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Skirunde um den Großvenediger

Auf der Beliebtheitsskala der Skitourengeher steht der Großvenediger an erster Stelle, weit vor den Nachbarn wie Großer Geiger oder Simonyspitze. Andere Dreitausender, etwa der Maurerkeeskopf, werden komplett übersehen. Dabei lohnen die Trabanten des Gipfelklassikers den Besuch.

Von Stefan Herbke

 

Beim Blick vom obersten Rand der Dellacher Keesflecken auf die weitere Aufstiegsroute steigt die Vorfreude: Vor uns breiten sich sonnenüberflutete Hänge aus, ideal geneigt, perfekt zum Skifahren – und unberührt. Fotogene Eistürme zieren den oberen Rand eines steilen Gletscheraufschwungs, unter denen eine Rampe den Zugang zu sanften Schneeböden ermöglicht. Dennoch zählt der Mittlere Maurerkeeskopf bisher nicht zu den Standardtouren um die Essener und Rostocker Hütte wie die leuchtend weiße Pyramide des Großen Geigers, die sich schräg gegenüber über dem Maurertal erhebt.

Klein, aber doch deutlich sichtbar ziehen dort mehrere Gruppen ihre Spuren in Richtung des steilen Gipfelaufbaus. Es ginge auch bequem. Einfach auf der Essener und Rostocker Hütte in die Hauptspur einfädeln, zum Großen Geiger aufsteigen und anschließend hinüberwechseln zur Kürsinger Hütte. Doch manchmal siegt nach einem ausgiebigen Studium der aktuellen Alpenvereinskarte und der dort eingezeichneten Skitouren die Neugier. Mal nicht der breiten Aufstiegsspur hinterherlaufen, sondern links und rechts über den Rand der Spuren hinausschauen und die Möglichkeiten abseits der Modegipfel entdecken.

 

Genuss der Ruhe

Etwa die unberührten, traumhaften Hänge am Maurerkeeskopf mit Abstecher zum Krimmler Kees. „Die Maurerkeesköpfe werden kaum begangen“, weiß auch der Hüttenwirt Werner Rainer, „die sind einfach zu wenig bekannt.“ Oder werden im umfangreichen Tourenangebot der Essener und Rostocker Hütte schlichtweg übersehen. Entsprechend groß ist der Andrang auf der Hütte mit ihren 118 Schlafplätzen, den Werner mit locker-sympathischer Art seit sechs Jahren meistert. „Mich begeistert das Leben als Hüttenwirt“, erzählt der gelernte Koch mit einem Strahlen im Gesicht, „du musst flexibel sein, andererseits aber alles genau planen – schließlich kannst du nicht schnell zum Nachbarn gehen und etwas ausborgen.“ Neben dem Trubel genießt er auch die ruhigen Momente, vor allem zu Beginn der Wintersaison, „da ist es so leise, da hörst du nichts, wirklich nichts. Da zwitschert kein Vogel, da plätschert kein Bach.“

Diese Ruhe genießen auch wir beim Anstieg auf den Mittleren Maurerkeeskopf, der für uns ein Etappenziel auf der langen Strecke zur Kürsinger Hütte ist. Der sportliche Auftakt einer mehrtägigen Tour auf und rund um den Großvenediger, die im Virgental in Osttirol startet und endet, ist nicht nur konditionell eine kleine Herausforderung. Auch die geplante Abfahrt über das Krimmler Kees könnte spannend werden. In der Alpenvereinskarte ist die Route zwar eingezeichnet, doch selbst im Internet gibt es keine Berichte dazu. Und so steigt nach einer kurzen Abfahrt vom Gipfel und einem noch kürzeren Gegenanstieg in einen Sattel zwischen zwei markanten Felszähnen die Anspannung.

 

Unbekannte Gletscherwelt

Belohnt werden wir oben erst einmal mit einem fantastischen Blick auf die wilde, absolut einsame Seite der Venedigergruppe und das unübersichtliche Spaltenlabyrinth des Krimmler Kees. Sehr beeindruckend, doch die Erleichterung kommt schnell: Die Einfahrt in die unbekannte Gletscherwelt ist zwar steil, aber problemlos möglich – und die Realität stimmt mit dem Kartenbild gut überein. Spannend ist auch die Tatsache, dass weit und breit keine Spuren zu sehen sind. Vermutlich fährt hier den ganzen Winter über niemand runter. Auf dem Großvenediger dagegen sind die Tourengeher im Dutzend unterwegs, häufig sogar ohne Seil, dabei ist dort die Spaltengefahr mindestens genauso hoch – die vorhandenen Spuren suggerieren nur Sicherheit. Mit entsprechender Vorsicht genießen wir die beeindruckende Abfahrt inmitten der grandiosen Kulisse und schwärmen noch beim schweißtreibenden Gegenanstieg zum Gamsspitzl von diesen Hängen.

 

Abfahrt zur Kürsinger Hütte

Neue Perspektiven bietet auch die abschließende Abfahrt zur Kürsinger Hütte, die hoch über dem längst abgeschmolzenen Eisbruch der Türkischen Zeltstadt auf einem Felsabsatz thront. Der Weg dorthin ist weit und die eigentliche „Schlüsselpassage“ der Etappe – der mühsame Anstieg verläuft in einem weiten Bogen und zapft die letzten Kraftreserven an. Trotz des beschwerlichen Gegenanstiegs und des mehrstündigen Zustiegs aus dem Pinzgau durch das elend lange Obersulzbachtal ist die Kürsinger Hütte einer der Hauptstützpunkte für den Großvenediger. Und an Wochenenden regelmäßig ausgebucht. Eine echte Herausforderung für die neuen Hüttenwirte Christina und Markus Egger, die im März 2017 in ihre erste Saison starteten und quasi ins kalte Wasser geworfen wurden. Eine Hütte im Winter zu übernehmen ist schwer genug, zumal wenn sie ausgebucht und die Versorgung sehr umständlich ist. „Die ersten drei Wochen waren interessant“, formuliert Christina vorsichtig die ersten Eindrücke, „gleich zum Start waren unsere Helfer krank und sind ausgefallen. Wir mussten uns daher zu viert um die fast volle Hütte kümmern.“

 

Mittlerweile sind sie zu acht und haben die teilweise mit 180 Personen belegte Hütte, die eigentlich nur Platz für 150 hat, einigermaßen im Griff. „Es ist einfach schwierig, weil wir die Hütte und die Gegebenheiten erst kennenlernen müssen“, erklärt sie die anfänglichen Probleme. Und manchmal hatten sie auch Pech: „Erst letztes Wochenende gab es beim Abendessen einen Stromausfall, dann war’s finster und es dauerte, bis wir das Notstromaggregat starten konnten.“ Unangenehm, aber für die Gäste ist es viel wichtiger, dass am nächsten Tag alles passt für das Wunschziel Großvenediger. Der grandiose Gletschergipfel steht ganz oben auf dem Wunschzettel der Tourengeher, erst danach kommen die Nachbargipfel an die Reihe. Bis in die Venedigerscharte folgen wir der breiten Spur, dann biegen wir allerdings links ab und wählen mit dem Kleinvenediger eine vergletscherte Kuppe, von der aus man den schönsten Blick auf den großen Bruder genießt. Und queren anschließend hinüber zum Rainerhorn, um von dort aus eine spannende Abfahrtsvariante zur Neuen Prager Hütte zu wählen. Dafür bieten sich die östlich vom benachbarten Hohen Zaun zum Schlatenkees ziehenden, gleichmäßig geneigten Nordosthänge an, doch noch fotogener ist die Abfahrt vom Sattel zwischen Schwarzer Wand und Hohem Zaun über den dort eingelagerten Gletscher. So oder so, skifahrerisch begeistern die XXL-Hänge, und für den sonnigen Gegenanstieg zur Neuen Prager Hütte hat man den ganzen Nachmittag Zeit.

 

Eine Wirtsfamilie auf dem Mount Everest

Seit vier Jahren wird die denkmalgeschützte Hütte von der Familie Studer aus Vorarlberg bewirtschaftet. Ein Glücksfall für das Haus, genauso wie die umfangreichen Renovierungsarbeiten der letzten Jahre. „Als ich angefangen habe, lag in der Stube Schnee und der Keller war feucht“, erinnert sich Wilfried an seinen Start, „es wurde einfach viele Jahre nichts gemacht, die Hütte wurde nur bewirtschaftet.“ Doch dann ging es an die aufwändige Sanierung. „Wir suchten eine hochgelegene Hütte“, sagt Wilfried, der mit seiner Frau Sylvia und der Tochter Claudia am 23. Mai 2010 als Familie auf dem Mount Everest stand, zu seiner Entscheidung für die Neue Prager Hütte. Im Rätikon bewirtschafteten die Studers über Jahre zwei Hütten, doch als passionierter Bergsteiger wollte Wilfried eine, die noch höher lag. „Ich gehe nie den einfachen Weg“, begründet er seine Wahl, die deutlich mehr Arbeit macht als eine im Tal oder mit dem Auto erreichbare Hütte, „sonst wäre ich auch die Eiger-Nordwand nicht im Winter gegangen.“

 

 Der Vorarlberger sucht die Herausforderung: „Wenn du etwas gerne machst, dann nimmst du den Mehraufwand in Kauf.“ Andererseits hat er auch eine ganz pragmatische Erklärung: „Wir sind zwar zum Arbeiten da, wollen aber auch dort sein, wo das Leben schön ist und das Panorama passt – und das ist hier einzigartig.“ Wer auf der Neuen Prager Hütte die Morgenstimmung mit Blick bis zum Großglockner erlebt, der kann dem nur zustimmen. Ein Traum ist auch der Anstieg zum Großvenediger über die weiten Gletscherflächen, die bei schlechter Sicht keinerlei Chance auf Orientierung bieten. Vorbei an der Venedigerscharte geht es auf den markanten Firndom, wobei die letzten Meter über einen schmalen Schneegrat zum Gipfelkreuz führen. Bei gutem Wetter ist der Andrang groß, schließlich starten die Tourengeher von drei Hütten aus auf den vierthöchsten Berg Österreichs, doch spätestens bei der Abfahrt zur Johannishütte über die weiten Hänge des Mullwitzkees als Variante zum Normalweg über das Defreggerhaus ist man wieder alleine unterwegs.

 

Besuchermagnet Großvenediger

Die bereits 1857 erbaute Johannishütte im Dorfertal ist eine der ältesten alpinen Schutzhütten der Ostalpen – und damit sogar älter als der Alpenverein. Seit der Generalsanierung und Erweiterung zum 100-jährigen Jubiläum der Sektion Oberland im Jahr 1999 ist die Hütte mit ihren beiden Gaststuben und dem wärmenden Kachelofen ein echtes Schmuckstück. Hier passt alles, angefangen vom Trockenraum mit Schuhheizung und den Holzclogs als Hüttenschuhe bis zum großzügigen Waschraum. Auf jedem Schlafplatz liegt ein „Willkommenszuckerl“, und im Gastraum sind die schönen Holztische mit Servietten und Besteck gedeckt. Verantwortlich dafür ist Leonhard Unterwurzacher, der sich noch gut an seine Anfänge in der damals noch nicht isolierten Hütte erinnert. „Heute würde ich das nicht mehr machen“, meint der Hüttenwirt, „aber damals waren wir jung und voller Euphorie.“ Längst hat sich die Johannishütte einen exzellenten Ruf unter den Skitourengehern erworben, was neben dem überschaubaren Hüttenzustieg auch am von hier leicht zu besteigenden Großvenediger liegt. Der zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, so dass man auf den Nachbargipfeln wie Kristallwand, Südlicher Happ oder Zopetspitze häufig alleine unterwegs ist.

 

Das gilt auch für die Weißspitze, die sich mit der Firnabfahrt durch das Timmeltal geradezu als Abschlusstour eines Aufenthalts auf der Johannishütte anbietet. Zum Glück hat sich das noch nicht herumgesprochen, obwohl auch diese Variante in der neuen Alpenvereinskarte eingezeichnet ist. Und so genießen wir beim mit Drahtseilen gesicherten Anstieg ins Wallhorner Törl in aller Ruhe den ungewohnten Blick auf die ausgedehnten Gletscherfelder des Äußeren Mullwitzkees und den Großvenediger. Auf der Südseite geht es schließlich steil hinauf zu den Resten des Garaneberkees unter der Weißspitze, die über eine steile Schneeflanke zu besteigen ist. Zur Belohnung wartet eine grandiose Firnabfahrt über abwechslungsreich kupierte Hänge an der Eisseehütte vorbei ins Timmeltal. Mit Glück reicht der Schnee bis auf 2000 Meter Höhe oder sogar noch ein paar Meter weiter bis zur Bodenalm. Besonders schön: Am Ende des Timmeltals wechselt man von der winterlichen Stille ins frühlingshafte Leben: Munter plätschert der Bach, die Vögel zwitschern, und bei der Bodenalm strecken die ersten Krokusse ihre Blüten in die warme Frühlingssonne. Wunderbar, oder wie es Johannes Unterwurzacher beim Blick von der Johannishütte auf den Großvenediger formulierte: „Das ist einfach Balsam für die Seele.“

 

Die Etappen

  1. Streden (1403 m) – Essener und Rostocker Hütte (2208 m),  auf 825 Hm, ab 20 Hm, 2 ½-3 Std.
  2. Essener und Rostocker Hütte – Mittlerer Maurerkeeskopf (3281 m) – Krimmler Kees – Gamsspitzl (2888 m) – Kürsinger Hütte (2547 m), auf 1800 Hm, ab 1461 Hm, 8-9 Std.
  3. Kürsinger Hütte – Kleinvenediger (3477 m) – Rainerhorn (3560 m) – Unterer Keesboden – Neue Prager Hütte (2796 m), auf 1650 Hm, ab 1400 Hm, 7-8 Std.
  4. Neue Prager Hütte – Großvenediger (3667 m) – Johannishütte (2121 m), auf 855 Hm, ab 1530 Hm, 5-6 Std.
  5. Johannishütte – Garaneberkees (3225 m) – Timmeltal – Parkplatz Bodenalm (1700 m), mit Taxi (Venedigertaxi, Tel.: 0043/4877/53 69, www.huettentaxi.at) zurück nach Streden; auf 1100 Hm, ab 1520 Hm, 6-7 Std.