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Rudi Palla: In Schnee und Eis

Alpinismus-Geschichte

09.05.2019, 13:02 Uhr

Wie funktionierte das Reisen und Bergsteigen im Himalaja Mitte des neunzehnten Jahrhunderts? Ein lebendig geschriebenes Buch über die Expedition der Brüder Schlagintweit lässt es nachvollziehen.

Die dreijährige Reise (1854-57) der Brüder Hermann, Adolf und Robert von Schlagintweit durch den Himalaja ist eine der berühmtesten Expeditionen aus der Frühzeit des Alpinismus. Viele Besucher sahen die Ausstellung dazu im Alpinen Museum des DAV. Was es aber wirklich bedeutete, sich in dieser Welt zu bewegen, das lässt der Autor Rudi Palla in journalistischer Erzählung lebendig werden. Wie Alexander von Humboldt als Drahtzieher in England die Finanzierung und Beauftragung klarstellte; wie die Brüder zwischen Blutegel-Dschungeln, Gletschern und viktorianischen Herrschaftshäusern pendelten und unzählige wissenschaftliche Sammelstücke anhäuften; wie Wissenschaft, Politik und Alpinismus auf den höchsten Bergen aufeinandertrafen.

 

Zwischen Kolonialstädten und Eisbergen

Die Himalayaregionen von Indien waren damals keineswegs komplett wildes Ödland: Die britischen Kolonialherren hatten die bestehenden Handelsverbindungen im Griff. So durchstreiften die Brüder zwar teils üblen Dschungel und eiskalte Gletscherregionen, erreichten am Abi Gamin sogar mit 6785 Metern einen Höhenrekord, aber nach teils getrennten Reisen trafen sie auch immer wieder zusammen in dekadenten Kolonialstädten, zu Bällen und Picknicks. Dabei sammelten sie insgesamt über 20.000 geologische, botanische, zoologische und ethnographische Objekte, nahmen Gipsabdrücke von den Köpfen Einheimischer, machten Aquarelle von Landschaften, Klöstern und Menschen. Zuletzt fuhren Hermann und Robert direkt nach Deutschland zurück, Adolph aber wollte über Kashgar und die Seidenstraße nach Russland reisen, wo er von einem Warlord aufgegriffen und mit dem Vorwurf der Spionage umgebracht wurde.

 

Der Autor macht die Zeitsituation bildhaft, wo ein politischer Konflikt droht zwischen England und Russland, das womöglich durch den Himalaja einen eisfreien Hafen im indischen Ozean ansteuern will; wo „pundits“, einheimische Erforscher, verkleidet das Land durchstreifen, ihre Schritte per Gebetskette zählen und so Infos für militärisch-politische Karten sammeln. Auch solche Informationen brachten die Schlagintweits wohl mit nach Hause; beauftragt hatten sie schließlich die East India Company und die Royal Geographic Society auf Fürsprache Humboldts. Der wissenschaftliche Wert ihrer Erkenntnisse und Darstellungen wurde in Fachkreisen heftig kritisiert; auch auf Vorwürfe von Selbstherrlichkeit und Plagiat geht der Autor ein, räumt die Langweiligkeit ihrer Beschreibungen und ihr überzogenes Geltungsbedürfnis ein – das Buch ist keine Lobhudelei. Aber es würdigt das leidenschaftliche Bemühen der Schlagintweits und den reichen Quellenschatz, den sie mitgebracht haben: ein unterhaltsam und erhellend geschriebenes Stück (auch) alpiner Geschichte.

 

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Besonders geeignet für … Himalajafreunde, die die Ausstellung im Alpinen Museum verpasst haben.

 

Link zum Verlag

 

Rudi Palla: In Schnee und Eis – Die Himalaja-Expedition der Brüder Schlagintweit, Galiani Verlag, 2019, 192 S., 20 Euro

 

ISBN: 978-3-86971-187-4

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