Auf einem Gletscher läuft in der Ferne ein Mensch, im Hintergrund hohe, steile Bergmassive.
Wasserlauf auf einem Gletscher. Foto: Tobias Hipp
Hitzewelle und Klimakrise

Können wir überhaupt noch was tun?

Die kurze Antwort: ja, können wir! Die lange Antwort liefern wir in diesem Artikel, in dem wir uns die Klimapfade des IPCC und die aktuellen Daten aus der Klimaforschung genauer ansehen.

Die Katastrophenmeldungen zum Klima scheinen sich jedes Jahr aufs Neue zu übertrumpfen: Ende Juni 2026 wurden nun historische Temperaturrekorde in Deutschland von fast 42° C gemessen. Und die Hitze ist noch nicht vorbei. Das Wasser wird auch im Hochgebirge immer knapper und die Tourenbedingungen zum Teil so schlecht, dass örtliche Bergführer zum Beispiel aktuell keine Touren mehr aufs Matterhorn führen. Wir sitzen also mittendrin in der Klimakrise. Und was jetzt?

Die aktuelle Hitzewelle gilt es zu ertragen und sich möglichst abseits der Mittagshitze und in der Nähe von kühlendem Nass aufzuhalten. Für die Zukunft ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen. Denn je nachdem, wie aktiv wir heute gegen die Klimakrise vorgehen, können solche Sommer auch in Zukunft eher eine warnende Ausnahme bleiben.

Das International Panel for Climate Change (IPCC), oder auf Deutsch der Weltklimarat, nutzen für ihre Klimaprognosen die sogenannten Shared Socioeconomic Pathways (SSP1 - 5). Sie beschreiben, wie sich die Konzentration der Treibhausgasemissionen in der Atmosphäre und damit die Temperaturen je nach unternommenen Klimaschutzbemühungen entwickeln.

Aktuell befinden wir uns vermutlich auf dem SSP2 oder SSP4. Wir steuern also aktuell auf eine Erwärmung zwischen 2,5° und 2,9° C bis 2100 zu. Studien deuten darauf hin, dass wir die Temperatur auf etwa 2,2° C begrenzen könnten, wenn wir global alle bereits beschlossenen Klimaziele und Verpflichtungen einhalten. SSP5, der emissionsstärkste Pfad, der eine Erwärmung um gut 4° C mit sich bringen würde, wurde in einer aktuellen Studie von April 2026 als nicht mehr plausibel eingestuft – wegen dem globalen Vormarsch der erneuerbaren Energien und erfolgreicher Klimapolitik.

Warum die Klimaforschung ihre Prognosen immer wieder aktualisiert

Die Studie von April 2026, die den emissionsstärksten Pfad als unwahrscheinlich eingestuft hat, war Wasser auf den Mühlen von Klimakrisenskeptiker*innen. Die Autor*innen der Studie haben die Eintrittswahrscheinlichkeit der Szenarien anhand aktueller Erkenntnisse nochmal genau unter die Lupe genommen. Dabei haben sie festgestellt, dass es dank des immensen Ausbaus erneuerbarer Energien weltweit und dem Fortschritt in der Klimapolitik nicht mehr wahrscheinlich ist, dass die Welt weiter komplett auf fossile Energien setzt und die Klimakrise damit weiter anheizt. Die Prognosen sind abhängig davon, wie aktiv die globale Gesellschaft im Klimaschutz wird – dass sich die Rahmenbedingungen für diese Prognosen deshalb laufend ändern, ist nur logisch. Genau diese wissenschaftliche Aktualisierung haben Klimaskeptiker*innen aber genutzt, um die Klimaprognosen grundsätzlich in Frage zu stellen und Klimapolitik damit als überflüssig und sogar schädlich zu markieren. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: ambitionierte Klimapolitik schützt uns vor den zunehmenden Folgen der Klimakrise, wie Hitzewellen, wie wir sie aktuell erleben.

Das Umweltbundesamt hat öffentliche Diskussion dazu ebenfalls aufgearbeitet: Diskussion um Klimaszenario SSP5-8.5: Klimaschutz bleibt dringend | Umweltbundesamt

Im Klimaschutz zählt jedes Zehntelgrad

Wenn wir über die steigenden Temperaturen in Bezug auf die Klimakrise sprechen, meinen wir in der Regel die globale Durchschnittstemperatur, gemittelt über Kontinente, Meere und Polkappen. Blicken wir auf die Alpen, werden wir trotz einer globalen Erwärmung von vielleicht 2,5° C mit Temperaturanstiegen von um die 4° C rechnen müssen. Das liegt in erster Linie daran, dass sich Landmasse schneller erwärmt als Meere und mit schwindenden Gletschern auch weniger Sonnenlicht reflektierende Fläche vorhanden ist.

Gleichzeitig sind die Alpen in das globale Klimasystem eingebettet. Eine Verlangsamung der Klimakrise weltweit, bedeutet auch eine Verlangsamung in den Alpen. Die Klimakrise ist kein Alles-oder-nichts-Zustand, in dem wir entweder verlieren oder gewinnen. Viel mehr ist sie ein Spektrum von diversen Folgen – manche Tier- und Pflanzenarten profitieren sogar von den heißeren Temperaturen. Wir haben also nach wie vor in der Hand, wo wir auf diesem Spektrum landen. Aber wie?

Viele Hebel bringen uns in Bewegung

Die meisten Emissionen fallen in Deutschland nach wie vor im Energiesektor und im Verkehr an – also auch durch unseren Stromverbrauch und Fahrverhalten. Oft scheinen die größten Hebel unerreichbar weit weg für den Einzelnen. Dabei sind wir alle Teil dieser Sektoren, indem wir Strom oder Sprit beziehen und verbrauchen. Das bedeutet keineswegs, dass wir die Klimakrise im Alleingang lösen können, indem wir einfach das Licht ausknipsen. Viel mehr sollten wir uns als eine Kraft begreifen, die an dem Hebel zieht. Je mehr Menschen ziehen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Hebel bewegt.

In der Sozialwissenschaft bezeichnet man den Punkt, ab dem eine Bewegung oder soziale Haltung sich plötzlich schnell verbreitet – also der „Hebel“ umgelegt wird –, als Social Tipping Point. Ab wie vielen überzeugten Personen eine soziale Transformation kippt, ist stark vom Kontext abhängig: wenn sich zwischen 10 % und 40 % der Bevölkerung für die Transformation aussprechen, ist wahrscheinlich ein Tipping Point erreicht. Studien im Kontext zur Klimabewegung sprechen auch schon von 10 % bis 20 %. Eines haben die wissenschaftlichen Ergebnisse aber gemeinsam: nicht einmal die Hälfte der Menschen müssen an einem Hebel ziehen, um ihn umzulegen, vermutlich eher etwa ein Viertel (Quellen zum Beispiel hier oder hier). Das klingt schon erreichbarer als „Verkehrswende“.

Das kannst auch du tun

Im DAV passiert genau das schon heute: Sektionen steigen auf Elektromobilität um oder nutzen die Dachfläche ihrer Kletterhalle für eine PV-Anlage. Sie sind damit nicht nur Vorbild, sondern tragen aktiv dazu bei, die Klimakrise zu verlangsamen. Wer also raus aus der Resignation und rein in eine weniger heiße Zukunft möchte, hat im DAV viele Möglichkeiten, sich zu engagieren:

 

  1. Schließe dich einer Öffi-Tour deiner Sektion an! Dabei kannst du den Umstieg ganz einfach selbst testen und musst noch nicht mal selbst eine Zugverbindung raussuchen.

  2. Teile deine Fähigkeiten! Du kannst nähen? Oder bist passionierte Fahrradschrauberin? Dann hilf anderen in deiner Sektion, ihr Material länger nutzen zu können. Ressourcenschutz ist Klimaschutz!

  3. Daheim und auf der Hütte Wasser sparen! Wasser ist gerade in Zeiten der Klimakrise ein wertvolles und manchmal rares Gut. Die Aufbereitung ist außerdem energieintensiv. Indem du deinen Wasserverbrauch runterschraubst, vermeidest du Emissionen und reagierst auf die Schwierigkeiten, die die Klimakrise schon jetzt verursacht.

  4. Engagier dich im Klimaschutz-Team deiner Sektion! Im DAV arbeiten über 280 Klimaschutzkoordinationen daran, das Klima zu schützen und die einzigartige Bergwelt zu bewahren – eine große Aufgabe, die immer Unterstützung brauchen kann! Schau auf der Website deiner Sektion vorbei, wo du dich melden kannst.

  5. Sprich über deine Sorgen, Wünsche und Vorhaben! In unserem direkten Umfeld können wir oft mehr bewirken, als wir denken. Wenn du dich zum Beispiel dafür entschieden hast, jede zweite Bergtour öffentlich zu unternehmen, erzähle es Interessierten in deinem Umfeld, ohne Belehrung, ohne Zeigefinger, einfach deinen Entschluss. Vielleicht gibt es ja noch jemanden, der oder die sich freut, dich begleiten zu dürfen!

Die klimafreundliche Transformation kommt also in kleinen, verdaulichen Häppchen. Wir können entscheiden, welche wir uns vornehmen und welche erst mal noch nicht. Wichtig ist, dass wir ins Handeln kommen – ganz persönlich und gesellschaftlich. Denn wir haben noch Spielraum, den es zu nutzen gilt.