Zwei Männer mit Kletterhelmen stehen in den Bergen und schauen gemeinsam auf ein Kletterstei Topo.
Bevor es in den Klettersteig geht, wird die Topo nochmal gemeinsam besprochen. DAV / Franz Güntner
Videoserie "Die Entscheidung"

Weiter oder umdrehen? Auf Bergtour richtig entscheiden

Ein Gewitter ist im Anmarsch, ein ausgesetzter Grat, die letzte Bahn im Nacken: Sicher in den Bergen ist nicht, wer am mutigsten ist, sondern wer die Lage am besten einschätzt und das Risiko abwägt. In unserer Videoserie "Die Entscheidung" zeigen Expert*innen, wie das gelingt.

Beim Bergsport müssen wir oft schwierige Entscheidungen fällen: Sollen wir weitergehen oder umdrehen? Dem Gruppentempo folgen, auch wenn es sich nicht gut anfühlt? Den Wetterbericht nicht so ernst nehmen, obwohl sich am Himmel etwas zusammenbraut? Die gute Nachricht: Richtige Entscheidungen zu treffen, kann man lernen.

Risiko einschätzen in drei Schritten

Bevor in den einzelnen Folgen verschiedene Probleme besprochen werden, lohnt sich ein Blick auf das Handwerkszeug, das man braucht, um sicher unterwegs zu sein. Wer sein Risiko einschätzen will, braucht eine Struktur, die auch dann funktioniert, wenn man müde, hungrig oder unter Zeitdruck ist. Der Risiko-Drei-Schritt mit der 3x3-Methode liefert genau das. Hier werden die Faktoren Mensch, also die eigenen Fähigkeiten, das Gelände, also insbesondere die Steilheit und Ausgesetztheit, und die Verhältnisse wie Wetter und Lawinenlage beurteilt und in die Entscheidung einbezogen.

1. Gewitter – schaffe ich es noch rechtzeitig?

Dunkle Wolken über dem Gipfel, und der Abstieg ist noch weit: Wenige Situationen am Berg erzeugen so viel Druck wie ein aufziehendes Gewitter; eine Erfahrung, die laut DAV-Bergwanderstudie 2021 viele schon gemacht haben. 57 Prozent der Befragten erlebten in den letzten zehn Jahren ein Gewitter in unmittelbarer Nähe, viele davon mehrfach. Nur die Hälfte (51 Prozent) der Personen, die direkt in ein Gewitter gerieten, empfanden die Lage als ziemlich oder sehr gefährlich, obwohl Fachleute die Exposition mitten im Gewitter als hochgefährlich einstufen.

Dabei fällt die wichtigste Entscheidung oft schon vor der Tour, bei der Planung: Wetterbericht checken und Zeitfenster realistisch einschätzen. Doch auch am Berg stellen sich viele die Frage zu spät: Reicht die Zeit noch, oder ist der Moment zum Handeln längst gekommen? Der Meteorologe Gerhard Hohenwarter erklärt in der ersten Folge von "Die Entscheidung" bei einer Klettersteigtour, welche Zeichen man ernst nehmen sollte, warum frühes Handeln fast immer die bessere Wahl ist und was im Worst Case zu tun ist.

2. Angst am Weg – wann soll ich umdrehen?

Nicht jede Gefahr hat mit dem Wetter zu tun. Manchmal ist es das Gelände oder vielmehr dessen Wahrnehmung: Der Grat wird schmaler, der Magen zieht sich zusammen, und im Kopf beginnt das Abwägen: Ist das noch normale Anspannung oder schon ein Stoppsignal? In Folge 2 ist Markus gemeinsam mit Bettina Müller im Karwendel unterwegs. Sie erklärt, wie man mit Unwohlsein umgeht, ohne in Panik zu geraten, und warum Umdrehen keine Niederlage ist, sondern eine Kompetenz.

Dabei gilt: Subjektives Unwohlsein bedeutet nicht automatisch, dass objektiv Gefahr besteht. Bettinas Tipp ist trotzdem klar: Das Gefühl ernst nehmen, denn es ist ein Warnzeichen. Zuerst zur Ruhe kommen, dann die Situation neu beurteilen. Bleibt das mulmige Gefühl, ist Umkehren im Zweifel die richtige Entscheidung.

Wer solche Situationen schon bei der Planung besser einschätzen will, findet Unterstützung im BergwanderCheck: Ein paar Fragen zu eurer Erfahrung, Kondition und Selbsteinschätzung helfen dabei, herauszufinden, welche Wege für die eigenen Fähigkeiten geeignet sind.

Unwohlsein am Berg – Interview mit Dr. Bernhard Streicher (Teil 1)

Was im Kopf – und im Körper – passiert, wenn sich Unwohlsein am Berg meldet, erklärt der Psychologe Dr. Bernhard Streicher im ersten Teil des ausführlichen Interviews. Markus hakt genauer nach: Wie entsteht dieses Gefühl, welche körperlichen Reaktionen (z.B. steigender Puls) gehören dazu, und was passiert, wenn man es ignoriert, bis im schlimmsten Fall Panik und das Gefühl von Kontrollverlust entstehen? Und lässt sich der Umgang mit Unwohlsein eigentlich trainieren?

3. Selbsteinschätzung – alle gehen weiter, ich auch?

Die schwierigsten Entscheidungen trifft man selten allein. In der Gruppe ist es leicht, einfach mitzulaufen, auch wenn im Kopf längst Zweifel aufkommen. Und dann ist da oft noch die Uhr: Wer die letzte Bahn erreichen muss, steht zusätzlich unter Zeitdruck. In Folge 3 ist Markus mit dem Bergführer Edi Käppeler unterwegs. Er erklärt, wie man die eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzt, statt sich am Tempo oder Mut der Gruppe zu orientieren und woran man erkennt, dass der bessere Weg der Rückweg ist.

(Falsche) Gruppendynamiken – Interview mit Dr. Bernhard Streicher (Teil 2)

Wie sich Gruppen manchmal gegenseitig in riskante Situationen hineinreden, bespricht Markus im zweiten Teil des Interviews mit dem Psychologen Dr. Bernhard Streicher. Außerdem geht es darum, wie sich problematische Gruppendynamiken erkennen und auflösen lassen.

Weitergehen oder Umdrehen? Beides kann richtig sein!

Gute Entscheidungen am Berg entstehen aus einer ehrlichen Einschätzung der Lage, sei es beim Blick zum Himmel, auf den Weg oder in sich selbst hinein. Dabei geht es nicht darum, möglichst oft umzukehren, sondern darum, die Situation richtig zu lesen und dann zu entscheiden: weitergehen, wenn es passt, umdrehen, wenn nicht. Das ist der Unterschied zwischen "Glück gehabt" und "gut entschieden".