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Denken erlaubt

15.11.2021, 09:14 Uhr

Bücher können Zeitvertreib sein, Lernquelle oder Planungshilfe für die nächste Bergtour. Sie können aber auch einladen und mitnehmen zu einer Reise ins Jenseits des eigenen Horizontes.

Reinhold Stecher: Bergworte

Kein coffee-, sondern ein kleines night-table-book: Eines, das auf dem Nachttischchen liegen könnte, damit man vor dem Einschlafen reinschaut und einen guten Gedanken mitnimmt. Zum 100. Geburtstag des berühmten und beliebten Innsbrucker Bischofs und Bergsteigers hat der Tyrolia Verlag ihm dieses kleine Bändchen gewidmet: kurze, aphoristische Texte und Aquarelle aus seiner Feder, die in einfachen und doch klingenden Worten und Bildern von dem predigen, was für viele von uns die Wahrheit der Berge ist.

 

Reinhold Stecher: Bergworte, Tyrolia Verlag, 2021, 48 S., 9,95 Euro 

 

Lorenz Heiß: Dahoam in de Berg

Berchtesgadener Dialekt-Dichtung – man muss sich einlesen in die Sprachmelodie, dann fängt die Poesie an zu singen und offenbart romantische Einsichten; garniert mit vielen Fotos, die ein bisschen klein sein mögen, aber schön. Mundartpoesie wirkt oft kitschig oder holprig-rustikal; das ist hier gar nicht der Fall: Lorenz Heiß hat kluge Gedanken vertont, die den Bogen schlagen von den großen Fragen des Lebens bis zu den kleinen Wundern am Wegrand. Mittlerweile ist sogar schon ein zweiter Band erschienen.

 

Lorenz Heiß: Dahoam in de Berg, Eigenverlag, 2019, 124 S., 16,80 Euro 

 

Selma Mahlknecht: Berg and Breakfast

„Wollt ihr den totalen Urlaub?“ Touristen sind nicht nur umworbene Wirtschaftsfaktoren, sie belasten auch Natur, Einheimische und einander. Die Autorin des mittlerweile auch preisgekrönten Buches („opera segnalata“ beim Mario-Rigoni-Stern-Preis für Literatur der Alpen) übertreibt durchaus mal, bringt aber auch intelligente, neu gedachte Gedanken zu „touristischen Sehnsüchten und Ernüchterungen“. Mit Pfiff und Energie formuliert sie einen Eulenspiegel, in den zu Schauen Unerwartetes triggern kann.

 

Selma Mahlknecht: Berg and Breakfast, Edition Raetia, 2021, 232 S., 19,90 Euro 

 

Hans-Joachim Löwer: Gipfelkreuze

Symbol eines Justizmords (wie es Eugen Guido Lammer ausgedrückt hat)? Fanal für die Unterwerfung der Berge? Oder Einladung zum Dank? wenn wir uns dem Himmel näher spüren und die Schönheit nicht fassen können. 100 Gipfelkreuze hat der Journalist Hans-Joachim Löwer aufgesucht, kleine und große Berge von Aosta bis Leoben – und ihre Geschichten aufgeschrieben. Schlagworte gliedern die Kapitel; da geht es um Bastionen, Tragödien, Talente, Frustrationen und Provokationen. Akribisch recherchiert, erzählt der Autor in leichtem Ton spannende Geschichten von der Geschichte bis heute, die neue Perspektiven geben zu bereits erstiegenen oder noch anvisierten Bergzielen. Sogar Informationen über Möglichkeiten zum „Aufstieg“ sind enthalten – dafür aber braucht’s dann allerdings andere Fachliteratur.

 

Hans-Joachim Löwer: Gipfelkreuze, Tyrolia Verlag, 2019, 352 S., 29,95 Euro 

 

Eugen E. Hüsler: Alte Wege in den Alpen

Dieses Buch kann tatsächlich zumindest als Inspiration zum Nachwandern dienen, obwohl auch hier die Infos knapp sind. Die vorgestellten „Alten Wege“ sind aber neben schönen Bergwanderungen auch Beispiele der jahrtausendelangen Beziehungen zwischen Alpen und Menschen. Eugen E. Hüsler, eher als „Klettersteigpapst“ bekannt, belegt mit diesem Buch wieder einmal, dass er kurzweilig und amüsant schreiben kann – zeigt darüber hinaus aber sein weit und tief gefächertes Wissen über die Berge, die er sein Leben lang durchstreift hat. Kundige Allgemeintexte skizzieren die Erschließungsgeschichte – Frühzeit-Römer-Mittelalter-Neuzeit-Erster Weltkrieg-Heute –, dann präsentiert er für die jeweilige Epoche typische Wege. Wer sie alle nachwandern will, hat zu tun; wer darüber liest, wird bei-läufig schlauer.

 

Eugen E. Hüsler: Alte Wege in den Alpen, Bruckmann Verlag, 2020, 240 S., 29,99 Euro 

 

Dominik Siegrist: Alpenwanderer

Von Wien nach Nizza sind schon viele gewandert: mit Ski oder zu Fuß, mit sportlicher Ambition oder einfach, um eine gute Zeit zu verbringen. Wenn Dominik Siegrist, von 2004-2014 Präsident der Alpenschutzorganisation Cipra, sich auf die 1800 Kilometer lange Strecke macht, liegt es nahe, dass er spezielle Motivationen hat – „ein Zeichen gegen die Zerstörung der Alpenlandschaft setzen, aber auch Projekte dokumentieren, die positiv in die Zukunft weisen“, schreibt er selber. In leichtem Plauderton erzählt er von der „Whatsalp“, auf der ihn etliche Freunde begleiteten, und vom Zusammentreffen mit Menschen und Aktivisten in den Orten, die er durchstreift. Dazwischengestreute „Themenfenster“ liefern vertiefende Information zu speziellen Fragen. So entsteht das Bild eines Gebirges, das schon immer die Spannung zwischen Natur und Wirtschaft ertragen musste – und von vielen neuen Ansätzen, diese Spannung zu mildern. Vielleicht fragt man sich irgendwann, wann er denn überhaupt gewandert ist. Nun ja, er hat sich ja 119 Tage Zeit genommen.

 

Dominik Siegrist: Alpenwanderer, Haupt Verlag, 2019, 232 S., 29,90 Euro 

 

Hansjörg Küster: Die Alpen

Ein kleines Büchlein, sachlich und klar geschrieben, bündelt das Wichtigste, was sich über unser Sehnsuchtsziel Alpen zu wissen lohnt: Von der geologischen Entstehung über die Vegetation, frühe Besiedlung und Erschließung bis hin zur Musik und der Entwicklung des Tourismus bis in die Gegenwart. Der Autor ist Professor für Pflanzenökologie, schreibt aber erfrischend leicht verständlich, und zeigt, dass er weit über sein Fachgebiet hinaus informiert ist. Der Text ist dicht vollgepackt mit Information, nur wenige Illustrationen vertiefen das Verständnis, wo nötig. So steckt in diesem unscheinbaren Buch im Heftformat ein Gehalt von geradezu enzyklopädischen Ausmaßen.

 

Hansjörg Küster: Die Alpen, C.H.Beck, 2020, 127 S., 9,95 Euro 

 

Michael Merkel: Götter und Gipfel

Was treibt Menschen in die Berge, was verbindet sie mit ihnen? Das war und ist bis heute viel mehr als nur die sportliche Nutzung. Als Symbol des „oben“ haben Berge in vielen Religionen mythische Bedeutung, haben viele Religionen ihre „heiligen Berge“. Die menschliche Beziehung zu ihnen kann von Ehrfurcht geprägt sein, aber auch durch Eroberung und Unterwerfung. Der Autor – Holzbildhauer, Kulturwissenschaftler und Meisterschüler an der HfBK Dresden – stellt zunächst solche theoretischen Überlegungen an, dann beleuchtet er Berge mit den Mitteln seiner Kunst. Meist mit Bleistift, oft fast fotorealistisch, dann wieder mystisch verfremdet, zielen seine Bergporträts eher auf deren inneres Wesen als auf die äußere Form. Textporträts einiger „heiliger“ Berge und Berichte von drei eigenen Begegnungen runden das Buch ab, das zum Weiterdenken anregen mag.

 

Michael Merkel: Götter und Gipfel, Selbstverlag, 2020, 92 S., 12,- Euro 

 

Johann Brandstetter: Über Leben

Ein Kunstprojekt zum Leben und der Evolution: Johann Brandstetter ist, unter anderem für die Was-ist-Was-Buchreihe, ein bekannter und erfolgreicher Illustrator. Als solcher ein genauer Beobachter, der die Schönheit im Detail sieht und sie in Strich und Farbe zum Verweilen bringt. Doch der Beobachter ist auch ein fühlender, empathischer Geist, der wahrnimmt, wie fein abgestimmt alles miteinander verwoben ist – und wie ungewiss seine Zukunft. So wird die in diesem Buch präsentierte Bilderfülle zu einem Hymnus aufs Leben. Oder zu einer „verzweifelten Liebeserklärung“, wie es im einführenden Essay „Schönheit ist Politik“ von Andreas Weber heißt. Im abschließenden Interview verrät Brandstetter, dass er dazu aktivieren will, „mit mehr Zuneigung, Hingabe und Geduld auf die Natur zu schauen und sich dadurch bestenfalls als einen Teil von ihr zu erleben“. In diesem Geist zeigen seine Illustrationen – wie jede gute Kunst – mehr als nur das Abgebildete.

 

Johann Brandstetter: Über Leben, Oekom Verlag, 2019, 112 S., 39,- Euro