Zwei Erkenntnisse bestätigten sich dabei einmal mehr. Erstens: Versagen neuralgische Punkte im Sicherungssystem, kann das gravierende Folgen haben. Zweitens: Neue technische Lösungen können zusätzliche Sicherheit schaffen, stellen aber zugleich neue Anforderungen an Anwendung, Risikoverständnis und den Umgang mit möglichen Schwachstellen.
Gewichtsunterschied – oder: Warum kauft jemand Reibung?
Gewichtsunterschiede zwischen kletternder und sichernder Person gehören zum Alltag in Kletterhallen und Klettergärten. Vor diesem Hintergrund hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Geräteklasse etabliert, die so genannten Bremsassistenten. Sie können das Sichern bei großen Gewichtsunterschieden erleichtern. Gleichzeitig erweitern sie die Sicherungskette um neue Komponenten. Dadurch ergeben sich auch neue Fragestellungen und mögliche Fehlerquellen. Die DAV-Sicherheitsforschung (SiFo) untersuchte 2025 verschiedene Bremsassistenten in einer Studie. Im Zentrum standen dabei Fragen zur Bedienbarkeit, zur Wirksamkeit bei Gewichtsunterschieden und zum Verhalten der Geräte in unterschiedlichen Sicherungssituationen.
Das Ganze im Blick behalten
Erst in der Praxis zeigt sich, wo kritische Punkte liegen und welche Sicherheitsstandards sich langfristig bewähren. Neue Technik ersetzt nicht das Verständnis des Gesamtsystems. Beim Thema Reibung betrifft das auch die Faktoren Seildurchmesser und Beschaffenheit, Reibung durch Hakenverlauf und Wandstruktur sowie das Sicherungsverhalten. Eine methodische Herangehensweise (idealerweise durch kompetente*n Trainer*in begleitet) verhindert Überraschungen wie Anprall oder Blockierungen. Empfehlung:
Sich mit neuen Geräten auf vertrautem Boden befassen, bevor es kritisch wird.
Erste Falltests (unterhalb letzter Umlenkung) und vorsichtig steigernd erste Sturzversuche mit neuen Geräten im überhängenden Gelände absolvieren – statt unter erhöhter Wandanprallgefahr.
Backup an neuralgischen Punkten!
Apropos kritisch: Besondere Aufmerksamkeit beim Klettern verdienen immer „neuralgische“ Stellen: Stellen, an denen auch kleine Fehler, ungünstige Belastungen oder technisches Versagen besonders gravierende Auswirkungen haben können. Dort sollte grundsätzlich mit Redundanz gearbeitet werden.
Beispiel 1: Flach am Fels aufliegende Ringhaken: Hier können sich gewöhnliche Expressen unter Seilbewegung unbeabsichtigt aushängen – oder im Fall des Falles das Seil. Unfälle haben sich so schon ereignet, begünstigt durch einen Wechsel der Kletterrichtung oberhalb des Ringes. Ringe gibt es typischerweise in traditionellen Klettergebieten, in denen die Abstände zwischen den Ringen zudem oft „erlebnisreich“ weit sind. Da geht’s manchmal neuralgisch von Ring zu Ring … In der Abwägung: Exen gegengleich oder eine Exe mit Karabinern mit Verschlusssicherung – eine nur kurz beim Einhängen nervige Maßnahme, schont aber danach Nerven an beiden Seilenden!
Beispiel 2: Wie sich ein Gerät ebenfalls ungewollt (unerwartet?) aushängen kann, trat bei Bremsassistenten des Herstellers raed sports zutage: Ein beim Klettern/Klippen bewegtes Seil zieht einen Bremsassistenten in dieser Bewegung mehr mit als ein Karabiner. Durch Anheben und Senken, im Wechsel der Last, kann sich der Karabiner zur Befestigung des Bremsassistenten im Haken drehen – und aushängen. Der Hersteller reagierte auf diese Beobachtung mit einem Sicherheitshinweis: Seine Bremsassistenten sind seither nur mit Karabinern mit Verschlusssicherung einzuhängen!
Beispiel 3: Bremsassistent im ersten Haken, dessen Verschluss sich unerwartet öffnen kann. Im Fall eines Falles am ersten Haken käme es zum Bodensturz. Wir zeigen nachfolgend Szenarien, Ursachen und Gegenmaßnahmen auf. Als Beispiel dient das Edelrid Ohmega – in der zum Zeitpunkt der Drucklegung vorliegenden ersten Generation dieses aus guten Gründen beliebten Leichtgewichts unter den Bremsassistenten. Zu seiner Verbreitung haben Faktoren wie Kompaktheit, Einstellbarkeit für verschiedene Gewichtsunterschiede und eine besondere Mechanik gesorgt. Das Gerät liefert Reibung, wenn im Sturzfall gewünscht – ermöglicht sonst aber durch Rollenlagerung ein Klippen ohne nervige Zusatzreibung.
Vorsicht
Nur weil solche Vorfälle bisher von anderen Bremsassistenten aus der Anwenderpraxis nicht gemeldet worden sind, heißt es nicht, dass sie nicht auftreten können. Auch für andere Geräte konnten wir durch passende Versuchsaufbauten im Labor „unbeabsichtigte“ Aushängevorgänge absichtlich herbeiführen – der lokalen Verbreitung kann es geschuldet sein, dass uns hier Vorfälle zugetragen worden sind.
Unerwartet auch für erfahrene Anwender*innen
Ausgangspunkt für die erneute Beschäftigung mit Bremsassistenten durch die SiFo: Vorfälle, in denen sich ein Seil unerwartet aus dem Ohmega ausgehängt hat. Ein Unfall mit schweren Verletzungsfolgen ereignete sich zu Beginn des Jahres in der Fränkischen. Ein Mitglied des DAV-Lehrteams Sportklettern stürzte nach dem Ausbouldern einer Kletterstelle im Bereich des hohen ersten Hakens, in dem das Ohmega eingehängt war. Das Seil löste sich aus dem Gerät, und der erwartete kleine „Reinhocker“ resultierte in einem Bodensturz.
KLARSTELLUNG
Bremsassistenten im Allgemeinen sind – kompetent eingesetzt – eher ein Sicherheitsplus. Dennoch ist bis zu einer spezifischen Norm kritische Auseinandersetzung gefordert – das betrifft Verschlüsse ebenso wie angegebene Werte zum kompensierten Gewicht.
Verschiedene Unfallursachen kamen zunächst infrage: Individuelle Defekte des konkreten Unfallgerätes; trotz erfolgten Partnerchecks ein nicht vollständiger Verschluss (z.B. durch Verschmutzung verklemmte Taste oder auch unzureichender Partnercheck?!) oder auch Öffnen des Gerätes durch Anprall/ Andruck an der Wand. Der Unfallvorgang ist nach wie vor ungeklärt – auch wenn Andruck durch den Kletterer an die Wand plausibel erscheint. Die SiFo konnte Letzteres in verschiedenen Aufbauten reproduzierbar provozieren. Im Austausch mit der SiFo überarbeitete die Firma Edelrid daraufhin ihre Gebrauchsanleitung (GAL) mit verdeutlichten Gefahrenhinweisen in Piktogrammen und Text, samt empfohlenen Gegenmaßnahmen, und veröffentlichte ein ausführliches Video in der Reihe „Edelrid Knowledge Base“. Wenige Monate später rückte ein Vorfall in Tirol die Thematik erneut in den Fokus. Auch hier kam es zum unbeabsichtigten Öffnen des Bremsassistenten Ohmega. Ein beteiligter Ausbilder berichtete, das Gerät auf korrekten Verschluss geprüft zu haben. Es wurde danach als erste und einzige Seilführung im ersten Haken eingehängt. Durch heftigen Anprall des Gerätes durch wellenartige Fortsetzung einer ruckhaften Seilbewegung zum Klipp des zweiten Hakens habe es sich geöffnet. Da dies bemerkt wurde, gab es nur einen etwas mulmigen Klipp des zweiten Hakens – und einen Ablassvorgang ohne Unfall. Unterschiedliche Vorgänge zwar, aber mit demselben Resultat: Ungünstige Konstellationen an neuralgischen Punkten (und das ist die erste/einzige Exe immer!) können im Fall des Falles gravierende Folgen (Bodensturz!) haben.
Bislang keine spezifische Norm
In vielen Hallen – aber nicht nur dort – gehören Bremsassistenten inzwischen fast selbstverständlich zum Bild, wenn deutliche Gewichtsunterschiede bestehen. Weniger präsent ist dagegen die Frage, unter welchen Voraussetzungen die Systeme zuverlässig funktionieren – und wo ihre Grenzen liegen. Vielen Anwender*innen ist beispielsweise nicht bewusst, dass für diese Geräteklasse bislang keine spezifische Norm existiert – es hat sich eine Arbeitsgruppe auf Ebene der UIAA gebildet, mit dem Ziel, eine entsprechende Norm zu entwickeln. Deshalb gibt es bislang keine einheitlichen Anforderungen und Prüfverfahren, wie sie bei etablierten Sicherungsgeräten selbstverständlich sind, zum Beispiel zur Verschlusssicherheit. In der Einführungsphase neuer Technologien besteht ein bekanntes Spannungsfeld: Gute Bedienbarkeit (die auch sicherheitsrelevant sein kann) gegenüber komplexen Verschlüssen.
Unter Umständen werden bestehende technische Lösungen – etwa Verschlussmechanismen – für neue Geräte übernommen. Was bei einem Sicherungsgerät, das frei am Gurt baumelt, gut passt, kann suboptimal sein bei einem Gerät, das unter Seilbewegung an der Wand anschlägt oder beim Vorbeiklettern an Wandstrukturen gedrückt werden kann. Vertrauter Mechanismus in neuem Gewand – womit rechnen Anwender*innen?
Aus Berichten las die DAV-SiFo ab, dass selbst gut klettersportlich ausgebildete Personen nicht erwarten, dass sich Bremsassistenten in praxisrelevanten Vorgängen unbeabsichtigt öffnen können. Ein durch einen Verschlusskarabiner eingehängtes Sicherungsgerät ist, wenn korrekt eingehängt, auch wirklich „verschlossen“ – genauso sollte es beim Bremsassistenten auch sein! Tatsächlich muss aktuell von einer niedrigeren Verschlusssicherheit ausgegangen werden als bei Sicherungsgeräten. Eine klare normative Anforderung und zugleich technische Weiterentwicklung sind daher wünschenswert.
Bis eine Norm vorliegt: selbst Redundanz schaffen!
Bis klare Normen und etablierte Standards vorliegen, kommt daher der Eigenverantwortung (Informationsangebote wie z.B. Gebrauchsanleitungen samt Aktualisierungen gewissenhaft wahrnehmen) und einem vorsichtigen Umgang mit neuen Systemen besondere Bedeutung zu. Die SiFo empfiehlt aktuell: Bremsassistenten ohne offensichtlich (im Wortsinne) auf korrekten Verschluss prüfbaren und gegenüber Anprallauslösung sicheren Verriegelungsmechanismus grundsätzlich mit einem Backup verwenden – zumindest bis eine spezifische Norm vorliegt.
BEGRIFFSKLÄRUNG
„Grundsätzlich“ bedeutet, dass individuell und situativ ein Abweichen möglich ist - wenn ein guter Grund vorliegt. Siehe Fall Kletterhalle oder vorgeclippte zweite Exe.
Selbst wenn die Betätigung eines Verschlussmechanismus durch zwei unabhängige Bewegungen beschrieben wird (z.B. Schalter drücken gefolgt von Aufschwenken), kann unter ungünstigen Umständen eine Bewegung zum Öffnen führen (z.B. scherender Andruck an Wandstrukturen). Das ist auch von einigen Karabinermodellen bekannt – darum: Verschluss weg von der Wand!
Wir empfehlen einstweilen, Bremsassistenten im ersten Sicherungspunkt nicht allein zu verwenden, sondern mit redundanter Seilführung (durch zusätzliches Einhängen einer seilführenden Expresse in den Haken). Zu beachten ist, dass Expressen als Backup hinter/unter dem Bremsassistenten hängen und so lang sein müssen, dass die Bremsfunktion ungehindert besteht. Nun lässt nicht jede Hakenöse das Einhängen zweier Karabiner ohne ungünstige Belastungen auf diese zu; dann kann eine zweite Exe als Backup in den Karabiner eingehängt werden, der den Bremsassistenten befestigt. Das kann beim Losklettern vorbereitet werden – nur ein Einhängevorgang am Haken ist nötig.
Einigen geht diese Empfehlung zu weit – wir meinen aber, dass dies eine simple Möglichkeit ist, ohne großen Aufwand ein Plus an Sicherheit zu erzielen, bis mehr Erkenntnis über Fehlerursachen oder bessere Lösungen durch eine zweite Generation der Geräte vorliegt (mit besser gegen Anprall, Verschleiß und Verschmutzung geschützten Verschlüssen).
Der Hallenkontext ist eher günstig: Routen werden im Bereich der ersten Haken in künstlichen Kletteranlagen (KKA) nach DAV-Musterdienstanweisung für den Routenbau relativ leicht gestaltet – und Haken laut Norm für KKA sehr nah gebaut. Wenn der zweite Haken oberhalb eines Bremsassistenten geklippt ist, ist das Seil bereits redundant geführt. Fazit: Gutes Qualitätsmanagement im Routenbau löst dieses Problem in der Halle fast auf; kritisches Hinterfragen bleibt dennoch erlaubt!
Beim Felsklettern ist die Lage etwas anders – hier gibt die Natur den Schwierigkeitsverlauf vor. Es kann schon zu Beginn mal richtig schwer sein; und der erste Haken hoch. Dann gilt: zusätzliche Exe in den Sicherungspunkt/Karabiner des Bremsassistenten! Oder zweiten Haken vorklippen (Clipstick). Die Hakengeometrie und der verwendete Bremsassistent geben dabei vor, welche der hier vorgestellten Maßnahmen geeignet ist – damit nicht durch die vermeintliche Sicherheitsmaßnahme womöglich eine weitere Gefahrenquelle entsteht (Stichwort Knickbelastung)!
Entscheidend ist dabei weniger die konkrete Variante als das grundsätzliche Prinzip: Bei Bremsassistenten ohne adäquate Verriegelung (wird für die zweite Produktgeneration erwartet) sollte eine redundante Sicherung derzeit als grundsätzlich sinnvoll verstanden werden – nicht nur an so genannten neuralgischen oder an besonders exponierten Punkten, wie die SiFo es zunächst als Empfehlung geplant hatte.
Fazit
Die Entwicklung weiter beobachten, sich mit Herstellerinformationen samt möglichen Änderungen gewissenhaft befassen und stets kritisch mitdenken. Das Gehirn bleibt ein wichtiger Muskel beim Klettern.