Olympia im DAV
Der Moment, in dem eine Sportart olympisch wird, findet nicht nur auf der Strecke statt. Er beginnt in Trainingshallen, in Besprechungsräumen, in Tabellen voller Leistungswerte - und in Entscheidungen, die Karrieren verändern können.
Für die Athletinnen und Athleten bedeutet Olympia Geschwindigkeit, Höhe und Risiko. Für den Deutschen Alpenverein bedeutete es, innerhalb weniger Jahre ein professionelles System aufzubauen: Auswahlmechanismen, Governance-Strukturen, Datenerfassung, Verantwortung. Nachdem Klettern bei den Sommerspielen 2021 in Tokyo olympisch wurde, ist Skimo nun die zweite olympische Disziplin unter dem Dach des DAV. Außerdem wird Paraclimbing erstmalig 2028 Teil der Paralympischen Spiele sein.
Zwischen Hochgebirge und Konferenzraum entstand so eine Entwicklungsgeschichte, die weniger vom Wettkampf erzählt als vom Aufbau eines Rahmens, in dem dieser Wettkampf überhaupt erst möglich wird.
„Olympische Teilnahme entsteht nicht erst am Start - sie beginnt mit Strukturen, die Leistung überhaupt messbar und vergleichbar machen.“
Professionalisierung im Eiltempo
Als Skibergsteigen in das Programm der Olympischen Winterspiele aufgenommen wurde, bedeutete das für den Deutschen Alpenverein eine strukturelle Zäsur. Innerhalb weniger Jahre musste eine Disziplin aus einer alpinen Praxis- und Vereinstradition in ein formalisiertes Hochleistungssystem überführt werden: organisatorisch, regulatorisch und leistungsdiagnostisch.
Auf Grundlage der im April 2024 verabschiedeten DOSB-Nominierungsgrundsätze entwickelte der DAV im Juni 2025 sportartspezifische Kriterien, die im Dezember desselben Jahres weiter angepasst wurden. Parallel entstand eine Entscheidungsarchitektur, die die Geschäftsführung Leistungssport, die sportliche Leitung, den Bundestrainer, die Disziplintrainer*innen, das Leistungssportreferat sowie die Athlet*innenvertretung einband. Zwei sportfachkundige Vertreter*innen aus DAV-Sektionen begleiteten das Verfahren beobachtend.
Ende Dezember 2025 fanden Nominierungsrennen unter internationaler Beobachtung durch eine ehemalige Sportevent-Managerin der ISMF statt. Die anschließende Gremiensitzung zur Nominierung der Athlet*innen wurde protokolliert und per Video dokumentiert. Strukturen, die für diese neue olympische Disziplin erstmals etabliert wurden.
„Mit begrenzten Startplätzen wird Auswahl zur Verantwortung - für Athletinnen und Athleten ebenso wie für den Verband.“
Während Ski geschultert werden und Höhenmeter gesammelt werden, entstehen parallel andere Messgrößen: Herzfrequenzen, Belastungsprofile, physiologische Parameter. Training wird lesbar, Leistung vergleichbar.
Im Jahr 2023 startete eine sportmedizinische Langzeitstudie mit der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport. In anderen Leistungssportdisziplinen sind solche Laktatstudien seit langem im Einsatz und tragen entscheidend zur Fokussierung der Trainingsplanung bei. Mit über längeren Zeiträumen erhobenen Leistungswerten - darunter z.B. kapillare Blutanalysen nach Belastungsphasen - lässt sich die Trainingssteuerung evidenzbasiert weiterentwickeln. Viele Athletinnen und Athleten entschlossen sich, bei dieser Studie mitzuwirken. Für die meisten bedeutete das aber auch einen Kulturwandel:
„Wo früher Erfahrung und Intuition dominierten, stehen heute Daten, Analyse und systematische Trainingssteuerung.“
Klare Regeln, sichere Strukturen
An eine Olympische Sportart werden allerdings auch Governance-Anforderungen gestellt, denn Leistungssport ist voller Menschen mit hohen Ambitionen. Dadurch entstehen oft Spannungsfelder. Um potenzielle Abhängigkeiten zu reduzieren, wurden und werden Governance-Maßnahmen analog zu übergeordneten Sportstrukturen eingeführt, darunter Hinweisgebersysteme und externe Prüfoptionen.
Der DAV führte Schulungen durch, entwickelte entsprechende Strukturen und Prozesse begann bereits mit der Umsetzung des ab 2028 verbindlichen Safe Sport Code. Interne und externe Meldestellen werden implementiert, ein Hinweisgeberschutzsystem ist etabliert.
Anfang Januar 2026 trat das Nominierungsgremium für die Olympia-Teilnahme an den Skimo-Wettbewerben zusammen. Ergebnisse aus Wettkämpfen, Leistungsanalysen und Trainerbewertungen lagen vor. Die Entscheidungen betreffen wenige Startplätze und entscheiden damit über Ziele, für die Athletinnen und Athleten über Jahre gearbeitet haben.
Für transparente und belastbare Entscheidungsgrundsätze wurden die Standards des DOSB in mehreren Arbeitsschritten adaptiert:
April 2024: DOSB‑Grundsätze verabschiedet
Juni 2025: DAV‑Kriterien beschlossen
Dezember 2025: Anpassung der DAV-Kriterien
Dezember 2025: Qualifikationsrennen am Götschen in Bischofswiesen unter Aufsicht einer ISMF-Schiedsrichterin
Januar 2026: Beschlussfassung und Bestätigung durch das Nominierungs-Gremium unter Beteiligung von Athlet*innen und Beobachtern mit sportfachlicher Expertise im Skibergsteigen. Die Nominierungen wurden anschließend durch den DOSB bestätigt.
„Die Entscheidung zu den Olympia-Teilnehmer*innen ist das Ergebnis eines über zweijährigen Aufstiegs – nun ist alles bereit für eine erfolgreiche Zieleinfahrt.“
Olympia markiert keinen Abschluss der Entwicklung dieser Sportart und ihrer Strukturen, sondern einen neuen Beginn. Der DAV freut sich darauf, die Reise der neuen olympischen Sportart Skimo weiter begleiten und fortentwickeln zu dürfen.