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Bernadette McDonald: Der Weg zur Spitze

Alpinismus-Geschichte

11.01.2018, 09:58 Uhr

Die Alpinisten des ehemaligen Jugoslawien, vor allem aus Slowenien, gehören zu den erfolgreichsten der Welt – und hatten mit die höchste Sterberate. Diese mitreißende Dokumentation erzählt von ihren Motivationen und Leidenschaften.

„Es geht nicht um Ruhm. Seit es die Welt gibt, sterben Alpinisten wegen ihres glühenden Wunsches, versteckte Kräfte in sich selbst zu entdecken, die sie über die Grenzen ihres ruhigen häuslichen Lebens, in dem sie gefangen sind, hinwegheben werden … Dieser Wunsch treibt dich dazu an, Gefahr zu erleben und mit deinem eigenen Verstand und deinen eigenen Händen zu überwinden. In diesem Augenblick wagst du es, mit hoch erhobenem Haupt der Gefahr ins Angesicht zu blicken“.

 

Nejc Zaplotnik war einer der bedeutendsten Bergsteiger Sloweniens, sein Buch „Pot“ (Der Weg) prägte ganze Generationen von Nachfolgern, mit Zitaten daraus reichert Bernadette McDonald ihre Geschichte des slowenischen Alpinismus an. Nach ihrer Chronik über die Polen („Klettern für Freiheit“) nimmt sie sich damit der nächsten Nation an, die für halsbrecherischen Wagemut an den wildesten Wänden der Welt berühmt ist – der viele junge Leben gekostet hat. Zaplotnik etwa starb mit 31 Jahren am Manaslu in einer Eislawine. Nicht Todessehnsucht, nicht Streben nach Ruhm war es in der Tat, was ihn und Seinesgleichen aus ihrem oft alles andere als ruhigen Alltag in die Berge trieb – der Wunsch nach Intensität, nach Exzellenz, nach Ausleben der persönlichen Begabungen, der in der überschaubaren Bergsteigerszene des ehemaligen Jugoslawien brodelte, er kommt aus den Schilderungen und Lebensgeschichten in diesem Buch hautnah herüber. Auch dank einer Bildauswahl diesseits professionellen Posings, so authentisch und verrückt wie die Protagonisten. Und dank des AS Verlags, der mit Robert Steiner einen Übersetzer beauftragte, der weiß worum es geht.

 

Zwischen Krieg und Gipfelgrat

Die großen slowenischen Taten beginnen 1960 mit der Trisul-Expedition unter Ales Kunaver mit zwei schweren Erstbesteigungen – es folgten weltweite Marksteine: Makalu Südwand, Everest Westgrat, Dhaulagiri Südwand. Und Namen, die in der Szene legendären Klang haben: Andrej Stremfelj, Francek Knez, Silvo Karo, Janez Jeglic, Tomo Cesen, Tomaz Humar, Marko Prezelj. Ihre Leiden und Leistungen dokumentiert die Autorin anschaulich und greifbar – und zwischen jeder Zeile ist spürbar, dass es um mehr geht als um Höhen und Schwierigkeitsgrade. Um Freundschaft zum Beispiel. Um Leidenschaft. Und um Zusammenhalt. Auch, wenn nicht viel Geld da ist, um den Bergträumen nachzulaufen. Auch, als der Jugoslawienkrieg Mord und Totschlag in viele Dörfer und Städte bringt. Jugoslawien und Slowenien gehörten nie zu den reichen Nationen Europas; Alpinismus mag da eine Flucht gewesen sein. Bernadette McDonald beschönigt nichts, arbeitet auch Kontroversen auf wie etwa um Tomo Cesens Aufstieg an der Lhotse-Südwand, versucht mit viel Einfühlungsvermögen der „Wahrheit“ nachzuspüren, wenn es so etwas denn gibt.

Dadurch wird dieses Buch viel mehr als ein faszinierendes Denkmal des ganz großen Alpinismus – es ist eine Feier der Menschlichkeit. Für die Nejc Zaplotniks Zitate bei all ihrer Extremheit Symbole sind. Wie eine Art moderner Maduschka ist er getrieben von unstillbarer Sehnsucht nach einem ganz besonderen Glück am Berg: „In diesem Augenblick hat man eine fast schon vergessene Harmonie erreicht: Natur, Körper und Geist sind eins geworden. Sie dienen und vervollständigen sich gegenseitig.“ ad

 

Kurzcheck

Fotos
Verständnis
Authentizität
Faszination

Info

Besonders geeignet für… Bergsteiger, die verstehen, dass der Spaß auch mal ernst sein kann – und umgekehrt.

 

Bernadette McDonald: Der Weg zur Spitze, AS Verlag, 2017, ca. 480 Seiten, 39,90 Euro

 

Link zum Verlag

 

 

 

ISBN: 9783906055664

Wozu ein Himmel sonst?

Expeditionsbericht

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Himalayageschichte lebendig gemacht: Texte aus dem Nachlass des berühmten Expeditionsleiters und Filmemachers schildern plastisch die Zeiten, als die Achttausender erstbestiegen wurden. „Lass sie nur reden – nimmer rührt’s den Berg. Doch schauen sollt ich weiter als ich greife. Wozu ein Himmel sonst?“ Das poetische Zitat von Robert Browning gibt den „Erinnerungen an meine Zeit im Himalaya“ von Norman G. Dyhrenfurth den Titel. Zu seinem 100. Geburtstag, den er nur um ein knappes Jahr verpasste, gibt der Tyrolia Verlag die „schönsten unveröffentlichten Texte aus dem Nachlass dieses großen Bergsteigers und Filmemachers“ heraus. Mit wachem Blick, stillem Humor und Interesse an den Menschen beschreibt er darin Erlebnisse und Abenteuer, Katastrophen und Glücksmomente von vier Everest-Expeditionen zwischen 1952 und 1963. Und zwischen den oft nüchternen Zeilen spürt man eine romantische Seele, brennende Leidenschaft und die Liebe zu den Menschen und den kargen Welten Nepals.