Verschränkte Beine mit Bergschuhen an den Füßen vor Hochgebirgskulisse im Himalaya und vielen Gebetsfahnen am Boden
Mittelpunkt des Lebens oder Randerscheinung am fernen Horizont? Der Mount Everest, ganz links, kann Orientierung geben, wo die Welt zu groß erscheint. Foto: Jochen Hemmleb
Everest – ein persönlicher Pilgerweg

Weil er für mich da ist

Vor 100 Jahren wollte der britische Bergsteiger George Mallory den Mount Everest besteigen, „weil er da ist“. Deshalb verlor er seine Familie und sein Leben – anders als Jochen Hemmleb, der dem höchsten Gipfel der Erde in gewisser Weise beides verdankt. Weil er ihm nie zu nah kam.

Der Pilot drückte das Flugzeug in eine steile Linkskurve. Das Bild der am Fenster vorbeiziehenden Bergketten ließ meine Erinnerung 23 Jahre zurückgehen, als ich zum ersten Mal dem Himalaya entgegengeflogen war. Dann gab der herumschwenkende Flügel den Blick frei auf die dunkle Pyramide, die höchste von allen: Chomolungma, Mount Everest. „Hello again!“ Ja, ich liebte ihn noch immer, diesen missverstandenen und so oft missbrauchten Berg mit seiner Geschichte. Und das dürfte eine Menge damit zu tun haben, dass ich ihn niemals bestiegen habe.

Wir stimmten darin überein, dass wir die Berge unseres Landes liebten, weil sie die richtige Größe besaßen. Groß genug, um bedeutend zu fordern. Aber auch klein genug (…), um sie kennenlernen und sich mit ihnen verbunden fühlen zu können. (…)
Der Himalaya war beeindruckend, erstaunlich, vielleicht auch erhaben. Aber ich liebte diese Berge nicht. Dafür waren sie zu groß. Liebe bedingt ein mögliches Kennenlernen.
- Andrew Greig, schottischer Schriftsteller

Wann, und vor allem warum, kann ein Berg zum Ursprung einer Lebensleitlinie werden? Der Everest ließ mich diese Frage gleich zweimal stellen: für George Mallory und für mich selbst. 

Das „Wann“ war für Mallory der 11. Juni 1921, als er auf dem Weg durch Tibet zum ersten Mal den Gipfel des Everest erblickte, der sich stückweise aus dem Nebel schälte. 

„Ein grotesker dreieckiger Klotz stieg aus der Tiefe empor; seine Kante sprang mit einer Neigung von 70° hervor und endete im Nichts. Links davon hing ein schwarzer gezackter Kamm auf unglaubliche Weise im Himmel. Stück für Stück erkannten wir die mächtigen Hänge, Gletscher und Grate des Berges zwischen den vorbeiziehenden Schwaden, hier ein Fragment und da ein anderes, bis schließlich, viel höher, als wir uns vorzustellen gewagt hatten, der weiße Gipfel des Everest auftauchte.“

Für Mallory war dieser Anblick wie „die wildeste Ausgeburt eines Traumes“, der den Rest seines Lebens bestimmen sollte. Sein Verschwinden drei Jahre später mit Andrew Irvine nur etwa 300 Meter unterhalb des Gipfels warf nicht bloß die Frage auf, ob ihm damals bereits die Erstbesteigung des höchsten Berges der Welt geglückt war. Mehr noch stellte sich die Frage nach dem „Warum“: Warum war die Anziehungskraft des Mount Everest so groß gewesen, dass Mallory ein drittes Mal seine Frau und seine Kinder, die er leidenschaftlich liebte, zurückließ? 

Fluchtweg 

Obwohl ich eigentlich ein ziemlicher Flachländer bin – das Mittelgebirge um meine Heimatstadt Bad Homburg erreicht nicht ganz die 900-Meter-Marke –, wuchs ich mit Bergen, richtigen, großen, auf. Mein Vater, bei meiner Geburt bereits 57, war seit seiner Studentenzeit Bergsteiger gewesen und sollte noch bis kurz vor seinem Tod mit 80 im V. Grad unterwegs sein. So konnte er von einer großen Zeitspanne Alpingeschichte erzählen, die er selbst mitverfolgt hatte. Die frühe Everest-Geschichte gehörte dabei sozusagen zum Basiswissen. 

Als Kind fragte ich mich nicht, warum Menschen wie mein Vater auf die Berge stiegen. Berge waren ein aufregender Abenteuerspielplatz, die Storys von Bergsteigern packend – und außerdem real. Demgegenüber verblassten Krimis und Romane. Kurzum: Berge versprachen ein interessantes Leben. Hinzu kam mein ausgesprochenes Faible für ungelöste historische Rätsel. Im Fall Mallorys kam also alles zusammen. 

Als ich 16 war, stieß ich im Katalog eines Frankfurter Alpinbuchhändlers auf das erst kurz zuvor erschienene Buch The Mystery of Mallory and Irvine. Der Wunsch für Weihnachten 1987 stand selbstredend fest, und meine Eltern erfüllten ihn mir auch. Nachdem ich die wichtigsten Kapitel in drei Tagen verschlungen hatte, überkam mich plötzlich ein tiefes, untrügliches Gefühl: Diese Geschichte wird zu irgendetwas in meinem Leben führen. Wozu genau, wusste ich damals nicht – ich hatte keine fertige, vorgefasste Vision, sondern nur die intuitive Gewissheit, dass es so kommen würde. Das Rätsel um Mallory und Irvine und seine mögliche Lösung erscheint mir somit rückblickend nicht als fixes Ziel, sondern es glich eher einer Angelschnur, die ich weit in die Zukunft ausgeworfen hatte und die mir fortan eine Richtung vorgab. Ein Jahr später waren sie und die Berge die Rettungsleine, die mich gewissermaßen vor dem Ertrinken rettete. 

Im Frühjahr 1989 erkrankte meine Mutter schwer an einer bipolaren Störung, und das Familiengefüge, in dem ich aufgewachsen war, zerbrach. Heute, mit Anfang 50 und einer eigenen Familie, kann ich viele der Ängste und Traumata, die zu ihrer Erkrankung geführt haben, besser verstehen und einordnen. Damals jedoch, als Jugendlicher, rieb ich mich an ihnen auf. Die schier zahllosen Gespräche, die am Ende doch wirkungslos blieben, hinterließen in mir ein Gefühl von Ohnmacht, Sinn- und Nutzlosigkeit. Irgendwann wollte ich diesem Sumpf aus Depression und negativen Gedanken einfach nur noch entfliehen, wollte leben und aufblühen. Und der Weg dazu führte über die Berge. 

Der richtige Gipfel zur richtigen Zeit, am 10. August 1990. Jochen Hemmleb, links, mit seinen Freunden Stefan Schröder und Stefan Behrens auf dem Mont Blanc. Foto: Jochen Hemmleb

Mit meinen beiden besten Freunden bestieg ich im Sommer 1990 den Mont Blanc. Er war damals das höchste Ziel, das uns realistisch, erreichbar schien. Er hatte Symbolkraft und gleichzeitig die richtige Größe. Die Traverse zur Aiguille du Midi führte uns an unsere damaligen Grenzen, und so hatte ich am Ende der Tour den Eindruck, körperlich und geistig alles aus mir herausgeholt zu haben. Und dieses „Alles“ schien danach genauso vor mir ausgebreitet zu sein wie das berauschende Gipfelpanorama. Astronauten bezeichnen es als den overview effect: das Gefühl, für einige Momente die Welt und sein Leben als Ganzes zu überblicken, mit all seiner Schönheit und allen Möglichkeiten. Dem Negativ-Trauma der Erkrankung meiner Mutter setzte es ein noch stärkeres Positiv-Trauma entgegen. Es war eine Art von Schocktherapie. Der Everest hatte dabei noch keine Rolle gespielt – aber es war ein erster Schritt in seine Richtung. 

Lebensweg

In den Jahren danach führte eins zum anderen: Ich studierte Geologie, während ich parallel dazu mein Everest-Archiv aufbaute. Zwei weitere Male bestieg ich den Mont Blanc, dann die Fünftausender Mount Kenya (Nelion) und Ruwenzori in Ostafrika. Im Rahmen meiner Diplomarbeit lebte ich neun Monate in Neuseeland und unternahm ausgedehnte Treks in der dortigen Wildnis. Schließlich folgte noch ein Solo-Versuch am Polish Glacier des Aconcagua. Langsam schien eine Reise zum Everest und vielleicht auch ein Aufstieg in größere Höhen machbar. Hinzu kam, dass es mir nach den beiden langen Auslandsreisen immer schwerer gefallen war, im Alltag wieder Fuß zu fassen. Und auch bei meinem Studium stellte ich mir mehr und mehr die Sinnfrage. Für die Dinge, die mich an Wissenschaft wirklich faszinierten – Forscherdrang, Neugierde, die Freude am Entdecken und Verstehen von Zusammenhängen –, sah ich in der Akademie zu wenig Platz und Ausdrucksmöglichkeit. 

Als ich im Lauf des Jahres 1998 dann zu einem der Initiatoren der „Mallory & Irvine Research Expedition“ wurde, war dies eine Chance, die ich mir nicht nehmen lassen konnte. 

Im Jahr zuvor hatte ich meine Gedanken und Theorien zu Mallory und Irvine ins Internet gestellt, verbunden mit der Frage, ob jemand noch immer einen Versuch unternehmen würde, das Rätsel zu lösen. Zu dieser Zeit hatte ich durch Fotoanalysen die Lage jenes Hochlagers relativ genau eingegrenzt, von wo aus 1975 ein chinesischer Bergsteiger einen „englischen Toten“ gefunden hatte. Im Sommer 1998 kontaktierte mich dann ein Amerikaner, Larry Johnson, der meine Internetartikel gelesen hatte. Er war von der Idee einer Suche am Berg fasziniert und trug sie an den Expeditionsorganisator Eric Simonson heran. Im November 1998 wurde ich schließlich Mitglied des amerikanischen Teams. 

Der Fund George Mallorys durch Conrad Anker am 1. Mai 1999 war meine größte und bewegendste Annäherung an den Everest und seine Geschichte. Sie stellte mein Leben grundlegend auf den Kopf. Mein inzwischen fast 25-jähriger Berufsweg als Buchautor und Filmschaffender hatte darin seinen Ursprung. Und mehr noch: Ende 2001 schrieb mich eine Modetechnikstudentin aus dem englischen Rochester an. Sie hatte mein Buch Ghosts of Everest über den Mallory-Fund gekauft, und es hatte sie dazu inspiriert, für ihre Abschlussarbeit eine Herrenkollektion in Anlehnung an die Kleidung und den Charakter von Sandy Irvine zu entwerfen. Sie bat mich um weiterführende Informationen, Kontakte und Bilder. Ihr erster Besuch bei mir war dienstlich, der zweite nicht mehr. Inzwischen sind wir seit 14 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder. 

Was der Fund von 1999 nicht beantwortet hatte, war die Frage, ob Mallory und Irvine 1924 bereits den Gipfel des Everest erreicht hatten. Viele hielten es für unwahrscheinlich, andere räumten den beiden britischen Pionieren noch immer eine Chance ein. Eine Kamera und ein intakter Film, die eine eindeutige Antwort hätten liefern können, hatten wir bei Mallorys Leiche nicht gefunden. Nach einer zweiten Expedition 2001 schien die Suche beendet. Unser Team hatte ein rund neunmal so großes Areal wie 1999 nach Andrew Irvine abgesucht, jedoch ohne eine Spur von ihm und seiner Kamera zu finden. Im Sommer darauf berichtete dann aber ein chinesischer Bergsteiger, er habe 1960 weitab der Fundstelle Mallorys einen alten Toten gefunden. Das Rätsel schien mich offensichtlich nicht so leicht vom Haken zu lassen …

Wegumkehr

Als Alpinjournalist hatte ich in der Folge Gelegenheit, noch andere Bergregionen zu besuchen: 2004 den Nanga Parbat und 2006 den Broad Peak im Karakorum, beide auf den Spuren von Hermann Buhl. Auf letzterer Expedition erlebte ich das Sterben meines Freundes Markus Kronthaler unmittelbar am Funkgerät mit. Es war kein plötzlicher, schicksalhafter Unfall gewesen. Vielmehr war Markus wie einem inneren Zwang folgend zum Gipfel gegangen, selbst noch nach einem Biwak auf fast 8000 Metern ohne Kocher. Kurz nach dem Beginn des Abstiegs waren seine Kräfte dann restlos erschöpft gewesen. Markus’ Tod sorgte bei mir für einen tiefgreifenden Perspektivenwandel. Auch für Mallory war der Everest-Gipfel irgendwann zu einer fixen Idee geworden: Er wusste um die Symbolkraft der ersten Besteigung des höchsten Berges der Welt und sah, wie er sie gleichsam als Sprungbrett für seine weitere Karriere nutzen konnte. Damit machte er sich jedoch vom Erfolg abhängig. Vor seiner letzten Expedition plagten ihn anscheinend dunkle Vorahnungen und er bemerkte gegenüber einem Freund, ein weiterer Versuch sei „mehr Krieg als Abenteuer“ und außerdem glaube er nicht, dass er lebend zurückkäme.

„Mein Vater hat den Gipfel nicht gebraucht“, schrieb mir dagegen wenige Jahre später Hugh Norton, Sohn von Mallorys Expeditionskollege ­Edward Norton. Ich hatte ihn gefragt, ob es seiner Meinung nach nur Glück gewesen war, das seinen Vater davor bewahrt hatte, wie Mallory zu enden. Edward Norton hatte vier Tage vor Mallorys Versuch etwa dieselbe Höhe erreicht, in der Mallory zuletzt gesehen wurde, er hatte aber seine Grenzen erkannt und war umgekehrt. „Er hatte ein erfülltes Leben als Berufssoldat“, erklärte sein Sohn, „und sah in seinen Everest-Expeditionen nur einen außergewöhnlichen ‚Abstecher‘ .“ 

Mount Everest von Norden über dem Kloster Rongbuk. Foto: Jochen Hemmleb

Lange Zeit hatte ich das Alltagsleben für etwas gehalten, das es mehr oder minder zu „erdulden“ galt, während das glücklich machende, sinnstiftende Leben irgendwo in den Bergen oder in fernen Ländern lag. Nach dem Broad Peak musste ich jedoch in den Alltag zurückkehren, um dort die Tragödie von Markus Kronthaler aufzuarbeiten. Und ich fragte mich, ob die Geschichte von Mallory aufgrund der Parallelen nicht nur Inspiration, sondern auch eine Warnung war. 

Die Frage berührte mich emotional noch stärker, als ich in der Zeit um die Geburt unserer Kinder die Biografie des steirischen Bergsteigers Gerfried Göschl schrieb. Gerfried war im Winter 2012 mit zwei Partnern am Gasherbrum I im Karakorum spurlos verschwunden, er hinterließ wie Mallory eine Frau und eine junge Familie. Spätestens jetzt hätte ich genügend Gründe haben können, dieser Welt den Rücken zu kehren und mich für die andere, die Alltagswelt, zu entscheiden. Dass ich dies nicht tun konnte und wollte, hatte mit einem früheren „Alltags-Tod“ zu tun: dem Selbstmord einer Klassenkameradin, der mich kaum weniger erschüttert hatte. Ihrer und Markus’ Tod schienen mir die Grenzen auf beiden Seiten zu markieren, die ich nicht überschreiten durfte. Und sie zeigten mir schlussendlich, dass es mir im Leben stets um Balance gegangen ist – Balance im Alltag, am Berg und zwischen beiden. 

2010 und 2011 war ich dann im Rahmen zweier Filmprojekte abermals zum Everest gereist. Es gelang uns damals zwar wieder nicht, das Rätsel um Andrew Irvine und die Kamera zu lösen. Doch der Film von unserer Suche, Erster auf dem Everest von Regisseur Gerald Salmina, wurde auch zu einem Dokument der Zwiespältigkeit, mit der ich den Everest inzwischen sah. Die frühe Geschichte, die Mysterien des Berges und die damit verbundene Spurensuche faszinierten mich weiterhin. Aber seine Gegenwart schreckte mich mehr und mehr ab: die Menschenschlangen entlang der Standard­route, das volle Basislager mit Fernsehempfang und Internetverbindung – alles das trug mir zu vieles zum Berg, von dem ich gerade dort eigentlich Abstand gewinnen wollte. 

Seit meiner letzten Annäherung an den Everest sind nun weitere elf Jahre vergangen. 2019 hatte ich mit meinen beiden Kollegen Jake Norton und Dave Hahn das 20-jährige Jubiläum unseres Fundes von Mallory gefeiert. Im gleichen Jahr waren zwei weitere Suchen nach Irvine erfolglos geblieben, aber es gab noch andere Lösungsansätze für das Rätsel, die ich verfolgen wollte.

Rückkehr 

Dann kam jedoch die Pandemie. Sie rückte den Everest zunächst in ganz weite Ferne. Es gab weitaus dringlichere, gravierendere Probleme als das Schicksal zweier verschollener Bergsteiger, ja als das Bergsteigen selbst. Trotzdem merkte ich, dass es mich in dieser Zeit, in der so viele scheinbare Sicherheiten und Gewissheiten verloren gingen, wieder in Richtung Himalaya zog. Mehr als 30 Jahre nach dem Mont Blanc war ich wieder auf der Suche nach einem Gipfel der richtigen Größe

Der Everest selbst hatte diese für mich nie gehabt. Zwar hatte ich mich ein paarmal sehr konkret mit der Frage auseinandergesetzt, ob ich den Gipfel versuchen könne. Auf drei meiner Expeditionen war ich bis auf den Nordsattel (7070 m) gestiegen und hatte mich fit genug gefühlt, es ohne Sauerstoffgerät vielleicht bis auf 7800 Meter zu schaffen. Ich wollte aber die Gewissheit haben, auch noch 400 Meter höher „ohne“ steigen zu können, um bei einem Ausfall des Geräts eine realistische Überlebenschance im Gipfelbereich zu haben. So hatte ich mich im Endeffekt nie wirklich als Gipfelaspirant gesehen und ich war darum auch nie wirklich enttäuscht gewesen. 

Was ich jetzt suchte, war ein ganz persönliches Erlebnis mit und um den Everest. So reizte mich und meinen langjährigen Bergpartner und Autorenkollegen Peter Meier-Hüsing die auch heute noch vergleichsweise wenig besuchte tibetische Ost- oder Kangshungseite. Doch seit 2020 war sie gesperrt und es hatte keine ausländischen Expeditionen dorthin mehr gegeben. Wir mussten einen anderen Weg finden, dem Berg noch einmal nahe zu kommen – und fanden ihn im Buch East of Everest von Edmund Hillary: Das Barun-Tal im Osten Nepals führt unter dem Makalu entlang bis an die Grenze zu Tibet. Und von den dortigen Pässen und Sechstausendern wäre es möglich, die Kangshungwand zu sehen. Dieser versteckte und erschwerte Zugang gab für uns dem Everest wieder etwas von dem Geheimnisvollen, Mystischen und auch Unnahbaren zurück, das ihn zu Zeiten der Pioniere noch umgeben hatte. 

Bei unserem ersten Versuch im Mai 2022 schien es fast so, als würde irgendeine Macht alles dransetzen, uns vom Erreichen unseres Ziels abzuhalten: Reiseeinschränkungen aufgrund der Pandemie, Terminverschiebungen und drei Wochen vor der geplanten Abreise ein schwerer Krankheitsfall im engen Familienkreis. Die Reise testete nicht nur Wille und Durchhaltevermögen, sondern auch Werte und Prioritäten. Wir verkürzten unseren Trek und starteten später – um dann in Nepal vom frühen Monsun eingeholt zu werden. Schließlich kehrten wir am Shipton Pass vor dem Abstieg ins Barun-Tal um, ohne einen Blick auf den Everest erhascht zu haben … Doch gleichzeitig geschah an diesem Tag etwas Besonderes: Hatte sich zuvor auf dem Trek Widrigkeit an Widrigkeit in Form von Schlechtwetterfronten gereiht, so schien nun alles wie intuitiv gelenkt auf einen Höhepunkt zuzusteuern. Als ich oben auf der Passhöhe ein Foto meiner verstorbenen Eltern hinterlegte, bewegte mich dieses Zeremoniell mit einer Intensität, die ich so nicht erwartet hatte. So als wäre dies der Gipfel der richtigen Größe für diese Reise gewesen. Nicht der Gipfel, den ich geplant hatte, sondern der, den mir der Berg auf dem Weg dorthin zeigte.  

Eigene Wege sind schwer zu beschreiben. Sie entstehen ja erst beim Geh’n.
- Heinz Rudolf Kunze, deutscher Liedermacher

Fünf Tage nach unserer Rückkehr nach Kathmandu sah ich auf einem Rundflug den Everest doch noch. Es war ein kurzer Blickkontakt, eine symbolische Kontaktaufnahme: „Hello again!“ Seit Ende 1987, als er mir zum ersten Mal eine Richtung vorgegeben hatte, war mir der Berg Wegweiser gewesen. Im Rhythmus von etwa elf Jahren bin ich mit ihm in Kontakt getreten, um Geschichten – die von Mallory und Irvine wie auch meine eigene – aufzugreifen, abzuschließen oder weiterzuschreiben. Das nächste Kapitel hat gerade erst begonnen … 

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