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Wandern rund um Mittel- und Süddeutschland

An den Plan einer Alpenüberquerung war wegen Corona im Frühjahr 2020 nicht zu denken. Und doch ergab sich aus der Krise eine große Chance: Direkt von der Haustüre weg viereinhalb Monate Mittel- und Süddeutschland umrunden.

Von Klaus Gräbe und Cornelia Weber

 

Zwischenbilanz am Bodensee

Noch können wir es nicht so richtig fassen: Nach sieben Wochen Wandern stehen wir auf einer Anhöhe und schauen auf den Bodensee, genauer gesagt den Untersee. Die Sonne lässt die umliegenden Hügel in sattem Grün erscheinen, das Wasser glitzert, vereinzelt sind Segelboote zu erkennen. Wir haben Wangen auf der Halbinsel Höri erreicht und gönnen uns drei Tage Pause auf einem kleinen Campingplatz am See. Zeit für Muße, Pflege, Schuhkauf und Rückschau. Danach wollen wir weiter.

 

„Schuld“ daran, dass wir jetzt hier stehen, ist Covid-19. Denn eigentlich wollten wir in diesem Jahr eine Alpentraverse mit Umwegen beginnen, angefangen in Triest, um dann drei Monate in Richtung Westen durch die Berge zu streifen. Doch die Pandemiesituation war uns zu ungewiss, weil die weiteren Entwicklungen nicht vorhersehbar waren. Dann lieber mal ganz was anderes und Deutschland erkunden. Während des Lockdowns im Frühjahr 2020 entwarfen wir den Plan für eine Mehrtageswanderung (fast nur) durch Deutschland. Mit einem ausgewogenen Mix aus Übernachtungen in Pensionen und Hütten oder auf Campingplätzen und im Freien mit Selbstversorgung und dem Schwerpunkt auf dem Erleben der Natur beziehungsweise dem, was wir Menschen im Lauf der Geschichte daraus gemacht haben.

 

Warmlaufen ab Kassel

Anfang Juni starteten wir von Kassel mit der Absicht, so weit zu gehen, wie Ausdauer, Gesundheit und Lust es zulassen. Zum Aufwärmen und Abspecken ging es über bekannte Wege (Habichtswaldsteig, Urwaldsteig, Herkulesweg) in Regionen, die zwar vor der Haustür liegen, uns aber dennoch unbekannt sind: Ederhöhenweg, Sieghöhenweg, Natursteig Sieg. Im Siegerland fielen uns besonders die vielen trockenen braunen Fichten auf. Außerdem ist die Wegeführung bei Qualitäts- und Premiumwegen manchmal etwas kurios, um so die geforderten Qualitätskriterien zu erfüllen. Nach 17 Tagen, 390 Kilometern und 11.100 Höhenmetern erreichten wir den Rhein bei Königswinter. Jetzt trauten wir uns, den Daheimgebliebenen unser gesamtes Vorhaben zu eröffnen. Wir sind auf Wanderdroge und wollen weiter ...

 

Die Wanderschuhe trugen uns weiter über Eifelsteig, Saar-Mosel-Weg (der offiziell gar nicht mehr existiert), Pfälzer Waldpfad und Weinsteig bis nach Bad Bergzabern. Spezialitäten wie der Eifeler Döppekooche und der Pfälzer Saumagen schmeckten richtig gut und füllten die Energiespeicher auf. Wir übernachteten unter freiem Himmel im 1000-Sterne-Hotel bei Lemberg, auf Naturzeltplätzen oder in Pensionen mit Retro-Charme und Gasthäusern, wenn mal wieder große Körperpflege, Wäsche waschen oder richtiges Durchschlafen angesagt waren. Manchmal kamen wir uns vor wie Vagabundierende mit gesichertem Auskommen.

 

Ab Pforzheim durchquerten wir den Schwarzwald auf dem Westweg, dem ältesten Fernwanderweg Deutschlands. Steigungen und Anstrengungen nahmen zu, der Lohn waren Aussichten über weite Höhen und in tiefe Täler. Das Nonstop-Wandern ermöglicht es, die Verschiedenartigkeit der direkt hintereinander durchquerten Landschaften und begangenen Wege gut zu vergleichen. Insbesondere die Wälder, die landwirtschaftliche Nutzung und die Eigenheim-Gartengestaltung (Stichwort Schottergarten) sind von Region zu Region bemerkenswert unterschiedlich.

 

Erster Blick auf die Alpen

Nachdem wir uns durch das Touri-Zentrum am Titisee gewühlt hatten, ohne einen echten Lebensmittelladen zu finden, bogen wir „nach links“ ab auf den Querweg Freiburg-Bodensee. Durch die zwar gut erschlossene, aber noch nicht ganz gezähmte Wutachschlucht erreichten wir den Hegau, eine Landschaft mit aufgesetzten Vulkankegeln. Von der traumhaft gelegenen Spitzhütte hatten wir den ersten schwachen Ausblick auf die Berge. Vorfreude kam auf. Wir quälten uns durch landwirtschaftlich (aus)genutzte Flächen, wichen letztendlich vom Querweg ab und erreichten auf eigener Route nach weiteren 36 Tagen, 830 Kilometern und 21.800 Höhenmetern Wangen auf der Höri. Die Halbinsel am Bodensee war während des Nazi-Regimes ein Zufluchtsort unter anderem für nicht systemkonforme Künstlerinnen und Künstler, da das gegenüberliegende Ufer leicht erreichbar ist und bereits in der Schweiz liegt. Was geht es uns gut, die wir heute ein fast grenzenloses Europa frei und friedlich durchwandern können.

 

Bergwandern von West nach Ost

Per Schiff geht es nach Bregenz. Ab hier folgen wir dem Maximiliansweg, inklusive freiwilliger Erweiterungen brauchen wir 27 Tage, 410 km und 22000 Hm, um die Gebirgsgruppen von West nach Ost zu durchqueren. Im Allgäu unterm Nebelhorn erleben wir einen fantastischen Sonnenaufgang, in den Ammergauern tauchen wir ein in die Welt des Kini und nächtigen in der Brunnenkopfhütte. Wir erproben uns am herausfordernden „Wiesenweg“ zum Pürschlinghaus und nehmen dort dankend das Angebot an, in einem Autoanhänger zu übernachten. In den Bayerischen Voralpen genießen wir einen Sonnenaufgang am Herzogstand und uns bisher nicht bekannte Kaspressknödel unter der Benediktenwand, eine Gewitterfront an der Hochrieshütte und einen ganz besonderen Sonnenuntergang am gastfreundlichen Hochgernhaus. An der Grassauer Hütte in den Chiemgauern können wir gleichzeitig Segelboote auf dem Chiemsee und südlich in der Ferne die Gletscherwelt der österreichischen Alpen sehen: Wow! Gesichert geht es durch steile Wände über den Thomas-Eder-Steig und anschließend auf dem Dopplersteig steil bergab und hinaus aus den Berchtesgadener Alpen - bei Starkregen und aufkommender Dämmerung mit nicht ganz leichten Rucksäcken über hunderte von rutschigen Holzstufen. Wir landen heil am Fuß des Untersberg im Salzburger Land.

 

Zurück ins Mittelgebirge

Unser Vokabelrepertoire haben wir Mitteldeutschen während unserer Bergzeit auch erweitert: Anstößer sind nicht anstößig, sondern einfach nur Anwohner. Auszogne sind keine Nackten, sondern köstliche Schmalzgebäckstücke und vor Abschneidern muss man sich nicht fürchten, eher schaden sie der Natur, indem sie durch Abkürzungen zusätzliche Pfade trampeln, die die Erosion verstärken. Sehr wehmütig blicken wir zurück auf die Zeit in den Bergen. Jeglicher Vergleich zwischen Berg- und Mittelgebirgswandern macht uns irgendwie unzufrieden.

 

Wahrscheinlich erscheinen uns auch deshalb die folgenden Etappen durch das Salzburger Land und Oberösterreich besonders eintönig. Auf- und ausgeräumte Landschaften mit asphaltierten Wanderwegen, die an Autostraßen entlangführen, sind völlig abtörnend. Wir fliehen aus dieser durchökonomisierten Gegend und fahren mit Bus und Bahn nach Passau, einer Stadt mit Flair. Hier wählen wir die Nordvariante des Goldsteigs, um den Bayerischen Wald zu entdecken. Nach zwei Tagen mühsamen Anlaufes werden wir belohnt und erleben Stille und Abgeschiedenheit entlang der bayerisch-tschechischen Grenze, wie wir sie bisher noch nicht erlebt haben. Klar wird uns, dass die mit Totholz durchsetzte Landschaft im Nationalpark Bayerischer Wald in Wahrheit lebendiger ist als die normalen Wirtschaftswälder.

 

Auftanken in der Stille

Neben den touristischen Magneten wie Lusen, Rachel und Großer Arber entdecken wir Kleinode wie die Schachten, den Latschenfilz und Latschensee oder die Rauchröhren am Kaitersberg. Nach 11 Tagen, 250 Kilometern und etwa 8400 Höhenmetern erreichen wir Waldmünchen und wechseln auf den Europäischen Fernwanderweg E6 durch die Oberpfalz. Er führt durch Wälder in die wenig besiedelten Gebiete entlang der tschechischen Grenze. Die sehr seltenen Einkaufs-, Gastronomie- und Übernachtungsangebote fördern unsere Improvisationsfähigkeit. Belohnt werden wir mit Stille, tollen Frühstücksplätzen, einer Übernachtung im Böhmerwaldturm und der Begegnung mit dem Bürgermeister von Stadlern. Persönlich betroffen, erzählt er uns die Migrationsgeschichte seiner böhmischen Großeltern, die uns das Schicksal von Migrantinnen und Migranten noch etwas besser verstehen lässt. 

 

Durch das Fichtelgebirge und den Frankenwald führt uns der E6 bis Grabfeld. Die Wanderwege werden zum Ende hin immer verschotterter und sind daher mühsam zu laufen. Es geht wieder durch ausgeräumte landwirtschaftliche Nutzflächen, auf denen Mais als Viehfutter produziert wird. Bei dem Anblick erwägen wir, auf vegetarische und vegane Ernährung zu wechseln. Einige Glanzlichter sind dennoch vorhanden: das abwechslungsreiche Fichtelgebirge, das lange, stille Kremnitztal, die Altstadt von Seßlach und der etwas in die Jahre gekommene Bayernturm, von dem man vor der Wiedervereinigung „in die DDR gucken“ konnte. Macht er heute noch Sinn? Nach weiteren 19 Tagen, 430 Kilometern und 9300 Höhenmetern haben wir die Rhön erreicht. Es ist bereits Oktober. Die Tage werden kürzer, die Nächte kühler. Auf jeden Fall soll es weiter gehen, nur wie? Von den letzten Etappen des E6 sind wir enttäuscht, so dass wir uns ein anderes Wandermenü zusammenstellen. Die Wahl fällt auf die Ostvariante des Hochrhöners als Primo Piatto, der Werra-Burgen-Steig wird zum Secondo und als Dolce nehmen wir den Herkulesweg. Mal sehen, wie es uns schmeckt ...

 

Vom Grünen Band nach Hause

In der Nähe des Schwarzen Moores erleben wir Natur und neuere deutsche Geschichte gleichzeitig. Der damals von DDR-Patrouillen zum „Grenzschutz“ genutzte Kolonnenweg dient jetzt als Leitweg durch das Grüne Band, einem langfristig angelegten Naturschutzprojekt. Für uns ist es bedrückend, an alten Wachtürmen vorbei zu laufen und gleichzeitig faszinierend zu sehen, wie sich die Natur leise und langsam vieles zurückholt. Kaum sind wir vom gut markierten Hochrhöner zum thüringischen Teil des Werra-Burgen-Steigs gewechselt, benötigen wir unsere Orientierungsfähigkeiten und -hilfen. Der Weg wird wilder, manchmal setzt er aus oder es fehlt auf ein paar Kilometern jegliche Markierung. Irgendwie macht es Spaß, wenn nicht alles so perfekt ist. Immer wieder kommen wir, auch in Gesprächen, mit der BRD/DDR-Zeitgeschichte in Berührung, - es berührt uns und hinterlässt viele Fragen.

 

 

Von einer Schutzhütte im Hörseltal dürfen wir einen Sonnenaufgang über der Wartburg bewundern. Kurz vor Bad Sooden-Allendorf „machen wir rüber“ nach Hessen und nächtigen zünftig in der Klepschen Baude, einer ehemaligen Tanzdiele für Kurgäste. Wie magnetisch zieht es uns dann bei herbstlich kühl-feuchtem Wetter durch den Kaufunger Wald nach Hause. Die letzten 12 Wandertage, 260 Kilometer und 6800 Höhenmeter liegen hinter uns, eine Zeitlang können wir es

noch nicht begreifen, dass wir wirklich viereinhalb Monate auf Wanderschaft waren. Wir sprechen häufig über das Erlebte und sind froh über die vielen Menschen, die uns Aufmunterung und Zuspruch für unseren weiteren Weg mitgegeben haben. Jetzt freuen wir uns einfach nur über eine warme, trockene Stube, ein eigenes Bett und schon wieder auf die nächste, hoffentlich lange Bergwanderung.

 

Über Autor und Autorin

Klaus Gräbe (64) und Cornelia Weber (63) wandern überall gern. Ihre coronabedingte Deutschlandtour hat ihnen die Heimat näher gebracht als jeder Erdkunde- und Geschichtsunterricht.