DAV-Logo-freigestellt

Betrunkene Seile und warum wir uns im Moment nicht an die eigene Nase fassen sollten

Infektionsrisiko durch Bergsportmaterial

Text: Dr. Alexandra Schweikart

Welches Infektionsrisiko geht von Bergsportmaterial aus in Zeiten der Corona Pandemie und inwieweit können, wollen oder müssen wir dieses reduzieren? Kann man und muss man Bergsportmaterial und persönliche Schutzausrüstung (PSA) desinfizieren?

 

In Zeiten von Corona setzen wir uns immer einem Infektionsrisiko aus, sobald wir auf andere Menschen treffen: auch beim Bergsport. Und natürlich ist es möglich, dieses Risiko zu reduzieren. In biologischen Systemen ist „Null-Risiko“ nicht definierbar: niemand kann ein einzelnes Virus messen. Bergsteiger können das sicherlich gut nachvollziehen, da sie wissen, was Restrisiko heißt und was es bedeutet, ein gewisses Zusatzrisiko relativ zu der Grundakzeptanz vom Basisrisiko zu haben. Die Virusinfektion ist immer eine Dosisfrage: je weniger davon da ist (es braucht aber nicht Null sein), desto unwahrscheinlicher wird die Infektion.

 

Wie wird SARS-CoV-2 übertragen?

Hier sind vor allem drei Übertragungswege bekannt: Durch Tröpfchen, Aerosole und über Kontaktflächen. Das Virus wird in den überwiegenden Fällen durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen (Husten, Niesen oder Sprechen). (Flug)-Übertragungen durch im Raum stehende Aerosole sind auch möglich und Kontaktübertragungen durch Oberflächen (beispielsweise Türklinken) machen nach heutigem Erkenntnisstand nur einen sehr geringen Teil der Infektionen aus. Demnach sind laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung Schmierinfektionen über Oberflächen (also zum Beispiel auch Klettergriffe) eher unwahrscheinlich und auch nur in einem kurzen Zeitraum nach der Kontamination mit dem Virus überhaupt möglich (Mehr Infos in dem PDF Kann das neuartige Coronavirus über Lebensmittel und Gegenstände übertragen werden?).

Von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen vergehen durchschnittlich 5 bis 6 Tage, wobei man bereits vor Symptombeginn als infizierte Person ansteckend für andere ist.

 

Was macht Coronaviren unschädlich?

SARS-CoV-2 sind sogenannte behüllte Viren: sie bestehen aus Kern (welcher die Erbinformation in Form von RNA enthält) und einer Hülle (bestehend aus Proteinen). Dieses Virus ist „relativ“ empfindlich gegen Umweltbedingungen: es muss nicht oxidativ zerstört werden, sondern es genügten austrocknen oder Wasser und Seife oder Alkohol, um das Virus unschädlich zu machen. Eine Reduktion des Virus auf „Null“ kann man nicht erreichen, jedoch kann man es bis zu einem akzeptablen Maße verringern.

 

Reinigung und Desinfektion von Bergsportmaterialien

Zunächst kann man das Material an einen trockenen, warmen Ort (im Freien) für 24 Stunden in „PSA Quarantäne“ hängend auslüften. Dies sollte schon eine sehr gute Risikoreduktion bewirken. Wer noch weiter gehen will kann das Material noch mit Seifenlösung abreiben. Einlegen in Seifenlösung würde das Material komplett nass machen mit dem Nachteil, dass sich das verbleibende Virus in dem nassen Material lange wohlfühlt. Für Karabiner und Expressschlingen eignet sich die Reinigung von Hand im Waschbecken mit Seife und einer Bürste.

Als nächste Reduktionsstufe kann man Alkohol verwenden, und zwar Ethanol/Wasser (80%/20%) oder Isopropanol/Wasser (70%/30%). Alle gängigen textilen Materialien im Bergsport (Polyamid, Polyester, Dyneema) werden dadurch nicht angegriffen. Allerdings kann sich diese Behandlung auf die Imprägnierung von Seilen und auf die Geschmeidigkeit des Materials negativ auswirken.

 

Fazit

Nach heutigem Erkenntnisstand geht ein erheblich höheres Infektionsrisiko von Menschen-zu-Mensch Übertragung durch Tröpfcheninfektion und Aerosole aus, als durch Kontaktinfektion (beispielsweise über Bergsportmaterial). In der Kletterhalle besteht der beste Infektionsschutz darin, dass keine virusinfizieren Leute darin klettern. Alle anderen Maßnahmen (PSA-Quarantäne, Desinfizieren, Lüften usw.) sind dagegen sekundär und extrem aufwändig. Durch Einhaltung der Abstands-, Nies- und Hustenregeln und durch Händewaschen verringert sich das Risiko schon erheblich.

 

Den ausführlichen Text inklusive aller Literaturangaben findet ihr auch als pdf zum Download oder unter:

https://www.bergundsteigen.blog/betrunkene-seile-und-warum-wir-uns-im-moment-nicht-an-die-eigene-nase-fassen-sollten/