logo-dav-116x55px

Feedback am Berg - Wann sag ich was?

Wer ist schon perfekt? Neulinge wie alte Hasen am Berg können durch Fehler sich selbst, die Natur oder das Miteinander gefährden. Wenn wir uns als Mitmenschen gegenseitig zum richtigen Verhalten motivieren, tun wir Gutes für die Zukunft.

Rettungswege zuparken, durch Wildschutzzonen gehen, Müll wegwerfen – viele Vorwürfe waren im vergangenen Jahr zu hören gegenüber den Menschen, die Erholung und Erlebnis in den Alpen und Mittelgebirgen suchten.

Die Corona-Beschränkungen verstärkten den Trend zum Outdoorsport, der zunehmend als „Overtourismus“ kritisiert wird. Und wo viele Menschen sind, werden viele Fehler gemacht, selbst wenn die allermeisten guten Willens sind.

 

Fehler aber gefährden nicht nur die Akteure selbst durch alpine Gefahren, sie gefährden auch die Natur und den sozialen Frieden untereinander und mit den Einheimischen. Und damit letztlich die Möglichkeit für Sport und Erholung überhaupt – denn wenn die Belastung für Menschen und Natur vor Ort zuviel wird, erscheinen oft strenge Regelungen oder Verbote als einzige Lösung. Deshalb müssen wir alle unsere Verantwortung für die Natur, die Menschen und unseren Sport wahrnehmen. Als Leitlinie dafür propagiert der Deutsche Alpenverein auch für den Sommer 2021 das F.U.N.-Prinzip, das eben nicht nur für freudigen Genuss steht, sondern auch für Verantwortung: „Freundlich“ zu den Mitmenschen, „umsichtig“ gegenüber den Gefahren des Sports und „naturverträglich“. Wenn jede und jeder von uns diese Haltung lebt, haben wir schon viel getan für eine gute gemeinsame Zukunft.

 

Wie werden wir besser?

Wir können aber noch mehr tun, über uns hinaus wirken – indem wir uns auch gegenseitig an der Nase packen mit Blick auf das Gemeinwohl, sozusagen „Schwarmhilfe“ anbieten. Denn bewusst oder unabsichtlich wird das F.U.N.-Prinzip nicht immer optimal beachtet. Das müssen nicht als ahnungslos verschriene Neulinge sein, die zum Beispiel in der Dämmerung Wild irritieren oder den Weg verlieren.

 

Auch „alte Hasen“ können zum Problem beitragen – und sei es nur, weil sie nicht verstehen (wollen?), dass sich Zeiten ändern. So dass der gewohnte Parkplatz nicht für den heutigen Massenzulauf taugt oder der Lieblingsfels vom Wanderfalken für die Brutzeit benötigt wird.

 

Zum Glück gibt es sehr viel weniger schwarze als weiße Schafe. Der Trick wäre nun, dass die weißen Schafe aktiv werden und die schwarzen darauf hinweisen, welche Gefahren und Überlastungen ihr Verhalten birgt und wie sie es besser machen können. Denn wir dürfen und sollten ja davon ausgehen, dass niemand böse Absichten hat, sondern dass alle für sich selbst, die Natur und die Mitmenschen das Beste wollen, sich aber vielleicht der Probleme nicht bewusst sind.

In den Kletterhallen haben wir schon gute Erfahrungen damit gesammelt, wie wir uns im Geist des Gemeinwohls gegenseitig helfen können.

Sicherungsfehler sind relativ einfach zu erkennen und zu beurteilen, und die direkte Rückmeldung aus der Nachbarschaft ist leichter möglich als durch Hallenpersonal, das nicht überall sein kann.

 

 

Wichtig dabei ist die Grundhaltung: Es geht nicht um ein „Ertappen“ oder um Vorwürfe; das würde einen offenen Austausch erschweren. Es geht darum, mögliche Konsequenzen zu skizzieren und bessere Alternativen anzuregen. Die Menschen, die Feedback geben, und die, die es nehmen, begegnen sich auf Augenhöhe und haben den Nutzen aller im Blick.

 

Entsprechend „macht der Ton die Musik“: Der „Sender“ bringt seine Botschaft an, drängt aber nicht unbedingt auf Beachtung – schließlich ist Eigenverantwortung einer der höchsten Werte im Bergsport. Wenn der „Empfänger“ diese Eigenverantwortung ernst nimmt, nimmt er oder sie die Botschaft an, reflektiert ihre Relevanz und dankt dem „Sender“ für das Engagement.

 

Wann soll ich was sagen?

Wann nun solche Intervention angebracht ist, auch dafür liefert das Beispiel aus den Kletterhallen eine Leitschnur. Es gibt Fälle, wo man als verantwortlicher Mitmensch etwas sagen (und auch auf Beachtung drängen) muss, nämlich wenn der Fehler unmittelbare schwere Folgen hätte – ein falscher oder unfertiger Einbindeknoten etwa führt beim Ablassen unweigerlich zum Absturz.

Dann gibt es Fälle, wo man sich einmischen sollte, nämlich wenn ernstere Folgen mittelfristig zu erwarten sind – zum Beispiel bei gewohnheitsmäßigem „Hand oben“-Sichern mit Tube. Wer dagegen nur so sichert, dass sich störende Seilkrangel bilden, macht es sich schwerer als nötig – hier kann man einen Tipp geben, damit’s der Mitmensch leichter hat.

 

Diese Abwägung kann man übertragen auf die F.U.N.-Felder, auch wenn da die Konsequenz eines „Fehlers“ nicht so leicht abzuschätzen ist.

Es gibt klare Fälle, etwa wenn jemand bei Trockenheit im Wald ein Feuer anzündet oder auf einem Rettungsweg parkt. Oft aber wird es Ansichtssache sein, ob man den Mut aufbringen will, einem anderen Menschen dreinzureden. Der Blick auf die Zukunft des Ganzen kann dabei beiden Seiten helfen.

 

Und natürlich funktioniert diese „Schwarmhilfe“ auch nur in aktueller Situation. Wenn das Auto quer über den Weg geparkt dasteht oder wenn die Plastiktüte auf dem Weg liegt, kann ich niemanden ansprechen. Ich könnte höchstens eine freundliche Hinweisnotiz an den Scheibenwischer klemmen – oder den fremden Müll mitnehmen, einen unnötigen Abkürzer mit Ästen verlegen.

Es spricht schließlich nichts dagegen, fremde Fehler selbst wieder gut zu machen. Wir sind viele, hieß einmal ein DAV-Slogan.

Wenn wir Vielen auch gut sind – und wenn wir die paar weniger Guten zum Besseren motivieren können: Dann sind wir eine starke Gemeinschaft, die auch eine gute Zukunft vor sich hat.

 

Tipp: Wann sag ich etwas & wie?

Ich "muss" etwas sagen:

  • bei Gefahr/ Überlastung!
  • wenn essenzielle Regeln verletzt werden!

Wie sage ich es?

  • Freundlich (soziale Rücksicht)
    Parken auf Rettungswegen; Kleinkind unter Kletternden platzieren; Steine werfen in uneinsehbares Gelände; Andere gefährden...
  • Umsichtig (bergsportliche Kompetenz)
    Fehler beim Einbinden; Sicherungsgerät falsch eingelegt; Warnung vor beschädigten Wegstücken (Klettersteig)...
  • Naturverträglich
    Geschützte Pflanzen pflücken; Feuer bei Trockenheit; Missachtung von Schutzgebieten; langlebigen Müll hinterlassen; Weidetiere mit dem Hund in Bedrängnis bringen...

 

Ich "sollte" etwas sagen:

  • bei Gefahr/ Überlastung!
  • deutlich ungünstigem Verhalten!

 

Wie sage ich es?

  • Freundlich (soziale Rücksicht)
    mit MTB Wandernde stören/erschrecken; behindernd parken; kein Warnruf nach Steinschlag-Auslösung...
  • Umsichtig (bergsportliche Kompetenz)
    Knoten nicht festgezogen; Sicherungsgerät nachlässig bedient; unangemessene Ausrüstung...
  • Naturverträglich
    Seltene Pflanzen pflücken; Feuer im Freien; Weidetiere belästigen; Müll hinterlassen; Aufbruch in sensible Gebiete in der Abenddämmerung...

 

Ich "kann" etwas sagen:

  • wenn etwas suboptimalunerfreulich oder unpraktisch ist/ war und das Learning fördert.

Wie sage ich es?

  • Freundlich (soziale Rücksicht)
    platzverschwendend parken; Wandfuß mit Material zustellen; unnötig schreien; Motor unnötig laufen lassen; beim Rasten den Weg blockieren; unfreundlich zu anderen sein...
  • Umsichtig (bergsportliche Kompetenz)
    Sicherungsgerät unpraktisch bedienen; mit ungünstigen Schuhen unterwegs sein; Hinweis auf überfüllte Rastplätze/ Gipfel/ Hütten oder schlechten Wegzustand...
  • Naturverträglich
    Rauchen/ Gaskocher im Wald; massiv Chalk und Tickmarks verwenden; Müll hinterlassen; Wege ankürzen oder parallele Wege begehen...
 

Text: Andi Dick

 

Zuerst erschienen in DAV panorama 04/21