Stimmungsvolles Abendlicht über einem bewaldeten Mittelgebirge.
Stimmungsvoll im Abendlicht im Adlergebirge: Gipfelblick vom Anenského Richtung Říčky und Rokytnice. Foto: Rostislav Bartoň
Familienurlaub im Adlergebirge

Ein Gebirge zum Entspannen

Unser Autor hat gemeinsam mit seiner Ehefrau und den drei Töchtern zwischen sieben und zwölf Jahren das Orlické hory – das Adlergebirge im tschechisch-polnischen Grenzgebiet – erkundet. Mit dabei war auch Border Collie-Mischling Poldi. Prädikat: angenehm familientauglich.

Paula, unsere Jüngste, schnauft die letzten Stufen des Aussichtsturms auf dem Anenský vrch hinauf. Oben angekommen, öffnet sich ein weiter Blick über die Orlické Hory, wie das Adlergebirge auf tschechisch heißt, und benachbarte Gebirgsketten.

Wir schauen und staunen angesichts der Weitläufigkeit dieses nordost-tschechischen Grenzgebirges, das einen Teil der Sudety, der Sudeten, darstellt. Im Norden setzen sich die sanften Waldrücken des Adlergebirges fort, im Osten erblickt man das Habelschwerdter Gebirge auf polnischem Grund, im Süden bestimmt die fast 1000 Meter hohe Buková Hora (dt. Buchberg) das Bild.

Das Auge darf entspannen, denn hier wetteifern keine schroffen Bergspitzen um die Gunst des Betrachters, vielmehr kann man den Blick gleiten lassen. Entschleunigung pur.

Wir sind im April unterwegs, um die Orlicke Hory zu erforschen. Wo in den Alpen schon Trubel herrscht und erste Berghütten öffnen, genießt man im Adlergebirge die Stille – die kleinen, im Gebirge verstreuten Skigebiete haben schon geschlossen, auf den Höhen ist man oft noch allein unterwegs. 

Von oben: weiter Blick über das Adlergebirge. Foto: Arnold Zimprich

“Dosierbare” Touren

Für Familien mit klein(er)en Kindern haben die Orlické Hory einen klaren Vorteil: Die meisten Berge lassen sich im Rahmen einer zwei- bis dreistündigen Tour bewältigen. Die Länge des Aufstiegs lässt sich dabei in vielen Fällen variieren, da das Adlergebirge von mehreren Höhen- und Passstraßen durchschnitten wird. Man startet also entweder unten im Tal oder auf hoch gelegenen Parkplätzen – je nach Laune und Motivation von Eltern und Kindern.

So ließe sich, wenn man in Neratov startet, die eingangs erwähnte Tour auf den Anensky Vrch – Vrch heißt übrigens Berg auf tschechisch – von einer 5-Kilometer-Tour mit nicht einmal 100 Höhenmetern in eine 400 Höhenmeter-Tour verwandeln.

Neratov, auf deutsch Bärenwald, ist ein Must-See im Adlergebirge. Das kleine Dörfchen versteckt sich im Tal der Wilden Adler und blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Der Waldreichtum führte zur Ansiedlung von Holzarbeitern, die es hier zu Wohlstand brachten. In anderen Tälern wurde auch Bergbau betrieben. Hauptattraktion ist die erhaben über dem Dörfchen thronende, aufwändig restaurierte Barockkirche, deren Türme man unbedingt besteigen sollte – nicht nur der Aussicht nach außen, sondern auch nach innen wegen. Darüber hinaus lohnt der Besuch des Infozentrums, die Neratovská hospoda lockt zudem mit preiswerten Gerichten und Bier aus der lokalen Brauerei, der Pivovar Neratov.

Außergewöhnlicher Anblick: Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Neratov. Foto: Ondrej Bucek

Spontan wagen wir einen Sprung über die nahe Grenze nach Polen, lassen das Auto an einem Bergsattel stehen und steigen auf den Czerniec, den Schwarzenberg. Auch ihn krönt ein Aussichtsturm, denn die meisten Gipfel hier sind bewaldet. Richtung Osten bietet der Ausguck einen fantastischen Blick auf und über den Glatzer Kessel bis hin zum Glatzer Schneeberg (pl.: Snieznik), der mit seinen 1423 Metern das Panorama beherrscht.

Alles fließt der Elbe zu

Untergekommen sind wir in einem alten Bauernhaus in südlichen Ausläufern des Adlergebirges oberhalb von Rokytnice v Orlických horách. Die Kleinstadt liegt im Tal der Rokytenka, deren Wasser sich flussabwärts erst mit der Wilden Adler vereint und später in die Elbe mündet. Zentrum des Ortes: ein für die Region typischer, karree-förmiger Marktplatz, um den sich in Laubengängen Cafés, Restaurants und Geschäfte ordnen.

Überhaupt: Was wäre das Adlergebirge ohne seine stolzen, geschichtsreichen Dörfer und Städtchen? Allein Litymysl (dt.: Leitomischl) ist einen Tagesausflug wert. Die 10000 Einwohner-Stadt hat einen der beeindruckendsten Marktplätze der Region – in den Laubengängen lässt es sich auch bei schlechtem Wetter stundenlang flanieren, einkehren und einkaufen. Über der Stadt thront das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Renaissanceschloss; Bedrich Smetana, der Komponist der berühmten Moldau, stammt aus der Stadt.  

Großstädte wie Prag oder Krakau sind weit genug entfernt, so dass das Adlergebirge nicht allzu viel Besuch abbekommt und noch immer ein Geheimtipp ist. So geht es hier, im Nordosten Tschechiens, geruhsamer zu als beispielsweise im Riesengebirge, wo sich mit der 1609 Meter hohen Schneekoppe (tschechisch Sněžka) der höchste Berg der tschechischen Republik befindet.

"Unsere Gäste kommen hauptsächlich aus Pardubice und Hradek Králové", erzählt Tourismusexperte Lukas Schurek in der kleinen Gemeinde Říčky (dt. Ritschka), als wir uns mit ihm und Förster Rudolf Remeš auf einen Kaffee treffen. Mit dem Hotel Říčky befindet sich hier auch ein schöner Ausgangspunkt für Ausflüge ins Adlergebirge. Ob es in der Gegend viel Wild gäbe, frage ich Remeš: "Wir haben hier einige Wolfsrudel, dazu Wildschweine und Rehe", sagt der Waldexperte und berichtet darüber hinaus, wie sehr der Borkenkäfer den Bäumen zugesetzt habe. Aufforstung und clevere Waldwirtschaft ist hier wie in den Alpen das A und O, erst recht angesichts des Klimawandels. Ein Gutteil des tschechischen Teils des Adlergebirges steht unter Naturschutz.

Vormittags Berg, nachmittags Burg

Slow Tourism, der langsame Tourismus, macht das Adlergebirge aus. "Es ist perfekt für Familienurlaube", sagt Schurek, schließlich liegen Attraktionen wie beispielsweise die Burg Pottenstein, auf tschechisch Hrad Potštejn, und wilde, ungezähmte Natur wie das Tal der Říčka unterhalb des Hotels, in dem wir gerade sitzen, nah beieinander. Am Vormittag eine Wanderung, am Nachmittag ein Burgbesuch – hier lassen sich mehrere Attraktionen problemlos aneinanderreihen. "Das Adlergebirge eignet sich übrigens auch perfekt zum Radfahren", ergänzt Lukas Schurek. Die unterhaltenen Forststraßen locken E- und Biobiker, zahlreiche kleine Gastbetriebe bieten Verpflegung und Erfrischung unterwegs.

Zum Abschluss unseres einwöchigen Aufenthalts unternehme ich noch einen trans-nationalen Trailrun. Das größte Skigebiet im Adlergebirge, Zieleniec (dt.: Grunwald) befindet sich auf polnischer Flur. Zahlreiche Lifte reihen sich an die Osthänge des 1026 Meter hohen Šerlich (dt.: Scherlich), das Skigebiet erstreckt sich dabei über lediglich 250 Höhenmeter. Ich laufe in der Morgensonne auf die Hohe Mense (1084 m; (tschechisch Vrchmezí, polnisch Orlica) – direkt auf dem Grenzkamm gelegen und der nördlichste markante Eintausender des Adlergebirges. Schnell auf den Aussichtsturm geflitzt ... und schon geht es weiter auf waldigen Pfaden gen Süden. Der Polomsky Kopec tritt nur wenig aus der Umgebung hervor, bald geht es hinab zu den Gebäuden der Šerlissky Mlyn, der Scherlichmühle, in der es sich auch wunderbar übernachten lässt.

Zwei Seiten eines Gebirges

Nach dem Downhill bremst mich der Aufstieg zur Masarykova Chatá, der Masarykbaude, ordentlich aus. Einen hübschen Waldweg geht es hinauf zu diesem 1924 erbauten Wahrzeichen des Adlergebirges auf knapp über 1000 Meter Seehöhe. Die imposante Hütte ist nach Tomáš Garrigue Masaryk benannt, dem ersten Präsidenten der Tschechoslowakei. Bei einer kleinen Erfrischung lässt es sich hier hervorragend verweilen – die Chata ist außerdem der perfekte Übernachtungsplatz, wenn man das Adlergebirge in zwei Tagen der Länge nach durchwandern will.

Beeindruckende Baude für die Wanderpause: Masarykova chata Foto: Adobestock/Radim Glajc

Um zurück zum Ausgangspunkt im Norden von Zieleniec zu kommen, laufe ich am Kamm des Schierlich entlang. Die verlassenen Bergstationen der vielen Skilifte stehen nutzlos am Rande des langen Bergrückens, Plastikabdeckungen flattern im scharfen Ostwind. Ich sammle Plastikmüll ein, den Skifahrer achtlos weggeworfen haben. "Der Kontrast zwischen der touristisch erschlossenen polnischen Seite und der tschechischen Seite, die unter Naturschutz steht, macht uns schon Sorgen", sagte Lukas Schurek noch beim Kaffee: Sehen die Tschechen das Adlergebirge eher als entschleunigendes Tourismusziel, wurde in Polen gerade erst viel Geld in neue Lifte gesteckt, um Skifahrer anzulocken. Leider – man muss es so sagen – hat der Erschließungsdruck, wie man ihn aus den Alpen kennt, auch vor den kleineren Gebirgen keinen Halt gemacht. Doch das Adlergebirge wird seinen Charme behalten, davon sind wir bei der Heimreise überzeugt.