In den unmittelbaren Folgen der Reichspogromnacht Anfang Dezember 1938 floh Rudolf Reif vor dem Nationalsozialismus nach Schanghai. Rudolf Reif war zuvor als Tourenwart und Bergführer bei der Sektion Donauland tätig. Unter den wenigen Habseligkeiten, die er ins Exil mitnahm, waren auch seine Tourenbücher.
Diese verzeichnen zahllose Touren vor allem in seinen Wiener Hausbergen: im Gebiet der Rax und des Schneebergs, des Wienerwalds und im Gesäuse. Er war als ambitionierter Alpinist aber auch in den Dolomiten und anderen italienischen Gebirgsgruppen, den Beskiden, der Hohen Tatra oder den Ötztaler Alpen unterwegs. Ihm gelangen als exzellentem Kletterer zahlreiche Erstbegehungen.
Reif überlebte die Schoah in Shanghai. Die Sehnsucht nach den Alpen ließ ihn nicht los. Oft setzte er sich hin und kletterte in Gedanken Touren nach. Reif nannte es „Hirnklettern“. Besonders gern kletterte er den Wiener-Neustädter-Steig an der Rax. Ein Freund berichtete später über Reif, ihm habe eine Schlüsselstelle am „Büchlriss“ besonders zu schaffen gemacht. In Gedanken schaffte er die Stelle durch eine extrem kleine Vertiefung am Fels. Reif glaubte, seine Fantasie habe sie geschaffen. Nach seiner Rückkehr 1949 kletterte er die Tour nochmals und fand die Vertiefung tatsächlich!
Der Deutsche Alpenverein erinnert am 9.11. an die Opfer der Reichspogromnacht wie Rudolf Reif, an die Gewaltakte, die Zerstörung und den Terror, die Vertreibungen und Deportationen durch den Nationalsozialismus. Und daran, dass sie das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa war.
Die Erinnerung darf aber nicht auf einen Gedenktag beschränkt bleiben. Aus der Vergangenheit zu lernen bedeutet, sich der Geschichte zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und daraus Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen.
„Das Schicksal von Menschen wie Rudolf Reif mahnt uns, wohin Ausgrenzung, Antisemitismus, Hass und Intoleranz führen können. Zugleich erinnert es uns daran, dass hinter den historischen Ereignissen immer auch persönliche Lebensgeschichten stehen – Menschen, denen ihre Heimat, ihre Gemeinschaft und ein Stück ihrer Identität genommen wurden.“
sagt DAV-Vizepräsidentin Melanie Grimm anlässlich des 9. Novembers.
Die bewusste Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit verpflichtet uns, jeder Form von Antisemitismus, Rassismus, Hass und Intoleranz entschieden entgegenzutreten. Melanie Grimm appelliert:
„Wir müssen unsere eigene Geschichte kritisch reflektieren, Verantwortung für das Geschehene übernehmen und unsere Werte im täglichen Handeln leben. Denn eine offene, vielfältige und solidarische Gesellschaft entsteht nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die Haltung zeigen und sich für ein respektvolles Miteinander einsetzen.“