Eine Person hängt mit einer Hand an einer steilen Felswand hoch über einer weiten, sonnigen Landschaft.
Wenn es dieses Foto nicht gegeben hätte, wäre seine Karriere und die Zusammenarbeit mit Sponsoren anders verlaufen: Stefan Glowacz 1988 in „Kachoong“ am Mount Arapiles, Victoria, Australien. Foto: Uli Wiesmeier
Über Kletterfotos, die Geschichte machten – und Karrieren

Bilder für die Ewigkeit

Großes Spektakel – große Kunst. Zwischen denen vor und jenen hinter der Kamera besteht beim extremen Klettern eine symbiotische Beziehung. Man braucht einander. Und schreibt gemeinsam Bild-Geschichte(n).

Kalifornien, Yosemite Valley, Juni 1995. Ein exzellenter Fotograf und ein Ausnahmekletterer arbeiten an einem großen Coup: Heinz Zak, so heißt der Fotograf, und Alexander Huber, der jüngere der ­Huber-Buam, haben sich die „Salathé“-Route am El Capitan vorgenommen. Alexander Huber, Jahrgang 1968, will sich im Rissklettern üben, weil er später im Jahr an den Latok II nach Pakistan reisen wird – ebenfalls ein Bigwall im Granit, nur in großer Höhe. Zur Vorbereitung hat er sich die „Salathé“ ausgesucht. Er will sie als Erster überhaupt frei begehen. Heinz Zak, ebenfalls ein hervorragender Kletterer, will Huber beim Versuch der Rotpunktbegehung dieser Route sichern. Und vor allem will er später noch Fotos machen.

Am Ende stehen Aufnahmen, wie die Kletterwelt sie noch nicht gesehen hat. Alle bedeutenden Klettermagazine setzten die Fotos auf den Titel. Die Magazine waren damals die einzige Quelle der Inspiration für Kletterer. Heute würde man sagen: Die Aufnahmen aus der Headwall der „Salathé“ gingen viral. Mitte der 1990er-Jahre gab es weder Instagram noch Facebook. Und trotzdem verbreiteten sich die Fotos von Alexander Huber mit Gentic-Hose und nacktem Oberkörper auf der ganzen Welt.

Der doppelte Meilenstein: Alexander Huber 1995 in der Headwall der „Salathé“ am El Capitan. Foto: Heinz Zak

Australien, Mitte der 1980er-Jahre. Der Kletterer Stefan Glowacz und der Fotograf Uli Wiesmeier arbeiten an ihrem Buch „Rocks around the world“ und bereisen dafür Klettergebiete auf der ganzen Welt. Bei ihrer Reise kommen sie auch nach Australien. Im Westen von Victoria gibt es am Mount Arapiles ein großes Klettergebiet. Für die Aufnahme, die Stefan Glowacz, Jahrgang 1965, berühmt machen wird, klettert er durch die Route „Kachoong“. Es heißt, die Erstbegeher hätten ihr 1977 diesen Namen gegeben, weil das Seil so ein spezielles Geräusch von sich gebe, wenn jemand in der Schlüsselstelle stürzt.

Stefan Glowacz klettert die Route free solo. ­„Kachoong“ ist der Inbegriff eines Dachs, das allein macht die Route schon interessant für spektakuläre Kletterfotos. Doch bei dieser Aufnahme aus dem Jahr 1988, für die man in dem Buch auf die Seiten 108 und 109 blättern muss, kommt noch etwas hinzu: In dem Moment, in dem Uli Wiesmeier den Auslöser seiner Kamera drückt, hängt Stefan Glowacz mit nur einer Hand am Fels – 80 Meter über dem Grund. „Die Aufnahme kennt fast jeder, der sich fürs Klettern interessiert“, sagt Stefan Glowacz. Auch sie ist eine der ikonischen Aufnahmen der Kletter­fotografie. Doch nur die wenigsten wüssten, dass er, Stefan Glowacz, darauf zu sehen sei. „Das bist du?!“, sei er oft gefragt worden. „Uli Wiesmeier hat die Kletterfotografie extremst geprägt. Definitiv wäre die Karriere und die Zusammenarbeit mit Sponsoren nicht so gelaufen, wenn es diese Fotos nicht gegeben hätte“, resümiert Stefan Glowacz. Er habe in ­dieser Partnerschaft den Sport für sich zum Thema gemacht, erzählt er. Für den künstlerischen Teil sei Uli Wiesmeier zuständig gewesen. „Ich habe die Routen herausgesucht“, sagt Glowacz, „und Uli hat herausgefunden, wie man sie am besten inszeniert.“

Die Arbeit im Hintergrund

Die Aufnahmen von Heinz Zak und Uli Wiesmeier machen damals nicht nur die Kletterer berühmt. Sie geben dem Klettersport insgesamt wichtige ­Impulse. „Ich bin sicher, dass die Fotografie eine große Rolle dabei spielt, neue Generationen von Bergsteigern zu inspirieren, ihre ersten Schritte in die vertikale Welt zu wagen – eine Aktivität, die vielen bizarr und sinnlos erscheinen mag. Warum auf einen Felsen klettern, wenn man einfach von der anderen Seite zum Gipfel laufen kann?“ Das schreibt Adam Ondra, der derzeit wohl weltbeste Kletterer, in seinem Vorwort für das Buch „The Art of Climbing“ von Simon Carter.

Ondra erzählte einmal, weshalb er sich schon als Kind in den Kopf gesetzt habe, Kletterer zu werden. Das Buch „Rock Stars“ von Heinz Zak habe er damals in die Hände bekommen, und beim Durchblättern sei ihm eines aufgefallen: „Die Kletterer schauten alle so glücklich und zufrieden. So wollte ich auch werden.“ Jahre später zogen Heinz Zak und Adam Ondra gemeinsam los. Es ging ins Yosemite Valley. Zak fotografierte Ondra bei der zweiten freien Begehung der „Dawn Wall“, an der die Erstdurchsteiger insgesamt sieben Jahre gearbeitet hatten.

Schon bevor Heinz Zak mit Alexander Huber in der „Salathé“ war, hatte er Lynn Hill in der „Nose“ fotografiert. Die Amerikanerin war der Star in dieser Route: Sie hatte sie 1993 zum ersten Mal überhaupt frei begangen und im Jahr danach schaffte sie das auch an (nur) einem Tag. Heinz Zak lieferte die hervorragenden Aufnahmen dazu. Er hatte das kreative Potenzial von Bigwalls erkannt und wusste, was fotografisch möglich war – gerade in einer Route wie der „Salathé“ mit ihrer spektakulären Headwall. 

Eine Symbiose, die unglaublich erfolgreich war: Eine gute Begehung und eine ­fotogene Route, gepaart mit einer besonderen ­Arbeit, damit das Foto entstehen kann. Heinz hat mich gebraucht als Protagonisten, und ich habe Heinz gebraucht, der das umsetzte.
- beschreibt Alexander Huber die Zusammenarbeit

Was die bloßen Aufnahmen aber nicht zeigen und was vielleicht erst viel später der oscarprämierte Film „Free solo“ über die seilfreie Alleinbegehung der Route „Freerider“ am El Capitan durch Alex Honnold deutlich machte, das ist die Arbeit im Hintergrund. Es sei ein „brutaler Aufwand“ gewesen, das dafür nötige Material in die Wand zu bringen. „Heinz und mir war da aber nichts zu blöd. Ich hatte das Vertrauen in Heinz und Heinz in mich“, sagt Alexander Huber.

So kam es, dass sie gleich mehrere Tage lang auf das beste Licht warteten. „Und zwar den ganzen Tag, damit ich in den fünf Minuten, als das Licht so war, wie Heinz es haben wollte, an der richtigen Stelle war.“ Und dann brauchte es doch noch einen weiteren Versuch. Sie waren schon wieder zurück im Tal, da kamen bei Heinz Zak Zweifel auf, ob es nicht noch besser ginge. Noch einmal stiegen sie mit Sack und Pack und Kamera tausend Meter die Wand hinauf. „Die Bilder, die wir im zweiten Go ­gemacht haben, waren tatsächlich noch deutlich besser“, sagt Alexander Huber. Dass sich die Mühe wirklich gelohnt hatte, das sahen sie aber erst zu Hause am Leuchttisch des Fotografen in Scharnitz. Die ersten Aufnahmen mit der Digitalkamera machten die beiden nämlich erst zehn Jahre später.

Für Alexander Huber zahlte sich der Aufwand auch finanziell aus. Damals noch Student, bekam er statt hundert Mark für einen Vortrag, die die Besucher, wenn alles gut ging, hinterher als freiwillige Spende in einen Hut warfen, plötzlich 2000 Mark Honorar. Plötzlich schien ein Leben als professioneller Kletterer möglich zu sein.

Aufnahmen aus Bigwalls waren bis zu den Fotos aus der „Salathé“ ein Nebenbei-Produkt. Fotos entstanden am Standplatz, wenn gerade eine Hand frei war. Es wurde aus der Hüfte geschossen, dem Vorsteiger hinterherfotografiert, und deshalb war oft das Hinterteil groß im Bild. Der Fotograf Thomas Ballenberger, der oft Wolfgang Güllich fotografierte, nennt Aufnahmen dieser Art „Arschfotos“. Freundlicher formuliert: für dokumentarische Zwecke ganz nett, aber nicht spektakulär. Und schon gar nicht besonders kreativ.

Bitte recht unernst

Gerade in dieser Hinsicht gab Thomas „Balli“ Ballenberger wichtige Impulse. Zwar begann er erst im Alter von 27 Jahren mit dem Klettern, weil Freunde ihn um Aufnahmen baten, kam er dann aber schnell zur Kletterfotografie. Er wechselte die Perspektiven, fotografierte nicht mehr von unten, sondern machte die Fotos aus der Abseilposition und richtete das Objektiv den Sportlern ins Gesicht.

Es waren die frühen 1980er-Jahre. Die Altvorderen kletterten mit Steigleitern und steigeisenfesten Schuhen. Im Alpenverein wurde darum gerungen, ob man als Kletterer Magnesia benutzen darf und ob es reicht, einfach nur 30 Meter eine Felswand hinaufzuklettern oder immer ein Gipfel erreicht werden muss. Es sei zwar keine Rebellion wie „Achtundsechzig“ gewesen, aber schon eine Bewegung gegen das Establishment. „Wir wollten ausbrechen, einen neuen Lebensstil verwirklichen“, so beschreibt es der Fotograf aus Nürnberg heute noch. Es reichte ihm deshalb nicht, einfach nur Kletterer an Felsen abzubilden. „Balli“ suchte immer nach dem Besonderen, einer geistreichen Bildsprache, mal hintergründig, mal witzig. So zum Beispiel: Kurt Albert in Lederhose am Überhang, einen umgedrehten Trachtenhut samt Gamsbart auf dem Kopf, Haferlschuhe an den Füßen und in der freien Hand eine Maß Bier. Die Idee war genial, wie die Aufnahme beweist. Das Foto zu machen, war aber weit weniger einfach, als die Beteiligten sich das vorgestellt hatten. Für Kurt Albert erwies es sich als ungleich schwieriger, den Griff mit der rechten Hand zu halten, während er in der linken den Maßkrug stemmte – und das free solo 25 Meter über dem Boden.  

Lederhose, Haferlschuhe, voller Maßkrug: Thomas „Balli“ Ballenbergers Foto setzte dem 2010 verunglückten Kurt Albert schon zu Lebzeiten ein Denkmal. Foto: Thomas Ballenberg

1981 hatte John Bachar den 12-Meter-Boulder „Gill Swing“ in der Fränkischen Schweiz zum ­ersten Mal begangen. „Balli“ und seine Freunde hängten einen Spiegel in die Route, um den Boulderer Flipper Fietz aus zwei Perspektiven auf einmal zu zeigen. „Das war ein riesiger Aufwand. Aber mir war der surrealistische Touch in der Kletterfotografie wichtig“, so erzählt er es. In die Klagemauer, ebenfalls im Frankenjura, hing er eine Hängematte und ließ Norbert Bätz in einem Zyklus von sechs Fotos lässig einen Boulder absolvieren – aus der Hängematte und dorthin zurück. Ein anderes Mal bekam Kurt Albert von ihm zuerst ein Body-Painting verpasst. Von oben bis unten bemalt, ließ er sich dann in der Route „Fight Gravity“ ablichten.

Ballenberger, studierter Grafiker, hat seit vielen Jahren keine Kletterfotos mehr gemacht. „Meine engsten Kumpels sind gestorben. Und ich hatte keine große Lust, Fotos zu machen, die mit der modernen Technik heute fast jeder zustande bringt. Ich hab dann mit dem Mountainbiken angefangen.“ Dann kam der Vater von Alex Megos auf ihn zu. Megos hatte 2014 „Action Directe“, die erste Route im 11. Schwierigkeitsgrad, rotpunkt durchstiegen. Und Ballenberger, der damals schon den Erstbegeher Wolfgang Güllich in der Route fotografiert hatte, ließ es sich nicht nehmen, auch Alex Megos eine seiner typischen, ganz eigenen Kompositionen zu widmen: am Fels der junge Alex Megos und hinter ihm der 1992 tödlich verunglückte Altmeister Wolfgang Güllich als eine Art inspirierender Geist, der auf den Jüngeren den Spirit der Rotpunkt-Philosophie überträgt. 

Bitcoins des Kletterns

Um die eine Aufnahme, in der so viel steckt, ging und geht es Ines Papert nie. Die viermalige Eiskletterweltmeisterin versteht sich als Geschichten­erzählerin. Schon bei der Begehung überlegt sie, welche Fotos die Story ans Publikum bringen müssen. Und macht auch Zugeständnisse beim Shooting: „Da nehme ich dann durchaus in Kauf, dass im Moment der Aufnahme die Schlüsselstelle nicht geklettert werden kann, weil sie zum Beispiel nass ist“, gibt Ines Papert offen zu. Manches Mal weicht sie auch etwas von der eigentlichen Route ab, wenn es für die Aufnahmen sinnvoll ist.

Ines Papert 2016 in „Riders on the Storm“. Die vollständige freie Begehung der Route glückte damals zwar nicht, aber Thomas Senf hielt mit der Kamera einen Moment fest, der eine kleine Ewigkeit überdauern wird. Foto: Thomas Senf

Zwar ist es Ines Papert grundsätzlich lieber, die Fotos erst zu machen, wenn die Begehung in trockenen Tüchern ist. Aber nicht immer ist das möglich – wie beim Versuch der ersten freien Begehung von „Riders on the Storm“ am zentralen Turm der Torres del Paine in Patagonien, 1991 von Kurt Albert, Bernd Arnold, Norbert Bätz, Peter Dittrich und Wolfgang Güllich erschlossen. Ihr Ziel erreichten Ines Papert und Mayan Smith-Gobat 25 Jahre später zwar nicht. Als aber im Februar 2024 Nico Favresse, Siebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll und Drew Smith die freie Begehung der Route schafften, war es genau jene Aufnahme, die Thomas Senf von Ines Papert unter dem großen Dach gemacht hatte, die zur Illustration verwendet wurde. 

Die richtige Blende und Belichtungszeit, für die früher allein der erfahrene Fotograf zuständig war, wird heute immer mehr an die Technik delegiert. Selbst aus schlechten Aufnahmen im RAW-Format können einigermaßen versierte Photoshopper und Lightroomer beeindruckende Fotos machen. Einziges Manko: Wer sie betrachtet, kann sich nicht immer sicher sein, ob da bloß ein bisschen an den Reglern gespielt oder aber massiv manipuliert wurde.

Für das tägliche Business in den sozialen Medien braucht es heute keine gestochen scharfen Aufnahmen mehr.

Früher saßen wir da und haben mit der Lupe geschaut, wie der Kletterer den Griff gehalten hat. Doch solche Bilder haben heute keinen Wert mehr.
- erzählt Stefan Glowacz aus seiner Anfangszeit:

Fotos, die im Print-Zeitalter als Doppelseite in einem Magazin oder prominent auf dem Titelbild abgedruckt wurden, müssen heute nur mehr auf einem kleinen Bildschirm wirken und werden meist innerhalb weniger Sekunden geliked oder einfach weggewischt. Die vielfältigen Möglichkeiten der sozialen Medien sind Fluch und Segen zugleich. Sie machen es jungen Kletterern und Fotografen zwar leichter, ins Geschäft zu kommen, gleichzeitig hat sich aber der Takt geändert. Während Mitte der 1980er-Jahre Stefan Glowacz allein schon deshalb fit wurde, weil Uli Wiesmeier ihn für die perfekte Aufnahme wieder und wieder eine Route hinaufscheuchte, liegt die harte Arbeit heute in der ständigen Netz-Präsenz.

„Du bist vom Algorithmus abhängig und musst für die Sponsoren deine Follower-Zahlen halten. Deshalb musst du permanent liefern, auch dann, wenn du unterwegs bist.“ So beschreibt der Profi Stefan Glowacz die Verschiebung der Prioritäten. „Follower und Posts sind die Bitcoins des Kletterns. Sie sind für die heutigen Kletterprofis zur Währung geworden.“

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