Die erste Begegnung mit dem stillen Teil des Feldbergs ist verstörend. Links und rechts des Waldpfads stehen abgestorbene Fichten. Die Rinde von dem gut zwanzig Meter hohen Baum direkt vor uns ist abgeblättert. Auf dem nackten Holz sieht man die verschlungenen Linien der Borkenkäfer, die der Fichte vermutlich den Garaus gemacht haben. Doch das Gesicht von Achim Laber steht ganz im Gegensatz zu dem traurig stimmenden Bild. Es strahlt Zuversicht aus, seine Augen sind eingerahmt von Lachfalten, und wie der Ranger so vor einem steht mit Wanderstock und seinem Hund Chewie, einem Tibet-Terrier, und den Feldberg erklärt, hebt sich auch die eigene Stimmung sofort wieder.
„Das wird unser neuer Urwald“, sagt er, deutet auf ein halbes Dutzend toter Nadelbäume und lächelt. „Auf Holzeinschlag wird verzichtet, hier darf sich alles von allein regulieren.“ Totholz sei alles andere als tot, beherberge eine Vielzahl von Käfern und Kleinstlebewesen. Auch der Specht baue sich darin gerne seine Höhlen, wie wir im Laufe der Wanderung beobachten können. Den Dreizehenspecht, der fast hundert Jahre lang im Feldberggebiet als ausgestorben galt und 1990 aus der Schweiz zurückkehrte, bekommen wir dagegen nicht zu Gesicht.
Der Urwald von Morgen
Wenige Meter weiter weist eine amtliche Hinweistafel auf eben jene Besonderheit hin, die uns anfangs grübeln ließ. „Dieser Wald soll sich ungestört zum ‚Urwald von morgen‘ entwickeln“, steht auf einem „Bannwald“-Schild, das sinnigerweise in einen abgestorbenen Baumstamm geschraubt ist. Anders als beispielsweise in Bayern bezeichnet der Begriff Bannwald in Baden-Württemberg Gebiete, in denen die Natur komplett sich selbst überlassen wird. Per Piktogramm und in roten Lettern weist die Forstbehörde auf der Tafel noch darauf hin, dass hier Bäume leichter umstürzen und Äste schneller herabfallen können. Sofort geht der Blick nach oben, doch heute ist es nahezu windstill, die Gefahr also gering.
Wir befinden uns auf dem Feldbergsteig inmitten des Biosphärengebiets Schwarzwald. Der Weg schlängelt sich durch den Mischwald in angenehmer Steigung Richtung Gipfelplateau, als sich plötzlich ein besonderes Blickfenster auftut: Etwa 150 Höhenmeter unter uns liegt der Feldsee (1109 m), tiefgrün, nahezu kreisrund und umgeben von stattlichen Buchen, die jetzt, Mitte Mai, im Sonnenlicht hellgrün strahlen. Wir werden den aus der letzten Eiszeit stammenden Karsee später auf unserer Tour erreichen, doch jetzt sind wir nicht mehr weit vom Gipfel entfernt. Die Landschaft öffnet sich, wir durchqueren über ausgelegte Holzbretter ein Hochmoor. In den Wiesen sprießt der Gelbe Enzian, Arnika blühen bereits in rauen Mengen, dazwischen reckt das Gefleckte Knabenkraut seine Köpfchen in die Höhe, vereinzelt sieht man filigrane Exemplare des Augentrosts. Seltene Arten wie etwa das Zwerg-Ruhrkraut entdeckt man nur mit Hilfe eines Rangers wie Achim Laber und der Biologin Sophie Engert, die uns auf der Tour begleitet. Die Hochweiden, erzählt Laber, hätten auf dem Feldberg eine mehr als tausendjährige Tradition – dokumentiert vom Kloster Sankt Blasius am südlichen Fuß des Feldbergs. „Heute werden die Hochweiden wegen ihres Artenreichtums staatlich gefördert“, berichtet er und zeigt uns eine Fläche, die seit wenigen Jahren wieder als Viehweide genutzt wird und die von Bäumen und Büschen befreit wurde. „Es sind noch viele Samen im Boden, so dass sich die frühere Landschaft schnell wieder herstellt.“ Achim Laber ist ein Mann der ersten Stunde, war der erste Ranger Baden-Württembergs und kennt den Feldberg nach 36 Jahren Dienst im Naturschutz wie kein anderer.
Der Mann im Mond
„Vor zweihundert Jahren war hier im Hochschwarzwald alles abgeholzt, die Landschaft sah aus wie in Irland“, erzählt der 62-Jährige. Der Bergbau, allem voran die Glas- und Eisenindustrie, benötigte eine Menge Brennstoff zum Verfeuern. Aber auch die Menschen hätten das Holz zum Heizen und Kochen gebraucht, immerhin ein Drittel des Einschlags ging auf deren Konto. Später wird uns der Ranger Kohlplätze zeigen, die überall im Schwarzwald zu finden sind. Ihre Asche ist vielfach untersucht, denn daraus lassen sich die Baumarten bestimmen, die früher den Feldberg besiedelten – hauptsächlich Buchen und Weißtannen. „Die Köhler waren arme Leute, die haben alles verfeuert“, sagt er. Und manch ein verzweifelter Familienvater habe damals Sonntagnacht illegal Buchen aus dem Wald geholt. Der Spruch vom „Mann im Mond“ rühre daher.
Rummel im Süden, Ruhe im Norden
Wie auch immer, der Weg vom Hochmoor auf das sanft geschwungene Gipfelplateau des Feldbergs (1494 m) holt uns zurück in die Jetzt-Zeit. Zum 82 Meter hohen Fernsehturm in der Nähe des Gipfels und der benachbarten Beobachtungsstation des Deutschen Wetterdienstes und der Wetterradaranlage führt ein asphaltierter Weg. Viele, die mit der Feldbergbahn zur Bergstation auf 1450 Metern gefahren sind, peilen den früheren, immerhin 45 Meter hohen Sendeturm an, der auf dem sogenannten Seebuck (1449 m) liegt und von dessen Aussichtsplattform aus man bei gutem Wetter bis zur Zugspitze und dem Mont Blanc, in den Schweizer Jura und die Vogesen blicken kann. Zudem beherbergt das 2003 außer Betrieb genommene Gebäude seit 2013 das Schwarzwälder Schinkenmuseum.
An diesem Mittwoch Mitte Mai ist wenig los, doch die Vielzahl von Hinweis- und Verbotsschildern lässt erahnen, dass hier auf der höchsten Erhebung des Schwarzwaldes an Wochenenden und Feiertagen der Bär tobt. Per Vorher-Nachher-Fotos wird gebeten, die markierten Wege besser nicht zu verlassen. Fürs Mountainbiken gibt es Schilder der Staatlichen Naturschutzverwaltung, die auf das Verbot hinweisen, Wege unter drei Metern Breite zu benutzen. „Wir wollen nicht gegen den Tourismus arbeiten, sondern ihn in geordnete Bahnen lenken“, sagt Ranger Achim. Das funktioniere seiner Einschätzung nach gut. „Es gibt die Rummelseite im Süden und die ruhige Wanderseite im Norden“, fasst er zusammen. Dazu muss man wissen, dass die süd-westlichen Hänge des Feldbergs mit einem guten Dutzend Skiliften erschlossen sind. Erstaunlicherweise ist der Feldberg bereits 1937 zum Naturschutzgebiet erklärt worden und firmiert seither als das älteste und größte Naturschutzgebiet Baden-Württembergs. „Naturschutz und touristische Nutzung gingen früher eher zusammen als heute“, sagt Sophia Engert, die bei der Hochschwarzwald Tourismus GmbH als Produktentwicklerin angestellt ist. Der Feldberg, erzählt die 37-Jährige, sei schon vor der Unterschutzstellung ein beliebtes Wintersportgebiet gewesen.
Trotz der grandiosen Aussicht sind wir froh, dass der Feldbergsteig kurz nach dem Gipfel nach Norden abbiegt. Wie per Knopfdruck kehrt wieder Ruhe ein, unser Weg führt nun durch lichte Mischwälder in einem Rundkurs um den Feldberg. An den Steilhängen gibt es Lawinenstriche, bewachsen von der Schluchtweide. Dank ihres biegsamen Holzes kann sie sich vom Schnee einfach zu Boden drücken lassen und richtet sich im Frühjahr wieder auf.
Der Feldsee – ein eiszeitliches Relikt
Proviant braucht man nicht zwingend im Rucksack zu tragen, denn schon nach einer halben Stunde erreichen wir die Zastler-Hütte (1262 m) mit typischem Krüppelwalmdach und reichlich Biertischgarnituren im Garten. Am Nebengebäude, einem Stadel, hängen als Deko mehrere Paar alter Ski, manche noch mit Riemenbindung. Nach einer großen Portion Käsespätzle geht es weiter Richtung Feldsee.
Die Baldenweger Hütte lassen wir links liegen und steuern durch dichter werdende Wälder auf das Wasser zu. Doch vorher muss Sophie Engert einen kleinen Extra-Job in Sachen Wanderpass erledigen – das Stempelkissen eines Stempelhäuschens soll ausgetrocknet sein. An der Raststelle im Wald angekommen, packt Sophie einen Akkuschrauber aus ihrem Rucksack, zerlegt das einer Kuckucksuhr nachempfundene Stempelhäuschen in seine Einzelteile und erneuert das Stempelkissen.
Den Feldsee vor Augen ist der erste Impuls: rein in das kalte, glasklare Wasser. Doch die Biologin mahnt zur Besonnenheit. Baden verboten. Denn im See, der seine Entstehung den Eismassen des Feldberggletschers zu verdanken hat, die eine tiefe Höhlung in den Gneis schürften, gedeiht in ein bis zwei Meter Tiefe das sehr seltene Stachelsporige Brachsenkraut, ein Unterwasserfarn. Jetzt sehen wir auch die Hinweistafel, auf der die Besonderheit dieses eiszeitlichen Relikts erklärt wird.
Die Philosophie der Naturparkwirtsleute
Noch einmal geht es bergan, die Runde nähert sich ihrem Ende. Nach so viel Natur tut der Anblick der Liftanlagen, Hotels, verwaisten Skischulen und Parkhäuser weh. Aber immerhin gibt es eine passable Busverbindung zurück in unser Naturparkhotel Adler in Feldberg-Bärental. Dort kocht Küchenchefin Aline Wimmer-You ein Menü mit regionalen Spezialitäten wie Bärlauch-Schaumsüppchen, Milch-Zicklein und Tagliata vom Hinterwälder Rind. „Wir wollen unseren Schwarzwald auf dem Teller erlebbar machen“, sagt die Naturparkwirtin, deren Vater die Genossenschaft vor 25 Jahren mitbegründet hat. Fünfzig Wirt*innen gehören ihr inzwischen an. Ihre Devise: „Wenn es deiner Landwirtschaft vor Ort gut geht, geht es auch dir gut.“ Regionale Kreisläufe zu unterstützen sei „Landschaftsschutz mit Messer und Gabel“.
Noch am nächsten Morgen bei der Bus- und S-Bahnfahrt zur Wutachschlucht klingt ihr Leitsatz nach. Große Höfe mit den typischen, fast bis zum Boden reichenden Dächern und mit Holzschindeln eingedeckten Schwarzwaldhöfe ziehen am Fenster vorbei. Man mag sich gar nicht ausdenken, wie aufwändig und teuer es ist, solche Dächer zu erhalten.
Die wütende Ache
Wir steigen auf einem schmalen Pfad durch die Lotenbachklamm, einen Seitenarm der Wutachschlucht, hinab zu dem Wildfluss, der seinen Namen nicht von ungefähr bekommen hat. Auf circa dreißig Kilometer Fließstrecke tiefte sich die „wütende Ache“ 180 Meter ein und schnitt dabei fast alle Gesteinsschichten Südwestdeutschlands an.
Der Wutachranger Martin Schwenninger erklärt uns, dass wir auf unserer Tour durch das Naturschutzgebiet eine Reise durch mehrere hundert Millionen Jahre Erdgeschichte machen – vom Tiefengestein Gneis und Granit über Buntsandstein und Muschelkalk bis in den Jura.
Der Weg beginnt abenteuerlich, wir steigen über umgestürzte, querliegende Bäume, passieren auf nassen Holzdielen einen Wasserfall und erreichen schließlich die Wutach und mit ihr die erste Mühle. „Die Mühlen mussten immer ums Überleben kämpfen“, erzählt Schwenninger, der eigentlich schon seit zwei Jahren pensioniert ist, aber immer noch Führungen macht. „Es gab Gipsmühlen, Knochenstampf-Mühlen, Säge- und Getreidemühlen.“ Das sei der frühe Versuch gewesen, sich zu diversifizieren. Allerdings hätten Hochwasser die Mühlen immer wieder zerstört. Heute stünden die Gebäude unter Denkmalschutz, was Veränderungen wie zum Beispiel den Rückbau von Betonschwellen im Fluss schwierig mache.
2800 Pflanzenarten auf engstem Raum
Der Ranger ist jetzt in seinem Element und man spürt, dass er seinem jungen Kollegen Djilon Sambou die Besonderheiten der Schlucht nahebringen will. Dank der unterschiedlichen Geländeformen, Böden und Mikroklimata wachsen hier auf engem Raum rund 2800 Farne und Blütenpflanzen – fast die Hälfte der in Süddeutschland bekannten Arten. Fünf Spechtarten hat Schwenninger selbst schon beobachtet, darunter den seltenen Schwarzspecht. „Der braucht für seine Bruthöhlen dicke Buchen, die innen faul sind.“ Also Totholz.
Wir wandern vorbei an bunt blühenden Hangwiesen, die extensiv bewirtschaftet werden und erreichen nach einem längeren Waldstück eine Lichtung, auf der eine verwunschene Steinkapelle steht. Kaum vorstellbar, dass hier bis in die 1960er Jahre Kurbetrieb herrschte. Nur einen Steinwurf von der Kapelle entfernt, befand sich das international renommierte Kurhotel Bad Boll, dessen Ursprünge auf ein 1840 an Thermalquellen errichtetes Badehaus zurückgehen. Heute sind die Grundmauern der Gebäude – das Land Baden-Württemberg ließ sie in den 1990er Jahren abreißen – längst überwachsen.
Lange Wandertradition
Wandern an der Wutach ist schon lange angesagt. Die Schlucht wurde vom Schwarzwaldverein ab dem Jahr 1900 systematisch erschlossen. Je weiter wir Richtung Westen marschieren, desto enger wird sie. Von den steilen Muschelkalk-Wänden tropft es unentwegt. Längst fühlen wir uns wie in einem Urwald. Pestwurz und Mondviolen säumen den Weg. Einmal vor vielen Jahren, erzählt Schwenninger, sei ein Wanderer von einer Hangrutschung erfasst worden und bis zur Hüfte im Schlamm steckengeblieben. „Der musste von der Bergwacht gerettet werden, aber es ging glimpflich aus.“ Auch das gehört zur Aufgabe eines Wutach-Rangers: den Weg regelmäßig kontrollieren und bei drohender Gefahr sperren lassen.
Gut, dass wir an einem sicheren und sonnigen Tag unterwegs sind, denn die Tour durch die Wutachschlucht rangiert ganz weit oben auf der inneren Skala von Flusswanderungen. Wir lassen uns im Schatten mächtiger Ahornbäume nahe dem Ufer nieder und beobachten eine Wasseramsel, wie sie im Fluss nach Insektenlarven sucht. Glück braucht keinen Geschmacksverstärker.