13.41 Uhr. Pünktlich auf die Minute erreichen wir die Haltestelle "Roveredo Paese". Schweizer Postbusse sind nun einmal zuverlässig. Was man vom Bergwetter heute leider nicht sagen kann. Kühle Nebelschwaden wehen uns ins Gesicht, als wir eine knappe Gehstunde oberhalb des netten Ortes in einen wunderschönen Birkenwald eintauchen. Die gelben Ginsterbüsche, die den Waldboden fast komplett bedecken, leuchten umso intensiver. Wie sagte Heinz Zak bei einem Foto-Workshop einst zu mir: Gerade leuchtende Blumen muss man ohne Sonne fotografieren.
Als Silke, Jana und ich den Wald hinter uns gelassen haben, ist die erste Gipfelpause unserer Dreitagetour nur von kurzer Dauer. Kalter Wind pfeift über den Bergrücken des Caval Drossa und sorgt dafür, dass sich die Wolken um erste Regentropfen erleichtern. Pillepalle! Könnte man jetzt sagen. Schließlich ist die komfortable Capanna Monte Bar nur noch eine halbe Stunde entfernt.
Allerdings wollen wir die beiden kommenden Nächte nicht in einer Berghütte, sondern unter freien Himmel verbringen. Denn laut Schweizer Alpen-Club ist "eine einzelne Übernachtung einer kleinen Anzahl Personen im Gebirge oberhalb der Waldgrenze meist unproblematisch – wenn sie rücksichtsvoll erfolgt". Allerdings sind geplante Biwak-Nächte innerhalb von Schutzgebieten auch in Helvetia tabu. Deswegen hatte ich mir bei der Tourenplanung die großartige Website des Schweizer Bundesamtes für Landestopografie ganz genau unter die Lupe genommen, um zwei erlaubte Übernachtungsplätze zu recherchieren.
Das mit der Rücksicht nehmen wir ernst; daher haben wir keine Zelte mitgenommen, sondern begnügen uns mit Isomatte und Schlafsack. Was die Sache mit dem Wetter natürlich etwas spannend macht. Aber das Timing passt. Als wir am Gipfel des Monte Bar den Gaskocher fürs Abendessen anwerfen, hört der Nieselregen auf. Einer unvergesslichen Nacht unterm Sternenzelt machen die Wolken allerdings einen dicken Strich durch die Rechnung. Stattdessen funkeln unter uns die Lichter von Lugano. Der kühle Wind trägt dazu bei, dass wir uns früh in die Schlafsäcke einmummeln. Tja, eigentlich ist schon Anfang Juni.
In zwei Etappen um das Val Colla
Umso grandioser ist die Stimmung am nächsten Morgen. Wind und Wolken haben sich verzogen. Im Westen leuchtet die gewaltige Monte Rosa-Ostwand – wie es sich mit einem solchen Namen gehört – in sanften Rottönen auf. Nach einem gemütlichen Outdoor-Frühstück starten wir zu den nächsten zwei Etappen. Sie werden uns in Form einer hufeisenförmigen Kammwanderung um das Val Colla führen. Vor uns liegt ein Wandergelände wie man es sich schöner nicht vorstellen kann. Über aussichtsreiche Bergwiesen gehen wir zunächst zum Passo di Pozzaiolo hinab, wo versprenkelte Lärchen mit Alpenrosen und Urgestein liebliche Grüppchen bilden. Im Norden leuchten die noch weißen Gipfel der Adula- und Tambo-Gruppe im Frühsommerhimmel. Und unter uns grüßt grüner Bergwald mit einer schönen Mischung aus Birken-, Kastanien- und Hainbuchenblättern. Gerade einmal 430 Höhenmeter sind es noch zum höchsten Punkt unserer Dreitagestour: dem 2115 Meter hohen Gazzirola. Was für ein Gegensatz zu gestern. Beim Anstieg bringt uns die Junisonne ganz schön ins Schwitzen und die ausgiebige Gipfel-Siesta können wir im T-Shirt genießen.
Am Gazzirola biegt der Weg nach Süden ab und folgt ab jetzt der schweizerisch-italienischen Grenze. Was zur Folge hat, dass wir am 1540 Meter hohen Passo di San Lucio zwischen einer Tessiner und einer Lombardischen Berghütte wählen können. Unsere Geldbeutel bevorzugen das italienische Rifugio, wo wir von Hüttenwirt Vittorio herzlich empfangen werden. Was uns keine zehn Minuten später in den Relax-Modus überführt: Mit Aperol Spritz im Liegestuhl könnte man den Wandertag eigentlich auch ganz gut beenden. Zum Glück kommen wir von den Liegen wieder hoch und wandern noch ein gutes Stück weiter. Denn von unserem zweiten Schlafplatz aus haben wir einen tollen Blick auf die Denti della Vecchia, über die unsere morgige Wanderung führen wird. Tatsächlich erinnern die Kalkfelsen und -türme an, aus dem Wald aufragende Zahnstummel (italienisch denti).
Die Schlussetappe entpuppt sich als landschaftlicher Gegensatz zum bisherigen Wegverlauf. Der wunderschöne Buchenwald gibt nur hier und da Blicke frei, weswegen wir zwei kleine Abstecher auf die am Weg liegenden Kalktürme unternehmen. Am Sattel Pian di Scagn steigt die Spannung. Wird der Schlussanstieg am Monte Boglia mit der angeblich unvergesslichen Aussicht auf den Luganersee belohnt, von der eine Freundin mir schon vor Jahren vorgeschwärmt hatte.
Tatsächlich ist es am letzten Tag unserer Rundtour so diesig, dass wir die tief unter uns glitzernde Seeoberfläche eher erahnen können. Aber egal. Im sehr empfehlenswerten Ristorante Salotto im Bergdorf Brè, wo die Wartezeit auf den Postbus nach Lugano in Windeseile vergeht, sind wir uns einig: Das ist doch eigentlich ein Grund mehr, irgendwann in diese traumhafte Wanderregion zurückzukommen.
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