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Vom Rhein an den Lech: Skitourenrunde mit und ohne Bahn

Von Feldkirch in Vorarlberg nach Füssen ins Allgäu führt die sechstägige Skidurchquerung. Bahnen dienen dabei nicht nur zur An- und Abreise. Sie kürzen auf Tour einige allzu lange Anstiege ab – dafür kommen ordentlich Abfahrtshöhenmeter zusammen.

Kaltstart aus dem Winterraum

Es fällt schwer, aus den Betten zu kommen. Selbst mit vier Decken war es nicht warm in der Nacht. Die Gemütlichkeit des Vorabends stellt sich nicht ein, der gut eingerichtete Winterraum des Freschenhauses wird an diesem Januarmorgen so schnell nicht warm. Der Kinderbrei zum Frühstück schmeckt trotzdem und gibt Kraft, die wir brauchen werden.

 

Wir sind unterwegs vom Rhein an den Lech, von Feldkirch nach Füssen. Am Vortag hatten wir drei uns auf dem Bahnhof in Lindau getroffen, alle pünktlich, entspannt und erwartungsvoll. Es liegen viele Höhenmeter vor uns, für die Anstiege werden wir häufig Seilbahnen benutzen. Bei den Abfahrten fahren wir die nächste Talstation oder eine Bushaltestelle an. Der Bus bringt uns vom Rheintal hoch nach Laterns, die Sesselbahn auf den Gipfel des Nob (1785 m). Wir bestaunen die Tourenkarawane beim Nachmittagssport und lassen diese buchstäblich links liegen. Nach kurzer Abfahrt von der Bergstation sind wir schon allein beim Aufstieg zum Freschenhaus. Zuerst den Eingang zum Winterraum von Triebschnee befreien, Gepäck deponieren, einheizen, Wasser schmelzen und weiter zum Sonnenuntergang auf den Hohen Freschen. Der Schnee ist hart gefroren, als wir im Dämmerlicht zurück zur warmen Hütte holpern. Wir genießen den Abend im Mondlicht mit dem Rheintal unter uns und dem Säntis gegenüber.

 

Rauf, runter, rüber, rauf

Als wir das Freschenhaus verlassen, ist es bitterkalt. Die Sonne geht gerade auf. Es liegt ungewöhnlich viel Schnee für die Jahreszeit, der Regen der letzten Tage hat die obersten Schichten aufgetaut, die nun dick und fest gefroren sind. Das bedeutet geringe Lawinengefahr, dafür ist die Absturzgefahr hoch. Die geplante kurze Überschreitung der Matona (1997 m) fällt aus, selbst mit Steigeisen ist uns der Abstieg im fast blanken Eis zu gefährlich. Wir umlaufen den Berg weit südwärts und mit viel Auf und Ab, steilen Bachquerungen und vielen Gämsen erreichen wir das Portlahorn (2010 m) hoch über dem Skigebiet von Damüls. Die ideale und lange Abfahrt nach Mellau können wir wegen des harten Schnees wieder nicht fahren, also runter zur Talstation nach Damüls. Der Skibus nach Schoppernau kommt spät, wir erreichen gerade noch eine Gondel auf den Diedamskopf (2090 m), 1000 Höhenmeter hinauf. Oben erspart uns die letzte Schlepperfahrt am Abend zum Glück ein paar Höhenmeter und vor allem Zeit. Die Planungshilfe von alpenvereinaktiv.com gibt uns Sicherheit, dennoch jagen uns Nebel und leichter Schneefall zur Schwarzwasserhütte, deren Lichter heimelig durch den lichten Nebel in der beginnenden Dunkelheit strahlen. Wie hier üblich werden wir herzlich begrüßt, die an den Wochenenden so überlaufene Hütte präsentiert sich freundlich, familiär und warm.

 

Vom Ifen zum Nebelhorn

Am folgenden Morgen eilt es nicht, obwohl 3000 Höhenmeter anstehen. Erst die kurze Abfahrt von der Hütte, dann die kleinen Gegenanstiege, bei denen man nie weiß, ob Auffellen oder kraftvolles Durchziehen besser ist, führen hinaus zu den Ifenliften. Dort kaufen wir eine Tageskarte für die Skiregion Oberstdorf und werden sie heute auch ausnutzen. Mit den ersten Sesseln geht’s mit der neuen Ifenbahn hoch zum Gottesackerplateau. Der Hohe Ifen (2229 m) lächelt uns an, kein einfacher Skiberg, aber heute müssen wir verzichten, zu weit ist die Strecke, die uns erwartet. Wir ernten Unverständnis bei anderen, die auf Brettln unterwegs sind, wenn wir unser Ziel nennen: Das Edmund-Probst-Haus am Nebelhorn. Einheimische lächeln nachsichtig, dass wir hier wohl falsch sind, und das mit Rucksack und Tourenski, da sollte man doch wenigstens Karten lesen können und richtig planen. Der Schnee ist gut heute, sicher und mit leichter Pulverauflage. Also lächeln wir auch und schwingen abwärts auf einer beliebten Route, weit ausholend vorbei an den furchteinflößenden Höllenlöchern bis zur Talstation der Kanzelwandbahn.

 

Halbe Gämse auf dem Weg

Und wieder schweben wir 1000 Höhenmeter hinauf zur Bergstation mit all ihrem Trubel. Schnell weg hier, nach wenigen Minuten schon beginnt der Aufstieg auf die Kanzelwand (2058 m) im tiefen Triebschnee, immer nur einzeln mit sehr überlegter Spuranlage. Die Sonne strahlt über dem Nebelmeer und wärmt sogar im Januar, so dass wir bei Windstille in der Mittagspause kurz einschlafen.

Ein weiter, unverspurter Hang mit einigen Zentimetern Neuschnee auf griffiger Unterlage führt tief hinab in die Kälte des Wermatsgundtales. Vom Nebel verborgen liegt die hintere Hälfte einer jungen Gämse auf dem neuen Schnee ohne jede weitere Spur und lässt uns drei Förster rätseln, was da wohl passiert sein könnte. Ein Uhu? Etwas anderes ist kaum möglich, keine Trittspuren sind zu finden. An der Talstation der Fellhornbahn steht, wie bestellt, der Bus und bringt uns zum Nebelhorn. Schnell fahren wir aus dem trüben Tal wieder über 1000 Höhenmeter auf zu den sonnigen Höhen, und der nächsten Übernachtung, dem Edmund-Probst-Haus. Nach dem Anmelden bleibt noch Zeit, hinaufzufahren zum neuen Gipfelrestaurant mit atemberaubendem Rundumblick. Wir warten auf den Sonnenuntergang und werden mehr als entschädigt durch einen unverstellten Rundumblick in allen nur möglichen Rottönen. In der Hütte werden wir mit gutem Essen empfangen, der Skitrubel ist vorüber, es sind wieder nur wenige Gäste da.

 

Mühsamer Aufstieg, traumhafte Abfahrt

Mit dem neuen Tag steigen wir vor allen anderen hoch zum Koblat, einer weiten Verebnung unter dem Hindelanger Klettersteig. Unser Ziel ist der große Daumen, ein an den Wochenenden begehrtes Tourenziel, und so ist es auch heute. Die Skitourenkarawane kommt uns bei der Abfahrt entgegen. Sehr selten, bei besten Bedingungen, ist nach einem weiteren Gegenanstieg eine Abfahrt vom großen Daumen direkt nach Hinterstein möglich. Heute wäre dies mehr als tollkühn. Wir nehmen die übliche Route zum Giebelhaus, von dort bringt uns der Bus ins Bergsteigerdorf Hinterstein mit netten Übernachtungsmöglichkeiten.

 

Von Hinterstein aus bieten sich mehrere Möglichkeiten, um ins Tannheimer Tal zu gelangen, für die anspruchsvolle Überschreitung des Rauhhorns (2240 m) sind die Schneeverhältnisse zu hart. Wir nehmen die scheinbar seniorentauglichste Variante: Mit dem Bus ans Oberjoch, von dort hinauf mit der Iselerbahn. Den Aufstieg zum Iseler (1876 m) kenne ich auswendig, von der Bergstation führt normalerweise ein gut gespurter und leichter Weg auf den Gipfel. Heute ist alles anders: Die oberste Schneeschicht ein eisiger, dicker Bruchharsch, dazwischen Stellen mit eingewehtem Triebschnee. Die Harscheisen geben kein gutes Gefühl auf Eis in den Spitzkehren, mit Steigeisen versinken wir immer wieder hüfthoch. Klatschnass geschwitzt nach nur 200 Höhenmetern erreichen wir den Iselergipfel, so miserable Verhältnisse waren uns bislang unbekannt. Die südseitige Abfahrt auf traumhaftem Firn entschädigt für den mühsamen Aufstieg. Ein kurzer Gegenanstieg, eine rassige Abfahrt ins Pontental und wieder hoch zum Modeberg Ponten (2045 m). Wir reihen uns ein in die Tourenkolonne, die bei fast allen Bedingungen hier unterwegs ist. Kurz vor dem Gipfel sind steile Südhänge zu queren, die teilweise sogar jetzt im Januar bereits wieder schneefrei sind, hierdurch erweist sich die Schlüsselstelle harmloser, als erwartet. Über das Zirleseck (1872 m) gibt es eine Abfahrt direkt nach Tannheim, die uns heute nicht so attraktiv erscheint. Wir genießen kurz die späte Sonne auf einer Bank und finden im weiten Rohnental mit Hängen fast aller Exposition eine ideale Linie bis ans Skigebiet. Der Skibus bringt uns nach Tannheim, die Auswahl an Unterkünften dort ist groß.

 

Glückliches Finale

Der letzte Tag kündet das Ende der sonnigen Bedingungen an. Wieder nehmen wir eine Bahn, jetzt auf das Füssener Jöchle in Grän. So ganz ohne Aufstieg ist es auch nichts, also nehmen wir noch die Sebenspitze (1938 m) mit. Die Täler sind verwirrend hier oben, wir wären nicht die ersten, die falsch herauskommen. Der Plan sieht vor, nach kurzer Abfahrt und steilem Gegenanstieg über einen Kamm ins Vilsertal zu kommen. Ich gehe vor, lege die Spur so, dass bei einem Ausrutscher keine Absturzgefahr besteht. Beim Blick zurück fehlt der Kollege, sichtlich geschockt, aber unverletzt steht er 100 Meter tiefer. Wir schaffen den Kamm ohnehin nicht, eine Riesenwächte auf der anderen Seite lässt uns umkehren und ins Skigebiet zurückkehren. Die selten befahrene Abfahrt durch das enge Vilsertal vom Skigebiet aus ist oftmals von Lawinen bedroht, heute sind es eher der hohe Schnee und die tiefhängenden Äste, die den Genuss mildern. Den unteren Streckenteil ab der Vilser Alpe rattern wir über Forstwege bis an den Ortseingang von Vils. Wir hatten 8000 Höhenmeter Abfahrt bei weniger als 3.000 Höhenmetern Aufstieg, es war ein echtes Abenteuer. Mit dem Einstieg beginnt auch der Regen. Und wieder bringt uns die Bahn glücklich, zufrieden und auch pünktlich nach Hause.

 

Anspruch, Etappen und Übernachtungen

Trotz vieler Aufstiegshilfen ist eine gute Kondition erforderlich. Gute Orientierung, Kenntnisse in Lawinenkunde und sicherer Umgang mit LVS-Ausrüstung sind weitere Voraussetzungen (lange Tage, Vorsicht am Nachmittag!). Je nach Witterung und Verhältnissen können Steigeisen notwendig sein, bei schlechten Bedingungen gibt es jedoch bei den anspruchsvollsten Stellen Umgehungsmöglichkeiten. Teilweise gilt es Wildschutzgebiete zu beachten (v.a. am Hohen Freschen).

  1. Zug-/Busanfahrt nach Laterns; Auffahrt mit der Seilbahn Laterns zum Nob (1785 m); Abfahrt zur Unteren Saluveralpe (1565 m); Aufstieg zum DAV-Freschenhaus (1840 m); Aufstieg zum Hohen Freschen (2004 m).
    Freschenhaus Winterraum: frei zugänglich, 13 Plätze, heizbarer Holzofen. Bezahlung: Zahlschein/Kasse vor Ort; freschenhaus.at
    Seilbahn 650 Hm; auf Ski 500 Hm auf, 400 Hm ab.
  2. Übergang zur Gaviser Höhe (1788 m); südliche Umgehung Matona wegen Vereisung; über Zusammenfluss von 3 Bächen zum Grat/Portlahorn (1980 m); Abfahrt nach Damüls (1430 m), Bus nach Schoppernau zur Talstation. Auffahrt zum Diedamskopf (2090 m) + Schlepplift; Abfahrt/Übergang über Gerachsattel zur Schwarzwasserhütte (1620 m – Februar bis März geöffnet, kein Winterraum!)
    Abfahrt 900 Hm, auf Ski 400 Hm auf; mit Seilbahn 1200 Hm; auf Ski 50 Hm auf und 600 Hm ab.

  3. Abfahrt zur und Auffahrt mit der Ifenbahn; über Gottesackerplateau nach Riezlern; Auffahrt Kanzelwandbahn (1949 m); Aufstieg zum Gipfel (2058 m); Abfahrt zur Talstation Fellhornbahn (820 m); Bus zur Nebelhornbahn, Auffahrt Gipfel (2224 m); Abfahrt zum Edmund-Probst-Haus (1927 m, Weihnachten bis Ostern geöffnet, kein Winterraum!)
    Seilbahn 750 Hm; auf Ski 1000 Hm ab; mit Seilbahn 800 Hm; auf Ski 200 Hm auf, 1200 Hm ab; mit Seilbahn 1400 Hm; mit Ski 300 Hm ab.

  4. Übergang zum Großen Daumen (2280 m); Abfahrt zum Giebelhaus (1067 m) und nach Hinterstein; Bus nach Oberjoch; Talübernachtung.
    200 Hm ab, 500 Hm auf, 1200 Hm ab.

  5. Auffahrt mit Iselerbahn (1559 m); Aufstieg zum Iseler (1876 m); Abfahrt zum Bach, Aufstieg und Abfahrt zur Stuiben-Sennalpe (1403 m); Aufstieg zum Ponten (2048 m), Querung südlich; Abstieg/Abfahrt über Rohnental nach Schattwald (1100 m); Bus nach Tannheim (Abfahrt direkt nach Tannheim möglich), Talübernachtung.
    Seilbahn 400 Hm; mit Ski 300 Hm auf, 500 Hm ab; 800 Hm Auf; 1100 Hm ab.

  6. Bus nach Grän; Auffahrt zum Füssener Jöchl (1821 m); Aufstieg zur Sefenspitze (1948 m); Abfahrt, Aufstieg zum Joch, zurück ins Skigebiet; Abfahrt nach Vils bei Füssen (870 m) über Vilser Alm.
    Seilbahn 600 Hm; 300 Hm auf, 1200 Hm ab.

 

 

Über den Autor

Uli Oberhauser ist Trainer Bergsteigen im DAV Heilbronn.