen im Schlepptau aus dem Auto. Toll, denke ich noch, doch mehr Hunde – als ein Kleinbus um die Ecke biegt und die Motorengeräusche vom lauten Hundegebell im Inneren des Gefährtes übertönt werden. Uli, die Freundin von Manja. Sie konnte nicht genau sagen, ob sie es schafft, und wenn, wie viele Hunde sie mitbringt. Sie steigt aus, stellt sich vor, das Gebell im Wagen schraubt sich in ungeahnte Höhen und sagt dann: "Ich habe alle Hunde dabei". Es sind fünf! Ok, 5 Hunde plus 5 Hunde sind 10 Hunde. 10 Hunde. Jetzt nicht die Nerven verlieren. Du wolltest doch viele Hunde, Kati, also bleibe jetzt ruhig, es wird schon gut gehen, sage ich zu mir selbst, bevor ich beginne, meine heutigen Gäste zu begrüßen.

 

Dritter Akt: Gut erzogene Armleuchter

Selbstverständlich weiden Kühe rund um den Lödensee, damit habe ich gerechnet und deshalb, wie auf jeder meiner Wanderungen, im Vorfeld schon erklärt, wie man sich als Mensch – und insbesondere als Mensch mit Hund – richtig verhält. Daher klappt das mit meiner Wandergruppe sehr gut. Die Hunde haben sich schnell beruhigt und gehen fast vorbildlich an der Leine, in gebührendem Abstand zum jeweils nächsten Vierbeiner. Sie warten auch geduldig, bis ich den Zweibeinern ein bisschen was zu den drei Seen und dem umgebenden Gebirge erzählt habe. Dann bekommt jedes Mensch-Hund-Team eine Karte mit einem Bild und einer geologischen Zeiteinheit zugeteilt und ich lege am Boden ein Seil aus. Die älteste Zeiteinheit wird durch den Ammoniten dargestellt, ein 400 Millionen altes Meerestier, das viele als versteinertes Fossil kennen. Mein Vater bekommt von mir die Karte mit Asterix und Obelix, er ist Fan. Nun sollen aber auch die Hunde neben ihren Menschen jeweils ruhig auf der Zeitleiste an der ihrer Karte entsprechenden Stelle sitzen. Das klappt im hinteren Bereich super, weil die Zeitpunkte weiter auseinander liegen, während sich im vorderen Bereich die Eiszeit mit Asterix ins Gehege kommt.

 

Jetzt, wo alle gelernt haben, dass unsere Erdgeschichte eine sehr lange ist, haben sich zumindest die Hunde eine kleine Pause am azurblauen Wasser des Lödensees verdient. Nach einigen Minuten wandern wir weiter zu den nächsten Stationen. Langsam sehe ich nicht nur das kristallklare Wasser des Mittersees, sondern es kristallisiert sich auch heraus, dass es, wie so oft in Wandergruppen, zwei Fraktionen gibt. Mein Vater und Laika rennen vorne weg, dadurch auch Markus, der an Laika dranhängt. Im hintersten Bereich der Gruppe findet sich eine kleine Kaffeeklatschrunde – Uli, Manja und Petzi unterhalten sich einfach gut, die Hunde schnuppern ausgiebig und es ist sehr flauschig und gemütlich da hinten.

Die Wanderführerin, also ich, hält die Gruppe zusammen so gut es geht. Hier mal ein "Vorne dann bitte wieder etwas langsamer" und da mal ein "Mädels, jetzt mal ein bisschen schneller" klappen oft, nicht immer. Die Menschen erfahren auf weiteren Stationen einiges zu dem Material, aus dem unsere Berge hier gemacht sind, dem Kalkstein und dem Dolomit. Die Hunde dürfen in kleineren Gruppen baden und toben. Am Weitsee machen wir Mittag. Wir entzerren uns, weil ja nicht jede*r von zehn Hunden auf einem Haufen begeistert ist. Die Sonne scheint, die Brotzeit schmeckt und so treffen alle erholt und glücklich nach der Pause wieder zusammen.

 

Jetzt geht die Challenge los. Das Labyrinth-Spiel zum Beispiel soll vermitteln, dass Lebensräume (Habitate, ihr sollt ja hier im Text auch schon mal was lernen) vom Menschen durch Straßen oder Brücken zerschnitten werden und so einzelne Individuen voneinander trennen. Tja, und weil es eine Hundewanderung ist, und da auch das Miteinander zwischen Mensch und Hund geübt wird, soll der Hund jeweils mit auf die Spielmatte. Und so kommen wir wieder zurück zur Anfangsszene und den Pinschermischlingen: Dank Kaja und Cocki, beide "zu gut" erzogen, führe ich beim Labyrinth-Spiel spontan die Regel ein, dass Teams getauscht werden dürfen, um den Zeitrahmen unserer Wanderung nicht zu sprengen. Danke nochmal an Team Orange an dieser Stelle für das Verständnis und Glückwunsch zum Sieg. Im Anschluss an das aufwühlende Spiel erzähle ich noch etwas zu den sogenannten Armleuchteralgen. Diese Algenart ist im Seengebiet verbreitet und gedeiht nur unter ganz speziellen Bedingungen. Es gab sie schon lange vor der Entstehung unserer Berge – man könnte sie als lebendige Fossilien bezeichnen.

 

Viel Wissenswertes für Mensch und Hund also. Anschließend sind alle kaputt und wir gehen über einen Aussichtspunkt, der noch einmal das ganze landschaftliche Spektakel preisgibt, weiter zum Ende unserer Wanderung. Alle sind zufrieden, es war wirklich eine Traumtour!

 

Wenn ihr – egal ob mit oder ohne Hund – auch mal an einer Wanderdog-Tour teilnehmen wollt, findet ihr alle Infos und Termine unter www.wanderdog.de.