logo-dav-116x55px

Steinschlaggefahr: Stein ist nicht gleich Stein

Studie des Schweizer Instituts SLF

23.09.2021, 17:00 Uhr

Forscher*innen des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF und der ETH Zürich haben durch Experimente festgestellt, dass die Form des Steines bei Steinschlägen eine große Rolle spielt. Denn sie bestimmt die Flugbahn und auch die Kraft, mit der ein Felsbrocken aufprallt.

Die Gefahr von Steinschlägen wird in Zukunft steigen, so lautet die Prognose. Denn mit dem Klimawandel taut der Permafrost und damit schmilzt der „Klebstoff“, der den Fels zusammenhält. Die Erforschung von Steinschlägen muss also intensiviert werden, um Gefahren besser einschätzen und sich vor ihnen wirksamer schützen zu können. Inwiefern Masse, Größe und Form eines Steines dessen Bewegung beeinflussen, wusste bislang noch niemand.

 

Wichtige Erkenntnisse für den Schutz vor Steinlawinen

Die Forscher*innen von SLF und ETH Zürich konnten nun durch Experimente wichtige Erkenntnisse gewinnen. Sie ließen 183 Betonblöcke, bis zu 2670 Kilogramm schwer und mit Sensoren bestückt, über Berghänge in der Nähe des Flüelapass (Graubünden) hinab rollen. Dabei erreichten die künstlichen Felsbrocken Geschwindigkeiten von bis zu 109 Kilometer pro Stunde. Sie verglichen verschiedene Formen und Gewichte, rekonstruierten die Flugbahnen und den jeweiligen Aufprall.

 

Was die Daten zeigen: Die Form eines Steines entscheidet darüber, in welche Richtung er den Hang heruntersaust. Radähnliche Steine wechseln eher ihre Richtung. Während würfelförmige Brocken auf direktem Wege hinunterdonnern, rollen radförmige häufig zur Seite. Deshalb können sie in einem viel breiteren Bereich aufschlagen und Wälder, Wege, Häuser, Straßen und sonstige Bauten zerstören.

 

„Das muss bei der Einschätzung von Gefahrenzonen berücksichtigt werden, aber auch bei der Platzierung und Dimensionierung von Steinschlagnetzen“, betont der SLF-Forscher Andrin Caviezel. Denn bei radähnlichen Felsbrocken konzentriert sich die Energie auf eine kleinere Fläche und der Aufprall ist umso heftiger. Mit den Messdaten können nun Berechnungsprogramme weiterentwickelt und Schutzmaßnahmen besser geplant werden.

 

Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Nature Communications publiziert.

 

Gletscher schmelzen, Permafrost taut

Was die Klimaerwärmung in den Alpen anrichtet

Mehr erfahren
Der vom Menschen verursachte Klimawandel wirkt sich bereits auf viele Wetter- und Klimaextreme in allen Regionen der Welt aus – so lautet ein Ergebnis des kürzlich erschienenen ersten Teils des sechsten IPCC-Sachstandsberichts. Die Alpen sind besonders betroffen! Der DAV-Naturschutzexperte Tobias Hipp stellt anschaulich dar, was die Klimaerwärmung in den Alpen anrichtet, und erläutert, welche Folgen das hat: Vegetationszonen verschieben sich, Gletscher schmelzen, Permafrost taut. Die Konsequenzen: Steinschlag, Bergstürze oder auch Überschwemmungen und langfristig Wassermangel wegen ausbleibenden Schmelzwassers.

Heißes Terrain: Permafrost & Bergsteigen

Aufstieg zum Mont Blanc: 37 Steinschläge pro Tag

Mehr erfahren
Eine Studie von 2020 zum Normalweg auf den Mont Blanc, zeigt: Jeden Sommer kommt es im Schnitt zu 15 schweren Unfällen, wovon vier tödlich ausgehen. Was diese Hochtour zu einer der gefährlichsten im Alpenraum macht? Steigende Boden- und Felstemperaturen im Permafrost.

Alpiner Permafrost

Klimazeiger und stabilisierendes Element in den Alpen

Mehr erfahren
Permafrost ist ein wichtiges Element der Cryosphäre in den Alpen, jedoch bleibt er im Vergleich zu den Gletschern unsichtbar. Nur Blockgletscher sind eindeutig erkennbare Landschaftsformen des Permafrosts. Die Bedeutung von Permafrost kann nicht hoch genug eingestuft werden: er ist ein sensibler Klimazeiger und erfüllt eine bedeutende Rolle in Sachen Hangstabilität, Hydrologie und Naturgefahren. Die Erwärmung des Permafrost macht mittlerweile auch uns Alpenbewohnern und -besuchern zu schaffen: alpine Schutzhütten, die auf Permafrost gebaut sind, beginnen zu sacken; früher sichere Übergänge und Normalrouten sind zunehmend steinschlaggefährdet.