Felsige Berggipfel mit Schneefeldern vor klarem blauem Himmel, teilweise von Sonnenlicht und Schatten bedeckt.
Den Höllentalferner bekommt man auf Etappe zwei zu Gesicht. Foto: Christian Rauch
Eine Tour zu den Überresten der Wettersteingletscher

Noch einmal ins „ewige Eis“

Wie steht es um die Gletscher im Wettersteingebirge? Eine spannende mehrtägige Entdeckungstour zu den Eisresten unterhalb von Zug- und Alpspitze.

Vor 20.000 Jahren lag das Alpenvorland unter einer tausend Meter dicken Eisschicht. Um rund sechs Grad wurde es dann wärmer, die letzte Eiszeit ging zu Ende. In den Hochgebirgen hielten sich aber die meiste Zeit Gletscher, auch im Wettersteingebirge um die Zugspitze. Vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert wuchsen sie sogar: Denn in der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ war es durchschnittlich gut ein Grad kühler als im Mittelalter. Seit hundert Jahren jedoch lässt die menschgemachte Klimaerwärmung die Gletscher in bisher ungeahntem Tempo abschmelzen. Im Wettersteingebirge werden viele Eisfelder in einigen Jahren so gut wie verschwunden sein. Noch kann man sie auf einer hochalpinen Rundtour bewundern…

Ins Höllental mit Deutschlands (noch) größtem Gletscher

Die Zahnradbahn ab dem Eibsee hilft bei den ersten paar hundert Höhenmetern. Während des geröllreichen Aufstiegs vom Riffelriß zur Riffelscharte hat man den ersten weißen Flecken im Visier: im „Bayerischen Schneekar“, ganz unten in der Zugspitz-Nordwand eingebettet. Zugegeben, ein echter Gletscher war das von Lawinen gespeiste Firn- und Eisfeld nie – doch wie der Name sagt, war das Kar früher ganzjährig weiß. Heute bleibt ab Ende Juli nur mehr ein grauer Rest. Über den kurzen luftigen Klettersteig geht’s mit eindrucksvollem Tiefblick auf den Eibsee hoch zur Riffelscharte und hinüber ins Höllental.

Gleich am ersten Tag warten luftige Kletterpassagen mit Blick auf den türkis-blau leuchtenden Eibsee. Foto: Christian Rauch

Beim Abstieg zur Höllentalangerhütte rauscht das Wasser über die Felskante gegenüber. Deutschlands größter verbleibender Gletscher speist den Wasserfall. Erst sieht man ihn gar nicht, dann spitzt der Höllentalferner unter der Nordostwand der Zugspitze immer mehr heraus. Vor zweihundert Jahren maß er stolze 47 Hektar. 2006 waren noch knapp 25 Hektar übrig, zuletzt nur mehr vierzehn. Von der Zugspitze und den Nordwänden des Jubiläumsgrats bekommt der Ferner immerhin Lawinennachschub und Schatten. So könnte er sich als einziger deutscher Gletscher noch länger halten, bis etwa 2040. Laut Expert*innen ist aber spätestens dann zu befürchten, dass sich das Eis nicht mehr bewegen, also nicht mehr aus der firnbedeckten „Nährzone“ zum unteren abschmelzenden Gletscherrand fließen wird. Ein „echter Gletscher“ wird der Höllentalferner dann definitionsgemäß nicht mehr sein.

Auf der Höllentalangerhütte der Sektion München wartet das erste Nachtlager: Seit 1894 gibt’s die traditionsreiche Hütte, seit 2015 als nachhaltigen und doch gemütlichen Neubau mit viel Holz.

Deutschlands größter verbleibender Gletscher, der Höllentalferner, speist den recht ansehnlichen Wasserfall. Foto: Christian Rauch

Ex-Gletscher an der Alpspitze

Während morgens von der Höllentalangerhütte viele zur Zugspitze aufbrechen, manche auch Richtung Rinderweg oder Hupfleitenjoch, wählen wir die wohl einsamste Route. Mit letzten Blicken zum Höllentalferner geht es den stillen Steig durch Latschen hinauf ins Mathaisenkar. Die breite Westflanke der Alpspitze und die steile Nordwand der Vollkarspitze nähren hier mit ihren Lawinen einen Eisrest, der einst wohl ein echter kleiner Gletscher war. Im obersten Winkel des Kars, fast das ganze Jahr im Schatten, türmt sich mehrere Meter dickes Eis, das den geröllerfüllten Boden eingedrückt hat. Groß wie fünf Fußballfelder dürfte das Gletscherchen noch im 19. Jahrhundert gewesen sein. Heute ist das Eis nur mehr imposant, wenn man direkt davor steht. Dennoch: Auf knapp zweitausend Metern Höhe ist hier das tiefstgelegene Gletscherrelikt im Wetterstein erhalten – wie lange noch?

Links des Eisfelds, inmitten spärlich markierter Schrofen beginnt der längste Klettersteigabschnitt der Tour. Durch eine hohe Felsflanke geht’s an Drahtseilen und Eisenstiften in die Grieskarscharte. Dort, im Herzen des westlichen Wettersteins, hat man sich eine ausgiebige Rast verdient. Jenseits blicken wir ins lange Grieskar hinab: Der obere Teil war im 19. Jahrhundert noch vergletschert, 1880 zeigten Karten einen kleinen Gletschersee im Kar, den „Eisweiher“. Heute hält sich im Sommer nur noch Lawinenschnee in den Karwinkeln. Die liegen im Schatten der jäh abbrechenden Nordwand des Hochblassens, der uns direkt überragt. Wir steigen in die andere Richtung und erreichen über den teils gesicherten Felsgrat den 2628 Meter hohen Gipfel der Alpspitze. Um das große Kreuz ist viel Platz, tief unten liegt Garmisch-Partenkirchen und rund herum unzählige Bergketten vom Ammergau bis ins Karwendel.

Blick auf Garmisch-Partenkirchen und das Alpenvorland vom Alpspitz-Gipfel aus. Foto: Christian Rauch

Der Abstieg führt über den breiten Ostgrat und das Oberkar zur „Schöngänge“: ein Klassiker unter den Wetterstein-Klettersteigen. Wer ihn hinab geturnt ist, kommt auf einem bequemen breiten Weg zum Kreuzeckhaus. Die Hütte der Sektion Garmisch-Partenkirchen lädt zur zweiten Nachtruhe.

Am Schmelzwasser der Partnach entlang

Die dritte Etappe startet mit viel Abstieg: An der Alpspitze vorbei geht’s über den Bernadeinsteig hinüber ins Reintal. Kurz vor der Bockhütte grüßen von Süden das Oberreintal mit seinen Felstürmen und der benachbarte Große Hundsstall. Wie viele Kare im Wetterstein trug auch er im 19. Jahrhundert einen kleinen Gletscher, der bis auf ein Eisfeld im versteckten obersten Karwinkel verschwunden ist. Im Reintal angekommen, führt uns die rauschende Partnach wieder gemächlich höher. Wir blicken in die himmelstrebenden Nordwände von Hinterreintalschrofen und Hochwanner. Aus ihnen stürzen bis in den Hochsommer Schmelzwasserfälle ins Tal, gespeist von versteckten firnbedeckten Geröllkesseln. Auch sie waren mal unter Eis versteckt.

Die hübsch gelegene Reintalerangerhütte bietet sich für die Mittagspause an Tag drei an. Foto: Christian Rauch

Zu Mittag erreicht man mit gutem Timing die Reintalangerhütte der Sektion München. Von den Bänken und Tischen direkt am Partnachufer kann man die Füße ins kühle Nass halten. Die Quelle des Wildbachs erreichen wir wenig höher. Am Ursprung der Partnach, einem Felsenloch, schießt das Wasser mächtig heraus. Gesammelt hat es sich aus der Schnee- und Eisschmelze am Zugspitzplatt, dem auch wir nun entgegen steigen. Sechshundert Höhenmeter sind es vom Oberen Anger bis zum Rand des Platts. Dort liegt die Knorrhütte der Sektion München, das dritte Nachtlager der Tour. Im August 1820 sah der Zugspitz-Erstbesteiger Joseph Naus von dieser Stelle aus schon den riesigen Zugspitzgletscher, den „Plattachferner“, der vom Wetterwandeck und den Wetterspitzen weit herunter reichte.

Dem Resteis auf der Spur - Finale auf dem Zugspitzplatt

Von der Knorrhütte aus ist es bis zum ersten Gletscherblick noch eine halbe Stunde Fußmarsch. Foto: Christian Rauch

Wir starten tags darauf von der Knorrhütte los und sehen weit und breit nichts von einem Gletscher. Doch nach einer guten halben Stunde Aufstieg grüßt von oberhalb des Schneefernerecks, direkt unter dem Jubiläumsgrat, der klägliche Überrest des „Kleinen Schneeferners“ herunter. Noch vor 150 Jahren war der ganze zweistufige Karwinkel vergletschert! Nochmal gut dreißig Minuten Aufstieg und wir passieren das nächste Gletscherrelikt. Rechts des Wegs lag lange der „Östliche Schneeferner“. Heute verteilt sich das dünne Resteis in einzelnen Mulden und ist oft vom Geröll überdeckt. Eines dieser Toteisfelder, das durch den Lawinenschnee aus der Zugspitz-Südwand noch überlebt, hat die letzten Jahre einen kleinen, schönen Gletscherweiher gebildet, zu dem man vom Weg leicht hinabsteigen kann.

Vom Östlichen Schneeferner ist heute nur noch der Eisweiher zu sehen, der sich aus Toteisresten speist. Foto: Christian Rauch

Richtiges Gletschereis sehen wir schließlich, als wir den letzten Aufstieg hinauf zu den Bergbahnstationen geschafft haben. Hinter dem Moränenrücken zieht der „Nördliche Schneeferner“ hufeisenförmig hinauf zur Schneefernerscharte und zum kastenförmigen Schneefernerkopf. Noch vor 25 Jahren war der Gletscher mehr als doppelt so groß und dick wie heute. Nun sind weniger als dreizehn Hektar übrig. Von der Terrasse des „Gletscherrestaurants“ Sonn-Alpin schweift der Blick schließlich zum „Südlichen Schneeferner“. Unter den zackigen Wetterspitzen gelegen, maß er in den neunziger Jahren noch zwölf Hektar. Heute braucht es fast ein Fernglas, um die gerade mal einen Hektar große Resteisfläche zu erkennen. 2022 nahm die Bayerische Akademie der Wissenschaften in München dem Südlichen Schneeferners den Gletscherstatus. Beim Nördlichen Schneeferner wird es in einigen Jahren wohl auch soweit sein.

Während des Tourfinales zum 2962 Meter hohen Gipfel von Deutschlands höchstem Berg blickt man auf das komplette Zugspitzplatt hinunter. Nördlicher, Südlicher, Östlicher und Kleiner Schneeferner waren bis zum Jahr 1900 noch verbunden und bedeckten den gesamten oberen Teil des Platts. Heute sieht man fast nur schottriges Grau – ein Vorgeschmack auf mehr und mehr eisfreie Teile unserer Alpen…