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Zusammenhang von Alpenflora und Gletschern

18.03.2021, 22:39 Uhr

Man sollte meinen, dass der Gletscherschwund wenigstens für Pflanzen auch positive Auswirkungen hat, wird doch mehr Raum für sie geschaffen. Doch ganz im Gegenteil: Mit den Gletschern schrumpft auch der Lebensraum vieler alpentypischer Pflanzen, wie eine aktuelle Studie belegt.

Zunächst bewirkt der Rückgang der Gletscher tatsächlich genau das, was man erwartet: die Biodiversität nimmt zu. Auch kann eine verzögerte Anpassung in manchen Fällen dazu führen, dass sich Arten an neue Klimabedingungen gewöhnen und nicht oder "nur" lokal aussterben und andere Lebensräume besiedeln können. Problem ist nur, dass der Gletscherschwund und damit einhergehende ökologische Veränderungen viel zu schnell voranschreiten, als dass die Flora sich längerfristig tauglich anpassen könnte.

 

Über 25 der untersuchten Pflanzenarten vom Aussterben bedroht

Ergebnis der Studie „The Consequences of Glacier Retreat Are Uneven Between Plant Species“ ist, dass rund 22 Prozent der 117 untersuchten Pflanzenarten mit dem Verschwinden der Gletscher lokal oder ganz aussterben werden. Studienkoordinator Gianalberto Losapio erklärt das Problem der anfänglichen Zu- und folgenden Abnahme der Artenvielfalt wie folgt: „Problematisch wird es, wenn sich die Gletscher immer weiter zurückziehen, weil die Pflanzen diese Verfolgungsjagd nicht unendlich mitmachen können.“ Hinzu kommt eine zunehmende Konkurrenz: „Sobald der Gletscher verschwindet, verdrängen aggressivere Arten die Pionierpflanzen.“ Das und die verlorenen Lebensräume am Fuße der Gletscher verursachen vermutlich diesen Biodiversitätsverlust. Besonders gefährdet sind Pflanzen wie die Ährige Edelraute, der Gletscher-Hahnenfuß oder einige Steinbrech-Arten.

 

„The Consequences of Glacier Retreat Are Uneven Between Plant Species“ untersuchte in vier Gletschergebieten der italienischen Alpen die jeweilige Verbreitung von 117 Pflanzenarten unterhalb der Gletscher in den letzten 5000 Jahren. Die Studie entstand unter Beteiligung der Universität Insubria, der Universität Mailand und des Museum of Science in Trento und wurde im Januar 2021 im Fachjournal Frontiers in Ecology and Evolution veröffentlicht.

 

Direkte Effekte auf die Alpenflora

Doch nicht nur der Klimawandel setzt den Alpenpflanzen zu. Eine Studie der Universität Wien und der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL warnte 2019 vor direkten Effekten wie dem Eintrag von Stickstoff aus Fabriken, intensiver Landwirtschaft oder dem Autoverkehr. Gerade Bergpflanzen kommen mit Stickstoff eher schlecht zurecht, so Ökologin Sabine Rumpf im Rahmen der Studie. Ihr Kollege Stefan Dullinger beschreibt hier auch das Problem der verzögerten Anpassung und dessen Auswirkungen: "Verzögerte Anpassung bedeutet, dass wir auf der Basis heutiger Beobachtungen dazu tendieren, das volle Ausmaß der Konsequenzen des Klimawandels zu unterschätzen. Problematisch ist das besonders dort, wo Populationen aufgrund der heutigen klimatischen Bedingungen erst in der Zukunft, vielleicht erst in Jahrzehnten aussterben werden.“

 

Geschützte Alpenpflanzen

Alpenrose, Edelweiß, Enzian & Co.

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In den Alpen leben (neben schätzungsweise 30.000 Tierarten auch) 2.500 verschiedene Pflanzenarten, oft in unwirtlichsten Umgebungen. – Die Gebirgsregion ist damit eines der besonders wichtigsten Reservoirs, wenn es um biologische Vielfalt in Europa geht.

Gletscherrückgang und tauender Permafrost

Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen

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Gletscher reagieren unmittelbar auf Veränderungen von Niederschlagsmustern sowie Temperatur. Sie sind deshalb wichtige Klimazeiger. Seit dem Ende der kleinen Eiszeit um 1850 sind gravierende Veränderungen zu beobachten: 

Was blüht (uns) da noch?

Artenvielfalt im Alpenraum

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Ein großer Teil der Weltbevölkerung profitiert von den Ressourcen der Bergregionen. Denn alpine Ökosysteme liefern wichtige Ökosystemdienstleistungen und sind Hotspots der Artenvielfalt. Zugleich reagieren Ökosysteme sehr empfindlich auf Veränderungen des Klimas. Der Druck auf die Tier- und Pflanzenarten im Alpenraum ist besonders hoch, da sich alpine Regionen im globalen Vergleich schneller und stärker erwärmen.  Sowohl für Tier- als auch für Pflanzenarten gilt: Anpassungsfähige Arten (Generalisten) können vom Klimawandel profitieren, während hochspezialisierte Arten (Spezialisten) verstärkt unter Druck geraten.