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Der Alpenplan: Das stärkste Stück bayern

19.04.2022, 15:47 Uhr

Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden! Zum Glück gibt des den Alpenplan schon seit fünfzig Jahren. Warum die Euphorie? Weil die anderen Alpenanrainer-Staaten uns darum beneiden. Hubert Job blickt zurück und schaut nach vorn.

Wichtiges Instrument zum Schutz der Bayerischen Alpen 

Mit dem Alpenplan hat sich die bayerische Landesplanung verpflichtet, landschaftlich sensible Freiflächen von Infrastruktur freizuhalten.  Auslöser dafür war der in den 1960er Jahren zu beobachtende, nicht zuletzt vom Deutschen Alpenverein kritisierte Boom der Bergbahnen. Als Reaktion darauf legte Dr. Helmut Karl von der Landesstelle für Naturschutz einen Planentwurf vor. Dieser unterschied drei Zonen – gemäß dem Grad der Erschließung, landschaftsökologischen Kriterien und den Naturgefahren. Darauf aufbauend trat der Alpenplan als Teil des ersten Bayerischen Landesentwicklungsprogramms im Herbst 1972 in Kraft.

 

Das wichtige Instrument zum Schutz der Bayerischen Alpen reguliert deren Erschließung mit Verkehrsvorhaben wie Liften und Seilbahnen, Skipisten und Rodelbahnen, öffentlichen und privaten Straßen, Wegen oder Flugplätzen. Und schafft somit eine grundsätzliche Lösung, die nicht von Einzelfallentscheidungen abhängig ist, und die Ansprüche der Landnutzung ebenso wie die der Erholungsuchenden, der Tourismuswirtschaft und des Naturschutzes berücksichtigt.

 

Die Alpen in Zonen

 Die flächendeckende Zonierung umfasst 4393 Quadratkilometer in 101 bayerischen Alpengemeinden:

  • Zone A „Erschließungszone“, 35 %: alle Siedlungen und die intensiven Landnutzungen der Täler – Vorhaben sind in der Regel zulässig
  • Zone B „Pufferzone“, 22 %: Vorhaben werden erst nach eingehender Prüfung zugelassen
  • Zone C „Ruhezone“, 43 %: als Schutzzone konzipiert, alle Vorhaben, außer notwendigen landeskulturellen Maßnahmen (z.B. Forst- und Almwege) sind unzulässig. Nur eine landschaftsbezogene, nicht motorisierte Erholungsnutzung ist erlaubt.

Damit hat der Plan erheblichen Einfluss auf den alpinen Naturschutz, denn die Ruhezone C umfasst etwa 10 Prozent mehr Fläche als alle streng geschützten Gebiete zusammen (1694 km²). Darüber hinaus bietet sie einen zusätzlichen Flächenanteil von knapp über 15 Prozent an Freiräumen, die nur durch die Lage in der Zone C geschützt sind. Der Alpenplan zielt darauf ab, die touristisch  Erschließung zu regulieren. Genau das hat er erreicht, ohne den für Bayern wichtigen Wirtschaftsfaktor Tourismus einzuschränken. Seine Steuerungswirkung ist anhand von 19 nicht realisierten skitouristischen Erschließungsprojekten dokumentiert. Zwölf dieser Projekte betrafen bislang unerschlossene Berggipfel wie die Rotwand oder Bergmassive wie den Watzmann; beide sind bis heute frei von jeglicher mechanischer Aufstiegshilfe geblieben. Am prominentesten ist wohl das Riedberger Horn und die immer wieder aufflackernden Diskussionen um einen Skizirkus-Ausbau – zuletzt 2016. Deswegen wurde der Alpenplan sogar kurzfristig aufgeweicht, bald darauf aber wieder in Kraft gesetzt.

 

Klimawandel: Ausweitung der Schutzzone nötig

Der Alpenplan muss sich für die nächsten 50 Jahre unbedingt rüsten, seine Zone C muss wachsen. Denn der Klimawandel wirkt sich in den Alpen besonders stark aus und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Naturgefahren. Dies hängt mit der schnelleren Schneeschmelze, länger anhaltenden Niederschlägen und zunehmenden Starkregenereignissen zusammen. Innerhalb der Alpenplanfläche gibt es als Gefährdungsbereiche für „tiefreichende Rutschungen“ ausgewiesene Gebiete mit einer Fläche von 85 Quadratkilometern in Zone A und 106 Quadratkilometern in Zone B. 


Wenn die am Rand anschließenden, als „rutschanfällig“ gekennzeichneten Gefährdungsbereiche hinzugenommen werden, erhöht sich die Kulisse um weitere 99 Quadratkilometer. Diese Flächen sind nach der so genannten Waldfunktionsplanung zu knapp 57 Prozent mit Boden- und Lawinenschutzwäldern bedeckt und müssen ungenutzt bleiben, um gegenüber Naturgefahren künftig besser gewappnet zu sein.

 

Bislang umfasst die Schutzzone C vor allem die höchsten Lagen der Bayerischen Alpen. Häufig sind es jedoch aus geologischer Sicht gerade die sanfteren Flysch-Zonen im Übergang der Alpen zum nördlichen Alpenvorland wie die Nagelfluhkette im Allgäu, die anfällig für Rutschungen sind – mit möglichen gefährlichen Folgen für Siedlungsgebiete und Infrastruktur. Sie sollten daher dringend der Zone C
zugewiesen werden. Damit würde die Ruhezone des Alpenplans flächenmäßig um etwa 16 Prozent größer, was dem Klima- und Naturschutz und uns Bergbegeisterten gleichermaßen diente.

 

Über den Autor

Univ.-Prof. Dr. Hubert Job ist in der „Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft“ für das „AlpPlanNetwork“ verantwortlich.
arl-international.com/activities/alpplan-network