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Risikokommunikation: Begriffe und Definitionen

Risikokommunikation und Begriffsklärung gehören zu den Aufgaben des DAV. Es geht dabei darum, Risiken klar zu benennen und Abwägungen transparent zu kommunizieren. Denn es gibt eine Vielzahl von Veröffentlichungen, die die Begriffe „rund ums Risiko“ teilweise unterschiedlich deuten und benutzen.

Risiko-Glossar

Dieses Glossar erhebt nicht den Anspruch, ein und für allemal festzulegen, wie welcher Begriff zu verwenden ist und welches Denkmodell als überholt gelten sollte. Stattdessen versucht es, unterschiedliche Perspektiven darzustellen und einzuordnen – gleichzeitig jedoch deutlich zu machen, in welche Richtung das Engagement der Alpenvereine für einen „guten“ Umgang mit Risiken im Bergsport zielt: ehrlich wahrnehmen, transparent kommunizieren, verantwortlich entscheiden.

 

Risiko

Für Versicherungen sind Risiken berechenbare Schadenswahrscheinlichkeiten. Sie werden quantifiziert nach dem Motto: Risiko = Schadensausmaß x Eintrittswahrscheinlichkeit. Weiß man zum Beispiel aus der Statistik von Verkehrsunfällen, dass (Achtung: angenommene Fantasiezahlen!) in einem Jahr 10.000 Autounfälle (Eintrittswahrscheinlichkeit = 10.000 Fälle /Jahr) passieren mit einem durchschnittlichen Schadenswert von 5000 Euro (Schadensausmaß = 5000 Euro / Fall), so muss die Versicherung zur Abdeckung dieses Risikos 10.000 Fälle/Jahr x 5000 Euro/Fall = 50 Mio Euro / Jahr bereithalten (also durch Prämien einnehmen…). 

Beim Bergsteigen ist leider oft das Schadensausmaß nicht bezifferbar (wie viel ist mir Leben oder Gesundheit wert?) und auch die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen konkreten Fall lässt sich kaum kalkulieren. Deshalb sollte man im Bergsport eher von Unsicherheit sprechen.

 

Eine grundsätzlichere Betrachtung des Begriffs Risiko argumentiert so: Berge sind, wie sie sind: Sie zerbröckeln unter der Erosion; Steine, Eis und Lawinen fallen herunter; es kann regnen oder gewittern… Brechen Menschen in die Berge auf, werden diese neutralen Eigenschaften der Berge für sie zu Gefahren: Man kann von Steinschlag oder Blitz getroffen werden. Auf diese Gefahren kann man reagieren: bewusst oder unbewusst, durch Ignorieren oder Verhaltensanpassung (Ausweichen, Sicherungsmaßnahmen) – damit machen wir aus der menschenunabhängigen „Gefahr“ ein „Risiko“, das konkrete Akteur*innen betrifft.

 

Eine interessante Betrachtungsweise visualisiert die chinesische Schrift: Dort ist das Schriftzeichen für „Risiko“ zusammengesetzt aus den Zeichen für „Gefahr“ und „Chance“. Bergsportler*innen setzen sich Gefahren normalerweise nicht mutwillig oder lebensmüde aus, sondern weil sie etwas „gewinnen“ wollen: Erfolg an einem Gipfel oder einer Route, sportliches Erleben, Landschaftsgenuss … – ihre „Chance“. Wieviel Gefahr für welche Chance man in Kauf zu nehmen bereit ist, ist eine Abwägung, die man für sich selbst treffen muss – so wie man beim Kredit fürs Eigenheim abwägt, wie sicher der Job ist, mit dem man ihn abzahlt. 


Der Schweizer Lawinenforscher, Bergführer und Philosoph Werner Munter revolutionierte in den 1990er Jahren die Lawinenausbildung mit seiner „Reduktionsmethode“ als Werkzeug zur Entscheidungsfindung und Risikokontrolle. Darin vergab er Zahlenwerte für bestimmte Lawinensituationen und unterschiedliche Verhaltensmaßnahmen, etwa den Verzicht auf Steilhänge oder bestimmte Himmelsrichtungen. So errechnete er ein „Risiko“ nach dem Prinzip: Risiko = Gefahr / Verhalten oder auch Risiko = Natur / Mensch.

 

Unsicherheit

Im DAV-Risikosymposium von 2014 wurde darauf hingewiesen, dass eine Quantifizierung von Risiken, wie sie die Versicherungswirtschaft leisten muss, beim Bergsport nicht möglich ist. Denn sowohl für die Gefahren wie auch für die Chancen wird man hier normalerweise keine Zahlenwerte angeben können. Dies unter anderem deshalb, weil Akteur*innen keine statistische Angabe akzeptieren wollen, sondern wissen möchte, ob es ihn bei der konkret anstehenden Tour „erwischt“ oder nicht. Und weil dabei so viele Unwägbarkeiten eine Rolle spielen, dass letzten Endes immer ein „Restrisiko“ bleiben wird – eben eine „Unsicherheit“. 

 

Wer verstanden hat, dass man im Bergsport nicht alles im Griff haben kann, wer die prinzipielle Unsicherheit als Basis seines Handelns akzeptiert, wird im Idealfall aufmerksamer und demütiger agieren und reagieren. Die klassischen Methoden und Entscheidungshilfen des Risikomanagements darf man deshalb trotzdem nutzen – aber man wird sich vielleicht weniger leicht von einem falschen Sicherheitsgefühl einschläfern lassen. 

 

Wagnis

Der Philosoph Dr. Siegbert Warwitz versteht unter dem Begriff „Risiko“ ein unbewusst oder unverantwortlich überhöhtes Verhältnis von Gefahren gegenüber Chancen bei bestimmten Aktionen. Als positives Ideal stellt er ihm das „Wagnis“ gegenüber und verweist auf dessen Wortstamm aus dem Verb „abwägen“ – also dem Bemühen um angemessene Balance, etwa nach dem Motto „das Können ist des Dürfens Maß“. Nach Rilkes Bild von den „wachsenden Ringen“ gehört für Warwitz das Eingehen von Wagnissen zu einem gesunden menschlichen Entwicklungsprozess zwingend dazu; er behauptet sogar, dass wagnisscheue Personen und Gesellschaften stagnieren, degenerieren, langfristig scheitern.

 

So wird das „Wagnis“ als „Risiko auf gesundem Niveau“ selbst zu einem Wert, zu einer Chance, das Eingehen angemessener Risiken zu einem wertvollen Selbstzweck. 
In der Risikodiskussion der deutsprachigen Alpenvereine hat sich der Wagnisbegriff nicht durchsetzen können. Das liegt wohl auch daran, dass der Schweizer Alpenclub (SAC) daran beteiligt ist – und dass in der Schweiz der Begriff Wagnis eine genau gegenteilige Bedeutung hat: Dort steht er gerade für das „zuviel gewagt“, für das unverantwortlich überhöhte Risiko. Ein Beleg dafür, wie vieldeutig die Begriffe in der Risikodebatte sind. 

 

Gefahr

Unter Gefahr im Zusammenhang mit Bergsport kann man eine Bedrohung für die Unversehrtheit von Seele, Körper und materiellen Werten verstehen. So kann Steinschlag den Kopf spalten (evtl. letal) oder nur den Helm (80 Euro). Ein Fehler beim Sichern kann den*die Seilpartner*in verletzen, aber auch lebenslang ein schlechtes Gewissen verursachen. 

 

In der klassischen Bergsporttheorie wird unterschieden zwischen „objektiven“ und „subjektiven“ Gefahren. Objektive Gefahren gehen vom Objekt, dem Berg, aus – wie Steinschlag, Gletscherspalten, Blitzschlag. Subjektive Gefahren liegen im handelnden Subjekt, dem*der Bergsportler*in, begründet – etwa Mängel an Können, Kondition oder Planung. Eine ehrliche Betrachtung zeigt freilich, dass die objektiven „Gefahren“ nur zu Gefahren werden, wenn man sich ihnen aussetzt; die Unfallforschung zeigt, dass viele derartige Unfälle durch vorausschauendes Verhalten hätten vermieden werden können. Letzten Endes bleibt der Mensch für sich selber die größte Gefahr – die Unterscheidung zwischen „objektiven“ und „subjektiven“ Gefahren sagt dann lediglich, ob man den wachsamen Blick nach innen, in den Spiegel oder ins Gelände richten muss. 

 

Risikomanagement

Management bedeutet planmäßiges Beeinflussen von Systemen hin zu gewünschten Zuständen. In unserem Zusammenhang würde Risikomanagement also bedeuten: Ich analysiere alle Risikofaktoren einer bergsportlichen Aktion, wäge Gefahren und Chancen (Wünsche, Werte) ab und steuere mein Verhalten (und das meiner Gruppe) so, dass das resultierende Risiko unterhalb eines akzeptierten Niveaus bleibt. 


Diese Argumentation scheitert an etlichen Fehlannahmen, z.B.:

  • Es ist unwahrscheinlich, dass ich wirklich sämtliche Risikofaktoren erfasse (Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit menschlicher Wahrnehmung)
  • Eine objektive Quantifizierung von Gefahren und Chancen ist nicht möglich
  • Noch schwieriger ist die Quantifizierung der risikomindernden Wirkung bestimmter Verhaltensmaßnahmen
  • Menschen sind fehlbar; also ist es nicht sicher, dass alle Beteiligten die gewünschten Verhaltensmuster stabil produzieren
  • Ein wichtiger Bestandteil von Management, nämlich die Evaluation der Wirksamkeit, ist im Bergsport nicht möglich, weil man nur einmal pro Situation die Chance zu handeln hat. Und nicht zum Beispiel die Gruppe einmal mit, einmal ohne Fixseil die steinschlaggefährdete Schneerinne queren lassen kann

 

Das soll natürlich nicht zu dem Fehlschluss verleiten, man könne sich alle „Risikomanagement“-Maßnahmen sparen. Der gesunde Menschenverstand, die „alpine Erfahrung“ und diverse Faustformeln und Entscheidungshilfen genügen in den meisten Fällen aller durchgeführten Bergtouren, sodass Unfälle eine seltene Ausnahme sind. Wenn der Begriff von Risikoexpert*innen heute eher kritisch betrachtet wird, dann vor allem deshalb, weil er nicht zu trügerischem Sicherheitsdenken verleiten soll. Die mögliche Einstellung „wir haben alles im Griff, weil wir Risiken managen“ ist gefährlich; eine gesunde Risikokultur lebt nach dem Leitsatz: „Letztlich haben wir zwar nichts völlig im Griff, aber wir bemühen uns soweit wie möglich darum“.

 

Das vollständige Glossar von Autor Andi Dick mit weiteren Begriffen wie Chance, Risikokultur, Restrisiko u.a. findet sich im Downloadbereich.