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Hans-Joachim Löwer: Flucht über die Alpen

Sachbuch

11.01.2022, 17:12 Uhr

In prägnanten Reportagen beleuchtet der Autor ein weitgehend verdrängtes Kapitel der Nachkriegszeit. Er beschreibt die Probleme der gewaltigen Flüchtlingsströme und schildert die gefahrenvolle Flucht jüdischer Holocaust-Überlebender über die Alpen nach Palästina und deren Auswirkung bis heute.

Die Alpen sind für Bergsteigerinnen und Bergsteiger längst ein vertrauter und beliebter Sport- und Erholungsort. Seit jeher war das Gebirge auch ein Schauplatz welthistorischer Ereignisse, angefangen von Hannibals Alpenüberquerung bis zur Alpenfront während des 1. Weltkriegs. Hans-Joachim Löwer beleuchtet nun ein bislang weitgehend unbekanntes Geschehen, dessen Auswirkungen gleichwohl bis in die unmittelbare Gegenwart zu spüren sind. Einigermaßen geläufig mag noch sein, dass in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg Nazis und Kriegsverbrecher über die sogenannte Rattenlinie Fluchtwege vor allem nach Südamerika fanden. Dass aber auch Juden in der Nachkriegszeit über die Berge geschmuggelt werden mussten, dürfte ziemlich neu sein.

 

Im besiegten und besetzten Deutschland und Österreich wurden die aus den Konzentrationslagern befreiten und die bislang untergetauchten Juden in Camps für sogenannte displaced persons (DP) interniert. Dazu kamen ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus ganz Europa, darunter auch Menschen, die vor der Roten Armee geflohen waren. Insgesamt verstopften rund 20 Millionen Migranten die Straßen, unter ihnen viele unbegleitete Kinder. Oft wollten sie nicht in ihre früheren Heimatländer zurückkehren, weil sie dort nicht ganz grundlos Repressalien befürchteten. Wer es schaffte, als Verfolgter anerkannt zu werden, genoss gegenüber der übrigen Bevölkerung gewisse Privilegien, vor allem, was die Verpflegung betraf. Als DP-Camps dienten nicht selten die früheren Konzentrationslager, auch wenn sie jetzt anheimelnde Namen trugen, wie Föhrenwald oder Gnadenwald. Gerne auch fanden sich die DPs in ehemaligen Nazi-Refugien wieder, wie etwa im HJ-Hochlandlager Königsdorf oder in Feldafing am Starnberger See. Allerdings waren die Lager wieder eingezäunt, so dass sich das eigenartige Bild ergab, dass die Besiegten sich frei bewegen durften, die Befreiten aber wieder bewacht wurden. Außerdem vermieden die Siegermächte eine ethnische oder religiöse Kategorisierung, um nicht in den Verdacht zu geraten, die absurde Rassenpolitik der Nazis fortzusetzen.

 

Nach dem Krieg wieder im Lager

Die Existenz der Nachkriegslager ist durch die historische Forschung inzwischen sehr gut dokumentiert. Eher verdrängt wurden die sozialen Konflikte der Insassen untereinander und besonders die Spannungen mit der Bevölkerung der Umgebung. Es gab erhebliche Auseinandersetzungen, etwa um die Leitung der Lager, aber generell auch mit den verantwortlichen Behörden, seien es nun deutsche oder die der Besatzungsmächte. Als Unruheherd wirkte auch der zeittypische Schwarzhandel.

 

Besonderes Augenmerk hat Löwer nun, wie der Untertitel schon andeutet, den wenigen jüdischen Holocaust-Überlebenden gewidmet. Diese, allesamt schwer traumatisiert, erfuhren zunächst eine gewisse Unterstützung durch das American Jewish Joint Distributation Committee und die Jewish Agency, wobei letztere ihre Aufgabe darin sah, Juden aus aller Welt zur Einwanderung nach Palästina zu motivieren, um dort einen jüdischen Nationalstaat zu errichten. Dies jedoch stieß auf den entschiedenen Widerstand der Briten, die eine über die Balfour-Deklaration von 1917 hinausgehende jüdische Einwanderung in ihr Mandatsgebiet unbedingt verhindern wollten, weil sie die Araber und die muslimische Welt keinesfalls verprellen durften, auf deren Unterstützung sie in den beiden Weltkriegen angewiesen waren. Deshalb riegelten sie ihre Einflussgebiete in Österreich und Oberitalien rigoros gegen Flüchtlingsströme in Richtung Mittelmeer ab.

 

Aber auch die Juden selbst in den DP-Lagern waren gespalten. Zunächst einmal war die jüdische Identität umstritten. Daneben ergab sich eine Kluft zwischen Säkularen und Religiösen. Viele scheuten auch die Reise aus gesundheitlichen Gründen, andere wollten nicht dem Ruf des Zionismus folgen und in die ihnen fremden Gebiete des Nahen Ostens auswandern. Dort hatten sich schon während des Krieges verschiedene Aktionsgruppen gebildet. Etwa eine jüdische Brigade, die an der Seite der Briten gegen Nazideutschland kämpfte, oder Hagana und Irgun, die nun alle im Untergrund gegen die britische Mandatsmacht und in Europa für eine jüdische Einwanderung nach Palästina wirkten. Entsprechende Werbeveranstaltungen fanden unter der Leitung von Ben-Gurion unter anderem in Salzburg oder gar im Münchner Bürgerbräu-Keller statt. Man war allerdings eher an jungen und gesunden, lern- und begeisterungsfähigen Menschen interessiert, was beileibe nicht auf alle Holocaust-Überlebenden zutraf.

 

Als Fluchtroute boten sich nun die Alpenpässe an, die allerdings durch Kontrollen und Sperrungen bedroht waren. Das lag auch daran, dass die jeweiligen Besatzungsmächte akribisch auf ihren Souveränitätsrechten bestanden und eine Überschreitung der Besatzungszonen bis 1948 mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war. Menschenbewegungen wurden mit dem größten Misstrauen beobachtet und mussten konspirativ zum Teil von kommerziellen Schleppern organisiert werden. Zuerst fiel der Übergang Brennerpass aus, dann der Reschenpass, so dass man zuletzt auf den schwierigen alpinen Übergang Krimmler Tauern zurückgreifen musste, den man Kindern oder Schwangeren kaum zumuten konnte. An den Schönheiten des hochalpinen Weges hatte wohl keiner der Flüchtenden irgendein Interesse. Dramatisch gestaltete sich in Italien auch der Zugang zu den Fluchtschiffen, die vor den Behörden durch Korruption, Tarnung und Täuschung geheim gehalten werden mussten und die oft auf hoher See von britischen Kriegsschiffen aufgebracht wurden. Am bekanntesten ist die Irrfahrt der „Exodus“, deren menschliche Fracht von den Briten nicht nach Palästina hinein gelassen, sondern nach Hamburg umgeleitet wurde.

 

1948 entzogen sich die Briten ihrer Verantwortung für das Mandatsgebiet Palästina. Es folgte der Teilungsplan der UNO, der von den arabischen Staaten nicht anerkannt wurde, die Gründung des Staates Israel und der erste Krieg des neuen Staates gegen die arabischen Nachbarn.

 

Das Bild entsteht allmählich

Alle diese Brennpunkte beleuchtet Löwer mit eindrucksvollen Schilderungen und bewegenden Bildern. Dabei treten jedoch einige Eigenheiten des Buches zutage, die es anzumerken gilt.

 

Löwer, Jahrgang 1948, war 30 Jahre lang Reporter für den Stern und die National Geographic. An den Genremerkmalen der Reportage, die „den Leser ganz nahe an das Geschehen heranführt“, orientieren sich auch die fünfzig Kapitel des Buches. Da der Reporter alle Schauplätze quasi persönlich aufsucht , ergibt sich zunächst ein etwas verwirrendes Puzzle, in dem erst allmählich ein Gesamtbild aufscheint. Offenbar um der Lesbarkeit willen hat Löwer auch auf jeden Quellennachweis verzichtet, was bei der Wiedergabe von Zitaten und Redebeiträgen einigermaßen ungewöhnlich ist. Allerdings ist dem Band eine umfangreiche Liste von Quellen beigefügt. Zuletzt hinterlässt der Versuch, möglichst viele Aspekte der Vorgänge in prägnanten, dramatischen Reportagen anzusprechen, gewisse Informationslücken. Der interessierte Leser ist also auf eine weiterführende und vertiefende Lektüre angewiesen. Erwähnenswert ist etwa das soeben erst erschienene Buch von Dan Diner: „Ein anderer Krieg“.

 

Kurzcheck

Lesespaß
Fotos
Info

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Besonders geeignet … für historisch Interessierte und für Bergsteiger, für die die Berge auch Erinnerungsorte sind. 

 

Flucht über die Alpen von Hans-Joachim Löwer - 978-3-7022-3937-4 | Tyrolia Verlag

 

Hans-Joachim Löwer: Flucht über die Alpen. Wie jüdische Holocaust-Überlebende nach Palästina geschleust wurden, Tyrolia Verlag, 2021, 320 S., 28 Euro

 

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