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In Tirol droht Erschließungswelle

22.11.2018, 09:12 Uhr

Eine wegweisende Entscheidung für den Naturschutz und die touristische Entwicklung steht an: Anfang Dezember wird in Tirol über die Neuauflage des Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramms entschieden. Sollte die vorgeschlagene Fassung beschlossen werden, könnten viele fast vergessene Erschließungsprojekte Realität werden.

Neue Definitionen - mehr Raum für Erschließungen

Was bei uns in Bayern der Alpenplan ist, ist in Tirol das Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramm (TSSP). Das Gesetz ist Teil des Raumordnungsprogramms: hier sind für jedes Skigebiet dessen Skigebietsgrenzen festgelegt. Das TSSP regelt welche Skierschließungen außerhalb dieser definierten Grenzen rechtens sind und welche Räume, Täler oder Geländekammern erschlossen werden dürfen. Dabei hängt alles an den Definitionen, denn Neuerschließungen sind per se in Tirol tatsächlich veboten, Erweiterungen oder Zusammenschlüsse ggf. erlaubt. Was aber fällt unter die Kategorie Erweiterung und was ist ein Zusammenschluss?

Genau diese Definitionen würden in der Neuauflage des Gesetzes Anfang Dezember so gelockert werden, dass in Tirol eine Vielzahl an neuen bzw. schon fast vergessenen Erschließungen wieder möglich würden.

 

Neuerschließungen als Zusammenschlüsse getarnt

Das "neue" TSSP 2018 ist ein Geschenk an die Skigebietsbetreiber, denn Skigebiete würden es in Zukunft deutlich leichter haben sich zusammenzuschließen oder eine Verbindungsgondel ins Tal zu bauen.

 

Anbindung ohne Talabfahrt 

Wenn die Talstation in "räumlicher Nähe" zu den Orten Imst, Innsbruck, Lienz, Kitzbühel, Kufstein, Schwaz und Wörgl gebaut wird, dürften Skigebiete in Zukunft Anbindungen ins Tal ohne Talabfahrt bauen. 

 

Zusammenschluss bei geographischer Nähe

"Als Erweiterung [...] gilt der Zusammenschluss bestehender Skigebiete. Zusammenschlüsse sind nur unter der Voraussetzung zulässig, dass es sich um geographisch aneinander nahe liegende Gebiete handelt [...]".

Die Kernfrage ist aber dann: wann ist eine geographische Nähe von Skigebieten gegeben? Hier die Definition dazu:  "Geographische Nähe ist gegeben, wenn ein Tal und/oder Rücken und/oder bis zu zwei Gebirgskämme beansprucht werden". 

Nutzt man diese weitgreifende Definition voll aus, befinden sich diese "nahe aneinander gelegenen" Skigebiete in ganz anderen Tälern und Regionen. Das Erschließungspotential wäre riesig!

 

 

 

 

 

Beispiel: Schwaz - Hintertux

TSSP 2018 macht's möglich: Durch die Novelle wäre theoretisch eine ski- und seilbahntechnische Erschließung von Schwaz oder Weer im Inntal via Spieljoch, Hochfügen, Kaltenbach und Mayrhofen bis hinter zum Hintertuxer Gletscher möglich. Diese Erschließung könnte sogar das Skitourengebiet der Weidener Hütte direkt (Liftanlagen in der Geländekammer) oder indirekt (direkte Zugänglichkeit für Freerider) gefährden.

Die Karte vom Österreichischen Alpenverein zeigt für ganz Tirol auf, welche Räume in Zukunft für die Skigebietsbetreiber als Erweiterungsflächen in Frage kommen könnten.

 

Großprojekte werden wieder aus der Schublade gezogen

Diese Neudefinitionen rufen alte, fast schon vergessene Vorhaben wieder auf den Plan. Aktuell sind diese Vorhaben gesetzlich noch nicht umsetzbar und warten auf die Abänderung des TSSP. Auch die Tiroler Landesregierung bereitet scheinbar den Weg für mehr Lifte und Skigebietsflächen in Tirol. Laut dem „Regierungsprogramm für Tirol 2018 – 2023“ werden folgende Erschließungen bei vorliegender rechtskräftiger Genehmigung umzusetzen sein:

 

  • Zubringerbahn Hochzeiger von der Pitztalstraße
  • Zubringerbahn Neustift im Stubaital – Schlick2000
  • Verbindung Hochoetz – Kühtai mit Schafjochbahn (mit Pistenfläche)
  • Verbindung Pill/Weerberg im Inntal mit Hochfügen und Tux (mit Pistenfläche)
  • Verbindung Silian-Helm / Sexten

Der Zusammenschluss Hochötz - Kühtai über den Pirchkogel bedroht die Feldringer Böden: ein weitgehend naturbelassenes und ökologisch sensibles Hochplateau westlich des Pirchkogel auf 2.000 m Seehöhe, zudem ein sehr beliebtes Skitourengebiet.

Schon deutlich weiter im Genehmigungsverfahren sind:

 

 

Akzeptanz für Erschließungen sinkt!

Die Diskussionen um das Riedberger Horn und die Kehrtwende in der Bayerischen Umweltpolitik zeigen es auf: die Akzeptanz für weitere technische Erschließungen und den weiteren Verlust naturbelassener Räume sinken! Daher sah sich die Bayerische Landesregierung aufgrund des hohen Drucks der Bevölkerung und Bürgerinitiativen am Riedberger Horn gezwungen ihren Kurs radikal zu ändern und dem Projekt eine Absage zu erteilen. Auch die Änderung der wichtigen Schutzzone C des Alpenplans um eine Verbindungsbahn zwischen Grasgehren und Balderschwang zu realisieren, soll nun laut Koalitionsvertrag wieder rückgängig gemacht werden.

Dies scheint nicht nur ein Bayerischer Trend zu sein: Auch in Tirol treffen die Vorhaben zunehmend auf Kopfschütteln, Ablehnung, Bürgerinitiativen und Petitionen. Aktuell laufen mehrere Petitionen gegen die geplante Änderung des TSSP und anstehende Vorhaben.

Wir rufen zur Unterzeichnung auf:

 

Appell der Alpenvereine: Unerschlossene Räume bewahren!

Der Deutsche und Österreichische Alpenverein setzen sich dezidiert für einen Stopp von weiteren Skigebietserweiterungen außerhalb bereits erschlossener Gebiete ein. Der weitere Verlust von ökologisch wertvollen Flächen und der Verlust des hochwertigen alpinen Landschaftsbildes gefährdet die Chance auf eine nachhaltige Entwicklung im Alpenraum.

 

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