Person klettert an einer steilen, rötlich-grauen Felswand mit Sicherungsseil.
Maritime Kletterziele bieten schöne Felsstrukturen wie Sinter - andererseits sind Kletternde durch die mögliche Korrosion von Haken gefordert. Foto: DAV Sicherheitsforschung
DAV-Sicherheitsforschung informiert

Risiko: Versagen von Bohrhaken in maritimen Klettergebieten

Auf der griechischen Insel Kalymnos verunfallte kürzlich ein Kletterer wegen des Versagens mehrerer Bohrhaken und verstarb in Folge. Die DAV-Sicherheitsforschung informiert über die Risiken beim Klettern in maritimen Gebieten.

Das Wichtigste in aller Kürze

  • Der Unfall durch Bohrhakenversagen zeigt die Risiken beim Klettern nicht sanierter Felskletterrouten in Gegenden mit hohem Korrosionspotential auf (z.B. Meeresnähe).

  • Beliebte Ziele für Kletterreisen sind davon betroffen, insbesondere im Mittelmeerraum, wie Kalymnos, Leonidio, Mallorca, Finale Ligure, Sizilien, Sardinien, Calanques oder Istrien.

  • Klettern an Naturfelsen verlangt Eigenverantwortlichkeit und die Notwendigkeit von Risikoabwägung.

  • Wichtig ist das Einholen aktueller Informationen.

  • Eine gute Strategie zur Risikominderung ist die Wahl sanierter Routen.

Aktueller Unfall bestätigt Risiko durch Korrosion

In einer beliebten Region des Klettertourismus, auf der griechischen Insel Kalymnos, ist es kürzlich durch das Versagen mehrerer Bohrhaken zu einem Unfall gekommen, in dessen Folge ein Kletterer verstorben ist.
Unter der Belastung beim Ablassen und Abbauen der Expressschlingen nach dem Klettern der Route versagten mehrere Bohrhaken, beginnend mit beiden Bohrhaken am Umlenker (Expressanker) und es kam zum Absturz des Kletterers. Die näheren Umstände werden noch untersucht. Die Gemeinschaft der Kletternden wünscht den Angehörigen des Verunfallten und allen Betroffenen des Unfalls viel Kraft. 

Die Sicherheitsforschung des Deutschen Alpenverein nimmt den Unfall zum Anlass, Risiken des Kletterns an Naturfelsen bewusst zu machen, insbesondere in Regionen mit hohem Korrosionsrisiko. Hohes Risiko besteht beispielsweise in Meeresnähe, je nach örtlichen Gegebenheiten (Klima) kann dies jedoch auch Felsen weit im Landesinneren betreffen.

Schön für Kletternde - stressig für Haken: Meeresnähe bedeutet stark erhöhtes Korrosionspotential. Foto: DAV Sicherheitsforschung

Meeresnähe begünstigt Korrosion

Unfälle mit tödlichem Ausgang aufgrund von Bohrhakenversagen sind selten. Allerdings ist bekannt, dass in Regionen mit hohem Korrosionspotential Bohrhaken bereits nach kurzer Zeit unzuverlässig sein können. Bohrhaken aus anfälligem Material können in stark korrosivem Milieu bereits nach wenigen Jahren oder Monaten unter Körperlast – beim bloßen „Reinsetzen“ oder Abseilen – brechen. Auch als „Edelstahl“ bezeichnetes Hakenmaterial ist potentiell betroffen. Die Problematik wird in den Klettergebieten sehr ernst genommen – es könnte zu weiteren Unfällen kommen. 

Für Kletterhaken in maritimen Gebieten gibt es einen detaillierten Warnhinweis der UIAA. Die Sicherheitsforschung des DAV hat zudem in der Bohrhakenbroschüre vertiefte Informationen veröffentlicht, insbesondere zum Problem der Korrosion.  

Beispiel einer äußerlich unauffälligen Bohrhakenöse, welche am Übergang zum Verbund mit dem Fels gebrochen ist - Korrosionsbild am Schaftansatz. Foto: DAV Sicherheitsforschung

Wichtig zu wissen: Es gibt es unterschiedliche Arten von Korrosion. Besonders tückische Gründe für das Versagen von Bohrhaken sind durch bloßes Ansehen nicht immer erkennbar. Denn Korrosion geht nicht zwingend mit großflächig braunem Rost einher. Die Beurteilung von Bohrhaken erfordert gute Kenntnisse und ist parallel zum Klettern nicht leicht durchführbar. Bei Haken, an denen abgelassen oder abgeseilt wird, sowie bei Zwischensicherungen, deren Versagen besonders schwer wiegen würde, sollte jedoch ein kritischer Check erfolgen.

Verdrehtest für geklebte Bohrhaken: Der Haken darf sich mittels Karabiners unter Handkraft nicht drehen lassen. Foto: DAV Sicherheitsforschung

Das Beurteilen von Expressankern ist leider erheblich schwieriger als im Fall von geklebten Haken - allein vom Ansehen her kann es sein, dass augenscheinlich verrostete Haken mit nur oberflächlichem Rost mehr halten, als äußerlich glänzende Haken, die unter der Lasche oder in der Wand eine Schwachstelle aufweisen. Konsequenz auch hier: Im Zweifel Rückzug - auch auf das, was man sich zu beurteilen traut.

In verschiedenen Regionen sind Experten damit befasst, kritische Bohrhaken zu identifizieren und zu ersetzen. Die Gemeinschaft der Kletternden ist aufgerufen, diese Sanierungen zu unterstützen. Alpine Vereine und Klettervereinigungen weltweit bringen sich dabei ein. 

Blick aufs Meer - und auf die Haken! Foto: DAV Sicherheitsforschung

"Draußen ist anders"

Kletterrouten im Naturfels unterliegen im Allgemeinen keiner Inspektion, Wartung oder verkehrssichernden Maßnahmen wie in einer künstlichen Kletteranlage. Risiken müssen eigenverantwortlich beurteilt werden - davon geht in vielen Rechtsräumen der Gesetzgeber aus. Die Risikobeurteilung betrifft unter anderem die Qualität von Haken und Gestein - wie man sagt: "Haken sind höchstens so gut, wie der Fels, in dem sie stecken!" Hinzu kommen objektive Gefahren der Umgebung und logistische Konsequenzen bei Abgeschiedenheit im Gelände: In manchen Regionen, schwer zugänglichen, zivilisationsfernen Gebieten kann nicht von einer guten Netzabdeckung, leichter Organisation von Hilfe, der Verfügbarkeit medizinischer Versorgung oder Rettung im Notfall ausgegangen werden.

Informieren vermindert Risiken

Eine wesentliche Strategie zur Risikominimierung liegt in der defensiven Auswahl von Gebieten bzw. Routen: Im Zweifel sollte man sich anhand aktueller Informationen auf Gebiete und Routen fokussieren, die saniert worden sind. Diese Informationen lassen sich am besten über lokale Klettervereinigungen oder Tourismusverbände beziehen. Ein Qualitätsmerkmal von Topos/ Kletterführern sind Hinweise zum Zustand von Routen und erfolgten Sanierungen bzw. Informationsmöglichkeiten dazu.

Beim Klettern im deutschsprachigen Raum ist Korrosion im Allgemeinen weniger drastisch als in Meeresnähe. Sie ist meist nur eine unter mehreren Problematiken wie z.B. „Altlasten“ (veraltete, nicht dem Stand der Technik entsprechende Materialien bei der Erschließung). Die Sicherheitsforschung hat im Rahmen der Bohrhakenstudie eine Untersuchung kritischer Haken durchgeführt. Auch in heimischen Klettergebieten ist eine Beurteilungskompetenz von Sicherungspunkten beim Klettern an Naturfelsen notwendig. Auch hier kann durch Information bei der Auswahl von Routen das Risiko gemindert werden.

Klettern an Naturfelsen bietet vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten – es fordert jedoch vertiefte Beschäftigung mit der Materie. Der Deutsche Alpenverein bietet im Rahmen des Kletterschein Outdoor eine Einführung in wichtige Fragestellungen, die verantwortliches Handeln leiten. "Draußen klettern" ist nicht einfach konsumierbar. Nicht nur Eigenverantwortung ist angesagt, auch Mitverantwortung. Weitere Informationen zu Sicherungspunkten und ihrer Einschätzung finden sich im Artikel Haken – hält schon, oder?

 Was Kletternde tun sollten

  • Aktuelle Informationen einholen (lokale Kletterorganisationen, aktuelle Kletterführer) 

  • Defensive Routenwahl: sanierte Routen bevorzugen 

  • Verzicht bzw. Umkehr bei fraglichen Routen

  • Klebehaken einem Verdrehtest unterziehen, lockere Muttern von Expressankern im Klettern mindestens festdrehen per Hand (bei Werkzeuggebrauch wie z.B. Gabelschlüssel/Klemmkeilentferner Drehmoment beachten - nicht zu fest, das würde wiederum das Material schwächen! Drehmoment Größenordnung 25Nm)

  • In logistisch schwer zu erreichenden Gegenden Notfallszenarien bedenken, besonders bei: Erste-Hilfe-Ausrüstung und -Kompetenzen, Gruppengröße, Risikoprofil, Benachrichtigungsmöglichkeiten

  • Problematische Haken an lokale Klettervereinigungen melden, Hinweise auf Gefahr hinterlassen (z.B. Reepschnur im ersten Haken als traditionelles Zeichen der Kletterkultur, nicht einzusteigen aufgrund Projekt-/Sanierungsstatus)

  • Die kostenintensiven Sanierungen wertschätzen - pro Route fallen einige Hundert Euro allein für Material an, ohne die risikobehaftete Arbeit der Entfernung alter und Installation neuer Haken einzurechnen. Mögliche Beiträge:

    • Spende für lokale Strukturen wie z.B. Re-Bolting-Initiativen

    • Erwerb von Kletterführern, deren Erlös Sanierungsprojekte mitfinanziert

    • Durch Toprope-Klettern nur an eigenen Verschlusskarabinern mögliche hochwertige sanierte Umlenker schonen