Ich erinnere mich noch sehr gut an das „Sommermärchen 2006“. In Sachen Fußball gab es da nichts zu meckern. Auch das Wetter spielte mit. Und das mit einem Paukenschlag. Der Juli ging als der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Geschichte ein. Mittlerweile werden solche Extreme jährlich überboten.
Kehrseite der sonnigen Medaille war schon damals das Abschmelzen des Permafrostes und die damit einhergehende immer extremere Steinschlaggefahr. Zum ersten Mal rückte das Thema in den Blick einer größeren Öffentlichkeit. Vor allem rund um Chamonix wurden unter anderem im berüchtigten Grand Couloir von lokalen Bürgermeistern und Präfekturen Dekrete erlassen, die das Begehen verboten. Tatsächlich kam im heißen Sommer 2006 ein Bekannter von mir am Walker Pfeiler um. Er stürzte zusammen mit einem riesigen, abbrechenden Felsen ab, an dem jahrzehntelang abgeseilt wurde.
Exakt zwanzig Jahre später hat sich im zurückliegenden Hitze-Sommer 2026 die Steinschlagdynamik extrem beschleunigt. Allein im Mont-Blanc-Massiv wurden bis zum Herbst rund 450 größere Felsstürze registriert. Ein massiver Anstieg im Vergleich zu den dreihundert Meldungen aus dem vorherigen Rekordjahr 2022. Und auch in den Kalkalpen donnerte es zum Beispiel an der Zugspitze oder an der Tofanna di Dentro gewaltig.
Gleichzeitig rechnet der Gletschermessdienst des ÖAV damit, dass 2026 als eines der verlustreichsten Gletscherjahre in die Annalen eingeht. Die damit verbundenen Abflüsse führen zusammen mit Starkregen dazu, dass Gletscherbäche zerstörerische Fluten werden. Persönlich sah ich im August, wie bei den Rofenhöfen eine ganze Brücke und Häuserteile weggerissen wurden. Auf dem Wanderweg zum Hochjochhospiz lag als Mahnmal die zerstörte Brücke über den Gletscherbach des Vernagt-Gletschers. Diese wurde mit einer neuen, provisorischen ersetzt.
Und trotz alledem fahre ich zwar nachdenklich, aber weiter mit Vorfreude in die Berge. Das hat nicht nur mit den geplanten Touren zu tun, sondern auch mit einem Begriff, den Psycholog*innen Selbstermächtigung nennen. Dabei handelt es sich um eine Handlungsstrategie, mit der sich Menschen eine Wirkmächtigkeit aneignen, die sie zuvor nicht besaßen. Den Zeitpunkt, an dem ich damit begann, mir eine Selbstermächtigung aufzubauen, kann ich genau datieren. Es war der 14. April 2000. Der Tag, an dem ich zusammen mit Dr. Richard Goedecke, Dr. Gotlind Blechschmidt und Brigitte Hannemann den Deutschen Landesverband der internationalen Umweltschutzorganisation Mountain Wilderness (MW) gründete.
In den Anfangsjahren stand bei uns das Thema Klimawandel noch nicht ganz oben auf der Agenda. Wir kämpften vor allem gegen weitere Erschließungen in den Bergen durch Klettersteige, Skilifte oder Funpark-artige Installationen, wie Skyglider oder Alpine Coaster. Wobei: Unsere ersten zwei Demos hatten den Erhalt der Außerfernbahn (hat geklappt) und eine autofreie Eng (daran muss weitergearbeitet werden) zum Thema. Bei beiden Kundgebungen ging es um die Minimierung des persönlichen CO2-Abdruckes bei der Anreise ins Gebirge. Mein daraus resultierendes Herzgefühl: Auch ich kann sowohl durch offensive Öffentlichkeitsarbeit, als auch durch die Wahl des Fortbewegungsmittels etwas für den Klimaschutz tun.
Und dieses positive Herzgefühl explodierte 2019 geradezu. Bei den Fridays for Future Demos gingen weltweit bis zu vier Millionen Menschen für eine bessere Klima-Politik auf die Straßen. Meine beiden Söhne gaben mir damals eine klare Ansage: „Wir kommen nur noch mit in die Berge, wenn wir mit Öffis anreisen!“
Nun hat sich, wie wir wissen, seit diesen „grünen Aufbruch-Jahren“ in Sachen Klima-Politik nicht alles zum Besseren entwickelt. Und die derzeitige Nachfrage in Sachen Elektroautos oder Wärmepumpen ist wohl eher teuren Ölpreisen als einer weitverbreiteten gesellschaftlichen Umweltschutzverantwortung geschuldet. Was mich dennoch zuversichtlich und glücklich macht: Die Öko-Awareness hat bei Berg- und somit Naturliebenden Menschen und Akteuren nicht nachgelassen, sondern zugenommen. Ein paar Beispiele gefällig?
Allen voran setzt sich der DAV Hauptverband mit tollen Aktionen wie „Freie Nacht fürs Klima“ für den Klimaschutz ein. Sehr viele Sektionen reduzieren ihren CO2-Abdruck durch Gemeinschaftsfahrten und/oder haben Klimaschutzbeauftragte.
So gut wie alle Magazine, für die ich schreibe, setzen auf Tourenempfehlungen, die man gut mit Öffis erreichen kann; bei den Info-Kästen wird die Anreise mit Bus und Bahn in den Vordergrund gestellt. DAV Panorama stellt die aktualisierten Netzpläne von Michael Vitzthum immer wieder vor.
Befreundete Organisationen wie Bahn zum Berg (BzB) oder Protect our Winters (POW) mit ihrer tollen Kampagne Zustieg erreichen viele, viele junge Menschen.
Prominente Alpinist*innen (wie z.B. Stefan Glowazc) bemühen sich, ihre Expeditionen by fair means durchzuführen. Oder unterstützen Bergschutzorganisationen wie Mountain Wilderness Deutschland (wie z.B. Alexander Huber).
Last but not least treffen wir bei unseren Aktionen auf viel Zustimmung. Bei diversen Demos für den Gletscherschutz und gegen die Erschließung durch neue Liftanlagen kam von den meisten Skitourist*innen dieses Feedback: „Die Gletscher sollen nicht weiter bebaut werden. Auch weil die Skipässe dann endgültig unbezahlbar werden.“
Zugegeben. All das lässt Gletscher jetzt nicht langsamer schmelzen oder Permafrost sofort wieder gefrieren. Wir brauchen also noch einen weiteren Grund, warum ich nicht verzweifle. Und dieser heißt Anpassungsvermögen. Im Gegensatz zu Tier- und vor allem Pflanzenarten, deren Anpassungsmöglichkeiten in Bezug auf ihren Lebensraum spätestens auf Gipfelniveau endet, können wir Bergsportler*innen unsere Aktivitäten und Tourenziele den jeweiligen Bedingungen kurzfristig anpassen.
So unternehme ich Gletscherhochtouren meist nicht mehr im August, sondern bereits im Juni sobald die hochgelegenen Hütten öffnen.
Gipfel wie das Zuckerhütl, um das man wegen der Steinschlaggefahr im Sommer einen weiten Bogen machen sollte, unternehme ich als Skihochtour. Wie gerade erst vergangenen April.
Problematische Übergänge bei mehrtägigen Hüttenwanderungen kann ich meist umgehen, wobei die Vorabinformation durch Hüttenwirtsleute oder bei den „Hinweisen und Sperrungen“ auf alpenvereinaktiv.com mir eine unerlässliche Hilfe ist.
Als sich die Steinschlag-Berichte am Alpenhauptkamm diesen Sommer massiv häuften, verschoben wir eine geplante Tour in den Ötztaler Alpen einfach nach Osten … was eine unerwartet grandiose Durchquerung des Tennen-Gebirges zur Folge hatte.
Für mich fühlen sich solche wohlüberlegten Strategiewechsel wie eine alpinistische Selbstermächtigung in Zeiten des Klimawandels an.
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Weiterentwickeln statt Weitermachen
Der Rückblick auf die Schlagzeilen des Sommers 2025 verfestigt den Eindruck, dass die Berge immer mehr in Bewegung geraten. Wo müssen wir also umdenken und uns anpassen?
Und dann gibt es noch meine generelle Zuversicht. Im Gegensatz zum blinden Optimismus, der Risiken oft ausblendet, erkennt die Zuversicht Schwierigkeiten und Rückschläge an. Sie ermöglicht es trotzdem, handlungsfähig zu bleiben.
Und diese Zuversicht speist sich auch daraus: Ich bin mir sicher, dass Menschen, die den Klimawandel leugnen, nur in rechtsgerichteten Parteien in der Überzahl sind. Die ganz große Mehrheit der Gesellschaft ist sich der Bedrohung durch den Klimawandel bewusst und verleugnet auch nicht den menschengemachten Anteil daran.
Und viele dieser vernünftigen Menschen engagieren sich bei DAV, JDAV, BN, BzB, POW, MW, LBV, etc. und/oder fahren so oft es geht mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge.
Selbst in Tirol hat ein Umdenken eingesetzt. So haben mittlerweile mehr als 114.000 Menschen die Petition gegen die weitere Verbauung von Tirols Gletschern unterzeichnet. Und es sieht derzeit eher danach aus, dass die Neuerschließungen am Mittelbergferner und am Gepatschferner abgewendet werden können. Wir von Mountain Wilderness Deutschland haben seit 2004 bereits viermal am Pitztaler und zweimal am Kaunertaler Gletscherskigebiet demonstriert.
Auch wenn wir die Zeit nicht für alle Folgen der Klimakrise zurückdrehen können, macht mich ein Aspekt glücklich. Mit solchen öffentlichkeitswirksamen Aktionen tragen wir dazu bei, dass die Eisriesen wenigstens in Würde vor sich hinschmelzen dürfen.