logo-dav-116x55px

Peter Rölke: Das nördlichste Böhmen

Führer Wandern/Bergsteigen

09.03.2020, 09:38 Uhr

Im Grenzland von Sachsen und Tschechien stellt dieser Führer 20 Touren vor – und schafft mit fundierten Hintergrundinformationen auch Verständnis für die Region.

Den Hauptteil des Taschenbuches bildet eine Sammlung von 20 Tourenvorschlägen für leichte bis anstrengende Wanderungen im böhmischen Teil des Lausitzer Berglandes und des Lausitzer Gebirges. Die einzelnen Tourenvorschläge beginnen jeweils mit einer Übersicht: kurzer Einführungstext; Liste der wichtigsten Weg- und Aussichtspunkte; Angaben zu Schwierigkeit, Länge und Dauer der Wanderung; Hinweise zu Anreise, Einkehrmöglichkeiten, alternativen Wegverläufen usw.; detaillierte Übersichtskarte mit eingezeichnetem Wegverlauf.

 

Es folgt eine ausführliche Beschreibung des Wegverlaufs mit Sehenswürdigkeiten, Aussichten und sonstigen Besonderheiten. Der Text wird aufgelockert mit Einschüben zur Historie, zu Flora und Fauna sowie zu geologischen Besonderheiten. Umfangreiches Bildmaterial unterlegt die im Text beschriebenen Gegebenheiten.

 

Vor den Hauptteil ist eine längere Einführung gestellt. Diese geht zunächst auf Geschichte und Kultur sowie auf die touristische Entwicklung der Gegend ein und beschreibt Besonderheiten der Landschaft sowie der Tier- und Pflanzenwelt.

 

Selber planen bleibt erlaubt

Höhenprofile oder Tracklogs zu den Touren sind nicht verfügbar. Die enthaltenen Kartenausschnitte und Beschreibungen sind aber eine gute Grundlage für die Planung der Touren und für die Orientierung im Gelände. Darüber hinaus finden sich im Anhang weiterführende Empfehlungen zu klassischen Wanderkarten und der Online-Plattform mapy.cz.

 

Hinweise zur Ausrüstung oder zur besten Jahreszeit für die Wanderungen werden nicht gegeben. Daher ich ein paar eigene Worte dazu: Da Einkehrmöglichkeiten in der Region eher dünn gesät sind und man sich auf Öffnungszeiten kaum verlassen kann, ist eine ausreichende Verpflegung anzuraten. Festes Schuhwerk sollte für Wanderungen eine Selbstverständlichkeit sein, knöchelhohe Wanderschuhe sind für die beschriebenen Touren teilweise ratsam. Die Wanderungen sind am besten im Frühjahr und Herbst zu genießen. Der Sommer kann heiß oder insektenreich sein und so die Wanderfreude einschränken. Die Winter sind neuerdings oft schneefrei, das ist aber keine Selbstverständlichkeit. Bergkuppen können vereist und die Wege auch hoch verschneit sein, so dass die beschriebenen Wanderungen unmöglich werden. Bei guten Schneeverhältnissen sind einige Wanderungen jedoch im Winter auch als Langlaufski-Tour denkbar. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass sich die Region auch gut mit dem Mountainbike erschließen lässt und sich die Ausgangsorte so auch ohne PKW gut erreichen lassen.

 

Peter Rölke ist ein Kenner der Südostsächsischen Berglandschaften und bestens vernetzt in der Szene der Naturliebhaber. Insbesondere seine Heimat, die Sächsische und Böhmische Schweiz und die Umgebung von Dresden, ist in den bisherigen Wanderführern bezüglich ihrer Aus- und Einblicke bereits bestens dokumentiert. Dr. Rölkes Netzwerk reicht jedoch weit über die Grenzen Sachsens hinaus. So kann er in seinen Wanderführern immer wieder Insider der beschriebenen Gebiete als Gastautoren gewinnen. Seine Werke erreichen daher ein überaus hohes Maß an Authentizität und Ortskenntnis.

 

Mehr als nur ein Wanderführer

Mit der Ausgabe "Das nördlichste Böhmen" ist Dr. Peter Rölke und seiner Mannschaft ein wirklich großer Wurf gelungen. Bereits in der Einführung zur Entwicklung des Tourismus gelingt es dem Co-Autor Karl Stein, an die Ursprünge des Bergvereinswesens im ausgehenden 19. Jahrhundert anzuknüpfen und die weit über die Region hinausreichende Bedeutung lokaler Ortsgruppen in der Entstehungszeit des Deutschen Alpenvereins darzustellen. Manfred Schober beschreibt in einem Kapitel über die Geschichte und Kultur die dafür nötige Voraussetzung: wachsende Bevölkerung und industrielle Entwicklung.

Den meisten Platz im Buch nimmt natürlich der wesentliche Grund für die Entstehung von Wandervereinen, Bergbauden und Aussichtstürmen ein: die atemberaubende Schönheit der Hügellandschaft zwischen 300 und 700 Metern Seehöhe. Unzählige Berge, Dörfer, Bäche und Seen dienen als Kulisse für die auf ferne oder nahe Besonderheiten hinweisenden und Lust zum Nachwandern machenden Abschnitte.

 

Mit viel Sensibilität aber auch mit der nötigen Klarheit widmen sich die Autoren den schwierigen Kapiteln in der Geschichte des Landstriches, soweit das für das Verständnis erforderlich ist. Einerseits bekommt der Leser eine Ahnung, dass die Vertreibung der Deutschen nach Ende des 2. Weltkrieges keinesfalls den Anfang, sondern eher den traurigen Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Tschechen und Deutschen darstellte. Andererseits wird auch klar, dass Krieg, Vertreibung und Abschottung sowohl den industriellen Niedergang als auch den Niedergang der meisten touristischen Aktivitäten besiegelten.

 

Soweit bekannt, wird auf ehemalige oder noch existierende Bauden, Aussichtstürme und Wallfahrtsstätten eingegangen. Mit viel Liebe zum Detail werden die vielen Kreuzwege in der Region beschrieben und in die Wanderungen einbezogen. Zahlreiche Einschübe zu Denkmälern, Bahnlinien und sonstigen Bauwerken sowie Details zu geologischen Formationen, vorkommenden Pflanzen und Tieren runden den Inhalt ab.

 

Die Autoren bleiben nicht bei wehmütigen Rückblicken auf eine vermeintlich bessere Zeit stehen, sondern zeigen anhand von Wegekennzeichnungen, Restaurierungen oder sich neu bildenden kulturellen Strukturen, wie überall kleine Pflänzchen der Hoffnung aufsprießen. Letztlich bildet das Buch selbst einen Beitrag, die wunderschöne Region zwischen Sächsisch-Böhmischer Schweiz und Zittauer Gebirge als Wanderziel ins Gedächtnis zu rufen.

Insgesamt ist das Buch eine große Bereicherung für kulturell und geschichtlich interessierte Naturliebhaber, die nicht nur sehen, sondern auch verstehen wollen. Und natürlich für alle Wanderfreunde, die nicht dem Zufall überlassen wollen, was ihnen an Natur- und Kulturreichtum begegnet oder entgeht.

 

Info

Besonders geeignet für … kulturell und geschichtlich interessierte Naturliebhaber, die nicht nur sehen, sondern auch verstehen wollen.

 

Dr. Peter Rölke u.a.: Wander- und Naturführer „Das nördlichste Böhmen“, Bergverlag Rölke, 2019, 296 S., 21,90 Euro

 

Wandern für jeden Geschmack

div. Wanderführer

Mehr erfahren
Unermüdlich sind die Autor*innen und Verlage mit ihren Vorschlagsbüchern für Wanderungen jeglicher Schwierigkeit – und noch selten waren die alpinen Ziele so begehrt wie heute. Wir stellen vor, was sich in den letzten Monaten auf dem Redaktionstisch gesammelt hat.

Wandern ohne Ende

div. Wanderführer

Mehr erfahren
Losgehen – und einfach weitergehen. So weit die Füße tragen, vielleicht bis über die Alpen, bis ans Meer. Zumindest für ein paar Tage auf der Höhe. Weitwandern kann viel bedeuten – diese Führer zeigen die Vielfalt dieser Leidenschaft und geben ihr alpine Ziele.

Iris Kürschner: Oberwalliser Südtäler

Mehr erfahren
Walliser Südtäler – klingt das nach abgelegenen Zweite-Reihe-Destinationen für Wildnisfans? Gemeint sind aber die zentralen Täler mit den sattsam überlaufenen Hotspots Zermatt und Saas Fee. Doch unweit des Massentourismus findet sich auch dort große Natur – mit viel Hintergrund. Die Alpinjournalistin Iris Kürschner ist eine Überzeugungstäterin. Ihre Magazin-Beiträge (auch in DAV Panorama) und Führer werden von Leidenschaft für die Berglandschaft getrieben. Im Wallis fällt das besonders leicht, denn auch wenn das Matterhorn als Werbe-Ikone missbraucht und abgegriffen erscheint: Seiner Aura kann man sich schlecht verweigern. Und nebendran stehen elegante Traumgipfel wie Weißhorn, Dom, die Monte-Rosa-Kette. Zigtausende Besucher in den autofreien Bergdörfern Zermatt und Saas Fee sind die logische Folge – kann man bei solchem Trubel die Landschaft noch genießen? Man kann, davon ist die Autorin überzeugt. Denn selbst auf berühmten Wegen wie dem Matterhorntrek oder dem Europaweg, die von Touristikern konzipiert wurden, ist kein Gänsemarsch-Erlebnis zu befürchten, und neben diesen hat sie auch Touren in den weniger überlaufenen Teilen des Gebiets aufgenommen. Denn enger wird’s nur in den Zentren; die vielfältigen Landschaften zwischen den Weinhängen des Rhonetals und den Viertausendern bieten genug Einsamkeit und Abwechslung. 

Frank Wippermann: Bergführer Hamburg

Mehr erfahren
Bergstadt Hamburg? Was ein gestandener Berchtesgadener als Anmaßung empfinden mag, belegt der Autor auf unterhaltsame Weise – und liefert seinen Nordlicht-Kolleg*innen jede Menge Tourentipps an der Waterkant. Es gibt Berge in Hamburg! Mit diesem selbstbewussten Satz beginnt dieser spezielle Wanderführer – und zitiert das Motto der örtlichen DAV-Sektion: "Wir bringen die Berge nach Hamburg". Was gar nicht nötig sei, denn „Berg“ sei ein relativer Begriff, und Hamburg die „steilste deutsche Millionenstadt“ – nirgends ist die gedachte Verbindungslinie vom niedrigsten zum höchsten Punkt so steil.   Nach den üblichen Führerkapiteln zur Geologie und Ausrüstung, Führergebrauch und Naturschutz – durchaus schon mit einer gewissen Selbstironie verfasst – wird es ernst: 80 Tourentipps, die zu 89 Gipfeln führen, sind ausführlich dargestellt. Am Rand des Elbtals finden sich tatsächlich nennenswerte Erhebungen, teilweise aber auch künstlich gebaute Berge, aus Müll oder gar Sand. Spezielle Highlights sind etwa die Überschreitung zweier Rutschen-Brocken auf einem Spielplatz, Bouldern an einem Findling, ein Treppenlabyrinth im Villenviertel oder eine Radrenn-Strecke, die steiler ist als die berüchtigte Auffahrt nach Alpe d’Huez. An der Reeperbahn diagnostiziert der Autor ernsthafte Absturzgefahr, er verzeichnet aber auch den DAV-Kletterturm als echtes alpinistisches Ziel.   Die kürzeste Tour führt zum Hügelgrab Taterberg, mit ganzen zwei Höhenmetern, 100 Metern Strecke und fünf Minuten Gehzeit; die längste Tour dauert auch gerade mal etwa zwei Stunden. Deshalb ist es gut, dass Kombinationsmöglichkeiten angegeben sind, bis hin zur ultimativen Challenge: den „Seven Elb Summits“. Die jeweils höchsten Punkte der sieben Hamburger Verwaltungsbezirke lassen sich „by fair means“, also nur mit Öffis, als Tagestour in 16 Stunden erstürmen (die Hälfte davon Gehzeit) – ein tatsächlich strammes Programm, für das ein ausgetüftelter Zeitplan inklusive ÖV-Verbindungen angeboten wird. Den Abschluss des Buchs bilden ein Gipfel-Gesamtverzeichnis, sortiert nach Höhe, und eine alphabetische Touren-Übersicht mit Eintragungsmöglichkeit für „Bezwingungs“-Datum, Begleitung, Wetter und Stimmung. 

Frank Gerbert: Alpenüberquerungen

Mehr erfahren
Auf zehn verschiedenen, selbst entwickelten Routen hat Frank Gerbert die Alpen überquert. Wer sich von seiner Begeisterung anstecken lassen will, erhält mit diesem „Handbuch“ sehr gute Planungsgrundlagen. Alpenüberquerungen sind mit das Anstrengendste, was an Wandern denkbar ist“, warnt der Autor gleich im Eingangskapitel. Trotzdem hat er sich immer wieder darauf eingelassen, ja, bezeichnet es als „Spleen“: als „Mittelwert zwischen Marotte und Leidenschaft“. Seit 2003 sind es zehn Routen geworden, die der studierte Geograf selber zusammengestellt und begangen hat und die er in diesem Buch, einer Art Fazit dieser Faszination, beschreibt.   Beim Aushecken dieser Linienführungen war ihm eines wichtig: „Ein Weitwanderweg muss eine einleuchtende Wegführung und außerdem eine Art Seele haben“. Diesen Anspruch lösen seine Kreationen oft überzeugend ein, auch wenn immer wieder Zug-, Bus- oder Bergbahnfahrten nötig sind, um uninteressante oder langwierige Verbindungen zu vereinfachen. Von den Berner und Walliser Alpen im Westen (Thun-Biella) bis zu Ötscher und Hochschwab im Osten (Scheibbs-Graz) decken seine Linien die große Vielfalt der Alpen ab. Sie durchstreifen weniger bekannte Regionen wie Alpstein, Glarner und Tessiner Alpen (Rorschach-Mendrisio) oder Niedere Tauern und Gurktaler Alpen (Mondsee-Bled). Aber der Autor hat auch bekannte Klassiker teils mit eigenen Varianten bereichert: etwa die Linie Neuschwanstein-Garda mit Teilen des E5, oder eine spannende Linie durch Wetterstein, Stubaier, Sarntaler und Dolomiten (Oberammergau-Vittorio Veneto). 

Michael Mertel: Bayerische Voralpen

Führer

Mehr erfahren
Ein klassisches Konzept feiert Renaissance: Sämtliche Gipfel zwischen Loisach und Inn mit ihren Normalwegen in einem Buch. Wer kennt die Gipfel, nennt die Namen? Moderne Wanderführer sicher nicht: Das Konzept der Auswahl-Rezeptbücher hat die bewährten „Alpenvereinsführer“ abgelöst, die jeden Gipfel und alle bekannten Aufstiege verzeichneten – alpiner Geschichtsverlust. Michael Mertel setzt dieser Knowhow-Erosion seine Fleißarbeit entgegen: Wanderer, die gerne selbständig ihre Touren planen, auch um den kanalisierten Massen zu entgehen, finden hier „381 Berge zwischen Loisach und Inn“ mit ihren Wanderwegen und Pfaden.