Eine Person mit gelber Jacke wandert auf einem schmalen Pfad durch eine herbstliche Moorlandschaft mit Bergen und Seen im Hintergrund.
Nass, sumpfig und wunderschön: die schottischen Highlands. Foto: Markus von Glasenapp
Trekking auf dem Cape Wrath Trail

Berge, Meer und Sümpfe in den Western Highlands

Ein erfahrener Schottland-Reisender hatte mir vor der Abfahrt noch mitgeteilt, es sei ziemlich mutig im Oktober zum Trekken in die Western Highlands zu fahren. Seine Aussage scheint sich zu bestätigen. Naja, zumindest steht in Aussicht, dass wir es noch im Hellen zum Shenavall Bothy schaffen, das zumindest Schutz vor den Elementen bieten sollte. Hierzu später mehr.

Der Regen peitscht uns ins Gesicht, die Füße sind schon seit Tagen nass, und ständig stehen wir trotz laut Guidebook "easy trail" knöcheltief im Matsch, oft auch gleich mal bis zur Wade. Da der kaum erkennbare Weg unter Wasser steht, müssen wir ständig Umwege in Kauf nehmen durch moorig-weichen, triefend nassen Untergrund, es fühlt sich an, als würde man auf einer Matratze laufen. Der Rucksack scheint besonders schwer heute, dabei sollte er eigentlich leichter geworden sein nach fünf Tagen auf dem Cape Wrath Trail. Uns steckt noch die zweite Sturmnacht in Folge in den Knochen, an Schlaf war nicht zu denken, und nachdem es das Zelt umgelegt hatte, war es mit der Nachtruhe eh vorbei.

Wenn es einem das Zelt nicht gerade wegweht, kann man die traumhaften Übernachtungsplätze auch genießen. Foto: Markus von Glasenapp

Die Western Highlands

So nass und sumpfig die Highlands sind, so beeindruckend schön sind sie auch. Die niederschlagsreichste Region Europas fühlt sich noch an wie echte Wildnis. Eine weitgehend baumlose, karge Landschaft, die wenig Infrastruktur aufweist und sehr dünn besiedelt ist. Ein offener Himmel und eine unglaubliche Weite präsentieren sich. Auch wenn unsereins das typische Landschaftsbild von Schottland verinnerlicht hat, ist es doch so, dass diese "Wildnis" auf erhebliche menschliche Eingriffe zurückgeht. Ursprünglich wäre die Westküste Schottlands mit einem Regenwald der gemäßigten Breiten bewachsen, vergleichbar mit Britisch Kolumbien in Kanada. Doch bereits zur Zeit der Römer war der Wald zur Hälfte verschwunden, im 17. Jahrhundert wurde der Rest abgeholzt, um die Öfen der Eisenwerke zu befeuern, so dass der Anteil der bewaldeten Fläche Schottlands auf vier Prozent gesunken war. Durch Aufforstung stieg dieser bis heute wieder auf achtzehn Prozent.

Wind und Wetter ausgesetzt wünscht man sich auf dem Cape Wrath Trail ein paar mehr Bäume herbei. Foto: Markus von Glasenapp

Beim Trekking würde man sich ab und zu ein paar mehr Bäume wünschen, die etwas Schutz bieten könnten vor Wind und Wetter. Im Unterschied zu anderen Gebirgen Europas bieten in den Highlands auch die Täler wenig Schutz, geschützte (geschweige denn trockene) Zeltplätze sind teilweise schwierig zu finden und entsprechend sollte man ausgestattet oder vorbereitet sein.

Der Cape Wrath Trail

Von Fort William, am Fuß des mit 1354 Meter höchsten Bergs Großbritanniens, dem Ben Nevis führt der Cape Wrath Trail über 380 Kilometer bis in die äußerste nordwestliche Ecke von Schottland. Es handelt sich dabei aber nicht um einen markierten Weg, sondern eine beschriebene Route, die sich nach eigenem Geschmack anpassen lässt. Die Route führt durch gebirgige Regionen wie den Outer Knoydart, durch offene Landschaften wie das Glen Doucharry und trifft immer wieder auf die Küste, wo man entlang der schottischen Fjorde, "Sea-Lochs" genannt, wandert. Entsprechend der Topografie sind je Tagesetappe Anstiege um die fünfhundert Höhenmeter zu bewältigen, an manchen Tagen auch zwei davon. Man läuft auf Forststraßen, Jeep Tracks, guten Wanderwegen, Pfaden oder querfeldein. Was auf dem Papier jedoch wie eine lockere zwölf bis fünfzehn Kilometer Tagesetappe anmutet, kann bei weglosen, sumpfigen Bedingungen schnell in eine ziemliche Schinderei ausarten. An schönen Tagen mit Sicht bietet es sich zudem an, einige der am Weg liegenden "Munros", die lokale Bezeichnung für Gipfel über tausend Fuß, mitzunehmen. Damit punktet man früher oder später im Pub bei den Einheimischen, von denen viele regelrechte Munro-Sammler*innen sind.

Bothys und Wildzelten

Eine Besonderheit der schottischen Berge sind die Bothys, ein Netzwerk an Schutzhütten, die von der Scottish Mountain Bothy Association unterhalten werden. Diese unbewarteten Hütten sind meist spartanisch eingerichtet und in unterschiedlich gutem Zustand, fühlen sich aber insbesondere nach einem verregneten Tag im Vergleich zu einem Zelt wie eine Luxusunterkunft an. Eine Übernachtung ist immer kostenlos, man sollte sich aber mit einer Spende erkenntlich zeigen. Viele der Hütten haben eine offene Feuerstelle, jedoch muss das Holz für ein Feuer selbst mitgebracht werden. Auch ist man gut beraten, eine eigene Iso-Matte dabei zu haben, da oft keine Matratzen vorhanden sind, von Decken und Kissen ganz zu schweigen.

Die Bothys bieten willkommene Abwechslung nach nassen und stürmischen Nächten im Zelt. Foto: Markus von Glasenapp

Um auf dem Trail voranzukommen ist es jedoch wenig dienlich, sich auf die Übernachtung in Bothys zu beschränken, ein Zelt ist unabdinglich, um flexibel planen zu können. In Schottland ist es rechtens überall ein Zelt aufzustellen, für einige Tage und auch wenn es sich um Privatland handelt. Das für uns oft ungute Gefühl, auf einer Weide das Zelt aufzustellen, endet meist mit einem freundlichen Schwatz mit dem Verwalter des Estates.

Wasser, Mücken, Sonnenschein

Ein großes Thema für Outdooraktivitäten in Schottland ist naturgemäß das schlechte Wetter. Das Element Wasser ist dabei allgegenwärtig. Nicht nur am Boden, wo man selten auf trockener Erde oder Gestein läuft, sondern natürlich auch in jeder Art von Niederschlag aus allen Richtungen, die man sich vorstellen kann. Von oben als leichter Schauer, fieses Nieseln, prasselnder Dauerregen oder windgepeitscht von der Seite. Gefroren als Hagel, oder auch schon im Herbst als Schnee. Sogar von unten, wenn ein Bach innerhalb kürzester Zeit anschwillt, da der Boden kein Wasser mehr aufzunehmen vermag. Es gibt Tage, an denen regnet es anhaltend, meist ist es jedoch so, dass sich das Wetter in schneller Abfolge ändert. Sonne, Wind und Regen wechseln sich gefühlt alle zwanzig Minuten ab, und insbesondere der Wind sorgt dafür, dass Kleider oder Zelt sehr schnell wieder trocken werden. Die schnellen Wetterwechsel sorgen ständig für tolle Stimmungen, wenn Wolken, Sonne und Licht in Bewegung sind. Ein weiterer Vorteil ist, dass man überall trinkbares Wasser vorfindet. Die regenärmste Zeit sind die Sommermonate, jedoch muss dann damit gerechnet werden, dass die gefürchteten schottischen Mücken "Midges" einem das Naturerlebnis gründlich verleiden. Ab Ende September sind die Temperaturen zu kalt für die Insekten, es gilt also abzuwägen, ob man mit einer höheren Niederschlags- oder Mückenplagewahrscheinlichkeit besser zurechtkommt.

Luxus ist, wenn bei Ankunft im Bothy bereits ein Feuer brennt. Foto: Markus von Glasenapp

Es beginnt bereits langsam zu dämmern als wir das Shenavall Bothy erreichen, die Etappe war definitiv zu lang angesetzt. Kurz vorher machen wir noch Witze darüber, wie schön es wäre, wenn jemand schon ein Feuer gemacht hätte. Als wir vor der Hütte stehen, trauen wir unseren Augen kaum. Tatsächlich kommt aus den Fenstern der gemütliche Schein eines Feuers. Der einzige andere Gast, ein schottischer Bergsteiger, der bereits alle "Munros" bestiegen hat und nun "Corbetts" abhakt (Gipfel über 2500 Fuß), entpuppt sich nach anfänglicher Wortkargheit als sehr angenehmer Gesprächspartner. Der regenreiche Tag mit seinen Mühseligkeiten ist schnell vergessen. Der Wetterbericht sagt mehr Sonnenschein für die nächsten Etappen voraus, und so schlummert man zufrieden ein, während der Wind am Dach rüttelt.