„Alles, was jetzt noch kommt, ist Bonus. Wenn das unsere Expedition gewesen wäre, wär’s schon der Wahnsinn“, so Raphaela Haug, die das Frauenteam zusammen mit Dörte Pietron trainiert, euphorisch. „Ich glaube, diesen Trip wird niemand vergessen.“
Mit jeweils drei Tagen Zugfahrt von und nach Deutschland erreichte das Team im „ecopoint“-Stil Narvik und die Insel Grytøya; eine Woche lang war das Segelboot „Arctic Ice“ ihr Zuhause und Zubringer zu den Küstenklippen, wo sich ungewöhnlich viele und lange Eislinien gebildet hatten; danach pickelten die Mädels noch drei Tage im Inland.
Anna Gomeringer berichtet:
Arctic Ice
Wir stehen mit dem Gesicht in der Sonne und schauen auf Harstad, die Segel knattern immer wieder kurz, weil wir so nah am Wind segeln. Gleich endet eine Woche, in der wir uns immer wieder gefragt haben, wie viel Glück man auf einmal vertragen kann. Aber der Reihe nach.
Ende Februar fahren wir, das Frauenteam des DAV-Expedkaders, mit dem Zug nach Nordnorwegen zum Eisklettern. Nach turbulenten drei Tagen holen uns Gappe, unser Skipper, und Vitus, unser erster Maat, vom Bahnhof ab. Auf der Arctic Ice gibt es zum Abendessen gebackenen Fisch aus ihrem Fang – und Pläne für die nächsten Tage.
Früh am Morgen setzen wir die Segel Richtung Grytøya – ein Geheimtipp von Sindre, der uns die Arctic Ice gechartert hat und sich bald als unentbehrlich erweist. Dort steht eine Wand, die sich anfühlt wie ein Kuchenbuffet. Zwischen den Linien können wir uns kaum entscheiden.
Vera, Steffi und Kathi mit Dörte, Raphaela und Alice, unserer Fotografin, wählen den Hauptfall (Galskap, WI5, 250 m), finden hervorragendes Eis und können sich daran gewöhnen, dass man immer ein bisschen von dem dunkelblauen Meer und den verschneiten Bergen der Insel Senja im Hintergrund abgelenkt ist. Fenja, Kristin und Anna versuchen sich an einer Linie, die laut Sindre seit sechzehn Jahren nicht gestanden hat. Eine delikate Einstiegssäule und viel Wasser im Gesicht lenken sie fast zu sehr ab, um die Landschaft zu genießen. Es ist bereits dunkel, als Vitus sie bei heftigem Wellengang am blockigen Ufer abholt, dabei versucht das Dinghi alles, um die vier abzuwerfen. Alle sind froh, als sie durch den dichten Schneefall auf das hell beleuchtete Boot zuschippern. Erst wird das Wasser aus den Schuhen gekippt, dann mit Service und Bier die erste Begehung von „Sees Snart Sindre“ gefeiert (WI6, ca. 170 m).
Kurz nach dem späten Sonnenaufgang betreten Fenja und Kristin wieder festen Boden, um unseren Skipper in den Hauptfall mitzunehmen. Steffi und Kathi steigen währenddessen in ein elegantes Couloir (WI4, 420 m) an der Litjetussen-Hauptwand ein. Vom Boot aus verfolgen wir ihr zügiges Vorankommen im Nebel – und verpassen fast den Fisch, der an der Leine zappelt.
Noch immer hält das Wetter – nach vier durchgekletterten Tagen kaum zu glauben. Steffi, Kathi und Raphaela brechen erneut zur Hauptwand auf und erstbegehen die wild anmutende Linie „Veien Videre“ (WI5, 380 m). Direkt rechts davon sind unser erster Maat und unser Skipper auf Landgang und begeben sich mit „Sindres Package“ (WI4, 180 m) ebenfalls in Neuland. Währenddessen übernimmt Sindre das Steuer und zaubert eine Wende nach der anderen in die Bucht. Dörte, Kristin und Anna beobachten ihn aus ihren zahlreichen Eishöhlen. Sie haben sich noch einmal in die abgebrochene Linie vom Vortag gewagt, in der Hoffnung auch diese Erstbegehung auf einer anderen Linie zu beenden. Ein Fall wie tausend gestapelte Quallen, mit einem riesigen Kraken am oberen Ende. Dörte begibt sich in die Fangarme aus Eis und steigt dem „Kraken“ (WI6, 200 m) auf den Kopf. Über ihr kreist ein Seeadler.
Dann kommt der Schneesturm doch, vor ihm her segeln wir zum Møljefest. Bei reichlich Kabeljau, slowenischem Kräuterlikör und norwegischem Kartoffelschnaps feiern wir das unglaubliche Glück der vergangenen Tage. Am Ende spielt Vitus sogar ein Ständchen auf dem Piano.
Wir biegen in den Hafen von Harstad ein. Die ein oder andere mit Wasser in den Augen – wegen des starken Windes natürlich. Wir versuchen uns noch einmal das Glitzern der dunklen Wellen, das Leuchten der verschneiten Berge und das Knarzen der Seile einzuprägen. Dann heißt es Sees snart (bis bald) und tusen tak (vielen Dank).
Die restliche Zeit verbringen wir bei Bardufoss und wiederholen dort einige wunderschöne Fälle. Unter anderem klettern Fenja und Steffi den 700 Meter langen „Sordalen Skredbekken“. Es fühlt sich an wie ein Epilog zu unserem unglaublichen Abenteuer auf der Arctic Ice. Auf dem Heimweg haben wir drei Tage Zeit, um langsam zu beginnen, das Erlebte zu verarbeiten. Und immer wieder fragen wir uns: Wie viel Glück kann man eigentlich haben?
Reiche Ernte
In sieben Tagen auf der „Arctic Ice“ und drei Tagen bei Bardu gab es viel zu klettern für Vera Bakker, Steffi Feistl, Anna Gomeringer, Kristin Hinkelmann, Kathi Huber, Fenja Köchl (Team), Dörte Pietron, Raphaela Haug (Trainerinnen), Alice Russolo (Fotografin), Gašper Reberšak (Skipper), Vitus Wuhrer (Maat) und Sindre Kvaale (Support). Zu sechs Routen wurden trotz intensiver Recherche keine früheren Begehungen gefunden, so dass sie als Erstbegehungen vorgeschlagen werden:
Couloir (WI4, 420m, Steffi, Kathi)
Sees snart Sindre (WI6, 170m, Fenja, Kristin, Anna)
Fin utsikt (WI5, 75m, Kathi, Steffi)
Veien Videre (WI5, 380m, Steffi, Kathi, Raphaela)
Sindres Package (WI 4, 180m, Gašper, Vitus)
Kraken (WI6, 200m, Dörte, Kristin, Anna)
Außerdem wiederholten sie die bestehenden Linien
Galskap (WI5, 250m, Raphaela, Dörte, Alice, Vera, Steffi, Kathi, Fenja, Kristin, Gappe)
Fin utsikt (WI5, 75m, Vera, Fenja, Alice)
Sordalen Skredbekken (WI5, 700m, Fenja, Steffi)
Rubben (WI5, 400m, Steffi, Fenja, Anna)
Soylefossen (WI5, 180m, Dörte, Raphaela, Vera, Kristin, Kathi, Anna, Gašper)
„Es war genial, zu beobachten, wie die Motivation überschäumt“, erinnert sich die Trainerin Raphaela, „wenn beim heiklen Übergang zwischen Dinghi und Ufer die Schuhe nass wurden und über Nacht nicht ausreichend trockneten, gab’s fast Tränen.“ Aber wenn es Eis gibt wie seit Jahren nicht und das Wetter mitspielt, „dann kann man doch nicht einfach Pause machen“, erklärt Steffi Feistl. So musste sie die Chance nutzen, zusammen mit Kathi und Raphaela die Linie „Veien Videre“ erstzubegehen, die sie schon am ersten Tag erspäht hatten. Ob der Mittelteil genug Eis bieten würde, um die Verbindung zwischen den massiven Zonen unten und oben zu klettern? Es ging – und der Routenname „Der Weg geht weiter“ bezieht sich nicht nur auf die Linie…
China im Blick
… sondern vielleicht auch auf die kommende Zeit für das Team. Neben den großartigen Erlebnissen bot Norwegen den Frauen auch eine Generalprobe für die im Herbst anstehende Abschlussexpedition. „Ich hatte befürchtet, mit elf Leuten auf einem Boot mit zehn Plätzen könnte es Stress geben“, erzählt Kristin Hinkelmann, „aber es hat nie geknallt. Wenn Schwierigkeiten aufkamen, konnten wir gut drüber reden, und im ganzen Team – inklusive der Skipper – vibrierte eine richtig gute Energie. Das macht mich optimistisch für die Expedition.“
Für diese hat sich das Wunschziel mittlerweile herauskristallisiert: Ende September soll es für vier Wochen in die Region Sichuan im Nordwesten von China gehen. Dort gibt es noch kaum erschlossene Täler mit Fünf- und Sechstausendern, die alle Optionen für klassisch alpine Ziele bieten. „Wir haben lange über Ziele diskutiert, die ohne Flug erreichbar wären, etwa Grönland“, erzählt Kristin. „Aber ein Bigwall wie beim vorherigen Team wäre nicht unser Ding, und mittelschwere Grate sind nicht das, was zum Schlagwort „Expedkader“ passt. So viele Mädels wollen in das Team; dann wollen wir in ein Gebiet gehen, wo wir unsere Stärken voll ausspielen können. Dazu fliegen wir dann eben, dafür haben wir hoffentlich eine geile Zeit und tolle Erinnerungen.“ Dass die Flug-Emissionen kompensiert werden, ist Ehrensache beim Alpenverein.
Spannend wird es auf jeden Fall werden. Es gibt einige verlockende Fotos und Informationen aus einem Tal, in dem 2025 ein starkes Paar unterwegs war, und auch einen attraktiven Plan B. Doch zunächst müssen die Permits beantragt und die Organisation weitergeschoben werden. Bevor es losgeht, werden wir noch genauer über die konkreten Ergebnisse und die Erwartungen der Mädels berichten. „Ich freu mich wahnsinnig auf eine ganz andere Ecke der Welt“, sagt Kristin schon heute, und ist optimistisch: „Ich denke, dass wir eine gute Zeit haben werden.“
Bald wieder zwei Teams
Bis es soweit ist, gibt es naturgemäß noch einiges zu tun – die gemeinsame Vorbereitungsarbeit und Organisation für eine Expedition ist ja auch ein wichtiger Ausbildungsinhalt im Kader-Konzept. Mitte April will das Team noch einmal im alpinen Gelände miteinander trainieren – Chamonix, wenn Wetter und Verhältnisse passen; der Sommer wird dann vor allem von Pack- und Planungstreffen charakterisiert. „Wahrscheinlich machen wir nochmal ein Training zur behelfsmäßigen Bergrettung“, sagt die Trainerin Raphaela, „und wenn das Budget reichen sollte, vielleicht noch einen Impuls zum Erstbegehen…“
Für das Männerteam des DAV-Expedkaders laufen parallel die Sichtungscamps: Mitte April im Fels bei Arco, im Mai im Alpingelände bei Chamonix. Sebastian Brutscher steht weiterhin als Cheftrainer zur Verfügung und wird das neue Team begleiten, unterstützt von weiteren erfahrenen Bergführern und Topalpinisten. Wenn die Mannschaft sich gefunden hat, werden wir sie wie gewohnt vorstellen. Denn das Projekt Expedkader ist auch nach 25 Jahren noch erfolgreich und attraktiv. Wie heißt der Routenname? Der Weg geht weiter…