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Ein Leben im Sonnenschein

Heinz Zak ist seit über 40 Jahren als Bergfotograf wie Extremalpinist erfolgreich und verfolgt seine vielseitigen Interessen mit großer Begeisterung. Dass der bekannte Tiroler Charakterkopf sechzig wird, mag man kaum glauben.

Text: Georg Hohenester

 

36 Gipfel in 72 Stunden

"Eine Gratüberschreitung ist gefährlich, weil du sehr lange in sehr exponiertem Gelände unterwegs bist. Du gehst möglichst direkt auf der Schneide und brauchst ein gutes Gespür dafür, wo es weitergeht und wo die Wächten zu gefährlich sind. Wenn du nach 20 Gipfeln müde bist und nass, schon lange nichts mehr zu trinken hast – essen willst du eh nichts mehr – und noch zehn Gipfel vor dir: Dann musst du durchbeißen und dich extrem fordern.“ So beschreibt Heinz Zak eines seiner größten Abenteuer, die winterliche Überschreitung des Karwendel-Hauptkamms mit 36 Gipfeln in 72 Stunden. Derlei anspruchsvolle Aktionen in seinen Heimatbergen gab es mehrere, im Sommer wie im Winter. Das Karwendel spielt aber auch für den Extremkletterer Heinz Zak eine besondere Rolle – dort hat er viele Kletterrouten bis zur Schwierigkeit IX+ erschlossen. Seit 1981 lebt der Bergprofi mit seiner Frau Angelika und seinem Sohn Martin in Scharnitz, direkt vor seinem Paradies. Immer wieder durchstreift er den wilden Karwendelkalk und entdeckt „selbst nach so langer Zeit noch Neues. Deshalb fotografiere ich auch so gerne hier!“ Damit spricht Heinz sein zweites Tätigkeitsfeld an: Als exzellenter Bergfotograf fasziniert er seit vielen Jahren mit Magazinbeiträgen, Büchern und Vorträgen ein breites Publikum. Insbesondere seine Karwendel-Bücher – das erste 1990, das zweite 2014 veröffentlicht – begeistern mit teils atemberaubenden, teils romantischen Bildern und abenteuerlichen Storys.

 

"Es gibt mehrere Seelen in mir"

Eine dritte Leidenschaft verknüpft das Klettern mit der Fotografie: Heinz Zak dokumentiert in Bild (und seit 2002 auch filmisch) andere Extremkletterer und -kletterinnen in den schwierigsten Projekten. Mitte der 1980er Jahre war er monatelang und weltweit mit Wolfgang Güllich unterwegs. Ab den 1990er Jahren mit Alexander Huber oder beiden HuberBuam. Und in letzter Zeit hat er intensiv mit dem tschechischen Ausnahmekletterer Adam Ondra und dem jungen Deutschen Fabian Buhl zusammengearbeitet. Die dokumentarische Tätigkeit, herausragende Kletter-Meilensteine festzuhalten, brachte auch eigene Werke hervor, beispielsweise das 1995 erschienene Buch „Rock Stars“, eine „Bibel des Freikletterns“, das viele Jüngere zum Klettern inspirierte. Das Wechselspiel der drei Leidenschaften erklärt Heinz so: „Da gibt es mehrere Seelen in mir. Im Karwendel möchte ich die Vielfalt zeigen, Lichtstimmungen, Landschaften, Bäume, Blumen, Vieh, Geschichte, Sport. Das Besondere der Region möglichst vollständig und mit starken Emotionen rüberbringen. Auf der anderen Seite klettere ich wirklich gerne, hänge mit einem Riesenspaß in einer steilen Wand und filme zum Beispiel den Adam Ondra in der Dawn Wall. Übrigens hat sich Adam wie Fabian von meinen Kletterbildern inspirieren lassen. Dass ich mit solch jungen Lichtgestalten arbeiten kann, freut mich ungemein. Die geben dem Sport neue Inhalte. Wie die Vollgas geben und dabei fair bleiben, das ist für mich Klettern in seiner reinsten Form.“

1958 in Wörgl geboren, hatte Heinz Zak schon als Schüler seinen eigenen Kopf, machte gern, was ihn interessierte, und ungern, was ihn nicht interessierte. Das bedeutete Ärger in der Schule, Hausarrest und Nachhilfe. An eine besonders unverschämte Aussage seines Lateinlehrers erinnert er sich noch gut: „Herr Zak, Leute wie dich hat man im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen verbrannt!“

 

Vom Klettergarten in die brüchigen Kalkkögel

Hat ihn diese Brandmarkung damals geärgert, so sieht er sie mittlerweile als Kompliment. „Schule ist Normierung, und ich war wohl schon immer ein unnormierter Mensch. Ist ja ein gesellschaftliches Problem, dass es zwar Normen braucht, andererseits die Leute ihren eigenen Weg finden sollen. Je normierter man aber wird, desto weniger sieht man den Weg.“

Heinz schlug seinen Weg ein, als er etwa fünfzehnjährig mit dem Klettern und Fotografieren anfing. Von der Oma mit einer ersten Spiegelreflexkamera und einem Seil beschenkt, ging es zunächst in den Klettergarten, dann in die brüchigen Kalkkögel. Beim Klettern war er selbstbestimmt, lernte Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu tragen. Schnell wurde er zu einem der besten Tiroler Kletterer und überlebte mit Glück auch einige haarsträubende Aktionen. „Damals war der Schwierigkeitsgrad ja begrenzt. Nicht jedoch die Zeit und vor allem das Risiko. Unser Ziel war es, die schwierigsten und gefährlichsten Touren möglichst in Bestzeit zu klettern …“, fasst er den Hauptaspekt dieser alpinen Kletterphase bis etwa Mitte der 1970er Jahre zusammen. Im Sommer 1978 zeigte das „Mountain Magazine“ ein Bild des amerikanischen Freikletterpioniers Ray Jardine im spektakulären Dach „Separate Reality“ auf der Titelseite. Heinz war von Bild und Route elektrisiert und wollte unbedingt ins Yosemite. Ein Jahr später brach er mit zwei Freunden ins Mekka des Freikletterns auf. Im Valley begeisterte ihn der lockere Lifestyle der Locals. Er bekam eine Idee von freiem Leben und stieg mit seinem Kletterspezl durch die Nose am El Capitan, wobei beide fast verdursteten. Zurück in Tirol hielt der junge Kletterer in Innsbruck seinen ersten Bildvortrag vor 600 Menschen und begann, eigene Routen im Freikletterstil einzurichten. Als ausgebildeter Lehrer unterrichtete Heinz Zak einige Jahre Englisch und Physik/Chemie an der Hauptschule in Scharnitz und verkaufte erste Kletterbilder an Bergsportmagazine wie den „Bergsteiger“. Zwischendurch ging er auf längere Reisen, um die schwierigsten Kletterrouten kennenzulernen und mit den besten Kletterern unterwegs zu sein.

 

"Ich empfinde es als Gnade, im Sonnenschein leben zu dürfen"

1986 fotografierte er Wolfgang Güllichs Free-Solo-Begehung von „Separate Reality“. Die Bilder gingen rund um die Welt und machten ihn bekannt. Ein Jahr später erschien sein erstes Buch übers Sportklettern „High Life“. Und auch die Bergsport-Vortragsszene entwickelte sich. Heinz Zak entschied, sein eigener Herr zu werden. Auf dem Höhepunkt der eigenen Kletterkünste 1987 kam er zu dem Schluss, dass ihm die Konzentration auf den rein sportlichen Leistungsaspekt zu stressig war: Das intensive Training und ständige Achten auf Gewicht und Ernährung taten ihm nicht gut. Also wechselte er den Fokus und konzentrierte sich mehr aufs Fotografieren und anspruchsvolle Erstbegehungen im Wetterstein und Karwendel. Zu seiner Erschließertätigkeit sagt Heinz: „Es hat mich begeistert und tut es nach wie vor, irgendwo einzusteigen, wo noch keiner war. Du erlegst dir einen gewissen Stil und Rahmenbedingungen auf und planst sorgfältig. Doch es bleibt ein Restrisiko, ein Abenteuer, von dem du nicht weißt, wie es ausgeht.“ Es entstanden Routen bis zur Schwierigkeit IX+ wie „Schlüssel zum Paradies“, „Doc Holiday“ oder „Leben im Sonnenschein“, deren Namensgebung bezeichnend für Heinz ist: „Das passte zu mir. Denn ich empfinde es schon als eine Gnade, im Sonnenschein leben zu dürfen, mit allem, was ich mache. Aus eigener Kraft und Inspiration Herausforderungen zu suchen, etwas zu schaffen, was Sinn macht. Und damit andere Leute begeistern und motivieren zu können.“

Wiederholt reiste Heinz Zak ins Yosemite. Und kletterte „Separate Reality“ immer wieder, die Route, die sein Leben entscheidend beeinflusst hatte, weil sie „den Gedanken des Freikletterns perfekt verkörpert“. Lange spielte Heinz mit dem Gedanken an eine Free-Solo-Begehung, wägte das Risiko ab und setzte sich schließlich das große persönliche Ziel für 2005. Nach einjährigem gezieltem Training gelang ihm im Alter von 47 Jahren die zweite seilfreie Begehung der legendären Route, die er sehr genau erinnert.

 

"Vor dem Einstieg überkam mich ein überwältigendes Gefühl von Freude"

 „Dass mein Kopf bei der Sache bleiben würde, wusste ich. Trotzdem blieb ein Rest von Unsicherheit, ein kleiner Knödel Angst. Vor dem Einstieg überkam mich dann ein überwältigendes Gefühl von Freude, das ich nicht zuordnen konnte. Beim Klettern selbst hatte ich kein Zeitgefühl, null Angst und hing völlig losgelöst im Dach, mit Blick auf den glitzernden Bach 200 Meter tiefer. Dann war ich oben … Bei aller Befriedigung über das Free Solo war das Wichtigste dieses unglaubliche Gefühl vor dem Einstieg. Erst später habe ich verstanden, dass dies das größte Geschenk für mich war: die Überzeugung, irgendwann einfach alles loslassen zu können.“ Heinz Zak schaut sehr genau hin, wenn er etwas anpackt. Bei aller Lust am Abenteuer setzt er sich intensiv mit der Sicherheit am Berg auseinander, auch als Buchautor und Bergführer (Ausbildungsabschluss 2010). Er geht seine Projekte kreativ und konsequent an, bringt extremen Einsatz mit – und viel Gespür für entscheidende Momente. Und er ist sich bewusst, dass „meine Schutzengel schon fleißig mitgearbeitet haben“. Im Yosemite lernte Heinz Zak auch das Slacklinen kennen. Schon Ende der 1970er Jahre trainierten die Kletterer ihr Gleichgewicht auf Ketten balancierend. Den entscheidenden Impuls gab Mitte der 1990er Jahre der amerikanische Spitzenkletterer Dean Potter. 

 

Slackline-Pionier in Europa

„Dean hat uns zum Highlinen mitgenommen, und ich entdeckte dank seines Enthusiasmus das Slacklinen in einer anderen Dimension. Auf einer Highline wie am Lost Arrow ins Nichts hinauszugehen braucht schon eine gescheite Portion Überwindung. Diese unglaubliche Ausgesetztheit hat mich enorm gereizt …“ Heinz wurde zum Slackline-Pionier in Europa, entwickelte ein erstes Slackline-Set mit, organisierte mehrere internationale Slackline-Treffen und beging unter anderem an der Gipfelstürmernadel in der Erlspitzgruppe eine luftige Highline. Wie sich das Slacklinen zur Trendsportart weiterentwickelt, fasziniert ihn, der weiterhin mit großer Freude balanciert: „Für die Rückenmuskulatur und die Tiefenstabilisation kannst du, glaube ich, kaum was Besseres machen.“ Auf seinen Körper passt Heinz Zak gut auf und sieht auch seine stabile Gesundheit als eine Gnade. „Manche Leute denken mit Mitte fünfzig schon an den Ruhestand. Das ist für mich grauenhaft. Ich mache das, was mir am meisten Spaß macht, und freue mich, ein so erfüllendes Leben zu haben. Deswegen interessiert mich das Alter gar nicht.“ Heinz Zak wird weiter in die Berge gehen, klettern und fotografieren, jeden Tag genießen und sich optimistisch von seinem positiven Lebensblick tragen lassen. „Das Tollste ist, dass ich in der Schönheit sein darf, sie aufnehmen, dokumentieren und festhalten.“ Typisch Heinz: Der Mann ist ein Phänomen – und kein bisschen sechzig.