Vor uns erhebt sich eine dreihundert Meter hohe Felswand fast senkrecht in den Himmel. Wir stehen vor der Kleinen Zinne in den Sextener Dolomiten mit dem Ziel, sie über den Normalweg zu besteigen. Laut Beschreibung eine einfache Kletterei im oberen vierten Schwierigkeitsgrad. Skepsis macht sich breit, denn der Felsriegel wirkt auf den ersten Blick unüberwindbar. Wir setzen einen Tritt in den engen Einstiegskamin am Wandfuß. Finger und Zehen suchen Halt im kühlen Fels, während Arme und Beine drücken, stemmen und ziehen. Das Herz schlägt schneller, die Atemzüge werden kürzer. Durch Risse, über Bänder und Stufen geht es empor, einfacher und schneller als gedacht. Die Anspannung legt sich allmählich und am Gipfel angekommen, sind wir verblüfft: die scheinbar unbezwingbare Wand hat sich Schritt für Schritt in einfache Einzelteile aufgelöst und war am Ende dann ganz zahm.
Es ist dieses Staunen, das die Gebirgsgruppe zwischen Pustertal, Eisacktal, Etschtal, Valsugana und Piave so einzigartig macht. Eine märchenhafte Landschaft mit Wänden und Türmen, surreal wie in einem Fantasyfilm. Vor über 250 Millionen Jahren ein tropisches Meer mit Atollen und Vulkanen, heute ein Monument beeindruckender Felsformationen. Sedimente und Korallenriffe wurden im Lauf der Jahrmillionen zu Gestein, tektonische Kräfte falteten es auf und die Erosion schuf daraus diese einzigartige wilde Schönheit. Dazwischen immer wieder liebliche Almlandschaften mit saftigen Wiesen und blühenden Blumen.
Blick in die Geschichte
In den Felsen schlummert aber auch eine andere Art von Geschichte, eine unheilvolle, grausame und zerstörerische. Man kommt zwangsläufig immer wieder in Berührung damit – beim Wandern, beim Klettern und ganz besonders beim Gehen von Klettersteigen (Via Ferrata), die hier Anfang des vergangenen Jahrhunderts geschaffen wurden. Die meisten davon dienten als militärische Infrastruktur, um strategische Gipfel zu besetzen, Truppen zu bewegen oder Gebiete zu sichern. Tunnel, Schützengräben und verrostete Stacheldrahtreste erzählen an vielen Stellen vom „Weißen Krieg“, als sich zwischen 1915 und 1918 italienische und österreich-ungarische Truppen in einem erbitterten Kampf gegenüber standen. Viele der heutigen Klettersteige in der Region wie die Via Ferrata Lagazuoi, die Via Ferrata delle Trincee oder die Ferrata Lipella zeugen von dieser dunklen Vergangenheit.
Kaum ein anderes Gebirge hat das Bergsteigen so geprägt wie die Dolomiten. Luis Trenker, Rudolf Dülfer, Riccardo Cassin, Giuseppe Piaz und Reinhold Messner schrieben an ihren Wänden Alpingeschichte. Überall finden sich ihre Handschriften im Fels, in Form von ästhetischen, klassischen und anspruchsvollen Linien, allesamt erzählen sie von Pioniergeist, Kühnheit und technischen Revolutionen. Ob Dülfers kantige Linien an der Kleinen Zinne, Cassins gewagte Nordwanddurchstiege oder Piaz' waghalsige Soloklettereien: Mit ihren Erstbegehungen haben sie nicht nur das Limit des Machbaren verschoben, sondern auch ein alpines Erbe geschaffen, das bis heute Bergmenschen aus aller Welt inspiriert. Ihre Routen sind mehr als steinerne Aufstiegslinien, sie sind Denkmäler des Alpinismus, selbst heute kann man ihren Geist noch spüren.
Wegen ihrer meist langen Zu- und Abstiege, der schwierigen Wegfindung und der häufig nur spärlichen Schlaghakensicherung gelten die klassischen Dolomitenrouten gemein hin als anspruchsvoll. In Walter Pauses Bergsteigerbibel „Im Extremen Fels“ aus dem Jahr 1970 finden sich daher gut zwanzig Routen in dieser Gegend. Doch es gibt auch die „Dolomiten Light“, geschmeidige Touren zum Herantasten, einfach erreichbar und mit Absicherung im Wohlfühlbereich. Die Cinque Torri nahe des Falzaregopasses in den Ampezzaner Dolomiten sind eines dieser Gebiete. Sie beherbergen über 220 Routen ab dem dritten Schwierigkeitsgrad, ein Teil davon ist mit Bohrhaken ausgestattet und der Zustieg beschränkt sich dank Seilbahn auf zehn bis zwanzig Minuten. Obwohl in einer Höhe von über 2200 Metern gelegen, lassen sie sich auf ihrer Südseite sogar teilweise bis in den November oder Dezember hinein beklettern.
Sollte an den Cinque Torri Langeweile aufkeimen, dann finden sich auf der anderen Seite der Passstraße einige spannende Mehrseillängenrouten und ein Klettergarten. Ein Teil der Touren endet auf dem „Ceniga Martini“, einem horizontalen Felsband auf halber Höhe zum Gipfel des Kleinen Lagazuoi. Dieser natürliche Felsvorsprung war Schauplatz einer der größten Absurditäten der europäischen Kriegsgeschichte. Italienische Truppen errichteten hier oben für fast zwei Jahre lang eine Stellung im Kampf gegen österreichisch-ungarische Soldaten. Beide Parteien bohrten sich über Tunnel und Stollen durch den Berg und jagten sich mit insgesamt über achtzig Tonnen Sprengstoff den Boden unter den Füßen weg. Das Resultat ist noch immer gegenwärtig, denn dabei entstand ein gewaltiger Schuttkegel am Wandfuß, der beim Zustieg zu einigen der Routen überquert werden muss.
Durch die Unterwelt
Wir entscheiden uns für die „Via del Buco“, eine fantastische Line durch die mächtige Wand, deren Felsqualität sich beim Klettern um Welten besser darstellt, als sie von Weitem erscheinen mag. Die Route kreuzt den Kaiserjägersteig, einen ehemaligen Versorgungspfad der österreichischen Truppen, nur ein Steinwurf vom Martiniband entfernt. Der Pfad ermöglicht den Abstieg zurück zum Pass, wir aber folgen ihm hinauf zum Gipfel des Kleinen Lagazuoi, um den herrlichen Ausblick auf die umliegende Bergwelt in Gänze genießen zu können – auf den Monte Pelmo, den Monte Civetta, die Marmolada, die Sella und gefühlt weitere hundert Dolomitengipfel. Grandios!
In Sichtweite davon, nur etwas weiter westlich, lacht uns der Hexenstein mit seiner charmanten Südkante entgegen. Wegen des abwechslungsreichen Routenverlaufs und der einfachen Zugänglichkeit gehört er sicher zu einer der beliebtesten Dolomitenrouten. Wir haben ihn seit Jahren auf dem Plan und endlich ist es so weit. Wir wählen den Zustieg über die Unterwelt, durch den Goiginger Stollen, ein Tunnelsystem der österreichischen Truppen aus dem Ersten Weltkrieg. In die anfängliche Entdeckungslust mischt sich ein leises Gefühl der Beklommenheit, als wir die behagliche sonnige Bergwelt verlassen und über eine Öffnung zwischen den Felsen in die Eingeweide des Bergs eintauchen. Ab und zu zwingt uns der in den Fels gehauene Tunnel in die Knie, fast so, als wolle uns der Berg zu Demut zwingen. Nur sporadisch ermöglichen winzige Schießscharten und Ausgucke flüchtige Blicke aus der kalten und finsteren Nordostwand hinaus. Reste einer Stromleitung und verfallene Holzkonstruktionen zeugen eindrücklich von der bewegten Vergangenheit dieses Ortes. Nach einem halben Kilometer unterirdischer Enge spuckt uns der Berg wieder aus und wir treten in den wärmenden Sonnenschein. In kurzen Serpentinen geht’s über einen steilen Grashang hinauf zum Einstieg, vorbei an blühenden Blumen. Selten fühlten sich Frieden und Freiheit so intensiv und kostbar an wie in diesem Moment.
Die Südkante des Hexensteins ist ein Hochgenuss, es klettert sich fast wie von selbst. Dabei stört es überhaupt nicht, dass der Fels abgegriffen ist und die Tritte deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Durchschlupf, Kante, Verschneidung, Kamin und Platte – alle interessanten alpinen „Kletterfeatures“ sind vorhanden. Wie über den Dachfirst einer großen Kathedrale führt die letzte Seillänge zum Gipfel, ein paar kräftige Züge und wir stehen am Gipfelkreuz.
"Mauer der Götter"
Im Nordwesten stechen die Geislerspitzen im Puez-Geisler-Nationalpark hervor, die Gipfel wirken aus der Ferne wie die Zinken einer Heugabel. Der österreichische Alpinpionier Paul Grohmann – Erstbesteiger legendärer Dolomitengipfel wie der Marmolada, der Großen Zinne, des Langkofels und des Cristallos – beschrieb sie wie folgt: „Die Geisler sind kein Gebirge, sondern eine Mauer der Götter – wer sie ersteigt, begreift, was Unbezwingbarkeit heißt“.
Na gut, die Routen dort haben zweifelsfrei einen ernsten alpinen Touch, doch ganz so wild sind sie nun auch wieder nicht. In der Tat fühlt sich das Klettern dort schon etwas strenger und härter an, sicher auch, weil sich die Absicherung an der Kleinen und Großen Fermeda, der Großen Odla oder der Sass de Mesdi größtenteils auf Schlaghaken und Sanduhren beschränkt und die Bewertung der Schwierigkeitsgrade eigenen Gesetzen folgt. Dafür sind die Gipfel weniger frequentiert und die gesamte Gegend wirkt vielerorts ursprünglicher, wilder und schroffer.
Für die vertikale Welt ist uns die Wettervorhersage der kommenden Tage zu instabil. Über den östlichen Alpenraum schiebt sich langsam ein Tiefdruckgebiet und ab Mittag sind Schauer möglich. Wir entscheiden uns dafür, die Geislergruppe erst einmal wandernd zu umrunden, mit der Möglichkeit, den einen oder anderen Schauer in einer der zahlreichen Almhütten auszusitzen. Mit der Regenjacke im Gepäck verlassen wir noch während der Dämmerung die Zanser Alm im Villnößtal und befinden uns wenig später auf dem Adolf-Munkel-Weg auf der Nordseite der Geislerspitzen. Von hier aus wirkt die Felskulisse besonders beeindruckend, die schattigen und steilen Nordwände umgibt eine abweisende und bedrohliche Stimmung.
Zwischen Monte Seceda und der Kleinen Fermeda gelangen wir dann auf die Südseite des Massivs. Als würde man einen Schalter umlegen, stehen wir plötzlich im Sonnenschein und eine liebliche grüne Almlandschaft mit blühenden Alpenrosen breitet sich vor uns aus. Die Geislerspitzen wirken von hier aus auf einmal nur noch halb so hoch und halb so steil.
An der Scharte zwischen Bronsoi und Sobutsch passiert es dann, nur wenige Minuten vor der Schlüterhütte erhalten wir eine Zwangsdusche. Mit triefender Kleidung treten wir kurz danach in die Hütte und wärmen uns im gemütlichen Gastraum. Nach Gerstensuppe und hausgemachten Schlutzkrapfen gibt’s noch einen Kaiserschmarrn oben drauf, an solch einem erlebnisreichen und anstrengenden Tag darf man sich das schon mal mit gutem Gewissen leisten!
Ein Berg wie eine Statue
Etwa vierzig Kilometer südlich liegt die Palagruppe. Sie beherbergt keine „Dolomiten-Superlative“ und ist von Liften, Seilbahnen und Hüttenmassentourismus größtenteils verschont. In den engen Tälern, die sich teils tief in die Berggruppe zwischen der Cimon della Pala, der Cima Canali, dem Monte Agner und dem Sass Maor hineinschneiden, hat sich bis heute echtes Bergbauernleben erhalten. Die Cima della Madonna bildet zusammen mit dem Sass Maor den südwestlichen Eckpfeiler der Gruppe. Von San Martino di Castrozza aus betrachtet, wirkt der Berg wie eine Madonnenstatue, was vermutlich den Ursprung ihres Namens erklärt. Wir besteigen sie über ihre Kopfbedeckung, über die sogenannte „Schleierkante“ auf ihrer Nordwestseite. Elf Seillängen im oberen fünften Schwierigkeitsgrad führen vom Klettersteig „Ferrata del Velo“ zum Gipfel. Die Schleierkante gilt als eine der schönsten Klettertouren der Dolomiten. Mit unerwarteter Leichtigkeit geht es an dem fast senkrechten Pfeiler empor, der überaus stabile und perfekt griffige Fels macht das Klettern zu einem wahren Vergnügen.
Am Scheitel beziehungsweise am Gipfel der Madonna bahnen sich dann die Glücksgefühle in Form eines Jubelschreis den Weg nach draußen. Die gesamte Tour war ein ganz eigenes und unvergleichliches Abenteuer. Die Zeit hier oben fühlt sich kostbarer an, die Eindrücke intensiver, im Vergleich zum Alltag ist man präsenter und wacher. Was zählt, ist der Augenblick, die Gedanken rücken in den Hintergrund. Es ist dieses Phänomen, das wir immer wieder in den Bergen suchen und das in den Dolomiten eine ganz besondere Intensität erreicht.