Bergsteiger mit rotem Rucksack erklimmt schneebedeckten, felsigen Grat, umgeben von hohen, verschneiten Bergen und dramatischem Wolkenhimmel.
Mit Ueli Steck verband den Autoren nicht eine langjährige Freundschaft. Foto: Robert Bösch
Wie ein fotografisches Lebenswerk entsteht

Ich muss bessere Bilder machen

Berg, Bild, Bösch – ein Dreiklang der modernen Outdoorfotografie. Robert Bösch hatte als Alpinist schon die größten Schwierigkeiten bewältigt, dann brach er als Fotograf ins Neuland auf. Seine Suche nach dem Nie-Gesehenen ist nicht zu Ende. – Ein Text aus dem Alpenvereinsjahrbuch "Berg 2025".

Berge und Bilder: Das sind die zwei Welten, in denen ich mich ein Leben lang bewegt habe und die sich manchmal, hauptsächlich auf Expedition, überschnitten haben. Normalerweise waren es aber zwei sehr verschiedene Welten. Stand am Anfang das leistungsorientierte Bergsteigen im Zentrum meines Tuns, entwickelte sich allmählich aus meinem Unterwegssein in den Gebirgen der Welt die Fähigkeit, meine zweite Leidenschaft, die Fotografie, auf eine professionelle Basis zu stellen. Learning by doing war mein Weg, bei beidem.

Bergsteigen als Abenteuer bedeutet, sich bewusst und dauernd mit der Gefahr auseinanderzusetzen. Zum Bergsteigen gehört nicht nur die Freude am Erleben der Berge und der Respekt davor, zum Bergsteigen gehört auch die Angst: die manchmal aufflackernde Angst in der Wand, aber vor allem die viel stärker zehrenden Ängste in der Nacht vor der Tour. Jeder, der ein großes Projekt geplant hat, muss sich mit diesen Ängsten auseinandersetzen und er muss ihnen widerstehen können. Wirkliches Abenteuer ist kein Vergnügen, und schon gar nicht ist es Fun. Es ist dieses Ausgesetztsein, das man nur durch sein eigenes, richtiges Handeln bestehen kann und das oft mit dem Wunsch verbunden ist, möglichst schnell und heil aus der Situation wieder herauszukommen. Es sind aber auch die Momente intensivsten Erlebens, wenn man spürt, dass man auch unter schwierigen Bedingungen richtig handelt. Es sind diese Momente die man immer wieder sucht.

Die Welt der Fotografie ist eine ganz andere, da dreht sich alles ums Bild. Als mir meine ersten Schritte in den Bereich der professionellen Fotografie gelangen, war mein fotografisches Können eher bescheiden – um es milde auszudrücken. Doch weil ich als Bergsteiger Bilder aus einer abenteuerlichen Welt liefern konnte, die den meisten Menschen verschlossen bleibt, hatte ich die Chance, erste Bilder an Magazine zu verkaufen. Es dämmerte mir aber rasch, dass ich mich verbessern musste, wollte ich in diesem Metier bestehen.

Alles war fantastisch in dieser Eishöhle beim Eisklettershooting mit Res Bähler. Aber als Fotograf sollte man sich vom Eindrücklichen nicht blenden lassen und weitersuchen, ob es nicht noch etwas besser geht. In diesem Fall war es der Blick durch eine dünne Eislamelle ein paar Zentimeter über dem Boden. Foto: Robert Bösch

Ich musste bessere Bilder machen. Das hört sich einfach und logisch an, ist aber unglaublich schwierig. Beim Bergsteigen war mir klar, was ich tun musste, um besser zu werden. Gezielt und intensiv trainieren, mich Schritt für Schritt an immer anspruchsvollere Touren wagen. Risiken eingehen, ohne den Bogen zu überspannen. Aber in der Fotografie? Wie sollte ich bessere Bilder machen?

Ich musste lernen, genauer zu schauen, mich in dieses Viereck hineinzudenken. Ich begann den Raum zu erahnen, der zwischen der wirklichen Welt und dem davon gemachten Bild liegt. Da war etwas, das ich nicht verstand, nicht im Griff hatte – und das ich auch mit 50 Jahren Erfahrung immer noch nicht hundertprozentig im Griff habe. Wenn man ein Foto betrachtet, erkennt man das Bild auch in der realen Welt. Aber umgekehrt funktioniert es nicht. Schaut man die Welt an, sieht man keine Bilder, man sieht „nur“ die Welt. In dem Moment, wenn ich mit dem Auslöser dieses Viereck aus Zeit und Raum herausschneide und es aus der dreidimensionalen Welt auf zwei Dimensionen reduziere, passiert etwas, das nie ganz kontrollierbar ist. Hier liegt der Schlüssel zur Fotografie – und zum Unterschied zwischen einem guten Bild und einem außergewöhnlichen.

Die Arbeitsweise bei der Mammut-Werbekampagne gehörte zum Außergewöhnlichsten, was ich je fotografiert habe. Es war Teamwork und sehr herausfordernd für alle Beteiligten. Über sechs Jahre verteilt fotografierte ich 13 Motive. Obwohl jedes Bild sehr anders war, blieb bei jedem Shooting einiges gleich: mehrere Monate Vorbereitung, immer „absurd“ viele Protagonisten vor Ort und bei jedem Motiv irgendwann mein Gedanke: Es klappt nicht. Aber es hat immer geklappt – wie auch hier an der „Kleopatra“ im Bergell auf der italienisch-schweizerischen Grenze. Foto: Robert Bösch

Die goldene Zeit der Outdoorfotografie

Ich hatte Glück mit dem Timing. Als ich die ersten Schritte in die professionelle Fotografie machte, war es die Zeit, als mit dem Freeclimbing Bewegung in die Alpinszene kam. Gleichzeitig fand ein genereller gesellschaftlicher Wandel im Freizeitverhalten statt. Die lokalen Fußball- und Turnvereine konnten die Bedürfnisse des neuen Freizeitmenschen immer weniger abdecken. Man wollte reisen, Abenteuer erleben, individuell Sport treiben. Gleichzeitig kamen neue Sportarten dazu: Mountainbiken, Gleitschirmfliegen, Snowboarden. Der Outdoorsport war geboren und entwickelte sich rasant zu einem boomenden Markt. Damit einher ging eine stete Zunahme von Sponsorengeldern, die der sich entwickelnden Szene zur Verfügung standen.

Wer als Sponsor Geld bezahlte, wollte eine Gegenleistung haben. Im Normalfall war das Medienpräsenz. Sponsoring in diesen neuen Individualsportarten funktioniert anders als zum Beispiel im Tennis oder in der Leichtathletik. Hier lässt sich nur schwer bestimmen, wer wirklich gut ist. Den Besten zu bestimmen, ist schlicht unmöglich. Wer eine große Öffentlichkeitspräsenz anstrebt – und das ist letztlich für jeden Sponsor der entscheidende Faktor –, muss nicht zwingend der Beste sein, er muss sich nur medienwirksam präsentieren.

Die Zusammenarbeit mit motivierten Topathleten – hier mit Tarek Rasouli – und die Bereitschaft von allen, viel Aufwand zu betreiben, führte zu immer neuen, noch spektakuläreren Bildern. Foto: Robert Bösch

Entsprechend wurde das Bildmaterial oft wichtiger als eine Topleistung. Der Vorteil dieser Fo­kussierung auf die Vermarktung war, dass sich die Qualität der Bilder rasant entwickelte. Das Medieninteresse wuchs stetig, der Aufwand für Bilder vervielfachte sich. Wir waren damals im deutschsprachigen Raum gerade eine Handvoll Fotografen, die sich intensiv mit diesen Outdoorsportarten beschäftigten. Und wir standen nun in der vorteilhaften Situation, dass wir Topathleten in den verschiedensten neuen Sportarten zur Verfügung hatten, die sehr motiviert waren, mit einem Fotografen zusammenzuarbeiten. Eine hohe Motivation auf beiden Seite und der immer größere Aufwand führten konstant zu immer mehr „noch nie zuvor gesehenen“ Bildern. Es waren die goldenen Jahre der Outdoorfotografie.

Digitalisierung – das Ende der Foto-Ikonen?

Wie fast alles, hat auch die enorme Entwicklung der Outdoorfotografie zwei Seiten. Wir erleben, dank der digitalen Vereinfachung des fotografischen Handwerks und kombiniert mit der Nachbearbeitung am Bildschirm, eine Flut von Bildern in ansprechender Qualität. Natürlich ist auch viel Minderwertiges dabei, aber generell ist das Niveau heute viel höher als früher. Doch Flut bleibt Flut. Herausragendes wird vom Guten und Mittelmäßigen weggespült, kaum etwas hat Bestand, nur selten bleibt ein Bild im Gedächtnis hängen. Vorbei die Zeiten der ikonischen Bilder: Hermann Buhls Pickel auf dem Nanga Parbat, Vince Andersons Porträt auf dem Gipfel desselben Berges nach der Durchsteigung der Rupalwand im Alpinstil zusammen mit Steve House … Oder Jim Bridwell neben dem legendären Kompressor, an Mikrohaken hängend, bei der ersten Wiederholung der Maestri-Route am Cerro Torre.

Diese Bilder sind nicht zu Ikonen der alpinen Geschichte geworden, weil sie fotografische Meisterwerke sind. Im Gegenteil, ihre fotografischen Schwächen unterstreichen die Einzigartigkeit und Exponiertheit der Situation. Jedes einigermaßen brauchbare Bild von solchen Grenzgängen war eine Rarität.

Auch meine Arbeit wurde durch die Digitalisierung sehr erleichtert. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich wegen der grenzenlosen Möglichkeiten der Bildbearbeitung das Interesse an vielen Motiven, die ich jahrelang gesucht hatte, zu verlieren begann. Zu einfach war es, aus fast jedem Bild ein außergewöhnliches zu machen. So auch in der Landschaftsfotografie: Die reale Natur konnte zunehmend nicht mehr mit der fotografischen Bil­derwelt mithalten.

Wie malen, mit anderer Technik

Mich reizte die Frage, ob es mir gelingen könnte, einen Schritt in eine neue Art der Landschaftsfotografie zu tun. Mit dem Kunstbuchprojekt „Aus den Bündner Bergen“ versuchte ich diese Idee umzusetzen. Es ging mir nicht um die Bündner Berge, es ging mir um die Bilder. Sonnenaufgänge, Abendstimmungen, die blauen Stunden – all das interessierte mich nicht. Ich suchte andere Bilder. Obwohl ich das Projekt mit sehr großem Respekt anging, forderte mich diese Suche in einem Ausmaß, wie ich es nicht erwartet hatte. Immer begleiteten mich die Zweifel, ob ich einer umsetzbaren Idee nachging, oder ob mein Verlangen irgendwo zwischen Überschätzung und Blödsinn anzusiedeln war. Zwei Jahre lang pendelte ich zwischen Begeisterung und Resignation hin und her. Vor allem zu Beginn meiner Arbeit hatte ich einen ständigen und zuverlässigen Begleiter an meiner Seite, nämlich das Gefühl, dauernd zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Bis ich zu begreifen – und vor allem zu akzeptieren – begann, dass es bei diesem Projekt kein zu früh oder zu spät, keinen guten, falschen, besseren oder schlechteren Standort gab. Landschaft, Wetter, Licht: das war. Es galt schlicht, in dieser Landschaft zu sein.

Ich lernte neu zu schauen. Und ich entdeckte vieles, das ich oft gesehen, aber bis dahin nicht wahrgenommen hatte.

Ich wollte diese Erfahrungen sozusagen in die Actionfotografie rückübertragen. Vier Jahre arbeitete ich an dem Projekt, Kunst- und Actionfotografie zu kombinieren. Das Resultat war das Buch „Mountains“. Es sollte weitreichende Folgen für meine zukünftige Arbeit haben. Denn nach Erscheinen dieses Buches, das genau so herausgekommen ist, wie ich es mir gewünscht habe, realisierte ich allmählich, dass ich damit etwas abgeschlossen hatte, woran ich 40 Jahre gearbeitet hatte. Ich hatte „es“ ausgereizt.

Auf dem bisherigen Niveau weitermachen oder neue Wege gehen? Ich entschied, mit Werbeaufträgen und redaktionellen Arbeiten komplett aufzuhören und mich in Buchprojekten und Ausstellungen ausschließlich der Kunstfotografie zu widmen. Ich wollte „starke“ Bilder machen, Bilder, an denen der Betrachter hängenbleibt – egal ob vor meiner Haustüre, in einer Industrieanlage oder weit weg auf einem anderen Kontinent.

Gleichzeitig begann ich für mich Unbekanntes auszuprobieren: Aus bestehendem Bildmaterial wollte ich Neues schaffen. Die Fotografien sind bei dieser Arbeitsweise nur das Rohmaterial, aus dem neue Bilder entstehen. Es ist wie malen, einfach mit anderer Technik. So entstanden die beiden Bücher „Not Seen“ und „Birds“. 

Der klassischen Fotografie – das Bild entsteht im Moment des Auslösens – werde ich mit Sicherheit treu bleiben. Ich liebe diese Suche nach dem außergewöhnlichen Viereck. Sie hat mir ein spannendes Leben ermöglicht, wo auch immer ich auf diesem Planeten unterwegs war. Genauso werde ich weiterhin dem Bergsteigen verbunden bleiben, wenn auch da alles im Fluss ist: Die Gletscher ziehen sich zurück, die Griffe werden kleiner und die Berge höher.

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