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DAV-Stellungnahme zum Alpenplan

Am Donnerstag, 22. Juni 2017 fand im Umweltausschuss des Bayerischen Landtags eine öffentliche Expertenanhörung zur geplanten Skischaukel am Riedberger Horn statt. Es steht aber der gesamte Alpenplan auf dem Spiel. DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher brachte das in seiner Stellungnahme treffend auf den Punkt: „Der Alpenplan ist eben mehr als nur „Raumordnung“ […] Er schützt nicht nur das Funktionale, das das Überleben sichert, sondern gerade auch das Ästhetische, das das Leben bereichert.“ Die vollständige Rede ist hier zu lesen:

 

"Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
vielen Dank für die Möglichkeit, einige Positionen des Deutschen Alpenvereins zum Alpenplan [1] im Rahmen dieser Anhörung ausführen zu können. Die schriftliche Stellungnahme des DAV liegt Ihnen vor. Darin haben wir ausführlich Ihre Fragen beantwortet, so dass ich an dieser Stelle nicht mehr im Einzelnen darauf eingehen werde. Ich werde mich in meinem Wortbeitrag auf einen Aspekt des Alpenplans konzentrieren, in dem wir vom Alpenverein nun tatsächlich eine Expertise haben - die Schönheit und Faszination der Bergwelt. Dieser Aspekt des Naturschutzes wird zwar immer wieder genannt, aber nicht so prominent herausgestellt, so wie er es eigentlich verdient hätte, gerade wenn man sich die Geschichte und die Idee des Alpenplans genauer anschaut. Und wir alle haben es auch verlernt, über die Schönheit der Bergwelt zu reden – neben der Verwissenschaftlichung und Verrechtlichung des Naturschutzes mit ihrer präzisen Begrifflichkeit hat es das ästhetische Vokabular schwer.
 

Ich will deshalb etwas Gewicht in diesen Aspekt des Naturschutzes bringen, der im Bayerischen Naturschutzgesetz so elegant formuliert ist. Da heißt es im Artikel 2, „Alpenschutz“: „Die bayerischen Alpen sind mit ihrer natürlichen Vielfalt an wild lebenden Tier- und Pflanzenarten einschließlich ihrer Lebensräume als Landschaft von einzigartiger Schönheit in ihren Naturräumen von herausragender Bedeutung zu erhalten.“ Diese Feier der „einzigartigen Schönheit“ des alpinen Naturraums im Naturschutzrecht ist Ausdruck einer modernen Kultur, die sich der Schönheit der Bergwelt überaus bewusst ist. Da hat sich der Gesetzgeber wirklich einmal über seine trockene Materie erhoben. Die Georg-Büchner-Preisträgerin und Naturliebhaberin Brigitte Kronauer hat es in einem ihrer Buchtitel auf den Punkt gebracht: Unser „Verlangen nach Musik und Gebirge“ – darum geht es. Das ist ein Nietzsche-Zitat.
 

Es gibt der ästhetischen Erfahrung der Bergwelt Gewicht, denn es assoziiert Gebirge mit Musik - und damit mit Kunsterfahrung. Und tatsächlich haben berühmte Komponisten zum Komponieren die Berge aufgesucht: Brahms, Mahler – Richard Strauss hat mit der Alpensinfonie die Besteigung eines Berges in musikalische Szenen gesetzt. Und, um in die Gegenwart zu kommen: Deutschlands prominentester lebender Maler Gerhard Richter hat in den sechziger Jahren einen grandiosen Alpenzyklus gemalt, der Schriftsteller Christoph Ransmayr durchstreifte mit Reinhold Messner die Gebirge der Welt. Und der Dirigent Kent Nagano, lange Jahre Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und als gebürtiger Kalifornier kühner Wellenreiter wurde einmal in einem Interview gefragt, ob ihm da München nicht zu langweilig sei. Seine Antwort war: „… ich war sofort überwältigt von den Alpen. Es machte keinen Unterschied mehr: das Meer oder die Berge. Ich sagte zu mir: Das ist für mich wild genug.“ Der Alpenplan ist vor diesem Hintergrund entstanden: Der Schönheit der Alpen.
 

Immer wieder rekurriert Dr. Helmut Karl, Initiator des Alpenplans, in seinen Entwürfen in den Jahrbüchern des Vereins zum Schutz der Bergwelt 1968 und des Deutschen Alpenvereins 1969 auf die „Landschaft und ihre Schätze“, die in „ihrer hervorragenden Schönheit“ erhalten werden müssen. Und die CSU, die Partei, die laut Herbert Riehl-Heyse das „schöne Bayern erfunden hat“ [2], hatte 1972 die politische Kraft, mit dem Alpenplan dieser „einzigartigen Schönheit“ Raum zu geben. Der Alpenplan ist eben mehr als nur „Raumordnung“ – er spiegelt auch eine Ordnung der Gewichtung in unserer Kultur wider. Er schützt nicht nur das Funktionale, das das Überleben sichert, sondern gerade auch das Ästhetische, das das Leben bereichert. So, wie wir unsere Museen, Konzerthallen und Orchester schätzen, so schätzen wir auch unsere Naturräume. Nicht nur wegen der „Erholung“ – niemand geht ins Museum, nur um sich zu erholen. Und ebenso ist es im Gebirge: Es geht nicht nur um Erholung, es geht darum, den Alltag zu transzendieren, zu überschreiten, ihm ein Licht aufzusetzen. Insofern ist der „Erholungsraum Alpen“ des Alpenplans auch ein „Bereicherungsraum“ – ganz ohne Heller und Pfennig. Das ist ja das phantastische, dass er ein im Kern geldfreier Raum ist.
 

Und damit komme ich zu einem anderen zentralen Motiv des Alpenplans, den „örtlichen Interessen“. Helmut Karl ist hier eindeutig: „Um mehr Fremdenverkehr anzulocken und die Einnahmen der Gemeinden zu steigern, lassen sich
manche Bürgermeister dazu verleiten, auf jeden benachbarten Gipfel eine Bergbahn unter Schändung der Landschaft zu bauen, so daß immer mehr vormals einsame Berghöhen durch die Bergbahnen zu Rummelplätzen werden.“ [3]. Helmut Karl wusste also um diese Interessen von Ansässigen, die oft nur die lauten Interessen von Interessensgruppen sind. Der Alpenplan sollte sie in einem übergeordneten Konzept einhegen und zusammenführen:
„Eine … hauptsächlich von örtlichen Interessen bestimmte Entwicklung, wie sie bisher für den alpinen Raum kennzeichnend war, wird man sich in Zukunft, sollen der Naturhaushalt und das Kapital „Landschaft“ nicht ständig in gefährlicher Weise weiterbelastet werden, einfach nicht mehr leisten können.“ [4]. Das war die dezidierte Absicht des Alpenplans, auch der Politik 1972.

 

Im Jahr 2016 hat die Politik andere Präferenzen. Das ist auch eine Folge einer Neuorientierung des​ modernen Politikverständnisses wie es z.B. der französische Historiker und Politikwissenschaftler Pierre Rosanvallon in seinem Buch aus dem Jahr 2010 „Demokratische Legitimität: Unparteilichkeit - Reflexivität – Nähe“ beschreibt. So lässt sich die Begründung für das Bürgerbegehren in Obermaiselstein und Balderschwang mit folgenden Worten zusammenfassen – wir alle können uns an solche oder ähnliche Statements erinnern: „Wir müssen nun einmal akzeptieren, dass die Zukunft des Freistaats Bayern nicht nur in den Ballungsräumen und Städten liegt, sondern dass auch die ländlichen Räume ein Recht haben, sich zu entwickeln, so wie es die Menschen vor Ort wollen. Dazu zählt eben in dieser Region, dass auch das touristische Potenzial gehoben werden soll. Wenn nun die Menschen vor Ort dieses touristische Potenzial in den bayerischen Alpen heben wollen, dann helfen wir als Staatsregierung gerne mit.“ [5] Diese Politik verändert den Blick auf die Berge. Das örtliche Wirtschaftsinteresse geht vor – und die Ökonomie muss sich vom Naturschutz emanzipieren. Naturschutz, der zum Überleben wichtig ist, mag noch angehen, aber die Schönheit der Landschaft, das ist aus dieser Sicht ein „nice-to-have“, aber nicht mehr. Aber die Schönheit der Landschaft ist nicht etwas, das sich ändert wie die Formen der Automodelle oder die Frisuren der Fußballprofis.

 

Die „Schönheit der Landschaft“ kam eben nicht beiläufig - wegen eines modischen Gustos - in den Artikel 1 des Bundesnaturschutzgesetzes - hier heißt es: „Natur und Landschaft sind … so zu schützen, dass 3. die Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert von Natur und Landschaft auf Dauer gesichert sind.“ Wenn dem Naturschutz, sofern es um die Landschaft geht, keine besonderen Werte mehr zugestanden werden, dann fehlt das Verständnis dafür, dass der Alpenplan und die Naturschutzverbände gerade jenes schützen, das das eigentliche und das wertvollste „Kapital“ der alpinen Kommunen darstellt. Ein Kapital, dass die Moden überleben wird. Denn die rein tagesaktuelle touristische Rechnung geht langfristig nicht auf. Ja, es stimmt, es sind die Bürger der Ballungsräume und der Städte – aber nicht nur diese, sondern auch Allgäuer, Oberländer und Berchtesgadener, die mit im Spiel sind. Und viele von denen haben ein anderes „Verlangen nach Musik und Gebirge“, als es die Ischgler, die Söldener und andere Hochburgen des knallharten Tourismus den Balderschwangern vorexerzieren. Was sich an diesen Orten trifft, ist schon eine Selektion.
 

Der Alpenplan war und ist die Chance, mit Kontinuitäten statt Moden in der Wertschätzung des Naturraums Alpen einen nachhaltigen Tourismus aufzubauen.
 

In Zeiten des aufkommenden Klimawandels wird es für so niedrig gelegene Orte wie Obermaiselstein und Balderschwang ohnehin bald keine andere Chance mehr geben. So schnell kann es nämlich gehen. Gestern noch die Lösung, heute im Abseits: Der Diesel war einmal eine – vorübergehende – Antwort auf den Klimawandel. Nun ist er out. Den Schneekanonen zum Zurückkaufen der verflossenen Winter wird es nicht anders gehen.

 

Der Alpenplan ist eines der wichtigsten Instrumente im Werkzeugkoffer der Landesentwicklung. Die Schönheit der Bergwelt steckt in ihm drin. Damit ist er mehr als eine funktionale Raumordnung – er ordnet zudem kulturelle Präferenzen einer modernen Gesellschaft im und mit dem Raum. Dies ist ihm auf einfache Weise schier genial gelungen. Daran gibt es nichts zu deuteln und zu ändern.