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Sechs junge Alpinisten starten in zwei intensive Kaderjahre.

DAV-Expedkader: Das neue Männerteam steht bereit

Eine Woche Arco und eine Woche Chamonix boten 12 jungen Männern Gelegenheit, ihr alpines Können zu beweisen. Sechs von ihnen werden nun als DAV-Expedkader alle Finessen des ambitionierten Alpinismus lernen und trainieren. In den kommenden zwei Jahren wachsen sie als Team zusammen – mit dem Ziel, ihre Erfahrungen 2028 auf einer gemeinsamen Abschlussexpedition anzuwenden.

Zwei Camps, ein neues Team

"Arco war super, in Chamonix hatten wir Wetterpech – aber gerade das hat sich positiv ausgewirkt. Ich konnte bei jedem Teilnehmer alles beobachten, was ich wollte. Und jetzt haben wir ein bunt gemischtes Team mit superstarken Leuten, ich bin richtig happy." Sebi Brutscher neigt normalerweise nicht zur Euphorie, aber für dieses Team, das er als Trainer des DAV-Expedkaders die nächsten zwei Jahre betreuen darf, schwärmt er schon jetzt. Nach zwei Sichtungscamps in Arco und Chamonix haben er und seine Trainerkollegen Berni Ertl, Fabi Hagenauer und Jürgen Oblinger die sechs Jungs ausgewählt, die in dieser Zeit alles Wichtige für das "große" Bergsteigen lernen sollen und dann 2028 auf einer Abschlussexpedition anwenden dürfen.

Das ist das neue Männerteam des DAV-Expedkaders 2026-2028

Maximilian Braun (Sektion Garmisch-Partenkirchen)

Simon Ehrtmann (Sektion Lenggries)

Anton Greinsberger (Sektion Leitzachtal)

David Schneider (Sektion Rosenheim)

Florian Swoboda (Sektion Garmisch-Partenkirchen)

Florian Taubmann (Sektion München-Oberland)

 

42 junge Alpinisten hatten sich beworben für die Sichtungscamps – ein deutliches Signal, wie bekannt und begehrt das Alpinismus-Trainingsprogramm des DAV ist und dass das Bergsteigen auch außerhalb von Halle und Klettergarten in der jungen Generation lebendig ist. Zwölf von ihnen wurden eingeladen; alle im soliden neunten Grad oder darüber unterwegs und teilweise schon mit großen alpinen Klassikern, Erstbegehungen oder Expeditionen auf dem Kerbholz.

Arco: Fels und Sonne satt

Das erste Camp fand vom 15.-19.4. in Arco statt, dem legendären Kletterort am Gardasee. Und war vom Wetter gesegnet: "Perfekt, sonnig, aber dank etwas Wind nicht zu warm", erinnert sich Sebi Brutscher. Man traf sich am Campingplatz und zuerst gab es im Klettergebiet Massone ein Update zu Standplatzbau, mobilen Sicherungen und Seilschaftsmanagement, mit anschließendem Klettern. Dann bildeten die 12 Aspiranten drei Vierergruppen, die jeden Tag mit einem anderen Ausbilder unterwegs waren. Um von vornherein den Aspekt Selbständigkeit zu fördern, wie Sebi anmerkt, durften sie sich selbst  auf ihre Kletterziele einigen.

An einem Tag waren das sportlich abgesicherte Routen im achten bis neunten Grad mit acht bis zwölf Seillängen wie der Ultraklassiker "Zanzara e Labbradoro" am Colodri. Am anderen ging es in anspruchsvoller gesicherte Wege in Mandrea oder am Monte Casale; bei vergleichbarer Schwierigkeit musste da schon auch mal zwischen selbstgelegten Keilen etwas weiter weggestiegen werden. Zwischen den beiden Klettertagen stand ein Berglauf auf dem Programm: Vom Tobliner See durch die Schlucht La Gola und zum Monte Ranzo: 1300 Höhenmeter, die die Jungs in 1:07 bis 1:28 Stunden schafften – auch wenn sich Max Braun erinnert: "Durch meine miserable Tagesverfassung wurden die eineinhalb Stunden des Berglaufs die härtesten und qualvollsten meines Lebens. Daraus schöpfte ich Motivation, diese Disziplin noch spezifischer zu trainieren." Simon Ehrtmann blieb etwas anderes im Gedächtnis: "Die Trainer waren schon beim Sportklettern, und wir Teilnehmer haben uns geschlossen noch ein Eis gegönnt, bevor es zum Fingerlangziehen ging." Genuss gehört eben auch dazu, wenn man es sich richtig gegeben hat.

Am letzten Tag war dann beim Sportklettern in Terre Alte "die Luft ein bisschen raus", wie Sebi anmerkt; es war eine sportlich anstrengende Woche – aber mit super Stimmung, wie Flori Swoboda schreibt: "Es kam einem so vor, als ob man mit allen schon ewig befreundet ist, obwohl man sich gerade erst kennengelernt hat."

Expedkader Trainer Sebi Brutscher beim Klettern DAV/Leon Buchholz

Chamonix: Das Beste rausgeholt

Weniger Wetterglück prägte dann das zweite Camp vom 13.-18.5. in Chamonix, der selbsternannten "Welthauptstadt für Ski und Alpinismus". "Arco ist sowieso immer cool, aber Chamonix war für mich besonders, weil es mein erstes Mal dort war", sagt Toni Greinsberger. Nur muss man die Berge auch sehen vor lauter Wolken.

Am ersten Tag ging es aufs Mer de Glace, wo Sebi und als zweiter Trainer Jürgen Oblinger neben Standplatzbau im Eis die klassischen Steigeisentechniken intensiv ausbildeten, die die Grundlage für sicheres Bewegen im alpinen Gelände sind.

Am Tag darauf fiel Schnee bis in tiefe Lagen. Aber für solche Momente gibt es eine Eishöhle bei Annecy, wo in bis zu 40 Grad überhängendem Eis und Mixedgelände selbst die wildesten Sportkletterer an ihre Grenzen gehen konnten. "Danach waren die Arme ziemlich dick", merkt Sebi an. Und Flo Taubmann schwärmt: "Unter der Erde im Dunkeln Eisklettern zu können, war eines meiner Highlights."

Am vierten Tag waren wieder Berni Ertel und Fabi Hagenauer als Cotrainer dabei, es lag ein Meter Neuschnee, Wind war angesagt – was tun? Bei diesen Verhältnissen wurde der eigentlich einfache Cosmiquesgrat zur Aiguille du Midi ein Volltreffer: Gemeinsam spurte die Gruppe den Weg ein, verlegte Fixseile, arbeitete intensiv zusammen, "da kam richtig Expeditionsfeeling auf", sagt Sebi, "der vermeintliche Notfallplan war ideal, ich konnte alles sehen, was ich sehen wollte, bis hin zum effizienten Klettern im alpinen "Classic"-Gelände." Für David Schneider war es eine spannende Erfahrung, "wie wir uns zum Teil mit der Schaufel einen Graben rausarbeiten mussten."

Der Tag darauf brachte endlich richtig gutes Wetter und die Möglichkeit, an den Trabanten des Mont Blanc du Tacul noch eine Tour in Fels oder Mixed einzusacken. Chamonix-Feeling pur und die Anwendung des zuvor Trainierten im vielleicht schönsten Granit der Alpen. Wie Flo Taubmann schreibt: "Mit den Bergführern zu klettern hat mir gerade beim Entwickeln von flüssigeren und schnelleren Abläufen definitiv geholfen." Viele der Teilnehmer sehen das ähnlich wie David Schneider: "Von jedem schaut man sich eine Kleinigkeit ab und kann neue Inspirationen finden." Und trotz des durchwachsenen Wetters dürfte Simon Ehrtmanns Fazit für alle gelten: "Gemeinsam als Gruppe haben wir immer das Beste aus der Situation gemacht und die Stimmung hochgehalten."

Diese Erfahrungen dürfen alle zwölf Teilnehmer mitnehmen, auch wenn die Teambekanntgabe am Abreisetag naturgemäß auch Enttäuschungen bedeutete. Die Zeit vorher war gut – "Ich habe zu keinem Zeitpunkt Konkurrenzdruck verspürt. Im Gegenteil: Man hat sich gegenseitig unterstützt, motiviert und viele hilfreiche Tipps miteinander geteilt" (Toni Greinsberger), "es war viel mehr ein in die Berge gehen mit coolen Leuten" (Flo Taubmann). "Bereits durch die Camps sind viele neue Freundschaften entstanden", sagt Toni – und diese dürfen ja auch über die Teamgrenzen hinweg bestehen bleiben.

Neue Freundschaften bei der Sichtung. DAV/Leon Buchholz

Auf zu neuen Erfahrungen

"Es war eine prägende, abenteuerliche Woche, die mich dazu brachte, in mich zu gehen und übers Bergsteigen zu reflektieren", resümiert Max Braun die Erfahrungen in Chamonix, und nimmt als Lernimpuls mit: "Wenn dir etwas in der Gruppendynamik nicht passt, sprich es aus, viele andere denken sich das gleiche!" Ein weiser Vorsatz, wenn man ernsten Alpinismus mit seinen Grauzonen der Risikoeinschätzung lange gut betreiben will.

Diese Haltung wird auch der Cheftrainer Sebi Brutscher "seinen" Jungs vermitteln wollen. Schließlich geht es im Kader auch darum, "ein gutes Team zu bilden und eine gute Zeit zu haben; das haben wir in der Sichtung schon gut hingekriegt." Der nächste gemeinsame Termin wird in der DAV-Bundesgeschäftsstelle der Organisation und Hintergrundinformation dienen, dann werden im Sommer die ersten Trainingscamps stattfinden.

Losgehen wird es wahrscheinlich mit einem Bergrettungstraining und intensivem Üben der alpinen Ersten Hilfe mit Dr. Bernhard "Bliemsi" Bliemsrieder, der das Team wieder als Arzt begleiten wird. "Ich möchte … besonders in Themen wie Bergrettung, Lawinenkunde und Seilschaftsabläufen noch viel dazulernen", wünscht sich Simon Ehrtmann – aber auch David Schneiders Wunsch wird die kommenden zwei Jahre prägen: "die Strategien und Skills zu lernen, um sich auch außerhalb des Alpenraums an den großen Bergen sicher bewegen zu können."

Worum es aber vor allem gehen darf beim Bergsport jeder Disziplin und auf jedem Niveau, das drückt Max Braun so aus: "Gesund und mit Freude zu jeder Aktion starten und genauso wieder nach Hause fahren." Dazu wünscht der DAV schon jetzt alles Gute und ist überzeugt, dass das neue Männerteam des Expedkaders Simon Ehrtmanns Ahnung bestätigen wird: "Ich habe das Gefühl, dass wir eine richtig gute Zeit in den Bergen haben werden."

Alle Teilnehmer der Sichtung, hier in Arco. DAV/Leon Buchholz

Und die Damen?

Das Frauenteam des DAV-Expedkaders hat schon jede Menge solch guter Zeiten in den Bergen gehabt, unter anderem den großartigen Trip zum Eisklettern in Norwegen (siehe Bericht -> Link?), der schon fast eine vorgezogene Abschlussexpedition war. Und zuletzt waren auch die starken Frauen in Chamonix; Mitte April hatten sie super Wetter und beste Bedingungen für alpine Ziele.

Der erste Tag schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Am Col du Midi konnten sie einen Akklimatisations-Impuls setzen und den Gletscher mit seinen Spalten für ein Intensivtraining der Rettungstechniken nutzen. Lose Rolle in Zweier- und Dreierseilschaft, diverse Flaschenzüge, Selbstrettung – Spaltenstürze sind selten, aber wenn man drin hängt, ist man froh um diese Kompetenzen, die zu einer kompletten Bergsteigerin einfach dazugehören.

Dann ging es auf Tour! Steffi Feistl und Kathi Huber stiegen ins Gabarroucouloir ein, mussten aber umdrehen, weil eine Seilschaft vor ihnen zu viel Eisschlag verursachte. Vera Bakker und Kristin Hinkelmann zogen zusammen mit der Trainerin Raphaela Haug Richtung Tour Ronde, trafen aber auf schlechtes Eis und einen großen Bergschrund; so be- und vergnügten sie sich dann mit der Überschreitung der Pointe Lachenal.

Das ganz große Rad schlugen Fenja Köchl und Anna Gomeringer: Obwohl die Verhältnisse nicht wirklich optimal waren, starteten sie zur Slowenenvariante am Crozpfeiler der Grandes-Jorasses-Nordwand. Damit hatte man sie die längste Zeit gesehen – drei Tage später kamen sie mit großem Grinsen und einem fetten alpinen Klassiker zurück. Nach einem Biwak am Wandfuß gelang ihnen ein flotter Durchstieg samt Abstieg zur Boccalattehütte an einem Tag; die verrufene Cruxlänge, die eher mäßige Eisverhältnisse hatte, sicherten sie mit Schlaghaken und Peckern.

Das restliche Team nutzte den dritten Tag zur intensiven Planung der Abschlussexpedition – dazu gleich mehr. Dann ging es noch einmal auf Tour. Kathi und Kristin nahmen den Kuffnergrat zum Mont Maudit ins Visier, zu dieser Jahreszeit ein gewisses Abenteuer. Mal tief zu spurender, mal griffig hartgefrorener Schnee, selbständige Routenfindung bei nur vereinzelten Spuren, ein Freibiwak gab zusätzlichen alpinen Anstrich. Auch Steffi und Vera suchten eine Linie abseits des Üblichen an der Tour Ronde – und fanden klassischen Alpinismus mit einer teils vereisten Felsroute, die großenteils selbst abzusichern war. Danach übernachteten sie im Zelt unter dem Supercouloir; doch weil es für ganz steiles Eis grenzwertig warm war, reichte ihnen am zweiten Tag die Contamineroute am Mont Blanc du Tacul.

Ende September, Anfang Oktober starten die jungen Alpinistinnen zum hoffentlichen Höhepunkt ihrer Kaderzeit, der Abschlussexpedition. Bei der Planung dafür erleben sie schon jetzt das expeditionstypische mentale Auf und Ab: Für das geplante Ziel in China gibt es in diesem Jahr kein Permit. Am Planungstag in Chamonix wurden also wieder diverse Optionen durchgearbeitet; jetzt steht ein Gebiet im Nordosten Nepals auf dem Wunschzettel – aber auch dafür muss zuerst noch ein Permit her. Bürokratie ist manchmal nicht viel einfacher als Bergsteigen – auch das gehört zu den Lernerfahrungen im Expedkader.

Der DAV-Expedkader wird unterstützt von Mountain Equipment, Petzl und Katadyn. Herzlichen Dank für die langjährigen Partnerschaften!

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