Gruppe von Skitourengehern steigt bei sonnigem Wetter eine verschneite Bergflanke unter felsigen Gipfeln empor.
Aufstiegsfreuden im Valle Maira. Foto: Giacomo Meneghello
Skitourenparadies Valle Maira

Einsame Touren und stille Weiler

Ein fast entvölkertes Hochtal, zwei Turinerinnen im ehemaligen Pfarrhaus von Preit, Skitouren durch alte Terrassenlandschaften und lichte Lärchenwälder: Im Valle Maira führt der Winter durch eine Kulturlandschaft, in der Geschichte, Abwanderung und ein sanfterer Tourismus eng miteinander verwoben sind. Auf vielen Routen ist man dabei auch auf den Spuren von Bruno Rosano unterwegs, der mit seinem Buch das Tal für Skitouren erschlossen hat. Und der ein Trauma seiner Kindheit damit zu heilen versuchte.

Nach langer Fahrt – über die Alpen, durch die Schweiz, vorbei an den schier endlosen Pappelreihen der Po-Ebene und hinauf in das menschenleer dunkle Valle Maira – erreichen wir den Weiler Preit, steigen aus dem Kleinbus – und verdreifachen mit einem Schlag die Einwohnerzahl des Ortes. Wo Anfang des 20. Jahrhunderts einmal vierhundert Menschen lebten, empfangen uns an diesem Abend als einzige Bewohner Caterina Lodato und Grazia Isoardi. Die beiden werden uns in den nächsten Tagen im ehemaligen Pfarrhaus bekochen und umsorgen: ein großes steinernes Haus am Ortseingang, gegenüber von Kirche und Friedhof, das als Rifugio den schönen okzitanischen Namen Lou Lindal, die Schwelle, trägt.

Auch unsere beiden Wirtinnen sind nur Teilzeitbewohnerinnen des auf 1540 Metern gelegenen Ortes. Den Großteil des Jahres leben Caterina und Grazia in Turin – Caterina als Keramikerin, Grazia als Schneiderin. Sie erzählen, dass sie im Wechsel beides brauchen: die große Stadt mit ihren Museen und Ausstellungen. Und die Natur und Stille eines im Winter fast verlassenen Weilers in den Cottischen Alpen, wo früher nicht Italienisch, sondern Okzitanisch als Alltagssprache gesprochen wurde. Ein Ort, der sich erst im Sommer und in den italienischen Winterferien richtig belebt – wenn neben Tourist*innen auch die Leute aus den Städten kommen und die alten Häuser ihrer Vorfahren als Ferienwohnungen bewohnen.

Das Dorfbild von Preit: eine Komposition aus Steinmauern, Lärchenholz, Schieferdächern, steilen Gassen – und der einen und der anderen Satellitenschüssel. Foto: Claus Lochbihler

Caterina und Grazia pendeln regelmäßig zwischen Valle und Turin – zwischen Keramikwerkstatt und Küche des Lou Lindal, zwischen Schneideratelier und der gut bestückten Bar. Kostproben ihrer Arbeit stehen als Keramik im Essraum, und auf Grazias Kopf sitzt eine ihrer selbstgenähten, stilvoll-exzentrischen Mützen. Spätestens beim Abendessen – Pasta al radicchio, Fenchelsalat mit Orangen, Schweinelendchen mit piemontesischem Sauerkraut – schmeckt man, dass sie auch in der Küche zuhause sind.

Die Küche des Valle Maira ist so schmackhaft wie nahrhaft. Foto: Claus Lochbihler

Die Lebenden und die Toten

Am nächsten Morgen, kurz vor der Abfahrt zum Treffpunkt mit unserem Bergführer Simone Greci, ein Rundgang durch das neblig-kalte Preit, das sich entlang einer kurzen Hauptstraße über einen terrassierten Hang verteilt: Eine Komposition aus steinernen, erstaunlich gut erhaltenen Häusern, deren Architektur das Dorf beinahe urban wirken lässt. Balkone aus Lärchenholz, weit vorragende Dächer, Schieferplatten, Kamine mit eigenen kleinen Dachhauben, Dorfbrunnen, die eisig vor sich hinplätschern.

Schmale Gassen – bergauf, bergab: Wenn sich der Schnee rar macht, bleibt Zeit für einen Dorfspaziergang. Foto: Claus Lochbihler

Die steilen Gassen und Wege sind mit Steinen und großen Kieseln gepflastert – auf denen man mit Skitourenschuhen besser nicht ausrutscht. Der meiste Schnee dieses nicht besonders schneereichen Februars liegt auf dem Dorffriedhof, im Schatten von Kirche, Friedhofsmauer und Grabsteinen. Namen wie Ponzo Bartolomeo, gestorben 1957, oder Giovanna Matteoda, geborene Poracchia, gestorben 2004. Manche sind hier geboren, haben ihr Leben nach dem Weggang aus den Bergen in Dronero, Turin oder Frankreich verbracht und sind erst für ihre Bestattung zurückgekehrt. Auf vielen Grabsteinen sind kleine Porträtbilder eingelassen. Ausgerechnet dieser Ort der Toten wirkt dadurch im menschenleeren Preit merkwürdig belebt. Während ich noch darüber nachdenke, schallt es plötzlich: „Abfahrt!“ Ich hetze zurück zu unserem Bus.

Aufstieg zur Repiatetta

Am Parkplatz vor Chialvetta treffen wir Simone Greci. Es wuselt von Menschen mit Skitouren- und Schneeschuhausrüstung, viele aus Frankreich. Simone kommt aus Cuneo, arbeitet bei der Bergführerschule Global Mountain, war früher Informatiker. „Besserer Deal“, sagt er und lächelt dazu ein charmant überzeugendes Lächeln in sein bärtiges Gesicht.

Der Weiler Chialvetta ist einer der Ausgangspunkte für die vielfältigen Skitouren im Valle Maira. Foto: Giacomo Meneghello

Nach LVS-Check und Briefing geht es zu Fuß durch Chialvetta (1475 m), das wie eine belebtere Variante von Preit wirkt: alte, renovierte Häuser, kein einziger Neubau, keine Hotelburgen, kein Skigebiet. Der sanfte Tourismus, für den das Valle Maira bekannt ist, hat sich in den alten, dezent renovierten Gemäuern eingerichtet. Wo früher Landwirtschaft dominierte, verlaufen heute Aufstiegsspuren.

„Einen Monat kann man hier bleiben und jeden Tag eine andere Tour gehen“, sagt Simone. Unsere heutige heißt La Repiatetta: Umrundung des schroffen Cobre (2667 m), Ziel ist das flache Gipfelplateau (2646 m) nördlich davon.

Am Dorfende steigen wir in die Ski und durchqueren auf Wiesen und Wegen die Spuren einer alten alpinen Agrarkulturlandschaft: Terrassen aus Feldsteinmauern, alte Obstgärten, Hecken, kleine Felder. Bald folgen Almwiesen und ein lichter, südalpiner Lärchenwald.

Tourenplanung mit Handy: Bergführer Simone Greci zeigt dem Autor, wo es hinauf geht. Foto: Giacomo Meneghello

„Fuma c’anduma!“

Wir kommen an Pratorotondo vorbei, dem Geburtsort von Bruno Rosano (1954–2022), auf dessen Spuren fast alle unterwegs sind, die im Valle Maira ihre Linien in den Schnee ziehen. Von ihm stammt der größte, beste und schönste Skitourenführer des Tals mit dem poetisch-okzitanischen Titel „Charamaio mai en val Maira“ – „Es schneit immer noch im Mairatal“.

Ein Prachtband mit großformatigen Luftaufnahmen, 135 Haupttouren und 160 Varianten – eine Bibel des Skitourengehens, in der ein ganzes Skitourenleben steckt.

Nach den Almhütten und Ställen des Prato Ciorliero geht es in eine steilere Querung, bei der wir Abstand halten. Simone bringt uns nach der ersten Trinkpause „Fuma c’anduma!“ bei, das piemontesische „Auf geht’s!“ Nach einem letzten, steilen und schattigen Hang erreichen wir das sonnige, aber windige Gipfelplateau. Kurz genießen wir die Aussicht Richtung Stura-Tal und Frankreich, bevor wir uns für die Abfahrt fertig machen. Simone scoutet eine Rinne, wo der Schnee weniger windgepresst aussieht und fährt als Erster ein. Auf Handzeichen folgen wir – einer nach dem anderen.

Weiter unten wechselt das Gelände. Lärchen tauchen auf, alte Terrassen zeichnen sich unter der Schneedecke ab, als wir wieder in die Nähe der Dörfer kommen. Wir fahren durch eine Landschaft, die früher harte Arbeit bedeutete, und heute Raum für Bewegung ist, wenn sie nicht eines Tages vollständig zugewachsen ist. Wir machen Rast auf der Terrasse des Rifugio di Viviere. Bei Moretti-Bier und Schinken deutet Simone auf seine von dort gut einsehbare Lieblingstour im Valle Maira: den Bric Boscasso, der mit Treeskiing vom Feinsten durch lichten Lärchenwald  im unteren Teil der Tour aufwartet. Schade nur, dass bei uns dafür die Schneelage nicht ausreicht. Durch den Klimawandel habe sich der Schneefall auch im Valle Maira in manchen Wintern rar gemacht und zeitlich nach hinten verlagert, erzählt Simone. Immer häufiger gebe es die besten Bedingungen im Tal erst im April oder Mai.

Wieder im Tal: Tourenabschluss in den letzten Sonnenstrahlen am Rifugio di Viviere. Foto: Giacomo Meneghello

Abends lese ich Interviews mit Rosano, für den Skitouren im Valle Maira und sein Buch dazu weit mehr waren als nur Bergsport. Vielmehr waren sie für ihn eine Form der Rückkehr an den Ort seiner Kindheit im hintersten Valle Maira. Skitouren als Antwort auf Verlust, Entwurzelung und das Trauma der Abwanderung – und zugleich als Beitrag zur Wiederbelebung des Tals – in dieser Konsequenz findet sich das wohl nur hier und bei ihm. Rosano gehört damit auch zu jener kleinen Gruppe von Autoren und Initiativen, die den sanften, anderen Tourismus im Valle Maira mit Taten und Worten gefördert haben: Andrea und Maria Schneider mit ihrem „Centro Culturale Borgata San Martino“ oder Ursula Bauer und Jürg Frischknecht mit ihrem Buchklassiker „Antipasti und alte Wege“.

Doch anders als diese Zugereisten, die im Valle Maira heimisch wurden, stammte Rosano von dort. Er war in einer Welt aufgewachsen, die Anfang der 1950er-Jahre noch von Almwirtschaft, Abgeschiedenheit und okzitanischer Sprache geprägt war. Gleichaltrige gab es kaum; im Dorf lebte nur ein Mädchen, ein paar Jahre älter als er. Die Sommer verbrachte er auf der Alm. „Als ich klein war und mit den Kühen wegging, hatte ich nur den Hund, eine Dose Fleischkonserven, eine Dose Sardinen und zwei Tannenzapfen als Spielzeug.“ Eine markante Lärche bei Viviere, deren Schatten auf einen Stein fiel, diente ihm als Sonnenuhr.

Das Okzitanische Kreuz begegnet einem im Valle Maira immer wieder. Foto: Claus Lochbihler

Dann setzte die letzte Phase der seit Jahrzehnten schwelenden Abwanderung ein, die das einst dicht bevölkerte Tal in das „schwarze Loch Europas“ verwandelte. Auch Rosanos Familie ging. Der Umzug nach Dronero Ende der 1950er bedeutete für den Sechsjährigen einen radikalen Einschnitt: „Der ‚Grund‘ dafür war, dass ich in die Grundschule kommen sollte … In Wirklichkeit hatte man bereits erkannt, dass das Leben in den Bergen vorbei war. Es entstand ein gnadenloser Wettbewerb, um wegzukommen, ohne es den anderen zu sagen: Jede Familie hatte Angst, die letzte zu bleiben. Innerhalb von zwei Wintern sind wir buchstäblich alle geflohen.“

Vendesi – Zu verkaufen: Wenngleich viele alte Häuser im Valle Maira wieder hübsch hergerichtet sind, warten viele andere noch darauf, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Foto: Claus Lochbihler

„Damals verfluchte man die Berge“

Der Wechsel ins Tal war ein sozialer und kultureller Schock. Rosano sprach Okzitanisch und etwas Piemontesisch, aber in der Schule wurde Italienisch gesprochen. Er musste „bei Null anfangen“, hatte keine Freunde und erlebte Ausgrenzung. Bis Mitte der 1960er kehrte die Familie noch jeden Sommer auf die Alm zurück. „Dann ging die Verbindung verloren“, erinnerte er sich. „Damals verfluchte man die Berge: keine Straßen, hartes Leben, keine Alternativen.“

Später arbeitete Rosano als Elektrotechniker bei ENEL und lebte in Dronero – doch die Berge ließen ihn nicht los. Mit etwa fünfzig Jahren formulierte er für sich eine persönliche Verpflichtung: dem Tal etwas zurückzugeben, weil auch er geflohen sei und seinem sterbenden Dorf nichts zurückgegeben habe. Aus diesem Bewusstsein heraus verband er vier seiner Fähigkeiten – Skitourengehen, Schreiben, Fotografieren und Kartografie – zu einem Lebensprojekt: einem Skitourenführer, der das gesamte Tal erfasst. Allein im Winter 2003/04 beging er dafür – meist allein – über hundert Touren mit mehr als 100.000 Höhenmetern und veröffentlichte 2004 die erste Auflage von „Charamaio mai en Val Maira“. Und weil er dabei immer neue Winkel des Tals und seiner Seitentäler entdeckte, machte er weiter.

Beeindruckend ist Rosanos Lebensprojekt deshalb, weil er nicht nur gegen die Weite seines Tals, sondern gegen die Zeit arbeitete. Nach einem Herzinfarkt 1993 und einer Herztransplantation 2016 wusste er beide Male nicht, ob er je wieder in die Berge würde gehen können. 2022 starb er. In einem seiner letzten Interviews sagte er:

„Ich hatte meine Probleme, habe sie immer noch, versuche, damit zu leben. Die Last, geflohen zu sein, habe ich nicht von meinem Gewissen genommen, aber ich habe getan, was ich konnte. Jetzt bin ich nicht mehr davon besessen.“

Auf den Spuren von Bruno Rosano ins Valle Maira pilgern: der Autor schrieb "Charamaio mai en Val Maira", einen äußerst detaillierten Skitourenführer des piemontesischen Tals. Foto: Consorzio Turistico Valle Maira

Bad Diesel  

Am Tag nach meiner Bruno-Rosano-Lektüre führt uns Simone auf den Colle de Sautron, einen alten Passübergang nach Frankreich. Wir starten verspätet, weil unser Bus nach ein paar hundert Metern immer wieder abstirbt. Mit Müh und Not erreichen wir Acceglio, unseren Treffpunkt mit Simone. Ein Einheimischer meint, wir hätten wohl schlechten Billig-Diesel getankt, der bei großer Kälte den Filter verstopft. Das muss die merkwürdige Tankstelle in der Po-Ebene gewesen sein, bei der wir zuerst nicht wussten, ob es sich um einen Lost Place oder doch um eine Tankstelle handelt ...

Während wir für das eigene Gefährt automechanische Hilfe aus Dronero organisieren, shuttelt uns Simone zum Ausgangspunkt unserer Tour: ein kleiner Parkplatz an einer Wiese zwischen Saretto und Chiappera, über dem höchst eindrucksvoll das steile Quarzit-Horn der Rocca Provenzale in den Himmel ragt.

Über die Wiese geht es zu einem Hang mit alten, zugewachsenen Terrassen. Anders als am Vortag ist es verdammt warm. Ich schwöre mir, nie wieder mit langer Unterhose zu starten. Am Ende des großen Hangs mit dem bald angenehm aufgeweichten Aufstiegsschnee kühlt uns derweil ein laues Lüftchen, das stetig stärker wird. Am Bivacco Danilo Sartore weht schließlich ein eisig kalter Wind, der mich mit meiner Unterwäschewahl wieder versöhnt.

Wir essen die leckeren Omelette-Panini und saftigen Orangen, die Grazia und Caterina uns als Proviant vorbereitet haben, und steigen weiter zum Colle de Sautron (2685 m) auf. Am Pass hat uns der kalte Wind wieder, der von Frankreich herüberbläst. Schneefahnen ziehen über den Grat, die Grenze liegt frei. Jeder von uns geht – ganz kleiner Grenzverkehr – ein paar Schritte hinüber nach Frankreich. Ich denke dabei an die Bewohner des Valle Maira, die von hier aus zur Saisonarbeit als Viehhirten in die Provence gingen – und dann immer öfter ganz in Frankreich blieben. Und an die italienischen Partisanen, die sich knapp unterhalb des Colle in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai 1944 mit Vertretern der französischen Résistance aus dem Ubayetal trafen, um den Widerstand gegen die deutschen Besatzungstruppen zu koordinieren.

Nach der Abfahrt vom Colle folgen wir nicht unserer Aufstiegsroute, sondern steigen in nördlicher Richtung noch einmal zu einem kleinen Joch auf, weil Simone in dem schattigen Tal dahinter Pulver vermutet. Und er liegt richtig. Alsbald zieht der erste unserer kleinen Gruppe rasant schöne Schwünge in den Hang. Der Schnee ist trocken und fein, doch man muss jederzeit darauf gefasst sein, dass der Pulver plötzlich in windgepressten Schnee oder Bruchharsch übergehen kann. Oder ein Stein lauert. Jede Kurve verlangt Aufmerksamkeit.

Nebelpause mit Wellness

Am Tag danach geht unser Bus wieder, aber der Nebel ist so dicht, dass er nicht nur das WLAN im Lou Lindal lahmlegt, sondern auch die Sicht. Simone meint, eine Tour bei Nullsicht und eher schwierigen Schneeverhältnissen ergebe wenig Sinn. Also legen wir einen Wellness-Tag ein. Im von Gian-Luca Borra geführten Relais Alpino Brieis, einem alten Weiler, der zum Hoteldorf umgebaut wurde, gibt es im Spa-Bereich alles, was es draußen nicht gibt: Saunawärme und Whirlpool. Sogar die Sicht im Saunanebel ist besser als draußen. Mit feiner okzitanischer Küche stärken wir uns mittags von Sauna-Strapazen im zwei Kilometer entfernten Albergo Diffuso Ceaglio, bevor es wieder nach Preit zurückgeht.

Zum Abschied von Preit besuchen wir mit Grazia und Caterina die alte Kirche aus dem 15. Jahrhundert – den Schlüssel verwahren die beiden für den Pfarrer, den es hier schon lange nicht mehr gibt.

In dieser Kirche wurden 1937 die Opfer des größten Lawinenunglücks im Valle Maira aufgebahrt, bevor sie weiter ins Tal gebracht wurden: Am 30. Januar hatte sich nordwestlich der Rocca la Meja eine große Staublawine gelöst und einen Zug des Alpini-Bataillons „Dronero“ erfasst: 23 Alpini kamen ums Leben, viele davon erst Anfang zwanzig. Die Gebirgsjägertruppe war mit Schneeschuhen unterwegs, als die Lawine gegen Mittag nach tagelangem Schneefall und einer plötzlichen Erwärmung abging. Die Bewohner von Preit hatten die Vorgesetzten noch vor dem Weitermarsch gewarnt. Vergeblich. Sieben Opfer konnten erst im Frühjahr geborgen werden.

Verstaubte Prozessionsgegenstände und ein restauriertes Banner in der Kirche erinnern an die Bahìo di San Lauréns, das historische Fest des Dorfes mit okzitanischen Wurzeln. In den 1960er-Jahren brach die Tradition mangels Einwohnern ab, erst in den vergangenen Jahren wurde sie wiederbelebt – dann geht es im August einen Tag lang im Dorf so lebendig zu wie früher.

Caterina und Grazia führen als Teilzeitbewohnerinnen in Preit ein Rifugio – und sind die Hüterinnen des Schlüssels zur Kirche des kleinen Ortes im Mairatal. Foto: Claus Lochbihler

Bevor Grazia und Caterina hinter uns wieder abschließen, bitten wir die beiden um ein Abschiedsfoto. Sie posieren – wo sonst – vor dem Marienaltar und wetteifern mit der Muttergottes um die stilvollste Kopfbedeckung: Marienkrone gegen Cordkäppi und Turbanmütze. Die schwere Holztüre fällt so entschlossen ins Schloss wie mein Wunsch, bald wieder ins Valle Maira zurückzukehren. Mit mehr Schnee und mehr Zeit. Und dem Buch von Bruno Rosano im Gepäck.

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