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Risikomanagement: Tourenplanung, vor Ort und unterwegs

Tourenplanung

Schon zu Hause kann man die relevanten Informationen sammeln: Wettervorhersage, Führerliteratur, Vorwissen zur Tour, persönliches Können und Eigenheiten der Gruppe, Gelände (Kartenstudium) und natürlich der Lawinenlagebericht.
Nun werden potenzielle Gefahrenstellen ermittelt. Für eine erste grobe Risikoabschätzung wird die aktuelle Gefahrenstufe mit der DAV SnowCard verknüpft. Um hier Sicherheitslücken zu vermeiden, wird dazu immer die DAV SnowCard-Grafik „ungünstig“ verwendet, man geht also vom schlechtesten Fall aus. Auf der linken Achse der SnowCard-Grafik liest man die Steilheit ab, ab welcher man sich vom grünen in den gelben Risikobereich begibt. Alle Stellen der Tour, die so steil sind, sind potenzielle Gefahrenstellen. Ab Warnstufe drei sind zusätzlich Auslaufbereiche unterhalb steiler Bereiche potenzielle Gefahrenstellen.

 

Im nächsten Schritt werden nun alle ermittelten potenziellen Gefahrenstellen mit den Zusatzinformationen des Lawinenlageberichts verglichen. Die Gefahrenstellen laufen sozusagen durch das „Günstig-Ungünstig-Sieb“. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob man Aussagen zum beschriebenen Lawinenproblem machen kann und ob man berechtigt „günstig“ nach Lawinenlagebericht annehmen kann oder nicht.

 

Dadurch ergibt sich ein Bild der Gefahrenstellen und des potenziellen Risikos, das in der Planung Aufschluss gibt, ob die Tour sinnvoll ausgewählt wurde oder ob man damit bei der herrschenden Gefahrensituation ein zu hohes Risiko eingehen würde.

 

Beurteilung vor Ort

Im Gebiet vor Ort stellt sich die tatsächliche Situation häufig anders dar als zu Hause bei der Tourenplanung noch angenommen. Die Intensität von Niederschlag oder Wind wird deutlich, die Geländeformen werden sichtbar, sofern man Sicht hat, die tatsächliche Zusammenstellung der beteiligten Menschen und deren aktuelle Verfassung am Tourentag ist erst jetzt bekannt. Insofern sollte man vor dem eigentlichen Start die Planung ein zweites Mal überarbeiten und eventuell notwendige Korrekturen vornehmen.


Insbesondere ist es wichtig am Morgen noch einmal den aktuellsten Lawinenlagebericht abzurufen und die Veränderungen gegenüber den Vortagen und der bisherigen Planung festzuhalten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden alle Checkpunkte für die Tour festgelegt, wo während der Tour in sicherem Abstand zu potenziellen Gefahrenstellen die Vorannahmen mit den tatsächlichen Verhältnissen im Einzelhang abgeglichen und Entscheidungen gefällt werden.

 

Sollte man am Checkpunkt feststellen, dass eine oder mehrere der Annahmen, die zur Tourenauswahl führten, falsch sind, muss eine Zieländerung oder die Umkehr in Erwägung gezogen werden. Somit steht spätestens beim Start der Tour fest, welche Themen, Inhalte, Geländeformen, Lawinenprobleme usw. wo beachtet werden müssen und aufgrund welcher Details, Fragestellungen und Veränderungen später am Einzelhang Entscheidungen getroffen werden sollten.
Auf Hütten oder bei mehrtägigen Aufenthalten in einem Gebiet fallen die Planung zu Hause und die Planung vor Ort zusammen.

 

Während der Tour

Auf Tour unterwegs versucht man, möglichst viele Echt-Informationen wahrzunehmen, zu bewerten und einzuordnen. Dies wird als „rollende Tourenplanung“ bezeichnet. Es können sich dadurch weitere Gefahrenstellen ergeben, die aus der Planung mit der Karte nicht ersichtlich waren. Ständig gleicht man die Vorannahmen aus der Planung mit den tatsächlichen Verhältnissen vor Ort ab. So können sich zum Beispiel Wetterveränderungen ergeben, welche die Lawinenprobleme und damit die Gefahrenstufe beeinflussen und so die Planungsgrundlage verändern. Oder Alarmzeichen könnten auf eine höhere Gefahrenstufe hinweisen.

 

An Checkpunkten bleibt man stehen und fällt aktiv eine Entscheidung, nachdem alle relevanten Punkte (Gefahrenstufe, Höhenangaben, Lawinenproblem(e), Expositionen, Geländeform, Schneedecke, potentielle Auslösepunkte, Faktor Mensch, etc.) bedacht und folgende Fragen beantwortet sind:

  • Entspricht das Gelände den Vorstellungen, die aus der Karte herausgelesen wurden oder gibt es Abweichungen?
  • Gibt es Alarmzeichen?
  • Haben sich die Verhältnisse markant verändert?
  • Kann ich das aktuelle Lawinenproblem erkennen?
  • Stimmt die Beurteilung mit der DAV SnowCard noch?
  • Kann oder muss die Route aufgrund der aktuellen Verhältnisse geändert werden?
  • Wie geht es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern?


Spätestens am Checkpunkt fällt aufgrund der Antworten auf diese Fragen die endgültige Entscheidung, ob zu diesem Zeitpunkt ein Abbruch der Tour notwendig ist, ob sie auf der geplanten Route oder auf einer alternativen Strecke fortgeführt werden kann und ob zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden müssen. Es geht darum, das Lawinen-Risiko im Einzelhang noch einmal abzuwägen.

 

Vorsichtsmaßnahmen

Vor einer „Go-Entscheidung“ an einer Gefahrenstelle gilt es, die Konsequenzen eines Lawinenabgangs abzuschätzen und die Taktik mit Vorsichtsmaßnahmen darauf abzustimmen.

Vorsichtsmaßnahmen sind:

  • kleine Gruppengröße
  • Entlastungsabstände einhalten
  • in Hänge einzeln gehen
  • Abfahrten einzeln befahren
  • Pausen an sicheren Sammelpunkten
 

Weiteres

Ausführliche Informationen zum Risikomanagement gibt es im Artikel Das „Lawinen-Mantra“: Strategie & Handwerkszeug

 

Illustration: Georg Sojer

 

Gefahr von Schneebrettlawinen - was heißt das eigentlich?

Lawinenarten und Lawinengefahren

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Wer im winterlichen Hochgebirge unterwegs sein will, sollte wissen, welche unterschiedlichen Lawinen auftreten können. Ein Überblick über Lawinenarten und deren Gefahren. Glücklicherweise sind Lawinen nicht ganz so organisiert, wie es der Schweizer Humorist Franz Hohler in seiner Geschichte „Die dumme Lawine“ erzählt, in der die kleinen Lawinen bei einer alten Schlawine in die Schule gehen und lernen, wie man mit Macht und Wucht den Hang hinunterdonnern kann. Doch durch die Art, warum und wie sie runterdonnern, lassen sie sich voneinander unterscheiden. Im Lawinenlagebericht wird aufgeführt, welche Lawinenart aktuell zu erwarten ist. Nur wer die Unterscheidung dieser verschiedenen Lawinenarten kennt, kann den Lagebericht verstehen und die richtigen Konsequenzen für die Praxis ziehen. 

Was ist die DAV SnowCard?

Basics

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Lawinen-Risiko-Check: Die DAV SnowCard ist ein Hilfsmittel für einen schnellen und einfachen Risiko-Check zur Lawinengefahr. Sie hilft dir zudem, lawinenbezogene Informationen bei der Tourenplanung und im Gelände zu strukturieren. Die DAV SnowCard hat sich über viele Jahre als Entscheidungshilfe auf Skitouren, Freerides, Schneeschuhtouren etc. bewährt. Im Jahr 2000 von Martin Engler und Jan Mersch entwickelt, ist die SnowCard heute ein fester Bestandteil der DAV-Entscheidungsstrategie Lawinen-Mantra. Die DAV SnowCard ist ein Tool, um bei der Tourenplanung zu Hause, vor Ort und am Einzelhang eine probabilistische (wahrscheinliche) Grundeinschätzung des Risikos zu erhalten. Mit ihrer Hilfe kann man die Wahrscheinlichkeit abschätzen, bei bestimmten Bedingungen in einem Hang in einen Unfall zu geraten. 

Hangsteilheit messen

Praktische Tipps fürs Gelände

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Durch wiederholtes Messen der Hangneigung im Gelände wird die Fähigkeit trainiert, die Steilheit mit bloßem Auge einschätzen zu können. Wenn man die eigenen Schätzungen immer wieder durch Nachmessen überprüft, wird man schnell treffsicher. Die Fähigkeit, Steilheiten schätzen zu können, ist wichtig, denn lawinenverdächtige Hänge sollte man nicht betreten, um mittendrin zu messen!