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Bergwärts: vom tiefsten Punkt Hollands auf den Mont Blanc

Von Tim Fritz

 

Ein altes Bergsteigerbuch, in dem geschrieben stand, wie die Alpinisten früherer Zeiten mit dem Rad in die Berge fuhren, war die Quelle der Inspiration für die Unternehmung „Bergwärts“. Zu Beginn stand jedoch nur das Ziel der Tour fest: Mit 4810 Metern über dem Meer ist der Mont Blanc, hoch über Chamonix, der höchste Berg Mitteleuropas und des gesamten Alpenraums. Dort sollte es mit Skiern hinauf gehen. Doch wo sollte ich starten? Mein erster Gedanke galt dem Feldberg, meinem Heimatgipfel. Mit dem Rad von den sanften Schwarzwaldbergen in die hochalpine Bergwelt von Chamonix, diesen Plan schmiedete ich vor drei Jahren.

 

Doch warum nicht am tiefsten Punkt Europas starten und während der gesamten Tour tatsächlich ausschließlich „bergwärts“ unterwegs sein? Dieser Ausgangsort liegt im niederländischen Nieuwerkerk aan den Ijssel, auf 6,74 Meter unter dem Meeresspiegel. Eine weitere Idee spukte in meinem Kopf herum. Ein Video von Gleitschirmfliegern, die vom Mont Blanc starteten und nach wenigen Minuten wieder im Tal landeten, begeisterte mich. Der Gleitschirm musste also auch ins Reisegepäck, und nach Gesprächen mit guten Bergfreunden und vielen Abenden des Grübelns festigte sich der Plan: 1300 Kilometer aus eigener Kraft mit Fahrrad, zu Fuß und mit Skiern bis zum Gipfel des Mont Blanc und von dort wieder mit dem Gleitschirm zurück ins Tal.

 

Dass das gesamte Material von Anfang an mit dabei sein muss war klar, nicht jedoch wie es transportiert werden sollte. Ein Hänger von Tout Terrain, drei Ortliebtaschen und ein Salsa Tourenrad vom Follow Me Store waren die Lösung. Schon waren die Sachen verpackt und ich trat die Reise nach Holland an.

 

Unscheinbar: der tiefste Punkt Europas

Wer sich den tiefsten Punkt Europas als imposanten Platz mit vielen Schaulustigen vorstellt, der liegt leider falsch. Zwischen Autobahn und Schrottplatz steht ein kleines Schild, das markiert, dass es in Europa tiefer nicht geht. Das war‘s! Ich rollte also tatsächlich am tiefsten Punkt Europas los. Die ersten Meter lief es ganz von alleine. Hier im flachen Holland, auf perfekten Radwegen, muss man selbst mit 50 Kilogramm Reisegewicht kaum treten um vorwärts zu kommen – dachte ich! Ein paar Kilometer weiter pfiff mir ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht und ich musste einsehen, dass die Windmühlen um mich herum nicht der Dekoration, sondern dem Mahlen von Getreide dienten. Doch der weite Blick, den man aus den Bergen nicht gewohnt ist, und die gewohnt freundliche Art der Niederländer machten jeden Tritt gegen den Wind nur halb so schwer.

 

Zwei Tage ging es auf dem Rad durch das „Fahrradland“ Europas. Egal ob morgens mit hunderten anderen Radlern im Berufsverkehr oder auf perfekt angelegten Radwegen, die Niederländer machten ihrem Ruf alle Ehre. Das ist verständlich, die flache Landschaft ändert sich wenig, kilometerweit ging es vorbei an Kartoffelfeldern und Windmühlen. Doch eintönig war es keineswegs. Und die erste Nacht verbrachte ich bei guten Freunden in Tilburg und durfte dort das beste Abendessen der gesamten Reise mit wundervollen Menschen teilen.

 

Weiter ging es Richtung Belgien. Dass ich bereits dort war, bemerkte ich erst drei Kilometer später. Also nichts wie zurück, um den ersten Grenzübergang der Tour festzuhalten. Da stand ich also: Kein Schild, kein Zöllner, kein nichts! Schade, aber eigentlich eine sehr schöne Entwicklung, von der sich einige Staaten dieser Erde eine Scheibe abschneiden könnten. Mit einem Grinsen im Gesicht fuhr ich nun auf belgischen Radwegen, die den niederländischen in nichts nachstanden. Unzählige Rennradfahrer begleiteten mich auf meinem Weg und zeigten mir, dass der ehemalige Tour-de-France-Gewinner Eddie Merckx aus einem rennradbegeisterten Land kommen musste.

 

Mit 50 Kilo Gepäck über die Ardennen

Warum dieser Mann fünfmal die Tour gewinnen konnte, wurde mir am nächsten Tag eindrücklich vor Augen geführt. Die Ardennen sind zwar nur ein kleines Gebirge auf der Landkarte, mit Steigungen von über 13 Prozent über mehr als 10 Kilometer stellten sie mich jedoch mit meinem 50-Kilo-Gespann vor kleinere und größere Probleme. Nicht nur die Oberschenkel wurden etwas stärker beansprucht als bisher, sondern auch die Kette – sie verabschiedete sich an einer der Steigungen. 30 Minuten später war ein neues Kettenschloss gefunden und die Reise konnte weiter gehen. Um 18 Uhr war ich noch 40 Kilometer von Luxemburg, meinem heutigen Tagesziel, entfernt und die Motivation ging gegen null. Da half nur eines: drei Nutella Brote rein und los. Zwei Kilometer hinter der Grenze zu Luxemburg schlug ich mein Zelt auf und schlief die folgende Nacht wie ein Stein.

 

Am nächsten Morgen ging es über die von Norden nach Süden durch Luxemburg verlaufende Bundesstraße N7. Blöd nur, dass diese nach 60 Kilometern zur Autobahn wird und man die Schilder entweder nicht sieht oder sie schlicht nicht existierten. Die aufgebrachten Autofahrer übernahmen den Job der Schilder jedoch gerne. Wenn auch mit etwas fragwürdigen Handzeichen. In der Stadt Luxemburg angekommen, verfuhr ich mich dort für zwei Stunden und war schließlich einfach nur froh, diese Stadt fluchtartig Richtung Deutschland verlassen zu können.

 

Mein nächstes Land wollte ich via Schengen (Schengener Abkommen 1985), also über die Mosel erreichen. Der Plan ging auf und nach einer kurzen Kamera-Ladeaktion im Sandsifffer Stübchen bei sehr netten Leuten war die mittlerweile routinierte Abendzeremonie angesagt. Zelt aufbauen, Ravioli kochen, schlafen.

 

Zurück in Deutschland lief es ganz locker an der Saar entlang. An diesem Tag traf ich auf meinem Weg vorbei an Saarbrücken, Saarlouis und Saargemünd viele nette Menschen und führte interessante Gespräche, bevor ich abends in dem französischen Städtchen Saverne meine Beine in der Jugendherberge hoch legen konnte. Duschen und Kamera laden war heute angesagt. Des Weiteren musste ich mich um mein wundes Gesäß kümmern, das durch im Schnitt zwölf Stunden radeln pro Tag etwas in Mitleidenschaft gezogen wurde. Noch am Abend fällte ich die Entscheidung, über den Schwarzwald zu fahren und somit die vor drei Jahren geplante Tour in die aktuelle einzubauen. Bis nach Hause und zum Feldberg waren es von hier 189 Kilometer, die mit dem Schauinsland die erste richtig große Hürde bereithielten, noch dazu am Tagesende. Sollte das an einem Tag möglich sein? Einen Versuch war es wert!

 

Bis Straßburg und Kehl lief es super. Immer am Rhein-Marne-Kanal entlang. Am Rhein geht’s sicher noch schneller, dachte ich. Doch hier auf der deutschen Seite des Rheins sind die Wege etwas naturverbundener als in Frankreich. Waldboden und viele Kurven entlang des mäandrierenden Altrheins. Sehr schön, jedoch nicht besonders schnell… Trotz des botanischen Ausflugs kam ich einigermaßen flott voran und trudelte nachmittags um fünf Uhr in Freiburg ein.

 

Es tat gut, „zu Hause“ anzukommen, und ich radelte fröhlich durch die Stadt, in der ich studiert hatte. Etwas später saß ich dann bei einer sehr guten Freundin in der Küche und wir schauten bei einer Tasse Tee aus dem Fenster, in den ersten Regen meiner Reise. Regen? Es schüttete aus Eimern und ehrlich gesagt waren weder Kopf, Beine noch irgendetwas anderes an mir motiviert, heute noch aufs Rad zu steigen. Doch das Tagesziel lag weitere 35 Kilo- und 800 Höhenmeter entfernt, und da wollte ich heute noch hin. Um neun Uhr abends stand ich völlig durchnässt am Fuße des Schauinslands und begann im ersten Gang zu treten. Mit dem Rennrad benötigt man circa eine Stunde bis nach oben. Zweieinhalb Stunden brauchte ich heute… Nebel, Regen, Dunkelheit. Und als wäre das nicht genug, fiel mir meine neu erworbene Kamera zu Boden. Der absolute Tiefpunkt der bisherigen Reise! Nach 14 Stunden im Sattel fehlte mir zu Hause im Bett jedoch jegliche Energie mich darüber zu ärgern.

 

Für den nächsten Tag war weiterhin Regen angesagt und ich entschied mich, nach 855 Kilometern in sechs Tagen, einen Tag Pause einzulegen. Gut schlafen und viel Essen war also die Devise, bevor es am nächsten Tag mit dem zweiten und ursprünglichen Teil meiner Reise weiter ging: Vom Höchsten im Schwarzwald zum Höchsten Mitteleuropas.

 

Vor mir lag das Wiesental, später die Schweiz mit der von unzähligen Autofahrten bekannten Route bis an den Genfer See. Der Grenzübergang in die Schweiz war wie immer ein schönes Erlebnis, diesmal vielleicht noch etwas schöner, da ich gemütlich mit dem Fahrrad über den Rhein rollen konnte. Sofort hatte ich dieses Wohlfühlgefühl, wie ich es immer habe, wenn ich in der Schweiz bin. Mir gefällt es hier einfach, egal was der Franken macht!

 

Die erste Etappe führte mich durch den Jura bis kurz vor Solothurn. Dieser Tag war der landschaftlich schönste der bisherigen Reise und mit einem wunderschönen Sonnuntergang verabschiedete ich mich ins Land der Träume. Langsam kam ich meinem Ziel immer näher und es lief eigentlich wie von alleine. Wunderschöne Schweizer Örtchen, tolle Seen und kurz vor meinem nächsten Tagesziel schimmerte es plötzlich weiß am Horizont. Die Alpen! Jetzt gab es kein Halten mehr.

 

Überglücklich, dass die letzten Wochen alles so schön war, und mit dem Schnee am Horizont vor Augen, drehten sich die Kurbeln am Rad einen Ticken schneller. Drei Tage, nachdem ich zu Hause gestartet war, lag mir der Genfer See zu Füßen, beziehungsweise zu Rädern. Durch die Weinberge hinunter in das mediterrane Klima zu flitzen und dabei die Dents du Midi zu bewundern machte große Freude. Ein Erlebnis, das Kraft gab für die letzten Kilometer des Tages nach Martigny.

 

Schlafplatz unterm Kletterfelsen

Frisch ausgeruht und gut gestärkt sollte die Entscheidung, ob ich es tatsächlich mit meinem Gefährt bis nach Chamonix schaffe, heute am Forclaz-Pass fallen. 16 Kilometer und 1051 Höhenmeter lagen vor mir. Als ich bereits auf den ersten Metern in den kleinsten Gang schalten musste, hatte ich ein leicht mulmiges Gefühl. Immer öfter dachte ich nun an die nächste Etappe meiner Reise – die Besteigung des Mont Blanc. Das Wetter wurde in den letzten Tagen immer eher schlecht vorhergesagt und manchmal zweifelte ich, ob es überhaupt möglich sein würde, auf den Gipfel zu steigen. Aber zuerst musste ich auf den Forclaz-Pass, der Rest würde sich ergeben. Viele Kehren und Pedalumdrehungen später war es geschafft und ich stand unbeschreiblich glücklich auf 1527 Meter über dem Meer. Nach einer rasanten Abfahrt mit tollen Blicken auf den Glacier du Trient stand kurz nach dem Grenzübergang zu Frankreich plötzlich ein Schild an der Straße: „Col des Montets ouvert“. Was bitte? Was für ein Col?

 

So ist es eben, wenn man immer nur mit dem Auto in die Berge fährt, da bemerkt man den einen oder anderen Pass gar nicht so richtig. Also, wieder runter schalten und treten, treten, treten. Plötzlich hält ein blauer Kleinwagen mit drei ziemlich attraktiven Französinnen neben mir und durch das geöffnete Fenster kommt die Frage, ob sie ein Foto mit mir machen könnten? Äh, ja klar. Und dann kam das Beste! Nach dem Foto und einer kurzen, netten Unterhaltung bekam ich 500 Gramm weißen Nougat geschenkt. Das war wie im Himmel – ohne diese Wegzehrung hätte ich es wohl nicht, oder nur sehr viel schwerer auf den Col des Montets geschafft. Oben war das Nougat leer und mein Bauch voll… Ein Steinbock empfing mich auf dem Pass und jetzt war ich sicher, es würde nur noch bergab gehen. Schmunzeln, Jubeln, innehalten, genießen und einfach nur eine riesengroße Freude - das waren die Gefühle bei der Abfahrt. Nach 11 Tagen und 1620 Kilometern im Sattel war ich tatsächlich angekommen. Jipiieee! Allerdings interessierte das in Chamonix niemanden. So viele verschiedene Sportarten und Bergsportler, die alle eine Geschichte zu erzählen haben. Da kam ich mir fast etwas albern vor mit meinen Skiern auf dem Hänger.

 

Nun ging alles ganz schnell, ab ins Bergführerbüro und das Wetter für die nächsten Tage checken. „Ihr habt noch die nächsten beiden Tage, dann wird’s schlecht!“. Alles klar, Hütte reservieren, Beni anrufen, Essen einkaufen und versuchen, sich ein wenig auszuruhen. Eigentlich hatte ich mit zwei Tagen Regeneration und Akklimatisierung gerechnet. Das fiel nun aus. In einer kleinen Bergsteigerunterkunft stellte ich meine Sachen ab und gönnte mir eine Pizza im Ort. Beni wollte am nächsten Morgen direkt aus Saas-Fee kommen und mit mir zum Gipfel aufbrechen. Um neun Uhr war ich im Bett und ziemlich nervös, ob denn alles klappen würde

 

Ohne Gleitschirm zum Gipfel

Um Punkt neun am nächsten Morgen stand Beni auf dem Parkplatz und wir besprachen und begutachteten noch einmal das Wetter. Es sah gut aus. Nur die 80 km/h Wind machten uns etwas Sorgen. Für mich bedeutete diese Information, dass der Gleitschirm wohl nicht zum Einsatz kommen würde. Denn bei 60 km/h maximaler Vorwärtsfahrt fliegt man bei 80 km/h Gegenwind rückwärts…

 

Zugegeben, das war ein kleiner Rückschlag, aber auch etwas Positives: Ich sparte mir fünf Kilogramm Gewicht im Rucksack. Wir packten unsere Sachen, frühstückten ein Croissant aux amandes und waren bereit für den Aufstieg zur Grands-Mulets-Hütte. Sie liegt auf 3051 Metern und wird zuerst zu Fuß und später mit Tourenskiern durch eine atemberaubende Gletscherlandschaft erreicht.

 

Bei strahlendem Sonnenschein kletterten wir die letzten Meter zur Hütte, die auf einem Felszacken gegenüber der Aiguille du Midi thront. Beni und ich waren vor zwölf Jahren zum letzten Mal gemeinsam in den Bergen. Doch es war, als ob wir erst letzte Woche unterwegs gewesen wären. Der perfekte Bergpartner für diese Unternehmung! Um 18 Uhr gab es Abendessen und um sieben waren wir im Bett. Ich machte kein Auge zu. Nicht weil ich nicht müde war oder jemand schnarchte, nein, ich war einfach unglaublich aufgeregt, ob mein Traum wirklich morgen in Erfüllung gehen würde. Es wäre fast zu perfekt, dachte ich mir.

 

Um halb zwei in der Nacht zogen wir uns an, frühstückten eine Kleinigkeit und schauten aus dem Fenster. Sternenklar, ich konnte es kaum glauben! So ein Glück, nach zwei Wochen im Sattel genau zum richtigen Zeitpunkt hier zu sein. Circa 50 Bergsteiger wollten heute auf den Gipfel, doch es verteilte sich sehr gut und wir konnten in unserem Tempo aufsteigen. Dieses war nicht das schnellste, aber später sollten wir davon profitieren. Zu Beginn mit Stirnlampe und Fellen, dann mit Steigeisen im ersten Morgenlicht erkämpften wir uns Meter für Meter, bis es hell wurde und wir kurz vor dem Vallot-Biwak 500 Höhenmeter unterhalb des Gipfels standen. Vor uns waren ungefähr 20 Bergsteiger, die sich wegen des sehr starken Windes alle im Biwak aufhielten. Auch wir nutzten den Unterschlupf, um uns für den weiteren Aufstieg zu stärken. Viele der Bergsteiger sahen nicht mehr wirklich fit aus. Sie hatten sich mit einem zu hohen Tempo am Morgen aufgearbeitet und waren jetzt am Ende ihrer Kräfte.

 

Ein Traum wird wahr

Was nun folgte war die Belohnung für die ganze Schinderei in Holland gegen den Wind, an den Steigungen der belgischen Ardennen, auf den tausend Umwegen in Städten, in dem Regen am Schauinsland und an den letzten Pässen vor Chamonix. Die Abfahrt über die Nordseite des Mont Blanc war atemberaubend schön. War der Schnee oben noch windgepresst, wurde er bald pulvrig, und wir zogen unsere Spuren vorbei an hohen Seracs und tiefen Gletscherspalten, bis hinunter auf den Bossonsgletscher. 

 

 

Zurück ins Tal ging es unterhalb der Aiguille du Midi Nordwand zum Plan de l’Aiguille, wo wir die Bahn ins Tal nahmen. Unten angekommen, begann es am Himmel schwarz zu werden und bald darauf zu regnen. Was für ein Glück kann man haben! Danke an alle, die mir geholfen haben, diese tolle Erfahrung machen zu dürfen.