Mehrere Personen laden Fahrräder auf das Dach eines grünen Kleinbusses, während andere daneben stehen und zuschauen; im Hintergrund sind weitere Fahrzeuge und ein Gebäude zu sehen.
Nicht nur in Mitteleuropa: Auch in Marokko lassen sich Kletterziele mit Bus und Fahrrad realisieren. Foto: Franzi Wernsing
Ecopoint: kreativ und klimafreundlich zum Fels

Den Fahrtwind im Gesicht

Mit Fahrrad, Zug oder Segelboot zum Klettern: Das Ecopoint-Konzept macht die Anreise zum integralen Teil des Durchstiegs. Was 2020 als Experiment begann, ist heute eine europaweite Bewegung mit eigenen Kletterführern, Festivals und unzähligen Geschichten von unterwegs. Vom Freitagnachmittag in Franken bis zur Atlantiküberquerung.

Trotz der starken Junisonne ist es angenehm kühl hier im Wald. Ein leichtes Lüftchen weht und lässt die Blätter an den Bäumen rascheln. Wenn ich nach oben schaue, sehe ich im Blätterdach unzählige Grüntöne und dazwischen einen strahlend blauen Himmel durchblitzen. Der Boden um mich herum ist steinig, uneben und größtenteils mit weichem Moos bedeckt. Nicht weit entfernt hör ich den Hirschbach plätschern. Einige Vögel zwitschern und fliegen eilig zwischen den Ästen hin und her, als würden sie etwas suchen. Ein paar Sonnenstrahlen fallen auf die Felswand neben mir und lassen die kleinen und großen Löcher ganz dunkel auf dem rauen Stein aussehen. Aus meiner Hängematte beobachte ich eine meiner Freundinnen, wie sie sich langsam und grazil ihren Weg am Fels sucht.

Steil im schwedischen Granit: Korpaberget ist eines der ersten Klettergebiete auf der 800 Radkilometer langen Reise von Göteborg nach Stockholm. Foto: Archiv Paulus

Neben der Sehnsucht nach sportlicher Herausforderung und danach, sich draußen zu verlieren, beschäftigt mich oft die Frage: Wie können wir möglichst naturverträglich und klimafreundlich klettern?

Im Jahr 2020 kletterte Lena-Marie Müller als vierte Frau Prinzip Hoffnung an der Bürser Platte in Vorarlberg. Die Route im Schwierigkeitsgrad 8b+ hat keine Bohrhaken und wird clean, also nur mit mobilen Sicherungsmitteln, geklettert. Lena-Marie legte nicht nur Wert auf einen möglichst reduzierten Sicherungsstil, sondern auch auf eine klimafreundliche An- und Abreise und machte sich nach ihrem Durchstieg für einen „neuen" Begehungsstil stark. Angelehnt an den weltweit etablierten „Rotpunkt" schlug Sofie Paulus, die zeitgleich in der fränkischen Schweiz eine klimafreundliche Anreise ausprobierte, den Begriff „Ecopoint" vor, der das Konzept des Rotpunkts um eine nachhaltige Anreise erweitert. Zu dieser Zeit promovierten beide Kletterinnen im Bereich der (Sport-)Ökologie und experimentierten auch in ihrem Alltag und Kletterleben mit nachhaltigen Lebensweisen.

Sofie Paulus, Mitinitiatorin des Ecopoint-Gedankens, im heimischen Frankenjura. Foto: Stefan Riedl

Sophie Machaczek & Sofie Paulus

Wie das Klettern ist auch das Ecopointen kein Individualsport. Sophie Machaczek und Sofie Paulus beschreiben uns, wie schön es sein kann, die Freude am Ecopointen und der wilden Natur zu teilen:

„Mit dem Rad in 800 km von Göteborg nach Stockholm – natürlich mit Kletter- und Campingausrüstung, sozusagen ein Ecopoint-Roadtrip. Das Wichtigste für so eine Aktion? Gute Gesellschaft natürlich!

Zu fünft zogen wir los, teils auch ohne uns vorher gut zu kennen. Wir brachen für drei Wochen aus dem Alltag aus und stürzten uns in ein Abenteuer, in dem die wichtigsten Fragen lediglich den Moment betrafen: Welche Strecke ist die beste? Wo können wir Wasser auffüllen und wo finden wir einen idyllischen Schlafplatz?

Schweden ist für Radreisende ein Traum. Endlose, karg besiedelte Landschaften voller Wälder, Seen, Felder und kleiner Ortschaften bieten ein malerisches Ambiente. Wenn man durch diese Idylle radelt, in der Dämmerung eine Rehfamilie neben sich durch das hohe Getreide springen sieht oder die Spiegelung der Bäume und des Sonnenuntergangs auf einem der zahlreichen Seen in sich aufsaugen darf, bringt das eine unbeschreibliche Entschleunigung und Präsenz. Durch das schwedische Jedermannsrecht, welches das Wildcampen in der Natur erlaubt, fanden wir die schönsten Schlafplätze fernab der Zivilisation, wo der Sprung in den See nur selten fehlte. Die letzten Kilometer zu solchen Orten waren oftmals verdammt zäh, besonders da wir es immer wieder schafften, unsere Räder maßlos zu überladen – aufgrund hoher kulinarischer Ansprüche. Hier konnte es schon mal zu leichten Spannungen in der Gruppe kommen. Doch wenn allen anderen die Kraft ausging, gab es erstaunlicherweise jedes Mal noch eine Person, die ein paar Reserven hatte und es schaffte, die anderen zu ermutigen. Und wenn man gemeinsam das Abendessen genießt, war es die Strapazen jedes Mal wert!

Dass die ermüdenden Kilometer am Vortag bereits an den Kräften gezehrt hatten, war in Anbetracht der tollen schwedischen Kletterei nicht immer leicht zu akzeptieren. Dass wir in drei Wochen keinen einzigen Pausetag ohne Fahrradfahren oder Klettern hatten, eine naheliegende Erklärung. Aber genau dann war es ein Segen, eine wunderbare Freundin neben sich zu haben, die daran erinnerte, das Klettern einfach so, wie es ist, zu genießen. Also feierten wir die Ecopoints, ganz egal in welchem Grad, freuten uns über die Ruhe an den grandiosen, spärlich besuchten Felsen und die Abkühlung im See nach dem Klettern!“

Wildcampen ist in Schweden weitestgehend erlaubt. Die schönsten Plätze in den Schären erreicht man am besten ohne Auto. Foto: Archiv Paulus

Von Franken in die Welt

In den folgenden sechs Jahren entwickelte sich Ecopoint von einer Idee zu einer gelebten Praxis: Zahlreiche Begehungen wurden dokumentiert, der Stil fand Eingang in Erstbegehungen und wurde im Frankenjura durch die Initiative Ecopoint Frankenjura strukturell verankert und überregional gestärkt. Im Frankenjura blickt die Initiative auf zwei Ecopoint Get Together, eine Art alternatives Kletterfestival, als Treffpunkt für die Community zurück. Ein Team von zehn Ecopointer*innen veröffentlichte 2024 einen Ecopoint-Kletterführer für den südlichen Teil des nördlichen Frankenjuras, der auf Spendenbasis erhältlich ist und vollständig ehrenamtlich recherchiert, geschrieben und umgesetzt wurde. Für die Petzl-Kletterfestivals in Königstein organisiert das Team einen Shuttlebus und der DAV integrierte neben Ecopoint-Kletterkursen mit „Bike & Climb" eine Zusatzqualifikation im Sinne des Ecopoint-Gedankens. Erste politische Dialoge zur nachhaltigen Mobilität werden geführt, und europaweit unterstützt die Initiative Gruppen beim Aufbau eigener Ecopoint-Communities, -Guides oder -Veranstaltungen. Über Beiträge in Podcasts, Artikel und Vorträge versucht die Gruppe, Lust am Ecopointen zu verbreiten.

Die dahinterstehende Bewegung beschränkt sich jedoch nicht nur auf Franken: In Tirol veröffentlichten Lena-Marie Müller und Deniz Scheerer den ersten Ecopoint-Guide zum Klettern rund um Innsbruck. Weiter östlich im Inntal veranstalten die Kufstein Climbers viermal pro Jahr ein Climbers Coffee, ganz nach dem Vorbild in Yosemite, wo sich Kletter*innen zu relevanten Themen wie Umwelt- und Klimaschutz austauschen.

Praktisch und immer dabei: Flickzeug für Löcher in Fahrradschlauch und Schuh. Foto: Franzi Wernsing

Der Kletterführer München rockt! wurde in der Neuauflage zu einer Ecopoint-Edition weiterentwickelt. Nach dem Vorbild des Ecopoint Get Togethers in Franken soll im September das erste Ecopoint Festival auf französischem Boden stattfinden, in der Region Vercors, wo erst kürzlich ein kommerzieller Ecopoint-Kletterführer auf den Markt gebracht wurde. Eine digitale Plattform bietet all diesen Initiativen und einzelnen Ecopointer*innen die Webseite ecopointclimbing.com. Neben Filmen, Buchtipps und Geschichten finden sich hier Ecopoint-Reiseberichte.

Hannes Weirather

Hannes Weirather aus München zieht eine wohlbekannte Tour den großen Abenteuern vor. Regelmäßig bricht er zur Oberreintalhütte auf, eine Parade-Tour fürs Ecopointen:

„Das Oberreintal und die Ecopoint-Idee sind wie füreinander gemacht: Vom Parkplatz bis zum Abzweig Oberreintal sind neun Kilometer zwar teils steile, aber breite Forstwege zu bewältigen. Die zusätzlichen 15 Minuten Radweg vom Bahnhof Garmisch sind schnell geschafft. Und so stellt man anhand der bereits geparkten Fahrräder am Abzweig Richtung Oberreintal fest, dass so gut wie jeder Aspirant auf den Drahtesel setzt, um den Aufstieg zu verkürzen. Selten ist die nachhaltige Anreise zum Alpinklettern so komfortabel. Während ich häufig die Ecopoint-Ideale der Bequemlichkeit des Autos opfere, fällt mir hier die Wahl leicht.

Aber auch auf emotionaler Ebene empfinde ich diese Form der Anreise als großen Vorteil: Als Wochenendheld ist das Oberreintal für mich eine der eindrücklichsten Möglichkeiten, wie man Freitag bis Sonntag zu einer gefühlten Woche ausdehnen kann. Durch den Wechsel der Fortbewegungsmittel von Zug, zu Fahrrad, zu Fuß, die Menge an Gepäck und die Lage der Hütte fernab von viel begangenen Wanderwegen kommt für mich immer ein leichter Expeditionscharakter auf. Eigentlich ist die Großstadt München nur 90 km entfernt, aber man fühlt sich ungleich abgeschiedener. Dazu trägt auch bei, dass die Hütte zwar eine*n Hüttenwirt*in hat, er*sie aber ausschließlich mit den von den Gästen mitgebrachten Lebensmitteln kocht. So kommt zur Kletterausrüstung noch der Proviant und man wird sein eigenes Yak, das alles zum Basislager Oberreintalhütte schleppt. Die Hütte selbst, ebenso wie ihre Wirt*innen, hat Legendenstatus. Da an den Wochenenden nur Klettervolk übernachtet, kommt mir die Assoziation an ein kleines Camp 4. Es ist rustikal, geduscht wird im Freien, aber eben auch wildromantisch, wie man es auf luxuriöseren AV-Hütten nicht mehr findet.

Die Anreise mit Zug und Rad empfinde ich als integralen Bestandteil des Gesamterlebnisses. Gemeinsam mit dem einmaligen und ganz besonderen Hüttenkonzept entfaltet sich eine ungemein entschleunigende Wirkung. Ich kann mir als Flucht aus dem Alltag wenig Besseres vorstellen und die rasante Abfahrt auf dem Rückweg zum Bahnhof ist für mich ein letztes Highlight eines jeden Oberreintalwochenendes!“

Alpinklettern ecopoint: Für Hannes Weirather ist das Oberreintal die schönste Wochenendexpedition von München aus. Foto: Hannes Weirather

LaCrux, das klettern-Magazin, die BR-Formate bergaufbergab und das Rucksackradio ebenso wie zahlreiche Podcasts und sogar National Geographic greifen das Thema auf, die Präsenz in den Kletter- und Bergmedien abseits von Nischenplattformen und Instagram-Accounts nimmt zu. Um nur einige Beispiele aus dem Jahr 2025 zu nennen: Der Schweizer Expeditionskader der Frauen segelte für die Abschlussexpedition nach Grönland. Das Pendant der Männer entschied sich gegen den ursprünglichen Plan, nach Kirgistan zu fliegen und wandte sich einem umweltfreundlich erreichbaren Ziel zu, den Lofoten. Im selben Jahr ecopointete das Alpinkader-Damenteam der Naturfreunde über 3430 Kilometer und 77 Stunden zur Abschlussexpedition nach Georgien. Der Belgier Seb Berthe wiederholte 2025 die berühmte Dawn Wall am El Capitan in Yosemite, nachdem er den Atlantik mit einem Segelboot überquert hatte. Auch die Kletter-Popstars Alex Honnold und Tommy Caldwell wurden vom Ecopoint-Konzept inspiriert und kombinierten Segelboot, Kajak und Fahrrad auf ihrem Weg zum Devil's Thumb, wenn auch mit fragwürdigem Materialtransport. Eline Le Menestrel und Katherine Choong projektierten im Sommer 2025 den Alpinklassiker Zahir (8b+) an den Wendenstöcken in der Schweiz im Ecopoint-Stil. Kathys Ecopoint-Durchstieg machte Schlagzeilen in allen Klettermagazinen.

Peter Kämmer

Der 16-jährige Peter Kämmer zeigt uns, dass sich das Ecopointen nicht nur auf eine Altersgruppe begrenzt. Mit dem DAV Bamberg ist er regelmäßig in Jugendausfahrten unterwegs:

„Ecopointen – das heißt, nicht mit SUV oder Privatjet zum Fels, sondern mit dem Fahrrad, Zug etc. – das praktizieren wir von der JDAV regelmäßig in unseren Ausfahrten. Zweimal ging es nach Arco (krasses Mehrseillängenklettern) und einmal nach Fontainebleau (sickes Bouldern). Zuerst organisierten wir zuhause das nötige Equipment (Kletterausrüstung, Kochutensilien, Zelte und Horni, das Plastikeinhorn) und packten unsere Räder voll. Auf dem Weg nach Arco nutzten wir Züge von der deutschen Bimmelbahn bis zum österreichischen Railjet. Nur Umstiege verkomplizierten sich, wenn die DB mal wieder Abfahrtszeiten nicht so fühlte oder wir die Räder schleppen durften, weil kein Aufzug ging.

Nach ca. 10 Stunden Zugfahrt checkten wir erstmal den Whirlpool des Zeltplatzes aus (sehr geil). Die Wege zum Fels waren kurz, manchmal nur ein paar Minuten, manchmal ordentlich Höhenmeter – aber mit morgendlichem Carb Loading durch Porridge kein Problem. Am Fels konnten wir dann schon aufgewärmt richtig durchstarten: entweder für'n paar Stunden in 150 m langen Mehrseillängen hängen oder an Sintern die Sportkletterrouten hochballern.

Generell ziehe ich diese Form des Ecopointens ganz klar der Anreise mit dem DAV-Bus vor. Zwar wäre es wohl schneller und einfacher mit dem Auto nach Arco zu fahren, aber das ist nicht, worum es gehen sollte. Ecopointen ist einfach abenteuerlicher und auch geiler. Man dümpelt nicht nur 8 Stunden am Stück im Bus vor sich hin, sondern muss auch mal Lösungen für Unvorhergesehenes finden. Auch sind wir deutlich flexibler, wenn nicht alle in der Gruppe das Gleiche machen wollen. Achso, und klimafreundlicher ist's ja auch. Wäre also nice, wenn es mehr Gruppen ausprobierten.“

Nicht neu, aber neu gedacht

Der Geist der Zeit und eine Tendenz des Umdenkens sind allerorts deutlich spürbar, auch wenn die Idee der umweltfreundlichen Anreise freilich nicht neu ist. Ist Ecopointen heute oftmals eine Frage von Privilegien (Wer hat Zeit und Geld, um zum Klettern in die USA zu segeln?), war es früher oftmals der einzige Weg, überhaupt Fels unter die Finger zu bekommen. Bereits vor 95 Jahren wählten die Schmid-Brüder Franz und Toni für ihre historische Erstbegehung der Matterhorn-Nordwand den Zug bis nach Lindau und für die restlichen 350 km nach Zermatt das Fahrrad – womöglich weniger weil sie wollten, sondern weil sie mussten.

Jérémie Gnaedig & Katrin Rackerseder

Für Jérémie Gnaedig und Katrin Rackerseder hingegen waren Fahrradreisen Neuland, für ihr Sabbatjahr planten sie zunächst nur eine Kletterreise:

„… Aber wie wollen wir uns fortbewegen? Ein Jahr vor Abreise wogen wir die Vor- und Nachteile verschiedener motorisierter Optionen ab. Am Ende kam uns die zaghafte Idee, dass es auch möglich wäre, mit dem Fahrrad zu fahren. Wir hatten beide noch das Ecopointvideo von Sofie Paulus im Kopf, das kurz zuvor erschienen war. Der Gedanke ließ uns nicht mehr los. Nach zwei Testtouren, in den französischen Alpen und in der fränkischen Schweiz, wurde aus der Idee ein konkreter Plan und wir wussten, diese Art zu reisen taugt uns. Trotz der Begeisterung blieben auch Ängste und Bedenken: Wie wird es sein mit langen Steigungen, wie packen wir die Hitze im Sommer? Wir wagten es trotzdem.

1000 Höhenmeter auf Sardinien: Ohne Erfahrung mit vollbepackten Rädern hatten wir großen Respekt vor längeren Anstiegen – diese hatten wir auf unseren Testfahrten immer gemieden. Entsprechend vorsichtig starteten wir und hatten das Glück, dass im Januar kaum Verkehr war. Schritt für Schritt kurbelten wir uns nach oben und waren schließlich selbst überrascht, wie gut es lief. Dieses erste Erfolgserlebnis gab uns viel Selbstvertrauen. Von da an planten wir freier und mussten längere steile Strecken nicht mehr umfahren, sie machten uns wenig später mehr Freude als lange flache Abschnitte.

Über 35 °C in Bosnien-Herzegowina: Klettern auf dem Balkan im Hochsommer ist eine Herausforderung. Unser Plan war einfach: möglichst hoch hinaus. Wir kletterten vor allem morgens, bevor die Hitze kam, und machten uns auf zu nordseitigen Felsen im Nordosten Bosniens – zusammen mit einer zufälligen Ecopoint-Bekanntschaft. Schließlich steuerten wir den abgelegenen Berg Klekovača (1750 m) mit Proviant für fünf Tage an. Mit steilen Anstiegen und losem Untergrund kein einfaches Unterfangen. Dennoch, wir schafften es! Oben erwarteten uns ein schönes Klettergebiet mit kühlen Temperaturen und eine bunte Gruppe aus Bosnien und Deutschland, die gerade eine Biwakhütte baute.

Die meisten Ängste und Bedenken bekamen wir im Laufe der Reise in den Griff. Wahrscheinlich war es genau das, was es für uns so spannend machte – der Kletterurlaub wurde zu einem Rundumabenteuer mit viel Abwechslung und mehr Nähe zu Land und Leuten.“

Zahlreiche Bergsteiger*innen und Kletter*innen nutzten in der Vergangenheit öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder für die Anreise und verwendeten keine oder unterschiedliche Begriffe dafür: Kletterlegende Kurt Albert, welcher als Schöpfer des Rotpunkts gilt, legte bei seinen Expeditionen Wert auf „by fair means ab dem Punkt, wo die Zivilisation aufhört". Vielleicht stand hier weder das Wollen noch das Müssen, sondern eher das Können im Vordergrund: Der besondere sportliche Ansporn, der mit einer weitestgehend auf Muskelkraft fokussierten Anreise einhergeht. Ebenso in Franken erschien im Mitgliederheft der Sektion Nürnberg in den 90ern ein Artikel zum Blaupunktklettern. Nach dem Vorbild des Blauen Engels, sollten die blauen Kletter*innen die Umwelt schonen – mit einer natur- und klimaverträglichen Anreise, Schutzmaßnahmen für Flora und Fauna und weiteren Verhaltensweisen.

Raimund Schuh

Wie viele Kletternde der letzten Jahrhunderte ist Raimund Schuh aus Franken verzaubert vom Elbsandsteingebirge und bereiste dieses schon etliche Male – zuletzt meist im Ecopoint-Stil:

„Auf Toiletten der Deutschen Bahn hat man eigentlich nix zu lachen, doch genau bei diesem Toilettenbesuch startet jedes Mal aufs Neue mein Kurzausflug in die schöne Sächsische Schweiz! Grund dafür ist das schöne Bild der Basteibrücke mit dem Klettergipfel ‚Langer Israel', auf der Toilettentür im RE 3. Diesen Moment hatte ich früher nie, als ich noch mit dem Auto fast jedes Wochenende beim Dreieck Nossen im Stau stand. Angesichts von Klimawandel und häufigen Extremwetterereignissen haben sich meine Gewohnheiten, Werte und Bedürfnisse in den letzten 15 Jahren ziemlich geändert, das häufige Ziel Elbsandstein ist aber geblieben.

Krisen sind immer auch als Chancen zu betrachten und somit bin ich der Klimakrise wirklich dankbar, für jede Menge inspirierende neue Bekanntschaften in der Ecopoint-Szene, für Zug- und Fahrradausflüge als Micro-Adventures, für jede Menge Geldersparnisse durch Bahnnutzung statt Auto, aber natürlich auch für die kleinen unerwarteten Dinge: Als ich z.B. wartend feststellte, dass die Niederngrund-Fähre nicht fuhr, fragte ich kurzerhand zwei vorbeipaddelnde Kanuten, ob sie mich zum anderen Ufer bringen könnten. Ebenso sparte man sich an einem heißen Sommertag mal die Kosten der Fährüberfahrt in Rathen, indem man kurzerhand durch die Elbe schwamm. Richtig gehört, im Elbi gehören auch Fähren oder die historische Kirnitzschtalbahn zum ÖPNV, was eine Ecopoint-Anreise besonders auch für Kinder zu einem Erlebnis macht!

Was für mich als eine völlig neue entschleunigende Erfahrung vor ein paar Jahren begonnen hat, wird allerdings im Elbsandstein schon seit der Eröffnung der Elbtalbahn vor knapp 170 Jahren praktiziert. Seit jeher ist es schneller, einfacher und praktikabler, mit dem Zug von Dresden anzureisen, zumal die Straßen früher kaum ausgebaut waren. Damals wie heute erkennt man die Kletter- und Wandersleute in den Zügen, an den Klamotten, am Geruch, aber vor allem auch an der Geselligkeit und an den müden, aber glücklichen Gesichtern am Abend.“

Spätestens auf der Toilette des RE 3 beginnt die Vorfreude auf den sächsischen Sandstein. Die Basteibrücke im Rathener Gebiet mit dem Gipfel „Langer Israel“. Foto: Raimund Schuh

Ecopoint ist ebenso wie die anderen Bezeichnungen keine Revolution der bestehenden Begehungsstile und folgt keinem strengen Regelwerk. Es versteht sich mehr als eine Philosophie, die den Klettersport um eine Ebene der Nachhaltigkeit erweitern soll. Ecopoint soll dazu beitragen, (Infra-)Strukturen zu schaffen, es soll eine gemeinsame Identifikation ermöglichen und es soll anregen und inspirieren, die Türen öffnen für besondere Erlebnisse und Abenteuer auf dem Weg zu unseren Lieblingsorten. Egal ob es das Können, das Wollen oder das Müssen ist – viele Bergsportler*innen lebten und leben den Ecopoint-Gedanken bis heute und in die Zukunft.

Franzi Wernsing

Für Franzi Wernsing ist das Fahrrad als Reisemittel nichts Neues. Erst durch die Kombination mit dem Klettern entdeckte sie jedoch eine neue Leidenschaft:

„Bevor ich wusste, wie man einen Achterknoten bindet, wusste ich, wie sich 80 Kilometer gegen den Wind anfühlen. Mehrere Jahre lang war das Rad mein Zuhause. Fünf Packtaschen, voll mit dem Nötigsten. Von Alaska nach Chile, vom Iran bis in die Mongolei. Als ich zurückkam, war ich mir sicher: Das war's mit dem Radfahren. Wir trennten uns nicht im Schlechten. Es fühlte sich eher an wie ein Kapitel in einem Buch, das ich zu Ende gelesen hatte. Stattdessen entdeckte ich das Klettern für mich. Studierte nun Topos statt Landkarten.

Bis ich vom Ecopointen hörte – der Zustieg begann nicht mehr am Parkplatz, sondern schon auf dem Weg dorthin. Die Idee, Anreise und Klettern sinnvoll zu verbinden, ließ mich an mein bereits eingestaubtes Reisefahrrad denken. Mich reizte weniger der Tagestrip zum Fels. Vielmehr gefiel mir die Vorstellung, wieder unterwegs zu sein – Kletterurlaub auf zwei Rädern.“

Vielfältig in Bewegung

Für eine Ecopoint-Tour in den bayerischen Voralpen bietet sich eine Bahnfahrt an, z. B. nach Tegernsee. Einen ganzen Führer mit nachhaltig von München aus erreichbaren Klettergebieten gibt es übrigens auch. Foto: Markus Stadler

Während sich manche an eine Ecopoint-Europareise wagen, brechen andere für ein gemütliches Wochenende auf. Von diesen Erlebnissen berichten die eingestreuten Miniaturen aus der Community.

Viel Spaß beim Mitreisen – und vielleicht auch selbst bald beim Ecopointen!

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