Eine Person duscht unter einem kleinen Wasserfall an einem Felsen in einer alpinen Landschaft mit See und Bergen im Hintergrund.
Freiluftdusche: Wasserfall an der Düsseldorfer Hütte, mit Blick auf den Ortler. Foto: Hilmar Schmundt
Eis- und Kältebaden in den Bergen

Frostiges Vergnügen

Eisbaden erfrischt, härtet ab und macht gute Laune – und nebenbei lernt man Einiges über Körper, Geist und generell über sich selbst. Berge sind der perfekte Ort für diesen Sport, denn wenn die Täler in der Sommerhitze brüten, bleibt es oben oft eisig.

Für viele gilt der Gipfel als Höhepunkt einer Bergtour, für mich dagegen ist es eher das Untertauchen danach, auf dem Rückweg, wenn die Füße glühen und die Schultern schmerzen: Rucksack und Seil abgelegt, ausgezogen, rein in den Gletschersee, kristallkühl wie flüssiges Menthol. Sekunden später sind Schweiß und Müdigkeit fortgespült, die Haut glüht, eine Woge aus Wohlgefühl. „Eisbaden“ wird das Eintauchen in Wasser genannt, das kälter ist als fünf Grad Celsius; unter fünfzehn Grad spricht man dagegen von Kältebaden. In den letzten Jahren ist beides zu einer Art Volkssport geworden. In einer Statista-Umfrage gaben 2024 acht Prozent der Befragten in Deutschland an, dass sie bereits Eisbaden waren.

Tipps für den Einstieg

  • Nicht allein oder im Dunkeln in unbekannte Gewässer gehen. Gewässer in den Bergen besser nur für Erfahrene; Hilfe ist im Zweifel nicht sofort verfügbar!

  • Verbote und Naturschutzbereiche sind unbedingt zu beachten!

  • Wer chronisch krank oder schwanger ist, sollte aufs Eisbaden verzichten, denn der sogenannte Kälteschock treibt Blutdruck und -zucker in die Höhe.

  • Als Vorbereitung eignen sich kalte Duschen daheim.

  • Kein Hineinspringen: Beim Untertauchen des Kopfes wird oft reflexhaft Wasser eingeatmet, was zu einem Stimmritzenkrampf oder Panikgefühlen führen kann.

  • Vorsicht auch mit scharfen Steinen: Kälte kann die Blutgerinnung verlangsamen, guten Schutz bieten schnell trocknende Barfußschuhe.

  • Nicht zu lange drinbleiben, die Faustregel sagt: so viele Minuten wie Grad Celsius.

Gut für die Gesundheit, aber schlecht belegt

Wie ein Allheilmittel preisen einige das Kältebaden an, Erkältungen sollen weniger werden, Schmerzen, Migräne und sogar Diabetes gelindert werden. „Nie wieder krank“ heißt ein Buch von Wim Hof, besser bekannt als „The Ice Man“. Wissenschaftlich erwiesen ist von physischen Vorteilen bislang jedoch wenig. Die Anzahl der Erkältungen etwa blieb gleich, aber die Krankentage wurden weniger, stellte zum Beispiel eine Studie 2025 fest. Hilft Kälte dann wenigstens bei der Muskelregeneration? Im Profisport wird an manchen Stellen schon darauf gesetzt, zum Beispiel in Form von Kältekammern. Neuere Studien zeigen allerdings, dass intensive Kälte direkt nach hochintensiver Maximalanstrengung den Muskelaufbau eher hemmt – das Eisbad sollte also eher auf den Tag danach gelegt werden. Bei Ausdauersport dagegen dämpft moderate Kälte den Muskelkater – perfekt für viele Bergsportarten also.

Die seelische Wirkung der „Cold Water Immersion“ (CWI), wie das Eis- beziehungsweise Kältebaden in Studien genannt wird, ist wissenschaftlich gut belegt. Unklar ist dabei, ob die Kälte selbst oder eher die Natur, das Gemeinschaftserlebnis oder die Selbstüberwindung zum wohligen Nachglühen, zu tieferem Schlaf und niedrigerem Stresslevel führen.

Gut gegen Verstimmung

Das „Post Swimming High“ kann die Behandlung von Depressionen unterstützen, schreibt der britische Arzt und Hypothermie-Experte Mark Harper in seinem sehr lesenswerten Bestseller „Rein ins kalte Wasser!“ (2023). Ein Cocktail aus Glückshormonen flutet den Körper, das Rezept ist simpel: Ein Kältebad alle paar Tage reicht, es muss weder besonders kalt noch lang sein. Eine bestimmte Atemtechnik à la Wim Hof braucht es dabei nicht. Man muss nur dem eigenen Körper vertrauen, dieser reagiert automatisch aufs kalte Wasser und zieht die Gefäße zusammen. Dabei sollte man ruhig ausatmen. Schon nach einer Minute fühlen sich viele erstaunlich entspannt. Für den Kick reicht das.

Nach dem ersten "Schock" fühlen sich viele beim Eisbaden sehr entspannt. Foto: Hilmar Schmundt

Die Unterkühlung kommt mit Verspätung

Viele bleiben jedoch viel zu lange drin, sie fühlen sich auch nach zehn Minuten im Eiswasser super. Aber Vorsicht: Die Quittung kommt oft mit Verzögerung, wenn man längst wieder trocken ist. „Afterdrop“ wird dieser Effekt genannt, das Nachsacken der Temperatur, wenn die Gefäße sich wieder weiten und das kalte Blut aus Armen und Beinen zu den inneren Organen strömt. Dann droht, was man im Englischen die „Umbles“ nennt: stumbles, mumbles, grumbles, fumbles. Wenn man in den Bergen eine Person trifft, die stolpert, nuschelt, nölt und nestelt, könnte das also auf eine Hypothermie (Unterkühlung) hinweisen. Bei starker Unterkühlung sollte man sich so wenig wie möglich bewegen und nicht aktiv aufwärmen, sonst droht schlimmstenfalls der „Bergungstod“. Weiterführende Infos zum Thema Unterkühlung.

Auch an heißen Tagen hilfreich: Hände und Füße als Klimaanlage

Wer den Afterdrop einmal verstanden hat, kann ihn sich zum Freund machen und an heißen Tagen zum schnellen Abkühlen nutzen: Fuß- oder Handgelenke in einen Bach halten, nach wenigen Minuten erreicht das gekühlte Blut das Innere. Herrlich. Hände und Füße funktionieren wie Klimaanlagen, sagt Hanns-Christian Gunga, Arzt und Experte für Extreme Umwelten an der Charité in Berlin: „Wenn es zu heiß wird, können die Finger ihre Durchblutung um das Sechshundertfache steigern, um überschüssige Wärme abzugeben.“

Aufwärmen beginnt mit dem Ausziehen

Schon beim Ausziehen sollte das Anziehen nach dem Bad strategisch geplant werden – immer eine Jahreszeit zu warm: Im Sommer also warme Schuhe, Hose und Pullover leicht greifbar auslegen, damit man nach dem Abtrocknen ruckzuck reinschlüpfen kann, selbst wenn man zittert. Kältebäder sind maximaler Stress, und genau das ist eine gute Übung, um Körper und Geist resilienter zu machen für schwierige Situationen. Je öfter man es macht, desto flüssiger läuft die Kälteanpassung, sagt Professor Gunga: „Man sollte seine Gefäßmuskeln trainieren wie einen Bizeps!“ „Abhärtung“ wird das oft genannt, aber treffender wäre: Beweglichkeit. Auch Saunagänge helfen bei der Temperaturanpassung.

Schon ab Wassertemperaturen unter 20 Grad schließen sich die Blutgefäße schlagartig. Perfekt fürs Untertauchen sind Gumpen wie hier im Valstal in Tirol. Foto: Hilmar Schmundt

Planschen für den Notfall

Das Baden in Bergseen vermittelt Erfahrungswissen, falls einmal Erste Hilfe nach einem Bergunfall mit Unterkühlungsrisiko gefordert ist. Das eigene Bauchgefühl für eine Hypothermie kann am Berg im Notfall so wichtig werden wie der Umgang mit Seil und Karabinern. Kälte ist bunt: Manche erleben Genuss, andere Schmerzen. Daher sollte man die Erfahrung langsam und gemeinsam angehen, über Erlebnisse reden sowie aufeinander und die Natur Acht geben. Bergseen sind empfindliche Biotope, Sonnenschutz und Deos können das Wasser verschmutzen. Verbotshinweise sind unbedingt zu beachten, vor allem in Naturschutzgebieten. Wer diese Hinweise berücksichtigt, kann das kühle Nass im Bergsee oder nahen Bach als Expedition ins Stimmungshoch, in tieferen Schlaf oder einfach als Eintauchen in die Natur rundherum voll und ganz genießen. Wasser marsch!

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