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Skitouren im Bregenzerwald

Breites Skitourenspektrum, Schneesicherheit, gute Erreichbarkeit, abwechslungsreiche Landschaft, beste touristische Infrastruktur: Das vielfältige Tourengebiet im westlichsten Zipfel Österreichs lässt Tourengeher-Herzen höherschlagen.

 

Text und Fotos von Manfred Scheuermann

 

S upr's gsi!“, tönt es am Nachbartisch auf der Sonnenterrasse des kultigen Schoppernauer Wirtshauses „Zum Gämsle“. Eine bodenständige Vorarlberger Skitourengruppe prostet sich zu. Wörtlich ließe sich der schon schweizerisch klingende Ausspruch etwa mit „super ist es gewesen“ übersetzen, doch es ist mehr damit gemeint: „Wie herrlich, wieder hatten wir eine grandiose Skitour in unserer einzigartigen Bergwelt!“ Auch wir stoßen an, grüßen den Nachbarn zu und freuen uns über den gelungenen Tag: „Super war's heute!“ Denn erst vor einer guten Stunde hatten wir die Idealskihänge des beliebten Toblermannskopfs bei dreißig Zentimeter Neuschnee für uns allein.

 

„Au und Schoppernau liegen in einer sonnigen Talung, dem prächtigen Innenhof des Bregenzerwaldes, beherrscht von der schwungvollen Felsenwucht der Kanisfluh“, schwärmte Walther Flaig in seinem 1977 erschienenen AV-Führer „Bregenzerwaldgebirge“. Hier sind wir im Zentrum eines der vielfältigsten Skitourengebiete der Nordalpen, ein wenig übersehen angesichts der prominenten „Konkurrenzgebiete“ im Umfeld, wie Allgäuer Alpen, Kleinwalsertal, Arlberg oder Rätikon. Seit ein paar Jahren aber erwacht es allmählich aus dem Dornröschenschlaf. Die geografische Abgrenzung des Gebietes ist alles andere als eindeutig: Fragt man etwa im Laternsertal einen Einheimischen, ob man hier wohl im Bregenzerwald sei, kann es passieren, dass er sich entrüstet abwendet. Wie heißen diese Berge dort denn sonst? Nach der Alpenvereinseinteilung reicht das Bregenzerwaldgebirge im Westen bis zum Rhein, im Süden bis zur Ill. Im Osten verläuft die Grenze zum Lechquellengebirge durch das Große Walsertal.

 

Skitouren-Bregenzer-Wald-Wurzachalpe
Sanfte Hänge führen an der Wurzachalpe vorbei zur Kanisfluh, Foto: Manfred Scheuermann

 

Mit Bregenzerwald ist eine eher kleinere Landschaft gemeint, die das Einzugsgebiet der Bregenzer Ache umfasst und im Nordosten mehr oder weniger fließend in die Allgäuer Alpen übergeht. Aber auch das Laternsertal, diese Hintertür des Bregenzerwaldes, hat Skitourengehern viel zu bieten. Dabei darf man sich vom Wort Bregenzer „Wald“ nicht irreführen lassen – der berühmte Bregenzerwald-Bergkäse belegt, dass die Region mittlerweile von weiten Alp- und Weideflächen geprägt ist. Dies und die schneereiche Lage am Nordrand der Alpen garantieren beste Voraussetzungen für Skitouren.

 

Zurück ins Zentrum: Bei der Anfahrt über die windungsreiche Bregenzerwaldstraße baut sich nahe Mellau die 1200 Meter hohe Nordwand der Kanisfluh wie eine Riesenmauer auf, die das Tal abzusperren scheint. Für Walther Flaig ist sie der schönste Berg des Bregenzerwaldes: „eine Zyklopenburg aus Jurakalk“. Kaum zu glauben, dass der mächtige Klotz eine halbwegs harmlose Rückseite hat, die eine spannende Skitour erlaubt. Start ist am südlichen Ortsausgang von Au-Argenzipfel. Zuerst über Wiesen, dann durch den Wald, gelangt man zum freundlichen Alpengasthaus „Edelweiss“. Unweit oberhalb ziehen die steilen Südhänge, die lawinensicheren Schnee verlangen, zum Kamm hinauf. Wenn es gut läuft, lässt sich das Gipfelkreuz der Holenke, mit 2044 Metern höchster Punkt der Kanisfluh, mit Ski erreichen. Wenn es noch besser läuft, folgt die Abfahrt in gleißendem Firn, mit Pech trifft man auf Wind- oder Bruchharsch. Gute Chancen auf Firn gibt es auf der Sonnenseite hoch über Schoppernau rund um das aussichtsreich gelegene Neuhornbachhaus. Falzer Kopf, Steinmandl und Grünhorn heißen die strahlend weißen Zuckerhüte, die dort aufragen. Gegenüber locken die Winterklassiker Toblermannskopf und Brendler Lug. Ziel der Tour zum „Toblermann“ ist die kugelrunde Kuppe der Hochalpe, bei der Abfahrt ist Disziplin gefragt, denn es gilt, das Schutzgebiet der Kampagne „Respektiere deine Grenzen“ rechts liegen zu lassen.

 

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Aufstieg zur Gehrenspitze, im Hintergrund zeigen sich Mutabellaspitze und Rote Wand

 

Der „Lug“ ist ein Berg für jedes Wetter. Ist es schön, lässt sich die Tour zum schlanken Rücken des Annalper Jochs verlängern. Ist es schlecht, kann es anhaltend schneien – wir mussten einmal einen hilflosen, schon beim Aufstieg bis zum Hals im Schnee versunkenen Snowboarder aus dem Schwabenland befreien, wurden dafür aber bei der Abfahrt mit feinstem Powder belohnt. Die Üntschenspitze steht wie ein spitzwinkliges Dreieck über dem östlichen Ende des Talkessels von Schoppernau. Auch dieser Berg hat eine weniger wilde Rückseite, die Skitourengeher schätzen. Von Bad Hopfreben zieht die Spur zum Häfner Joch. Dort fällt die Entscheidung für die einfachere Güntle- oder die exponierte Üntschenspitze. Wenn Lawinenlage und Schneequalität passen, staubt man danach über die Häfenalpe nach Norden hinab, um in weitem Linksbogen am Ende wieder auf der Sonnenterrasse des „Gämsle“ zu landen.

 

„Wie Damüls beinahe zu existieren aufgehört hätte“ betitelte der Umwelthistoriker Robert Groß ein Kapitel seiner lesenswerten Dissertation über die Region. Gemeint ist die Zeit starker Abwanderung bis Mitte der 1920er Jahre, bedingt durch die Anziehungskraft der Industrie im Rheintal und die harten Lebensbedingungen in den Bergdörfern. 1925 kamen die ersten Skitourengeher nach Damüls, damit begann der Skitourengeher als Entwicklungshelfer: 1925 begann der Wiederaufstieg des Gebietes. 22 DAV 6/2015 Wintertourismus vorerst als zartes Flämmchen. Es folgte der Tourismusboom der 1960er und 70er Jahre. Das Skigebiet wurde auch danach immer weiter ausgebaut, Beschneiungsanlagen kamen, 2009 dann der heftig umstrittene Zusammenschluss der Skigebiete von Damüls und Mellau. Schließ- lich ging es dem zuvor beliebten Skitourenberg Ragazer Blanken an den Kragen. Das ist sicher noch nicht das Ende der im Konkurrenzkampf mit anderen Skigebieten zwanghaft rotierenden Erschließungsspirale. Für Robert Groß sind Dörfer wie Damüls heute „eingefroren auf dem wintertouristischen Entwicklungspfad“. Zusätzliche neue Risiken und Unsicherheiten drohen durch den Klimawandel.

 

Den kompletten Artikel lesen Sie in DAV Panorama 6/2015