Zwei Skitourengeher gehen eine verschneite Hangfläche hinauf und hinterlassen eine geschwungene Spur im Schnee.
Legen Einheimische oder gut informierte Ortskundige die erste Spur „g’scheid“ an, ist schon viel erreicht. Foto: DAV/Daniel Hug
Erfolge: Skibergsteigen umweltfreundlich

G'scheid g'spurt

1994 startete in Bayern das DAV-Projekt „Skibergsteigen umweltfreundlich“. Auch in anderen Alpenländern versuchen alpine Vereine, Verbände und Behörden gemeinsam, den Besucheransturm im winterlichen Gebirge in verträgliche Bahnen zu lenken. Was wurde seitdem erreicht? Eine Zwischenbilanz.

Der Beginn war rau: Anfang der 1990er-Jahre wurde über Nacht die beliebte Südabfahrt vom Hohen Ifen im Kleinwalsertal gesperrt. Michael Larcher, schon damals für den Österreichischen Alpenverein (ÖAV) tätig, kümmerte sich persönlich darum. Er brachte eine wildökologische Studie in Gang, die im Ergebnis zu einer akzeptablen Lösung führte. Ein paar Jahre später ging es dem Deutschen Alpenverein (DAV) ähnlich. Ein neues Wildschutzgebiet versperrte alle Touren vom Mahdtalhaus der Sektion Stuttgart. Die Gemeinde verwies auf ein Lenkungskonzept, das Skitouren nicht berücksichtigte. Eine Gesprächsrunde endete in jähem Streit. Erst später gelang es der Kommission „Skibergsteigen umweltfreundlich“ einen Lösungsweg anzustoßen.

Skitourengehen in den Alpen spielte bis in die 1970er-Jahre neben dem Pisten- und Variantenskifahren noch keine große Rolle. Die Anzahl der Aktiven war überschaubar, Hauptzeit für Skitouren das Frühjahr. Ernsthafte Konflikte mit dem Naturschutz oder mit jagd- und forstlichen Interessen kamen erst auf, als zunehmend die Wintermonate und damit tiefergelegene Regionen der Alpen für Skitouren entdeckt wurden – und gleichzeitig das Skifahren abseits der Pisten boomte.

Der DAV erkannte das und startete in den 1980er-Jahren die Kampagne „Wald und Wild schonen“. Den Bergwald sah man durch das „Waldsterben“ besonders gefährdet, darum wollten die Initiatoren Heinz Röhle und Franz Speer vor allem auf Schäden durch Skikanten aufmerksam machen. Österreich novellierte 1987 sein Forstgesetz mit der Konsequenz, dass das Variantenskifahren im bewaldeten Umfeld von Skigebieten sowie im Jungwald verboten wurde, Skitourengehen durch den Waldgürtel aber erlaubt blieb. Daneben gab es in Österreich immer mehr behördlich verordnete Wildschutzgebiete, die jedoch landesweit auf den üblichen Skirouten und Wegen durchquert werden dürfen, was vonseiten der Jägerschaft bis heute nicht immer klar kommuniziert wird.

Ein Bedarf, sich um die Störung von Raufußhühnern durch das Skitourengehen zu kümmern, wurde erstmals in den Ammergauer Alpen erkannt: 1983 begann die Wildbiologische Gesellschaft München mit der Lenkungsinitiative zum Schutz der Auerhühner am Scheinberg. 1986 folgte die Aktion „Skifahren und Natur schützen“ am Spitzingsee – mit Fokus auf Kantenschäden und Wildtiere.

1989 nahm sich das Bayerische Umweltministerium des Themas Skitouren und Raufußhühner an, als deutlich wurde, dass Störungen besonders im Lebensraum der Birkhühner kritisch einzuschätzen sind. Das Ministerium ließ mit dem „Pilotprojekt Bolgental“ im Oberallgäu wissenschaftliche Methoden zur Bearbeitung durch den Wildbiologen Albin Zeitler prüfen. In der Schweiz gab es erste Forschungsarbeiten zu den Störeffekten von Skitouren und Variantenabfahrten auf Wildtiere, in einigen österreichischen Tourengebieten erste Lenkungsprojekte, zum Beispiel im Obernbergtal am Brenner oder in den Kitzbüheler Alpen. Dabei ging es vorranging um den Vegetationsschutz.

Erste Kampagnen in den 1980er-Jahren. Foto: Archiv M. Scheuermann

„Skibergsteigen umweltfreundlich“ beginnt

Der DAV sah sich inzwischen mit schmerzhaften Sperrungen von Kletterfelsen in den deutschen Mittelgebirgen konfrontiert. Vergleichbare Entwicklungen wollte man in den bayerischen Skitourengebieten nicht auch erleben, was 1994 den Ausschlag für den Start des Arbeitskreises „Skibergsteigen umweltfreundlich“ gab. Handlungsbedarf zeichnete sich ab, auch wenn nicht alle das so sahen. Einflussreiche Vorstände alpennaher Sektionen befürchteten, man könnte schlafende Hunde wecken und behördliche Einschränkungen heraufbeschwören. Doch als das Bayerische Umweltministerium auf Grundlage der Erkenntnisse im Bolgental 1995 mit der Untersuchung „Wildtiere und Skilauf im Gebirge“ begann, hatte der DAV zwei Möglichkeiten: entweder auf der Ebene aller Beteiligten eingebunden zu werden oder mit „Skibergsteigen umweltfreundlich“ als Projektpartner auf Augenhöhe des Ministeriums mit weitreichendem Gestaltungsspielraum mitzuwirken. Letzteres überzeugte die Sektionen zunächst, doch die Skepsis blieb meist so lange bestehen, bis das jeweilige Arbeitsgebiet unter die Lupe genommen wurde.

So beauftragte das Umweltministerium Albin Zeitler mit einer wildbiologischen Begutachtung der Tourengebiete, beginnend in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen und weiter sukzessive nach Westen über die gesamten Bayerischen Alpen bis zum Bodensee. Der DAV lieferte jeweils eine Kartierung der üblichen Skirouten. Wo es Überlagerungen sensibler Bereiche mit frequentierten Touren gab, wurde genauer hingeschaut. Das Ministerium band ab Beginn alle betroffenen Behörden und Verbände ein: DAV-Sektionen, Landesbund für Vogelschutz, Bund Naturschutz, Naturfreunde, Verein zum Schutz der Bergwelt, Bergwacht, Jagdverband, Skiverband, Bundeswehr, Bergführerverband, Bergbahnen, Landratsämter, Forstämter beziehungsweise Forstbetriebe, sonstige Jagdvertreter, private Grundeigentümer und viele mehr – in der Folge auch die Ämter für Landwirtschaft und Forsten, ÖAV-Sektionen, IG-Klettern und Bergsport Allgäu. Die Funktion des Umweltministeriums übernahm später das Landesamt für Umwelt.

Hans Kammerlander war über Jahre Sympathieträger von „Skibergsteigen umweltfreundlich“. Diese Unterstützung dürfte erheblich zur Steigerung der Akzeptanz beigetragen haben. Foto: Andreas Riedmiller

Birkhuhn Foto: Henning Werth

180 Exkursionen

Zwischen 1995 und 2013 lud der DAV zu insgesamt 180 Exkursionen an allen bedeutenden Tourenbergen im bayerischen Alpenraum ein. Auf angrenzende österreichische Tourengebiete strahlte die Arbeit aus. Später sind der Südschwarzwald und Teile des Bayerischen Waldes einbezogen worden. Der Journalist Georg Bayerle war bei einer der Exkursionen dabei. Er schrieb: „Eine ungewöhnliche Versammlung von Männern in Grün und ein paar Frauen, die im Skitourenlook für Farbtupfer sorgen, hat sich an diesem Februarmorgen (…) eingefunden: Es sind gestandene Mansbilder mit abgeschabten Filzhüten, Lodenmänteln und Wolljacken – Waldbauern, Jäger, der Revierförster. Mehrere Bergführer sind dabei, ein paar Tourenführer und -führerinnen des DAV, Leute von der Bergwacht und aus der örtlichen Tourengeh er-Szene, insgesamt sind es rund 30 Personen (…). Die einen hätten den Bergwald am liebsten für sich, die anderen für Gams und Birkhuhn und die dritten für die Bergsportler. Das Ziel des gemeinsamen Gesprächs und der Exkursion auf die Gipfel: von den unterschiedlichen Ausgangspunkten aus einen gemeinsamen Weg zu finden, solche Stellen im Gelände zu identifizieren, die als Schongebiete tabu bleiben sollen, und wiederum Routen zu finden, auf denen Tourengeher ohne stärkere Nebenwirkungen für die Bergnatur unterwegs sein können.“9

Auf Naturverträglichkeit geprüft wurden etwa 500 Skirouten und Varianten; für sensible Bereiche im Umfeld dieser Routen wies man rund 350 Wald-Wild-Schongebiete auf Basis der Freiwilligkeit aus. Interessenkonflikte blieben nicht aus: Zugespitzt hatten sich etwa konträre Ansichten zu den Abfahrtsmöglichkeiten am Großen Daumen, die erst bei einer turbulenten Zusammenkunft von etwa 70 Personen im Fischener Kurhaus geklärt werden konnten. Unvergessen auch die nächtliche Sitzung bei der Gemeinde Mittelberg, als sich die Bauern um 24 Uhr zur Beratung zurückzogen, um gegen 1 Uhr dem Lenkungsvorschlag für die Kuhgehrenspitze unter kleinteiligen Voraussetzungen zuzustimmen. Doch in der Regel konnten Bedenken und Fragen bei den Exkursionen, den üblichen Nachbesprechungen, spätestens aber bei den Treffen der Arbeitsgruppen ausgeräumt werden. Am Ende gab es keinen Fall ohne einvernehmliche Lösung.

Die vom DAV eingesetzten gebietsbetreuenden Arbeitsgruppen aus Mitgliedern der genannten Organisationen gibt es pro Landkreis mit Alpenanteil. Sie kommen regelmäßig zu Gesprächsrunden zusammen, setzen die Ergebnisse der Exkursionen und Arbeitstreffen um, führen Erfolgskontrollen durch und passen die regionalen Konzepte neuen Entwicklungen an – zum Beispiel dem Schneeschuhwandern, das etwa ab der Jahrtausendwende auch in den Ostalpen populär wurde. Länger wurde diskutiert, ob Schneeschuhrouten separat auszuweisen seien. Es setzte sich die Ansicht durch, dass ein attraktives naturverträgliches Angebot helfen kann, sensible Bereiche zu schützen. So bestimmten die Arbeitsgruppen schrittweise und stets mit einschlägigem Bergführer-Knowhow ein Netz von etwa 250 Schneeschuhrouten für die gesamten Bayerischen Alpen.

Skitouren auf Pisten

Um das Jahr 2000 kam auch das Pistentourengehen auf – und eskalierte erstmals am Jenner über dem Königssee. Heftigen Streit gab es durch Tourenaktivitäten bei Nacht, die mit der Pistenpräparierung kollidierten. Auch während des Skibetriebs tauchten auf Pisten immer mehr Tourengehende auf. Der DAV thematisierte den Trend 2001 im Magazin Panorama1 und initiierte einen Expertenkreis. Vertreten waren DAV, Seilbahn- und Skiverband, Bayerisches Umwelt- und Innenministerium, Bergwacht und Lawinenwarndienst Bayern. Den Jenner vor Augen, wurden zehn Regeln für Skitouren auf Pisten formuliert, die auch naturschutzrelevante Punkte enthielten, und eine einheitliche Beschilderung entworfen. Anschließend brauchte es moderierte Treffen, um individuelle Konzepte für die Skigebiete zu finden. Schon bald war klar, dass Möglichkeiten für Pistentouren helfen, die Natur im alpinen Tourengelände zu entlasten.

Das innovative Vorgehen des DAV in Bayern wurde auch in anderen Alpenländern wahrgenommen, zumal Pistentouren alpenweit aufkamen. Der ÖAV geriet sogar unter Druck, weil Mitglieder vergleichbares Handeln verlangten. Schließlich nahm sich das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) des Themas an, entwarf die zehn Empfehlungen für Pistentouren, die bis heute gelten, und wies auf die internationalen FIS-Regeln hin2. Der Verband Seilbahnen Schweiz publizierte auf seiner Website über Jahre nahezu wortgleich die DAV-Regeln. Italien machte kurzen Prozess und verbot bei einer Neufassung des Skipistengesetzes Pistentouren ganz. Ausnahmen gibt es bis heute jeweils dort, wo Skigebiete ihrerseits Möglichkeiten anbieten. Der Alpenverein Südtirol (AVS) listet diese auf seiner Homepage auf3.

Skitouren-Wettkämpfe

Gleichfalls um die Jahrtausendwende interessierte sich der DAV für Wettkämpfe im Skibergsteigen, Athletinnen und Athleten sollten und wollten gefördert werden. Skitourenrennen, international: Ski-Mountaineering (Skimo), gab es bereits in den Süd- und Westalpen, kleine traditionelle Rennen wie die „Watzmanngams“ auch in Bayern. Sollten nun Skitouren-Wettkämpfe in der Verantwortung des DAV auch in den Bayerischen Alpen möglich sein? Das Bayerische Umweltministerium sah das kritisch. Ulrich Glänzer, im Ministerium Ansprechpartner des DAV für „Skibergsteigen umweltfreundlich“, befürchtete eine dadurch ausgelöste Welle auch nächtlicher Trainingsaktivitäten mit gravierenden Auswirkungen auf Natur und Umwelt. Er stellte sogar die Zusammenarbeit mit dem DAV in Frage. Um sich ein Bild solcher Veranstaltungen zu machen, besuchte ein Expertenteam des DAV zusammen mit dem Wildbiologen Zeitler ein Rennen am italienischen Tonalepass und eines in der Westschweizer Gastlosenkette. Schnell wurde klar, dass die Voraussetzungen für Skitourenwettkämpfe in den kleinräumigen Bayerischen Alpen anders zu bewerten waren als in zentral- und westalpinen Regionen. Um dennoch Möglichkeiten offenzuhalten, erstellte der DAV einen Katalog strenger Umweltstandards für Rennen in Deutschland, verbunden mit der Selbstverpflichtung, Skitourenrennen nur im Umfeld von Pistenskigebieten durchzuführen. Die Beschlüsse gelten bis heute und sie beruhigten auch Ulrich Glänzer; seine Sorge um problematische Trainingsaktivitäten erwies sich in der Folge als unbegründet. Fragen zum Umweltschutz beim Skimo beschäftigten zu dieser Zeit auch den Club Arc Alpin (CAA), der die Gelegenheit nutzte, die Umweltstandards des DAV für Deutschland für den gesamten Alpenraum passend zu modifizieren und 2003 als Empfehlung zu beschließen.

Die AV-Karten „BY Bayerische Alpen“

2007 ergriffen Stefan Witty vom DAV und Walter Henninger vom Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung (LDBV) die Chance, das neue Kartenwerk „BY Bayerische Alpen“ im Rahmen einer Public Private Partnership (PPP) zu schaffen. Für „Skibergsteigen umweltfreundlich“ war dies ein Meilenstein und für die Alpenvereinskartografie ein großer Gewinn. Es entstand ein hochwertiges Instrument zur Planung von Winter- und Sommertouren, das zugleich die Ergebnisse aus „Skibergsteigen umweltfreundlich“ übersichtlich abbildet: neben den Ski- und Schneeschuhrouten die Wald-Wild-Schongebiete, die amtlichen Wildschutzgebiete sowie die Lösungen für Skitouren in Skigebieten. Grundlage ist die Amtliche Topographische Karte von Bayern im Maßstab 1:25.000 (ATK25). 22 Blätter decken die Bayerischen Alpen ab, ein Blatt die Arber-Region im Bayerischen Wald. Die Karten werden im Dreijahresrhythmus aktualisiert und lassen sich trotz Nachfragerückgang immer noch gut verkaufen. Digital sind sie in der Pro-Version von alpenvereinaktiv.com hinterlegt. Mit der Erstellung des letzten Blattes „BY 2 Kleinwalsertal“ 2013 gelang sogar Historisches, nämlich die auf der deutsch-österreichischen Grenze gelegenen Berge Schüsser und Hammerspitze umzubenennen. Bei Rettungseinsätzen kam es zu fatalen Irrtümern, weil der eine Berg von Oberstdorf aus Schüsser, vom Kleinwalsertal aus Hammerspitze hieß – und umgekehrt. Die Lösung war, den Schüsser „abzuschaffen“, dafür eine Walsertaler und eine Oberstdorfer Hammerspitze zu benennen. Da über beide Berge die Staatsgrenze verläuft, mussten sowohl die beiden Gemeinden als auch die Vermessungsämter in München und Wien zustimmen. Sie taten es.

Die Kampagnen und Anstrengungen der Alpenvereine

Um die Akzeptanz von Routenempfehlungen und Schongebieten unter den Aktiven zu erhöhen, war professionelle Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit nötig. Dies leistet seit 2014 die DAV-Kampagne „Natürlich auf Tour“. Klassische und soziale Medien werden gezielt genutzt, Flyer herausgegeben, Beschilderungen in den Tourengebieten verbessert, neue Infotafeln gestaltet und bis heute rund 140 Tafeln aufgestellt. Am jährlichen Aktionstag – er fand 2025 zum zehnten Mal gleichzeitig in etwa 30 bayerischen Tourengebieten statt und erreichte rund 3000 Personen – informieren Haupt- und Ehrenamtliche vor Ort über Naturschutzfragen. Immun gegenüber Kampagnen aller Art scheint allerdings ein hartnäckiger Teil von Einheimischen unter den Tourengehenden zu sein. Sie sind bis heute die schwierigste Zielgruppe.

Eng mit „Natürlich auf Tour“ verknüpft ist die vom Naturpark Nagelfluhkette geschaffene Dachkampagne „Dein Freiraum. Mein Lebensraum“, die Besucher vorrangig für naturschutzfachliche Zusammenhänge sensibilisieren will. Sie deckt alle Bergsportarten ab, auch im Sommer, und ist mittlerweile auf die gesamten Allgäuer Alpen, den Naturpark Ammergauer Alpen und weitere Regionen Bayerns, auch in den Mittelgebirgen, ausgeweitet.

Prominente Unterstützung durch den Deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Jubiläumsjahr 2019 am Spitzingsee. Foto: DAV/Archiv Manfred Scheuermann

Das österreichische Bundesland Vorarlberg ließ 2004 die Kampagne „Respektiere deine Grenzen“ („RdG“) entwickeln und lizenzieren. Sie ist mehr als eine Kampagne, denn wie auch die jüngeren Initiativen „Bergwelt Tirol – Miteinander erleben“ der Tiroler Landesregierung und „Natur bewusst erleben“ im Kleinwalsertal schließt sie die Konzeption und Ausweisung von Schutzgebieten mit ein. Der ÖAV ist wie andere Verbände und Behörden eingebunden und hat damit die Möglichkeit der Mitwirkung. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zu „Skibergsteigen umweltfreundlich“, bei dem der DAV nach wie vor die Federführung hat. Er stimmt sich bei der Weiterentwicklung der regionalen Konzepte zwar mit allen Beteiligten im Detail ab, moderiert aber die Arbeit selbst und entscheidet letztlich über die Ausgestaltung der Routenempfehlungen und Wald-Wild-Schongebiete. Der ÖAV beteiligt sich an der Besucherlenkung grundsätzlich nur, wenn es um konkrete Einzelfälle geht und nicht um landesweite Zonierungen, wenn nachweisbar wild- und naturalökologischer Belastungsdruck besteht und wenn alle anderen relevanten Organisationen (Jagd, Forst, Naturschutz, Tourismus, Land) mitentscheiden können4.

„RdG“ gibt es inzwischen in mehreren österreichischen Bundesländern. Die Schweiz vermittelt unter der Dachmarke „RdG“ die Schneesportkampagne „Schneesport mit Rücksicht“. Für Teile Bayerns hatte die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber 2022 „RdG“ eingeführt, was jedoch einen wenig hilfreichen Kampagnen-Wirrwarr auslöste. Der DAV entschied sich 2014 gegen eine Teilnahme. Gestört hatte unter anderem das auf Verbote deutende rot-weiße Absperrband als Leitelement von „RdG“. „Skibergsteigen umweltfreundlich“ möchte mit dem seit 30 Jahren durchgängig verwendeten grünen Logo eine positive Botschaft senden. Im Vordergrund stehen nicht Tabuzonen, sondern die naturverträglichen Routen.

Beim Aktionstag 2025: Information vor der Schneeschuhtour. Foto: DAV/Archiv Manfred Scheuermann

In Südtirol gibt es besonders in touristischen Brennpunktregionen Handlungsbedarf, um die Besucherströme zu lenken. Zum Schutz der Natur in Skitourengebieten hat der AVS 2010 in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Jagdverband, dem Landesamt für Jagd und Fischerei, dem Club Alpino Italiano (CAI) und dem Landesamt für Natur die bis heute aktive Sensibilisierungskampagne „Freiheit mit Rücksicht“ gestartet5. Naturnutzerinnen und -nutzer sind aufgefordert, sich rücksichtsvoll zu verhalten und die Ruhegebiete der Wildtiere zu respektieren. In stark frequentierten Gebieten wie Latzfons/Feldthurns oder Prags/Plätzwiese weisen Informationstafeln auf Schutzzonen sowie empfohlene Aufstiegs- und Abfahrtsbereiche hin; sie zu beachten, unterliegt der Freiwilligkeit.

Während sich der AVS selbst für Schutzgebiete starkmacht – auch, um drohenden Erweiterungen von Pistenskigebieten vorzubeugen –, sieht sich der Schweizer Alpen-Club (SAC) mit immer mehr Reglementierungen konfrontiert, die den Bergsport als Ganzes betreffen. Die unter Schutz gestellten Flächen in der Schweiz wachsen kontinuierlich und der Anteil der rechtsverbindlichen gegenüber den empfohlenen Wildruhezonen wird immer größer. Im August 2024 wurde im Kanton Bern die Wildtierschutzverordnung revidiert. Sie sieht großflächig Wege- und Routengebote vor, die von Dezember bis August gelten. Der SAC befürchtet, dass dies ein Präzedenzfall für die ganze Schweiz werden könnte, und fordert ähnlich wie der ÖAV das Prinzip der Verhältnismäßigkeit ein. Dringend zu prüfen sei, ob Zugangsbeschränkungen sachlich begründet und unter Abwägung aller Interessen wirklich erforderlich sind, um das Ziel eines ausreichenden Schutzes zu erreichen – oder ob es vielleicht weniger einschränkende Möglichkeiten gibt6.

In den französischen und slowenischen Tourengebieten ist der Besucherlenkungsbedarf derzeit noch geringer. Informationskampagnen gibt es dort dennoch7. Hervorzuheben ist die alpenweit ausgerichtete, gut gemachte mehrsprachige Kooperationsinitiative „Be Part of the Mountain“ des internationalen Netzwerks Alpiner Schutzgebiete (ALPARC), die das Thema Wintertouren und Naturschutz sehr anschaulich vermittelt8. Die Alpenvereine haben daran mitgewirkt.

Freiwilligkeit statt Verbote: Von den Aktiven sind Eigenverantwortung und Rücksichtnahme gefordert. Foto: Archiv Manfred Scheuermann

Entwicklungen

Das winterliche Tourengehen in den Alpen hat sich über die Jahre dynamisch weiterentwickelt. Auch durch ständige Impulse von Medien und Sportartikelindustrie haben sich die Aktivitäten vervielfacht – mit einem Schub seit der Corona-Pandemie und ständig neuen Ausprägungen. „Die Dynamik der Foren und Blogs in den sozialen Medien hat sich zum zusätzlichen Treibmittel entwickelt (…), die Community wird immer reaktionsschneller. Mit Bildern und Berichten treibt sich die Szene selbst an …“9 Wintertouren bei Nacht oder Gipfeltouren zum Sonnenaufgang sind beliebt; der Trend zu Tages-, Halbtages- oder Feierabendtouren erhöht den Druck. Digitale Medien spielen bei Tourenplanung und unterwegs eine immer größere Rolle.

Aus geschätzten 80.000 Skitourengehenden 1995 in Deutschland sind heute im Alpenraum weit über eine Million Menschen geworden, die regelmäßig mit Tourenski oder -snowboard unterwegs sind. Pistentouren sind weit verbreitet, es gibt ausgewiesene Aufstiegsrouten und beliebte Tourenabende. Gäbe es diese nicht, wären noch mehr Menschen abseits der Pisten zugange, auch bei Dunkelheit. In allen bayerischen Skigebieten gibt es Aufstiegsmöglichkeiten, denn es wurde für Bayern höchstrichterlich geklärt, dass Skigebiete keine Sportstätten, sondern Teil der freien Natur sind und nur bei konkreten Gefahren, wie während der Pistenpräparierung, gesperrt werden können.

Aus Variantenskifahren wurde Freeriden mit immer höheren Ansprüchen an Gelände und Steilheit. Tausende, meist junge Freerider verfügen über Können, Knowhow und moderne, immer weiter entwickelte Ausrüstung, sodass auch entlegene Teile der Bergwelt befahren werden. Das Schneeschuhwandern hat weiter an Beliebtheit gewonnen und erreicht auch sensible Bereiche der Winterlandschaft. Angesichts der schneeärmeren Winter sind zudem immer mehr Menschen ohne Ski oder Schneeschuhe zu Fuß in den winterlichen Bergen unterwegs. Auch diese neue Klientel gilt es mitzunehmen. So ist seit dem Winter 2024/25 für die bayerischen Wald-Wild-Schongebiete ein fester Geltungszeitraum vom 15. Dezember bis zum 30. April festgesetzt, zuvor galt dieser kalenderunabhängig bei Schneelage. Die zeitliche Regelung sorgt für mehr Klarheit und ist aus wildbiologischer Sicht sinnvoll, da Wildtiere auch bei wenig Schnee in Verbindung mit Kälte und spärlicher Nahrung in ein Energiedefizit geraten.

Skitourenrennen gibt es weiterhin im Alpenraum, auch in Bayern, doch dort lassen sie sich wegen Schneemangels immer schwieriger durchführen. 2026 wird Skimo erstmals bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo dabei sein. Ob sich dort die Umwelt- und Klimaschutzstandards optimieren lassen? Ob und in welcher Form sich Skimo bewährt und wie es damit in der olympischen Zukunft weitergehen wird?

Wintertouren auf den Kopf stellen könnte die Schweizer Erfindung eines E-Antriebssystems für Tourenski. Zwei technisch unterschiedlich konzipierte „E-Ski“ werden dort erprobt10. Sollte sich ein Ski mit E-Motor wirklich verbreiten, müssten alle Lenkungsinitiativen im Alpenraum neu gedacht werden. Deutlich gravierendere Folgen für Natur und Umwelt als etwa durch das E-Mountainbiken wären zu befürchten. Selbst das Pistenskifahren könnte dadurch in Gefahr geraten, denn wer braucht schon einen Lift, wenn er seinen eigenen unter den Füßen hat.

Digitale Tourenplanung

In Sachen Sicherheit bei Wintertouren wegweisend ist die Website skitourenguru.com von Günter Schmudlach. Sie erleichtert zudem die naturverträgliche Tourenplanung. Immer mehr Menschen nutzen das Portal, weil es mehr kann als andere, nämlich das Lawinenrisiko ausgewählter Touren tagesaktuell ausgeben – und zwar kostenfrei. Seit dem Winter 2024/25 können außerdem eigene Routen gezeichnet und bewertet werden. Für die Schweizer Alpen zeigt skitourenguru alle in der Schweizer Landeskarte verzeichneten, damit also nur die freigegebenen, naturverträglichen Skirouten und zugleich alle Wildruhezonen an.

Dies in derselben Qualität für die gesamten Alpen zu schaffen, muss das Ziel sein. Auf Tourenportalen wie alpenvereinaktiv.com beziehungsweise outdooractive.com sind zwar alle Schutz- und Schongebiete im bayerischen Alpenraum und in Teilen Österreichs sichtbar. Was fehlt, ist ein mit der Schweiz vergleichbarer Datensatz, der alle naturverträglichen Skirouten umfasst und nur diese enthält. DAV, ÖAV und AVS erstellen derzeit einen solchen Layer mit etwa 5000 abgestimmten Skirouten für die Ostalpen.

Ob analog oder digital geplant ... Foto: DAV/Silvan Metz

Auf anderen Tourenportalen, wie Komoot, Bergfex, Tourentipp oder MapOut sind die Schutzzonen oft noch nicht dargestellt. Da viele Portale auf die OpenStreetMap (OSM) als Kartengrundlage zugreifen, ist anzustreben, die Schutzgebiete auch in der OSM-Basemap sichtbar zu machen. Daran wird ebenfalls gearbeitet.

Als übergeordnete Schnittstelle für den Transfer von Informationen über Schutzgebiete in die digitale Welt fungiert „Digitize the Planet“ (DtP). Der 2020 gegründete Verein hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, Daten zu möglichst allen Naturschutzgebieten des Planeten zu sammeln und sie jedem Nutzer über die eigene Plattform als Open Data zugänglich zu machen11. DAV, ÖAV, AVS und andere namhafte Organisationen sind inzwischen Mitglied, der SAC wartet noch ab.

... am Ende geht es immer ins Gelände. Foto: Silvan Metz

Ein Fazit

Die aufgezeigten Entwicklungen bei Wintertouren im Alpenraum machen deutlich, wie wichtig die bisherigen Anstrengungen waren und wie wichtig die weiterentwickelten Kampagnen und Lenkungskonzepte in Zukunft sein werden. Der Umgang mit den Herausforderungen und die Rolle der Alpenvereine sind jedoch unterschiedlich. In Österreich und der Schweiz sind der Lenkungs- und Informationsbedarf inzwischen ähnlich hoch wie in Bayern, doch der Druck von Seiten der Behörden und Interessengruppen ist größer. ÖAV und SAC haben es nicht leicht, neben dem erforderlichen Naturschutz auch die Interessen der Tourengehenden durchzusetzen. Für die Bayerischen Alpen hat es sich gelohnt, dass der DAV mit „Skibergsteigen umweltfreundlich“ rechtzeitig selbst aktiv geworden ist. Weil viele Menschen über Jahre engagiert und vielfach ehrenamtlich mitgewirkt haben, wurde viel erreicht.

Auch wenn sich längst noch nicht alle Aktiven an die Empfehlungen halten, werden die Lebensräume störempfindlicher Tierarten auf großer Fläche deutlich weniger belastet, als wenn es dieses 30-jährige Engagement nicht gegeben hätte. Somit wurde ein wirkungsvoller Beitrag zum Arten- und Biotopschutz geleistet, doch das Ziel, die Naturverträglichkeit von Wintertouren gänzlich sicherzustellen, ist noch nicht erreicht. Vielfältige Tourenmöglichkeiten sind erhalten geblieben, alle bedeutenden Tourenberge der Bayerischen Alpen weiterhin zugänglich, Routensperrungen hat es nicht gegeben. Eine flächendeckende, dauerhafte Gebietsbetreuung ist gesichert. Dabei wird die ehrenamtliche Arbeit der DAV-Sektionen und anderer inzwischen maßgeblich durch hauptamtlich tätige Gebietsbetreuende sowie Rangerinnen und Ranger unterstützt. Mit viel Expertise lassen sich somit die regionalen Lenkungskonzepte neuen Entwicklungen und Trends immer wieder anpassen, wie aktuell auch dem Winterwandern.

Am Breitenberg. Foto: DAV/Archiv Manfred Scheuermann

Die naturschutzfachlichen Hintergründe besser zu erklären, dürfte zu mehr Akzeptanz beitragen; hier besteht Bedarf. Von zentraler Bedeutung für den Schutz von Natur und Klima ist das Thema Mobilität beim Bergsport. Dieses kam hier nicht zur Sprache, weil es in den Alpenvereinen längst aktivitätsübergreifend an vorderster Stelle bearbeitet wird. Luft nach oben gibt es im Digitalen, bei der Präsenz in den sozialen Medien ebenso wie in den Tourenportalen. Sehr zu wünschen ist, dass das bewährte Prinzip der Freiwilligkeit in den Bayerischen Alpen erhalten bleibt und es nicht nötig wird, Wald-Wild-Schongebiete in Wildschutzgebiete mit Betretungsverbot zu verwandeln (wie am Spitzingsee geschehen). Selbst wenn es örtlich dazu käme, wären die klassischen Skirouten kaum betroffen, denn sie verlaufen außerhalb der Schongebiete. Wird im wörtlichen Sinne „g’scheid g’spurt“, legen also Einheimische oder gut informierte Ortskundige die ersten Spuren naturverträglich an, ist schon viel erreicht. Denn neben den Spuren im Schnee wird auch dem Vorbild derjenigen gerne gefolgt, die bei ihren Wintertouren die alpinen Gefahren und die Belange des Natur- und Umweltschutzes gleichermaßen im Blick haben.

Wer im Gebirge lebt und wer dort nur vorübergehend Spaß haben möchte, hinterlässt unterschiedliche Spuren. Vertragen sich beide auch in Zukunft? Foto: Archiv Manfred Scheuermann

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Fußnoten

1 Geisterfahrt oder Trendsport? Tourengeher „erobern“ ihr Terrain zurück, DAV-Panorama, Heft 1/2001, S. 44 f.

2 https://alpinesicherheit.at/aktuelles-zu-pistentouren/

3 https://alpenverein.it/unterwegs/bergsport/pistentouren/

4 Auskunft von Birgit Kantner, ÖAV, Abteilung Raumplanung und Naturschutz; bzw. https://www.alpenverein.at/portal/natur-umwelt/av-naturschutz/besucherlenkung/index.php

5 https://alpenverein.it/freiheit-mit-ruecksicht/

6 Auskunft von Jutta Gubler Kläne-Menke, SAC-Fachleiterin Freier Zugang und Naturschutz und https://www.sac-cas.ch/de/detail/sich-frei-zu-bewegen-ist-ein-gut-dem-wir-sorge-tragen-sollten-46423/, Interview mit Philippe Wäger, SAC-Ressortleiter Hütten und Umwelt

7 Einschätzung von Mitgliedern der Kommission Naturschutz und Alpine Raumordnung (KONSAR) des Club Arc Alpin (CAA)

8 https://www.bepartofthemountain.org/de/i-like-snow

9 Georg Bayerle (2019): Eine Anleitung zum Respekt. Das Modellprojekt „Skibergsteigen umweltfreundlich“, in: Die Berge und wir, 150 Jahre Deutscher Alpenverein, S. 271 ff.

10 https://e-skimo.swiss; https://e-ski.ch und Titus Arnu (2025): Ski mit E-Motor, Süddeutsche Zeitung, 29./30.03.2025, S. 55

11 https://digitizetheplanet.org/about/

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Dieser Artikel erschien zuerst im Alpenvereinjahrbuch BERG 2026.